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Full text of "Geschichte der französischen Literatur im XVII. Jahrhundert"

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GESCHICHTE 



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FRANZÖSISCHEN LITERATUB 



IM 



XVII. JAHEHÜNDEET 



VON 



FERDINAND LOTHEISSEN 



VIERTER BAND. 



WIEN 

DRÜCK UND VERLAG VON CARL GEROLD'S SOHN 

1884. 



■ 



4 



Inhalt des vierten Bands. 



Die Epoche der klassischen Literatur und der 

Niedergang. 

Seite 

SinleituDg 3 

I. Das Lustspiel. Moli^re, sein Leben und seine Werke 7 

Moli^re^s Jugend 11 

Wanderungen in der Provinz 16 

Rückkehr nach Paris. Die Jahre 1658—1664 21 

Tartuflfe. Don Juan. Le Misanthrope, 1664—1667. . 33 

Letzte Lebensjahre, 1667—1673 48 

II. Moli&re's Bedeutung in der Geschichte des Lustspiels 63 

IIL Die Lustspieldichter neben und nach Moli^re 85 

IV. Die Tragödie. Racine, sein Leben und seine Werke 115 

Racine^s Jugendzeit und erste dichterische Versuche 1639 — 1665 119 

Racine in den Jahren 1666 — 1677 139 

Die letzten Jahre Racine s 1677—1699 187 

V. Der Charakter der französischen Tragödie 205 

VI. Tragiker neben und nach Racine 231 

VII. Die Neige des Jjihrhunderts. Mme de Maintenon und ihr Einfluss 251 

Vni. La Bruyire 287 

IX. F^nelon 307 

X. Die Memoirenliteratur 329 

Saint-Simon 344 

XL Der Uebergang zum neuen Jahrhundert. Bayle und das Erwachen 

des kritischen Geistes 359 

Register 377 



Vierter Band. 



Die Epoche der klassischen Literatur 

und der Niedergang. 



Lotheissen, Gesch. d. franz. Literatur. lY. Bd. 



Die dramatische Literatur , die uns noch zu besprechen 
bleibt, bildet den Glanzpunkt der klassischen Literatur Frank- 
reichs« In ihr fand der Geist der Nation seinen getreusten 
Ausdruck, und der Charakter der Ludovicianischen Epoche spie- 
gelte sich in ihr, wie in keiner andern Gattung der Literatur. 

Es gilt dies gleicherweise von der Tragödie wie von dem 
Lustspiel. Besonders die erstere entsprach so ganz dem Charakter 
der bourbonischen Monarchie, dass man die eine nicht ohne die 
andere verstehen kann. Wie das Königthum in vornehmer Würde 
strahlte, wie es alle Gewalt in sich koncentrirte und einheitlich 
vorging, so erschien auch die Tragödie ehrfurchtgebietend und 
stolz. Auch sie verlangte Einheit der Aktion, vornehme Haltung, 
edle Sprache. Sie brachte eine Welt von Königen und Helden 
zur Darstellung, und während in andren Zweigen der Literatur 
eine bürgerliche Richtung mehr und mehr zu Tage trat, bewahrte 
die Tragödie den aristokratischen Charakter, den sie von ihrem 
Beginn an gewählt hatte. Sie vertiefte sich, wurde Meisterin in 
der Zeichnung menschlicher Leidenschaften, menschlicher Cha- 
raktere, und lernte gewaltige Wirkung zu erzielen, ohne das Ge- 
setz strengen Masshaltens zu überschreiten. Sie herrschte, so 
lang die alte Monarchie in Kraft und unbestrittener Hoheit be- 
stand. Schien es doch, als verknüpfe die beiden ein geheimes 
Band der Sympathie, und als ginge eine belebende Eraft vom 

Thron auf die Tragödie über. Als die Monarchie schwächer 

1* 



wurde, kränkelte auch die Tragödie. Die Form blieb, der Geist 
aber verflüchtigte sich. Im GeAihl dieser Verarmung versuchte 
sie ihre Geltung auf andre Weise zu behaupten, imd trat in den 
Dienst der neuen pbilosophischen und politischen Ideen, die im 
18. Jahrhundert Frankreich erfüllten. Allein sie gerieth damit in 
eine Strömung, die ihr vollends alle Kraft raubte. Und doch 
stand sie in Ehren, so lange sich die alte Monarchie, der alte 
Adel, kurz die alte Ordnung des Staats und der Gesellschaft 
erhielt. Als diese zusammenbrachen, musste auch sie stürzen. 
Darum war es ein aussichtsloses Beginnen, als man in der Mitte 
unseres Jahrhunderts, in voller demokratischer Strömung^ die 
alte vornehme Tragödie wieder zu beleben versuchte. Das wahre 
Publikum, zu dem diese hätte reden können, war längst nicht 
mehr vorhanden. 

Die französische Tragödie hat fast zwei Jahrhunderte ge- 
herrscht, und nicht allein in Frankreich. Damit liefert sie wohl 
schon den Beweis, dass sie ihre eigenthümliche Bedeutung gehabt 
hat. Sie bildete den glanzvollen Abschluss einer grossen Entwick- 
lung. Später fand sie erbitterte Gegner; ein andrer, völlig ent- 
gegengesetzter Geschmack gelangte zur Herrschaft und behauptet 
sich noch heute. Darum darf man sich nicht von dem. abspre- 
chenden Urtheil eines für seine Partei, seine Zeit, seinen eigenen 
immerhin zweifelhaften Geschmack kämpfenden Romantikers oder 
Naturalisten beirren lassen, will man zu einer richtigen Würdi- 
gung der französischen Tragödie gelangen. 

Leichter einigen sich die Meinungen über das französische 
Lustspiel, das in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eben- 
falls seinen Höhepunkt erreichte. Denn Moli^re, ihr Meister, 
schloss nicht nur eine wichtige Epoche in der Geschichte der 
Komödie ab, er begründete gleichzeitig eine neue Richtung, die 
sich in ihrem Hauptcharakter bis zum heutigen Tag erhalten hat 
und darum keinerlei Schwierigkeit für das Verständniss bietet. 
Ohnehin hat sich die Komödie, ihrer Natur entsprechend, von 
jeher an ein grösseres Publikum gewendet und sich nicht angst- 



lieh in engen Grenzen gebalten. Sie suchte ihre Stoffe in dem 
bunten Leben^ das sie umwogte, und Moli^re war am wenigsten 
der Mann dazu, sich zu beschränken. So wurde die Komödie 
populär und schöpfte aus der Berührung mit dem Volk immer 
neue Kräfte. Sie übertraf darum auch ihre vornehme Schwester, 
die Tragödie ; an Lebenskraft, und erhielt sich trotz mancher 
Schwankungen und Gefahren bis zu unserer Zeit lebendig. 

Wir betrachten nun in den folgenden Abschnitten diese 
beiden Gattungen, die Tragödie und die Komödie, die sich in 
zwei Dichtem, in Racine und Moli&re, so zu sagen verkörperten. 
Wir beginnen mit der letzteren, welche sich bereits in ihrer neuen 
Weise befestigt hatte, als die erstere noch ihren Weg suchte. 



I. 

Das Lustspiel. 

Moliere, sein Leben und seine Werke. 



YV ir haben das französische Lustspiel in seiner langsamen 
Entwicklung bis zu Quinault und Thomas Corneille verfolgt, 
ohne erhebliche Leistungen zu finden*). Der wMenteur« ist die 
einzige Komödie, welche in der Geschichte des Theaters vor 
Moli^re grössere Aufmerksamkeit beanspruchen kann. Wohl gab 
es neben den Obengenannten eine Reihe von Männern, du Ryer, 
Boisrobert, Beys imd andre^ welche sich mit Eifer der Komödie 
widmeten, aliein sie boten fast immer nur Bearbeitungen italie- 
nischer oder spanischer Stücke, die für das französische Publikum 
etwas Fremdartiges behielten, und man kann bei ihnen kaum von 
einem Fortschritt reden. Ohne besondere Gedanken, ohne Tiefe 
des Gemüths und ohne einen weiteren Blick blieben sie einfache 
Arbeiter für den Tagesbedarf der Bühnen. Ihren Lustspielen 
fehlte es zudem an Leben und Wahrheit. Die Personen, die 
darin auftraten, glitten Schattenbildern gleich über die Bühne, 
und ihr Thun war unberechenbar, da ihnen jeder bestimmte 
Charakter abging. Politische und religiöse Fragen zu behandeln, 
mochte allerdings die Vorsicht verbieten, und keine leidenschaft- 
liche Erregung hiess die Dichter deren Gebote übersehen. Aber 
auch im socialen Leben mit seinen vielfältigen gewichtigen Fragen 
fanden sie keine Anregung zur ernsteren Behandlung. 

Nicht besser stand es mit der Posse, die schon längst keine 
Fühlung mehr mit dem Volksleben hatte. Auch auf diesem Ge- 
biet war die italienische Komödie das Vorbild, das ängstlich 
nachgeahmt wurde. Ausnahmen, wie Cyrano*s Posse nie Pedant 



*) Vergl. Bd. I S. 261 fif., II S. 85 fif„ 353 fif. und III S. 91 ff. 



10 

jou6", die wenigstens einige originelle Zuthat aufwiesen, waren 
durch ihre Plumpheit wo möglich noch ungeniessbarer. 

Die Richtung^ welche der Geschmack in den Jahren der 
Minderjährigkeit Ludwig XIV. genommen hatte, erklärt diese 
Erscheinung vollkommen. Wenn überall Affektation herrschte, 
war es dem Lustspiel schwer, einen natürlichen Ton anzuschlagen. 
So weit konnte es freilich in der Ziererei und der Entstellung des 
Gefühls nicht gehen, wie die Tragödie, die ja vom modernen 
Leben sich ganz losgelöst hatte. Darum begann auch im Lustspiel 
zuerst die Umkehr. Die Vorliebe der vornehmen Gesellschaft für 
Charakterstudien, geschriebene Porträts und psychologische Beob- 
achtungen musste die Reaktion begünstigen. Dass sich aber das 
Lustspiel mit überraschender Schnelligkeit zur Höhe emporschwang, 
verdankte es in erster Reihe dem Genie Molifere's, dann aber 
einer Reihe günstiger Umstände, welche die Arbeit des Dichters 
wesentlich förderten. Ein Meliere war doch nur damals, in 
jener Epoche des Uebergangs aus der älteren in die moderne 
Zeit, möglich. Erstünde heute wieder ein Mann mit gleichen 
Gaben, mit demselben Reichthum des Gefühls, des Humors, der 
poetischen Kraft; wäre er, gleich Moli^re, vertraut mit den prak- 
tischen Forderungen der Bühne, er würde schwerlich leisten 
können, was Moli^re geleistet hat. Denn diesem kam es zu 
statten, dass die französische Komödie noch nach keiner Seite 
hin gebunden war. Noch herrschte das mittelalterliche Possen- 
spiel mit seiner groben Freiheit und seinen stehenden Charakteren, 
aber alles drängte zu einer Reform. Zudem stand die fran- 
zösische Gesellschaft selbst am Ausgang einer ernsten Krise, aus 
der sie vielfach verändert hervorgegangen war. Der moderne 
Staat war begründet, das moderne Bürgerthum begann sich zu 
entwickeln. Die Centralisation des Landes und seiner Kräfte 
hatte dem Hof und der Hauptstadt solchen Einfluss gegeben, 
dass diese beiden dem ganzen Land ihren Geschmack aufzwangen^ 
dass die Sitte, die sich hier ausbildete, zum Gesetz auch für die 
Provinz wurde. Was bei Hof und in Paris für richtig und schön 
galt, musste überall so angesehen werden. Nun erst war ein 
feineres Lust- und Schauspiel möglich, weil der Dichter zu einem 
ganzen Volk reden konnte. 



11 

Dazu kam ein weiterer günstiger Umstand. Ein jugend- 
licher Monareh schenkte den dramatischen Spielen seine volle 
Gunst und schützte mit mächtiger Hand den kühnen Dichter^ 
der sich in der Zeichnung seiner Zeitgenossen manchmal grosse 
Kühnheit erlaubte. 

So fand Molifere den Boden geeignet für seine Arbeit. Er 
schloss die lange Entwicklung der alten Komödie als deren 
Meister ab, und begründete gleichzeitig das moderne Lustspiel, 
das er ebenfalls auf eine seitdem nicht wieder erreichte Höhe zu 
stellen wusste. 

Moliere'8 Jugend. 

Jean Baptiste Poquelin, der sich später Meliere nannte, 
war aller Wahrscheinlichkeit nach am 15. Januar 1622 zu Paris 
geboren. Sein Vater war Hoftapezier, zugleich königlicher Kammer- 
diener und ein wohlhabender Mann. Ueberhaupt gehörten die 
Poquelins, die schon lange in Paris ansässig waren, zu den soli- 
den bürgerlichen Familien der Stadt und standen in allgemeiner 
Achtung. Im Lauf des 17. Jahrhunderts werden mehrere Mitglieder 
des zahlreichen Geschlechts in hervorragenden Stellungen erwähnt. 
Der eine war SchöfF des Pariser Handelsgerichts, ein anderer 
Doktor der Theologie und Dekan der Pariser Fakultät, ein dritter 
Direktor der indischen Handelsgesellschaft. 

Der Vater des Dichters besass ein Haus in der Rue St. 
Honorö, das als Abzeichen einen in Holz geschnitzten Apfelbaum 
aufwies, an dem einige Affen emporkletterten, weshalb das Haus 
auch wZu den Affen« genannt wurde. Dort erblickte der Knabe 
das Licht der Welt und verbrachte die Jahre seiner Kindheit. 

Schon im Jahre 1632 verlor er seine Mutter. Obschon be- 
reits nach einem Jahr eine Stiefmutter in das Haus einzog, wird 
doch von Misshelligkeiten zwischen ihr und den Kindern erster 
Ehe nichts berichtet. 

Der Vater hatte, wie es scheint, besondere Absichten mit 
seinem Erstgebornen. Er gab ihm einen guten Unterricht und 
schickte ihn in das von Jesuiten geleitete College de Clermont 
zu Paris, damit er sich humanistischen Studien widme. Das muss 
etwa von 1636 — 1641 gewesen sein. Um jedoch nichts zu ver- 



12 

säumen, liess der Vater seinem Sohn nebenbei die Nachfolge in 
seinem Amt als Kammerdiener zusichern. Nach seinen Gymnasial- 
studien genoss Jean Poquelin noch den Unterricht des Philosophen 
Gassendi gemeinsam mit einigen Freunden , dem leichtgesinnten 
Chapelle, der ihm Zeit seines Lebens treu blieb, mit Bemier, 
der sich später durch grosse Reisen in Asien bekannt machte, 
und Hesnault, der als Dichter auftreten sollte. Gassendi, ein 
Anhänger der Epikuräischen Atomenlehre und des englischen 
Sensualismus, führte die jungen Leute, denen sich auch noch der 
streitlustige Cyrano Bergerac' anschloss, in die Philosophie ein. 
Molifere beweist in seinen Lustspielen freilich nur, dass er den 
schwerfälligen Formelkram der vor Gassendi und Descartes herr- 
schenden Philosophie kennt. Doch dürfen wir annehmen, dass 
ein geistvoller Mann, wie Gassendi, der sich vorzüglich gegen 
das erstarrte System der Aristoteliker des Mittelalters erhob, 
seinen Schülern mehr bot, als solches Wissen. Er hatte eine 
freiere Weltanschauung, und es ist bezeichnend, dass zwei der 
jungen Leute, Hesnault und Poquelin, sich an eine Uebersetzung 
von Lucretius' wDe rerum naturat^ wagten. Hesnault verbrannte 
seine Arbeit später aus religiösen Skrupeln ; Moliere's Ueber- 
setzung fand sich unter den zahlreichen Manuskripten, die er 
hinterliess. Doch ist sie seitdem verloren gegangen. Die Witwe 
verkaufte sie um 600 Livres an einen Buchhändler, der sie aber 
dann nicht zu drucken wagte und das Manuskript verzettelte. 
Eine Scene im zweiten Akt des T^Misanthrope« soll eine Stelle 
aus der Uebersetzung enthalten, einige Verse über die Blindheit 
der Liebenden ; doch sind dieselben mehr eine freie Bearbeitung, 
keine Uebertragung des entsprechenden Abschnitts bei Lucrez*). 
Auf Wunsch des Vaters soll sich Jean Poquelin dann den 
Rechtsstudien zugewendet, in Orleans die Würde eines Licen- 
tiaten der Rechte erworben haben, was nicht schwer fiel, und 
darauf in die Liste der Pariser Advokaten eingetragen worden 
sein* Mehr als eine Stelle der Lustspiele verräth die juridischen 
Kenntnisse des Dichters. Doch ist die Geschichte dieser Jugend- 



*) Lucretii De rerum natura, IV, v. 1149 ff. und le Misanthrope II, 
sc. 4, die Worte der ^liante v. 153 ff. 



13 

jähre nicht ganz klar. Unter anderem wird erzählt, dass er im 
Frühjahr 1642 König Ludwig XIII. in Stellvertretung seines Vaters 
in den Süden Frankreichs begleitet habe. 

Jedenfalls gestaltete sich sein weiterer Lebensgang anders^ 
als der Vater wünschte. 

Das stürmische Pariser Leben scheint ihn in seine Wirbel 
gerissen zu haben. Ohnehin richtete sich des jungen Mannes 
Sinn auf ein höheres Ziel. Wenn es auch heisst, dass ihn Made- 
leine Bdjart, eine Schauspielerin, in ihre Netze gelockt und ihm 
den Gedanken zum Theater zu gehen, eingegeben habe, so 
dürfen wir doch annehmen, dass Poquelin von Jugend auf für das 
Theater schwärmte und den Beruf zum Künstler in sich fühlte. 
Lebte er doch in einer Zeit, in der das Theater mit einemmal 
der wahren Kunst sich zuwandte und Corneille die dramatische 
Dichtung mit idealem Sinn, mit echter Begeisterung erfüllte. 
Jean Poquelin war vierzehn Jahre alt, als der wCid" imd die 
T^Mariamne« das Publikum entzückten. Er mochte wohl von dem 
Glanz dieser Werke und deren Darstellung geblendet werden, und 
als Corneille in seinem »Menteur^ die erste französische Charakter- 
komödie schuf, hat ihr der 22jährige Poquelin vielleicht klopfenr 
den Herzens gelauscht und in der Darstellung solcher Werke 
seine Aufgabe erkannt. Denn er dachte zunächst wohl nur daran 
Schauspieler zu werden; viele Jahre vergingen, bevor er selbst 
ernstlich an eigne dichterische Arbeiten dachte. Madeleine B^jart, 
deren Familie durch den Tod des Vaters in Bedrängniss gerathen 
war, fasste den Entschluss, eine eigne Schauspieltruppe zu bilden, 
in der sie sich natürlich die Hauptrolle vorbehielt. Der junge 
Poquelin gehörte zu den eifrigsten Anhängern dieser Idee und 
erklärte sich bereit, der Gesellschaft als Schauspieler beizutreten. 
Seine schauspielerische Gabe hatte er bis dahin nur in Dilettanten- 
vorstellungen bewiesen^ und sein Entschluss rief in seiner Familie 
die grösste Aufregung hervor. Der Schauspielerstand war trotz 
König Ludwig's Edikt noch missachtet, und die guten bürger- 
lichen Kreise sahen nicht ohne Grund mit Abscheu auf die 
abenteuerlichen Gesellen, die oft nach den verschiedenartigsten 
Schicksalen zum Theater verschlagen worden waren. Dass sich 
Poquelin einer öffentlichen Theatergesellschaft anschliessen wollte^ 



14 

fand darum entschiedne Missbiiligung auf Seiten der Verwandten 
und besonders des Vaters, doch blieb er bei seinem Vorsatz und 
trat als Mitglied in die neugebildete Truppe , die sich nFIllustre 
Thäätre(< nannte. Damals legte er sich, der Sitte gemäss, den 
Namen Moliere bei , den er später zu so hohem Ruhme bringen 
sollte. Warum er gerade diesen Namen wählte, ist nicht ersicht- 
lich. Der Name Moliere fand sich auch sonst noch. Man kannte 
einen Romanschriftsteller Fran9oi8 de Moliere, sowie einen Tänzer 
und Musiker Namens Louis de MoUier oder Moliere, der im 
Dienst des Königs stand. Auch tragen mehrere Ortschaften in 
der Landschaft Le Quercy, dem heutigen Departement du Lot, 
diesen Namen, und man hat die Vermuthung ausgesprochen, dass 
die Poquelins dort Verwandte gehabt hätten, weshalb der Name 
in der Familie geläufig gewesen sei*). So sind wir für die 
Jugendzeit des Dichters fast immer auf Vermuthungen angewiesen. 
Das Jahr, in welchem das nlUustre Thäätre(< begründet 
wurde, ist nicht mit Sicherheit festzustellen. Doch deuten manche 
Angaben auf das Jahr 1643 hin, und zwar spielte die Gesellschaft 
zuerst in der Provinz, wahrscheinlich um ihre Kräfte zu er- 
proben**). Im December eröflfhete sie ihre Bühne in einem zum 
Theater umgewandelten Ballhaus des Paubourg St. Germain. 
Wurden auch die jungen Künstler anfangs durch die Gunst des 
Herzogs Gas ton von Orleans, der sie mehrmals in seinem Luxem- 
bourg- Palast vor sich spielen liess, getragen, so verloren sie 
diese Stütze nach kurzer Zeit, als der Herzog ins Feld zog, 
und es währte nicht lange, so sah sich die Unternehmung 
verschuldet« So einfach die Einrichtung des Schauspielsaals 
auch war, sie hatte doch Opfer gefordert und war nur zum 
kleinsten Theil bezahlt worden. Man hatte auf beträchtliche 
Einnahmen gerechnet, und als diese ausblieben, war der finan- 
zielle Ruin nicht abzuhalten. Die Gläubiger legten Beschlag auf 
die Kasse, und die Künstler geriethen in bittre Noth. Der 



•4 



*) A. Cambon, Vorwort zu G. du Boulan^s „Le secret d'Alceste**, Paris, 
A. Quantin 1879. 

**) Ueber das Dokument, das die Anwesenheit des „Illustre Th^ätre** in 
Houen während des November 1643 beweist, siehe den „Moli^riste" Juni 1879 
S. 79 ff. 



15 

Grund ihres MissHngens mag in ihrer geringen Kunst, in der 
Konkurrenz mit den zwei andern Pariser Theatern zu suchen sein. 
Sie selbst schrieben ihn der unvortheilhaften Lage ihres Theaters 
zu und siedelten auf das andere Seineufer, auf den Quai des 
Ormes über, wo sie abermals ein Ballhaus für sich einrichten 
Hessen. Schon erscheint Meliere als die Seele des ganzen Unter- 
nehmens, wenn er auch dem Namen nach nicht an der Spitze 
stand. Auf dem Quai des Ormes wurde das Elend nur noch 
grösser. Es kam so weit^ dass Meliere in die Schuldhaft ab- 
geführt wurde. Zum Glück fand sich ein Freund, der sich für 
ihn verbürgte und ihm möglich machte, den Kampf weiter zu 
führen. Freilich nicht in Paris, sondern in der Provinz, wo die 
Gesellschaft auf ein dankbareres Publikum hoffen und sich zu- 
gleich die nöthige Schulung erwerben konnte. Bevor die jungen 
Künstler jedoch diesen schweren Entschluss fassten, mussten 
sie sich fragen, ob sie nicht besser daran thäten, die Lauf- 
bahn, die ihnen der Enttäuschungen so viel gebraclit hatte, 
aufzugeben. In der That sah Molifere einen Theil seiner Kame- 
raden abfallen, da diese vorzogen, sich einem friedlich bürger- 
lichen Gewerbe zu widmen, anstatt in dem Land umherzuziehen. 
Er aber blieb fest, und es ist wohl nicht allzukühn, wenn man 
seinen Entschluss, bei der schweren Kunst treu zu beharren, dem 
Bewusstsein seiner Kraft und seiner echten Künstlernatur zu- 
schreibt. Er hat sich überhaupt sein Leben lang als energisch 
und fest in der Verfolgung der einmal gefassten Pläne erwiesen. 

Allein um Paris verlassen zu können, musste er zunächst 
seine Gläubiger sicherstellen. Vater Poquelin half diesmal aus; 
er verbürgte sich für seinen Sohn, und so stand dessen Wande- 
rung nichts mehr im Weg. Es sei gleich hier gesagt, dass 
Molifere später, als er zu Reichthum gelangt war, allen Verpflich- 
tungen aus der ersten schweren Zeit gewissenhaft nachkam. 

So begann er ums Jahr 1647 seine Wanderjahre, die 
ihn auf Kreuz- und Querzügen durch ganz Frankreich führten. 
Seine Truppe war indessen so zusammengeschmolzen, dass sie 
mit ihren Kräften nicht mehr ausreichte und gern den Vorschlag 
annahm, den ihnen der Leiter einer Provinztruppe, Dufresne, 



16 

machte. Dieser war nach Paris gekommen^ um seine Gesellschaft 
zu vervollständigen , was er durch den Eintritt Moli^re's und 
seiner Freunde auch erreichte. 

Wanderungen in der Provinz. 

Es ist nicht genau zu bestimmen, wann die neu organisirte 
Gesellschaft ihre Wanderungen durch die Provinz begann. Viel- 
leicht machte sie schon im Jahr 1646 einige kleinere Züge von 
Paris auS; wo Moli^re noch durch die Ordnung seiner Angelegen- 
heiten zurückgehalten wurde. Aber mit dem Jahr 1647 oder 
spätestens 1648 begann die regelmässige Rundfahrt durch das 
Land. Etwa elf Jahre währten die Wanderjahre Molifere's, aber 
wenn von dieser Epoche seines Lebens auch verhältnissmässig 
wenig bekannt ist, bildete sie doch einen wichtigen Abschnitt 
desselben. Er reifte in diesen Jahren zum Mann heran^ erwarb 
Lebenserfahrungen und Menschenkenntniss ; sein Auge schärfte 
sich und die Fülle der mannigfaltigen Gestalten, die er später 
in seinen Werken vorführte, war zum grossen Theil schon während 
der Reisen durch das Land gesammelt worden. 

Moli^re war von Anfang an ein Hauptmitglied der Du- 
firesne'schen Truppe und hatte häufig den Direktor zu vertreten. 
Wann er wirklich die Führung übernahm, wird nicht gesagt, 
doch scheint er schon in den letzten Jahren der Reisen das eigent- 
liche Haupt der Unternehmung gewesen zu sein. 

Das Leben einer wandernden Truppe war nicht gerade 
glänzend. Es barg sich noch ein gut Stück Zigeunerthum in den 
unstät umherirrenden Gesellschaften. Allerdings gab es viele 
Abstuftingen, von der Künstlerschaar angefangen, die in den 
grossen Städten, vor dem hohen Adel der Provinz und den Land- 
ständen spielen durfte, bis zu der verkommenen Truppe herab, 
die in kümmerlicher Weise ihr Leben fristete. 

Die Schilderungen, die Scarron in seinem TfRoman comique^ 
von dem Leben einer Schauspieltruppe bietet, sind in mancher 
Hinsicht stark aufgetragen, in der Hauptsache aber entsprachen 
sie der Wirklichkeit. Man braucht nur die Erzählungen zu 
hören, welche die Schauspieler unseres Jahrhunderts von den Zu- 
ständen innerhalb solcher fahrenden Gesellschaften machen, um 



17 

Scarron's Realismus zu verstehen. Welcher Art das Publikum 
oft war, vor dem man zu spielen hatte, beweisen die Possen- 
scenen, welche Molifere zugeschrieben werden und die er als 
Lockmittel verfasste. Und doch gehörte die Moli&re'sche Gesell- 
schaft bald zu den angesehensten Provinztruppen und darf wohl 
mit den guten Gesellschaften, die im vorigen Jahrhundert in 
Deutschland umherzogen, etwa der Ackermann'schen oder der 
Seyler'schen, verglichen werden. 

Der Geschmack der Provinz mag noch derbere Kost ver- 
langt haben, als man sie selbst in Paris zu bieten gewöhnt 
war. Dafttr aber war man auch wohl freier von dem falschen 
Pathos, das sich in die hauptstädtische Schauspielkunst einge- 
schlichen hatte; und wenn Moli^re später mit soviel Nachdruck 
auf grössere Wahrheit und Einfachheit des Spiels drang , wenn 
er in seinen Dichtungen die natürliche Rede herrschen liess, 
dürfen wir auch darin eine Wirkung der Erfahrungen sehen, 
die er in der Provinz gemacht hatte. 

Andrerseits brachte das unruhige Umherziehen, das intime 
Zusammenleben der Gesellschaft eine grosse Gefahr für das sitt- 
liche Gefühl mit sich^ das nur zu leicht abgestumpft wurde. 
Wenn Moli&re in seinen späteren Dichtungen nicht allein genialen 
Humor spielen liess, sondern auch tragische Töne anschlug, 
wenn er in die Tiefe des Herzens griff und die Leidenschaft in 
ihren verschiedensten Aeusserungen schilderte, so hatte er diese 
Kenntniss des Lebens und des menschlichen Gemüths theuer 
bezahlt. Ein Dichter wie Moli^re entsteht nicht in der friedlichen 
Studirstube und nicht auf dem ebenen Weg einfach bürgerlicher 
Existenz. 

Die Bedürfnisse des Repertoires veranlassten Moliere zuerst 
eine Anzahl fremder, meist italienischer Stücke, für seine Gesell- 
schaft einzurichten. Er war nicht allein einer der Hauptdarsteller, 
er war auch der Dramaturg der Gesellschaft. Er verfasste selbst 
eine Reihe grobkomischer Sgenen, die als Nachspiel auf Tragödien 
folgen konnten. Noch sind zwei solcher Possenspiele erhalten, 
die ihm zugeschrieben werden, 7)la Jalousie du Barbouillät^ und 
wie Mädecin volant«. Ein drittes Stück T^Mölisset«, ein Schäfer- 
drama, möchte man neuerdings ebenfalls als Moliere's Arbeit 

Lotlieissen, Gesch. d. ftanz. Literatur. IV. Bd. 2 



18 

hinstellen. Allein der Herausgeber hat seine Annahme durch 
keinerlei triftige Gründe glaubhaft machen können*). Daneben 
aber werden noch andre Stücke erwähnt, die von Molifere her- 
rührten, oflfenbar ähnliche possenhafte Scenen ; während der 
Zeit der Wanderung verfasst, wurden sie noch später in Paris 
von Zeit zu Zeit gegeben, wie das Register La Grange's be- 
weist**). Wir kennen jedoch nur die Titel dieser Stückchen, 
wLes trois Docteurs rivaux«, nie Docteur amoureux«, »le Docteur 
pädant(<, 7)Gros-Ren6 öcolier«, »Gorgibus dans le sac««, nie Fago- 
teux<<. Vielleicht kamen dazu noch ähnliche Possen, die aber 
zu La Grange's Zeit schon von dem Repertoire abgesetzt waren. 
An sich ohne Werth, lehrten sie Molifere doch das Geheim- 
niss der scenischen Wirkung kennen. Er erprobte in kleinen 
Skizzen die Wirksamkeit einzelner Charakterzeichnungen, die er 
später ausführte. Die Zahl der Stücke, welche Meliere in den 
letzten: vierzehn Jahren seines Lebens schrieb, ist erstaunlich 
gross, wenn man an die Arbeitslast denkt, die auf ihm als Direktor 
und Schauspieler ruhte. Sie wird eher erklärlich, wenn man an- 
nimmt, dass er in seinen Papieren eine Menge von mehr oder 
minder ausgeführten Skizzen und Stückchen hatte, die in der 
Provinz entstanden waren und die er später vortrefflich ver- 
werthen konnte. rjGorgibus dans le sac^ erinnert durch den 
Titel an eine heitre Scene der T^Fourberies de Scapin(< (III, 2), 
und in dem TiFagoteuxt^ lag wohl der Keim zu dem genial-tollen 
7)M6decin malgrö lui^. 

Wir brauchen hier die Kreuz- und Querzüge der Molifere- 
schen Truppe nicht im Einzelnen zu verfolgen. Es genügt zu 



*) S. Nouvelle coUection Molieresque, herausgeg. vom Bibliophile Jacob. 
Bd. n. „Melisse**. 1879. 

**) La Orange, eigentlich Charles Yarlet, trat mit 20 Jahren in die 
Moliöre^sche Truppe als erster Liebhaber ein und erwarb sich die Freundschaft 
und das Vertrauen seines Direktors, der ihm im J. 1667 das wichtige Amt eines 
^Sprechers** übertrug, in welcher Eigenschaft La Orange den Verkehr mit dem 
Publikum hatte. La Orange ist für die Oeschichte Moliöre's, wie des ganzen 
französischen Theaters wichtig geworden, weil er ein Taj^ebuch über die Vor- 
gänge im Theater schrieb, vom J. 1659—1685, das noch erhalten ist und das 
man als das „goldne Buch der Comddie fran9aise*^ bezeichnet hat. Vergl. 
Lotheissen, Moli^e S. 124. R^gistre de La Orange, publie par les soins de la 
Com. fran?. Paris 1876. 



19 

I 

sagen, dass man ihr auf dem Weg über Nantes^ (1648) nach den 
Städten des Südens folgen kann. Im Jahr 1651 kam Moli^re 
nach Paris zurück und liess sich von seinem Vater einen Theil 
seines mütterlichen Erbtheils auszahlen. Man könnte daraus den 
Schluss ziehen ; dass auch damals die Geschäfte nicht glänzend 
gingen, allein da keine andern Nachrichten ähnliches besagen, 
ist eine solche Annahme doch etwas gewagt. 

Immerhin ist nicht zu bezweifeln, dass die späteren Jahre 
glänzender und fruchtbringender waren als die erste Zeit. Die 
Truppe besuchte nun hauptsächlich die Städte %des Rhonethals 
und des Languedoc, spielte in den Jahren 1652 und 1653 in 
Lyon^ wo sie grossen Erfolg hatte, wurde von dem Prinzen 
Conti, dem Gouverneur des Languedoc, berufen und trat in P6- 
zenaz vor den Ständen auf, ging nach Montpellier und Ävignon, 
war 1655 wieder in Lyon, im Winter 1656 — 57 in B6ziers, wo 
der Landtag sich versammelte. Ihr Ruf war so gross, dass sich 
keine andre Truppe neben ihr in der Gegend halten konnte. In 
den Jahren 1657 und Anfangs 1658 findet man Moli^e wieder 
in Avignon, Lyon, Grenoble. Von dieser letzteren Stadt brach 
er zu Ostern plötzlich nach Ronen auf, wo er den Sonmier über 
Vorstellungen gab und die Heimkehr nach Paris vorbereitete, 
ein Entschiuss, der ihm wol immer vorgeschwebt hatte*). 

Während seines Aufenthalts zu Lyon hatte er, wahrschein- 
lich im Jahr 1655, sein erstes grösseres Lustspiel nL'Etourdiu 
zur Aufführung gebracht. Die Form, in der uns dasselbe heute 
vorliegt, ist wohl nicht die ursprüngliche; Moliire hat später 
manche Aenderungen daran vorgenommen. Aber der Inhalt, die 
Anlage und der Gang des Stücks blieben doch dieselben. Noch 
sehen wir Moliire darin ganz von den Italienern abhängig ; seine 
Personen sind Schattenfiguren, die Verwicklungen possenhaft und 
unmöglich. Jeder Akt bildet fast ein selbstständiges Stück und 
eine eigentliche Komposition fehlt. Der 77Etourdi<< ist die freie 
Bearbeitung des winawertito« von Nicolo Barbieri (1629), nur 



*) lieber die Wanderungen Moli^re's in der Provinz vergl. Mangold, 
Moli&re^s Wanderungen in der Provinz ; über sein Zusammentreffen mit Dassoucj 
Band n dieses Werkes, Abschnitt XIII, S. 492. 

2* 



20 

dass Moli^re noch mancherlei Scenen und ZOge aus andren 
Lustspielen in das seinige einfügte. Der eigentliche Held des 
Stücks, der durchtriebene Mascarille, reisst seinen leichtsinnigen 
Herrn in Abenteuer mit fort, die schon die Grenzen des Scherzes 
überschreiten und als Gaunerstreiche Missbehagen erregen. Doch 
die alte Posse nahm es in diesem Punkt nicht sehr genau, wenn 
sie nur bei ihrem Publikum Heiterkeit erregte. Und diesen Er- 
folg erzielt der nÄtourdi" auch noch heute bei jeder Aufführung. 
Mascarille wird dadurch erträglich^ dass er sich selbst persifflirt. 
Er ist ein humprvoUer Schurke, der selbstgefällig von seinen 
Werken spricht und die Durchführung seiner Anschläge wie 
eine Art Sport, eine Ehrensache, betrachtet. 

Auf den wEtourdi« liess MoHfere ein zweites fünfaktiges 
Lustspiel nLe Döpit amoureux(< folgen, das zum erstenmal in 
B6ziers den 6. December 1656 aufgeführt wurde. In ihm tritt 
bereits ein grosser Fortschritt zu Tage. Nicht als ob der Dichter 
sich schon völlig von der traditionellen Manier des Lustspiels 
losgesagt hätte. So wie Corneille seinen nCid« nur nach langer 
vorbereitender Arbeit gefunden hatte, so sehen wir auch bei 
Moliere eine langsame Entwicklung. Der TiDäpit^^ lehnte sich 
wiederum an ein italienisches Vorbild an, das Lustspiel T^L'In- 
teresse« von Nicolo Secchi. Allein Molifere begnügte sich nicht 
damit, das fremde Stück zu bearbeiten, obwol auch die Bear- 
beitung eine entschiedene Verfeinerung war; er verflocht in die 
verwickelte und unmögliche Intriguo des italienischen Stücks ein 
zweites Lustspiel eigner Erfindung, das in seiner Art meisterhaft 
ist. Die feine Charakterzeichnung und der Schatz von Gedanken^ 
die in allen Scenen dieses zweiten Stückes verstreut sind, lassen 
bereits den Dichter der späteren Meisterwerke ahnen. Eine gött- 
liche Heiterkeit lebt in diesem Theil des nD&fiU, .der in den 
Augen Moli^re's offenbar der wichtigste war, da er nach ihm 
dem ganzen Stück den Namen gab. Schon schlug der Dichter 
den Weg zum höheren Lustspiel ein. 

Rouen war wegen seines lebhaften Interesses für die Lite- 
ratur bekannt. Unweit der Hauptstadt gelegen, nahm es Theil 
an deren geistigem Leben, und so erschien ein Gastspiel in der 
grossen normannischen Stadt als die beste Vorbereitung für Paris. 



21 

Wie Moliere daselbst mit den beiden Corneille bekannt wurde, 
und Pierre Corneille durch das neuerwaehte Interesse am Theater 
zu fernerer dramatischer Thätigkeit veranlasst wurde, haben wir 
schon früher erzählt*). Von Ronen aus konnten auch die nöthi- 
gen Vorbereitungen für die Uebersiedelung nach Paris am besten 
getroflFen werden. Zwei Theater bestanden dort, mit welchen 
man den Kampf wagen musste. Zunächst war da das Theater 
des Hotel de Bourgogne, das eine kleine Subvention aus der 
Kasse des Königs erhielt und dessen Mitglieder sich königliche 
Schauspieler nennen durften. Es pflegte hauptsächlich die Tra- 
gödie, in deren Darstellung es als unübertroflfen galt. Die zweite 
Bühne war die des 77Th6ätre du Marais^, das um die Zeit, als 
Molifere nach Paris zurückkehrte, mit den Stücken des jüngeren 
Corneille besonderes Glück machte**). Moliöre's Schritt war also 
immerhin gefährlich genug. Allein er wagte ihn, und das Glück 
erwies sich ihm freundlich. Die Umstände waren doch günstiger 
als es den Anschein hatte. £ine Umwälzung im Geschmack be- 
reitete sich vor; die Richtung auf das Einfache und Naturwahre, 
die eine Zeit lang ganz verdrängt worden war, sollte wieder die 
Oberhand gewinnen und Molifere einer ihrer Hauptvertreter werden. 

Rückkehr nach Paris. 

Die Jahre 1658 — 1664. 
Der achtzehnjährige Bruder König Ludwig's, Herzog Philipp 
von Orleans, wünschte, weil es so Mode war, eine Schauspieler- 
Gesellschaft in seine Dienste zu nehmen. Molifere hatte bei Hof 
einflussreiche Gönner, unter anderen den Herzog von Conti, und 
so wurde ihm die Erlaubniss gewährt, vor dem Hof eine Vor- 
stellung zu geben, um zu zeigen, dass er den Anforderungen des 
Herzogs genügen könne. Im alten Louvre, in der wSalle des 
gardesK, wo sich schon so manche historisch denkwürdige Scene 
abgespielt hatte, war die Bühne aufgefschiagen , auf welcher am 
24. October 1658 Molifere vor dem König, dem Herzog von 
Orleans und dem ganzen Hof auftrat. Man gab den 77Nicom^det< 



*) S. Band U, Abschnitt VIII, S. 298. 
**) S. Band III, Abschnitt I, S. 94. 



22 

von Corneille, und die Vorstellung gefiel. Doch hatten die Künstler 
mit der Erinnerung an die Vortragsweise und das Spiel der 
Schauspieler des Hotel de Bourgogne zu kämpfen, und darum 
trat Moliere am Schluss der Tragödie vor und richtete an 
den König die Bitte ^ noch eins der Stückchen ansehen zu 
wollen, welche in der Provinz so viel Beifall geerntet hätten. 
König Ludwig nickte Gewährung und sah noch die Posse nie 
Docteur amoureux«, in welcher Molifere die Hauptrolle hatte und 
durch sein ausgelassenes Spiel den Hof belustigte. Damit erwarb 
er des Königs Gunst, die ihm auch bis an sein Ende erhalten 
blieb. 

Der nächste Gewinn dieses Erfolgs war gross, denn Ludwig 
bewilligte der Molifere'schen Truppe den Theatersaal des „Petit- 
Bourbon", der als der Rest des alten Palastes der Familie Bourbon 
noch erhalten war und an das Louvre stiess. Allerdings musste 
Moli&re die Benützung des Saales mit einer italienischen Gesell- 
schaft theilen, allein er war doch der Sorge um ein Lokal ent- 
hoben, und durch diesen Beweis königlicher Gnade auch dem 
Publikum gegenüber in gtlnstiger Lage, zumal der Herzog von 
Orleans der Gesellschaft gestattete, sich als r>Troupe de Monsieur« 
zu bezeichnen. 

Dennoch hatten die Künstler bei ihrem Beginn mit grossen 
Schwierigkeiten zu kämpfen, und der alte Unstern schien noch 
immer über ihnen zu walten. Erst als Moliire den nEtourdi" 
und den »)D6pit amoureux" zur Aufführung brachte, und dem 
Pariser Publikum damit eine neue Weise der Lustspieldichtung 
sowie des komischen Spiels zeigte, wendete sich das Schicksal 
und lohnte das kühne Unternehmen. 

Mit der Eröfi&iung seiner Bühne im Petit-Bourbon begann 
für Moliere ein grosses thätiges Leben, das von Kämpfen aller 
Art bewegt wurde, aber auch reich an Erfolgen war. Der Auf- 
enthalt in der Hauptstadt konnte nicht ohne Wirkung auf ihn 
bleiben. Sein Gesichtskreis erweiterte sich, seine Ideen vertieften 
sich. Was er in der Provinz an Lebensanschauungen und 
Menschenkenntniss gewonnen hatte, das reifte mm heran. 

Wir unterscheiden in dieser letzten Pariser Thätigkeit des 
Dichters drei Phasen, die sich zwar nicht ganz scharf von ein- 



23 

ander scheiden^ aber doch deutlich erkennbar sind. Die erste 
Periode, welche die Jahre 1659 bis 1664 umfasst, zeigt Moli^re 
in literarischer Fehde gegen das Precieusenthum und die falsche 
Kunstrichtung, wie überhaupt im Kampf gegen jegliche Unwahr- 
heit in der Empfindung. Sie wird durch die r^Pröcieuses ridicules", 
die «Ecole des maris", die nEcole des femmes« und den Streit 
um das letztere Stück zur Genüge charakterisirt. 

Die zweite Epoche erstreckt sich von 1664 — 1667. In diesen 
Jahren schuf Meliere eine neue Gattung, das Charakter-Schau- 
spiel. Einsam, durch Unglück in seiner Familie verdüstert, bot 
er in seinen drei Dichtungen, dem w Tartuffe « , dem wDon Juan** 
und dem «Misanthropen seine reifsten Werke. Auch in ihnen erhob 
er sich gegen die Unwahrheit und Heuchelei, allein nicht mehr 
in der Form des heiteren Lustspiels. Seine Sprache wurde leiden- 
schaftlicher, seine Gedanken kühner, energischer. Es gibt kaum 
ein anderes Werk, in welchem sich Tragik und Scherz so har- 
monisch mit einander verbänden, als in T^Tartuffe«^ oder dem 
nMisanthrope«. 

Nach dem letztgenannten Schauspiel wandte sich Meliere, 
als ob er des aufreibenden Kampfes müde wäre, einer anderen 
Richtung zu. Er griff öfters auf die frühere Gattung der Possen- 
spiele zurück, welchen er nur einen festeren Untergrund zu geben 
wusste, so dass auch sie als wahrhafte Zeitbilder erscheinen. 
Daneben aber dichtete er auch Lustspiele der neuen, von ihm 
begründeten Art, — wahrhafte Charakter - Lustspiele , nur dass 
er in keinem derselben eines jener schweren Probleme behan- 
delte, die ihn beim tj Tartuffe« und T^Misantrope« beschäftigt 
hatten. Diese dritte und letzte Epoche seiner Thätigkeit erstreckte 
sich von 1667 — 1673, dem Jahre seines Todes. Seine Dichtungen 
drängten sich damals zahlreicher als je, und die alte Laune schien 
dem Dichter in unverwüstlicher Kraft wieder zu Gebote zu 
stehen. Possen, wie tjM. de Pourceaugnac«, «Die Gräfin d'Escar- 
bagnas«, und der «Bourgeois gentilhomme«, Lustspiele wie 
der «Avare«, die »Femmes savantes« und der «Malade imaginaire« 
liefern dafür den Beweis. 

Die Liste seiner Arbeiten ist damit keineswegs erschöpft; 
es finden sich daneben andere Lustspiele und dramatische Scenen, 



24 

leichte Waare ohne besonderen Werth. Man darf dabei nicht 
ausser Acht lassen, dass Meliere Theaterdirektor war, und das 
Repertoire, sowie die Kasse oft Anforderungen an ihn stellten, 
die eine ernste dichterische Arbeit hemmten. So lang er lebte, 
und selbst lang nach seinem Tode, bildeten seine Werke die 
Hauptstütze seiner Gesellschaft. 

Dazu kam die steigende Gunst, deren er sich bei dem 
König erfreute und die sich in Aufträgen für Festspiele und 
Prunkvorstellungen äusserte. Molifere sah sich gelegentlich zu 
schneller Arbeit genöthigt, und im Drang der Geschäfte war es 
ihm nicht immer möglich, seine Kompositionen sorgfältig zu 
behandeln. 

Die erste Periode wurde mit der einaktigen Posse tjLcs 
-Pr^cieuses ridicules" eröflfnet, die am 18. November 1659 zur 
ersten Aufführung kam. Das Precieusenthum hatte schon mehr 
als einmal den Spott herausgefordert, stand aber immer noch in 
Kraft und Ansehen. Im Maraistheater hatte man schon einige 
Jahre zuvor (1656) eine «Acad^mie des femmes« gespielt, die 
gegen die Precieusen gerichtet war, und ein Abb^ de Pure hatte 
einen Roman «La Pr^cieuse«^ geschrieben, in dem die italienischen 
Komödianten den Stoff zu einer Posse gefunden hatten*). Neu 
war also der Gedanke nicht, die Precieusen zur Zielscheibe des 
Spottes zu nehmen, aber neu war doch die Art, wie Moli^re 
angriff. So wuchtige Schläge waren gegen den herrschenden 
Ungeschmack noch nicht geführt worden, und sie waren doppelt 
empfindlich , weil sie zugleich mit solchem Humor gegeben 
wurden. Moliere's Stückchen enthielt aber nicht allein einen 
scharfen Angriff, es diente auch gleichzeitig zur Abwehr. In 
jenen Kreisen, welche Ziererei und Prüderie als heiliges Gesetz 
anerkannten, hatte man sich gewiss schon entschieden gegen 
Meliere ausgesprochen, hatte ihn getadelt, dass er die Posse, 
die von den grossen Theatern fast verbannt gewesen war, wieder 
zur Geltung brächte, und hatte die einfachere Weise seines 
Spiels kritisirt. Er wurde dadurch nur um so entschiedener auf 
die Seite der Unzufriedenen gedrängt, welche auf dem Gebiete 



') Siehe über die Precieusen Baud III, Abschn. I, S. 56. 



25 

der Literatur entschiedene Reform verlangten. Er eröffnete seinen 
Feldzug fast gleichzeitig mit Boileau, dessen erste Satiren bald 
darauf bekannt wurden. 

Die TjPr^cieuses ridicules" haben noch viel mit der Posse 
gemein, wie sie frtlher beliebt war; sie führen noch die alten 
Spassmacher ein, sind aber doch in anderer Hinsicht himmelweit 
von der Art der alten Posse verschieden. Die Form ist noch 
ähnlich, der Geist ist bereits ein anderer. Die TjPricieuses« 
wurden zu einer geistvollen socialen Satire, indem sie eine Zeit- 
frage behandelten, die sich überall vordrängte. Ist auch das 
Bild der precieusen Affektation und Geschmacklosigkeit darin 
mit stärkeren Farben gemalt, als vielleicht die Wirklichkeit auf- 
wies, so sind doch die Personen des Stücks schon scharf charak- 
terisirt und voll warmen Lebens. 

Die TjPricieuses ridicules" hatten einen grossen Erfolg. Vier- 
undvierzig Vorstellungen folgten auf einander, was bei dem wenig 
zahlreichen Theaterpublikum ausserordentlich viel war. Ein Verbot 
der Aufführung erhöhte noch das Interesse der Pariser an dem 
Stück, zumal ein mächtiger Wille schnell den Widerruf des 
Verbots bewirkte. Molifere hatte die kurze Zeit der Unterbrechung 
dazu benützt, um sein Stück noch einmal umzuarbeiten und 
zumal die Exposition lebendiger zu gestalten. 

Getödtet wm'de der precieuse Geschmack von Meliere 
nicht, denn der Geist der Ziererei und Lüge ist unsterblich, und 
die französische Literatur, und nicht sie allein, hat immer aufs 
neue solche precieuse Anwandlungen aufzuweisen gehabt. Aber 
es gelang Molifere doch, die Herrschaft des schlechten Geschmacks 
für längere Zeit zu brechen, zumal als er später in einem 
grösseren und reiferen Werke das Thema noch einmal behandelte. 

Ein zweites Stückchen, nSganarelle", das Molifere im Mai 
1660 zur ersten Aufführung brachte, gehört ganz entschieden 
der alten Posse an, und bezeichnet deshalb keinen Fortschritt, 
so vortrefflich auch die Anlage sein mag, und so sehr es uns 
durch die Kunst überrascht, mit welcher Meliere die Komik der 
Situation zu steigern verstand. Dass dieser den Geschmack 
des Publikums kannte, beweist der Beifall, den sein «Sganarelle" 
erwarb. Das neue Theater schien nach solchen Erfolgen wirklich 



26 

gesichert; es hatte seine Existenzberechtigung bewiesen. Plötz- 
lich aber erwuchs ihm eine neue grosse Verlegenheit, welche 
ihm tödtlich werden konnte. Schon lang bestand der Plan, das 
Louvre auszubauen, und da in diesem Fall der Saal des Petit- 
Bourbon fallen sollte, musste Moli^re darauf gefasst sein, dass ihm 
eines Tags gekündigt würde. Mit unbegreiflicher Rücksichts- 
losigkeit aber theilte ihm die Intendanz ihren Entschluss erst 
im letzten Augenblick mit*). Molifere sah sich über Nacht ohne 
Theater, und die Gefahr für ihn war gross, da es schwer war, 
ein geeignetes Lokal zu finden. Auch beeilten sich die rivalisi- 
renden Gesellschaften, mit verlockenden Anträgen an die Mit- 
glieder der Moli^re'schen Gesellschaft heranzutreten. Allein diese 
blieb ihrem Führer getreu, und als sich Molifere in seiner Ver- 
legenheit direkt an den König wandte, erhielt er die Bewilligung, 
in den alten Saal des Palais-Royal, jenen berühmten Theatersaal, 
den Richelieu hatte erbauen lassen, überzusiedeln. Freilich war 
derselbe in sehr verwahrlostem Zustand, und es kostete Zeit 
und Geld, bis er einigermassen anständig hergerichtet war, doch 
halfen die sogenannten nVisites«, Aufführungen bei Hof und in 
den Palästen des Adels, über die paar Monate hinaus, während 
welcher man ohne Bühne war. Ende Oktober 1660 begann man 
mit der Niederlegung des Petit-Bourbon, gegen das Ende des 
Januar 1661 konnte Moli^re sein neues Theater eröflftien. Die 
erste Novität, die er darin auflführen liess, war seine Komödie 
«Don Garcie de Navarre", ein Schauspiel nach Art der spani- 
schen Degen- und Mantelstücke. Es war eine Bearbeitung des 
italienischen Schauspiels tjIc gelosie fortunate del principe Rodrigo« 
von Cicognini, fand aber keinen Anklang bei den Parisern und 
verdiente ihn auch nicht* Das schwache Stück verschwand nach 
wenig Vorstellungen vom Repertoire. Moli^re hatte sich geirrt; 
er hatte eine Gattung des Dramas zu beleben versucht, die 
schon dem Absterben nahe war und für die er sich mit seinem 
Streben nach Wahrheit am wenigsten eignete. 

Die kleine Scharte wurde bald glänzend ausgewetzt. Denn 
am 24. Juni 1661 bot Meliere ein neues Lustspiel »L'Ecole des 



*) Siehe den Aufsatz „Claude Perrault et le theatre du Petit-Bourbon ** 
von M. Daspit de Saint-Amand in dem Juliheft des nMoli^riste** 1880. 



27 

maris«, mit dem er wieder den rechten Weg betrat. Der Fort- 
schritt des Dichters ist darin deutlich erkennbar, und das 
neue Werk zählt zu den hervorragenden Dichtungen Moliere's. 
Wiederum stützte er sich bei seiner Arbeit auf seine Vorgänger. 
Der Stoflf war schon oft und mit Glück behandelt worden. 
Diphilus aus Sinope^ Plautus und Terenz hatten sich seiner 
bemächtigt und den Einfluss der Erziehung darzustellen gesucht. 
Zwei Brüder ungleichen Charakters werden einander gegenüber- 
gestellt und jeder von ihnen hat einen Jüngling neben sich, den 
er erzieht. Der eine Bruder ist streng, egoistisch, engherzig; der 
andere gütig, nachsichtig und vertrauensvoll. In den meisten 
Stücken erweist sich die Güte als die bessere Führerin ; nur Terenz 
kommt zum Schluss, dass die Menschen nichts taugen, ob sie 
nun streng oder mild erzogen werden. Lorenzino da Medici 
hatte das Thema in seinem nAridosia'^ wieder aufgenommen, 
Pierre de Larivey dessen Stück ins Französische übertragen*), 
und nun trat auch Moli^re mit einem ähnlichen Lustspiel auf. 
Mit geschicktem Griff wusste er dem Terenz'schen Stück eine 
grössere Mannichfaltigkeit zu geben, indem er statt der beiden 
Söhne zwei Mädchen einführte, an welchen sich die Erzie- 
hungskunst der Brüder bewähren soll. Die neuere Komödie 
muss, den veränderten Verhältnissen des Lebens entsprechend, 
den Frauen eine grössere Rolle zuweisen, als es die Alten gethan. 
Zudem erweiterte Moli^re den Rahmen des alten Lustspiels, 
indem er als Verfechter der modernen Ideen für die Würde der 
Frauen, ihre Selbständigkeit und freiere Stellung in der Familie 
auftrat. , 

Das Jahr 1661 war für Molifere ein Jahr fruchtbarer Thätig- 
keit. Zwei Monate nach der ^^Ecole des marisu, am 17. August 
1661, führte er ein neues Stück tjIos Fäcbeuxu auf. Freilich war 
es nur ein Gelegenheitsstück, das er für Foucquet in der Eile 
hatte schreiben müssen, und das bei dem glänzenden Fest in 
Vaux aufgeführt wurde, welches der Minister dem König gab. 
Die ?)Fächeuxt^ enthalten nur eine lose verknüpfte Reihe selbst- 
ständiger Scenen, in welchen Meliere eine Anzahl Charakter- 



*) Siehe Band I, Abschnitt X, S. 276. 



28 

bilder aus der vornehmen Gesellschaft vorführte. Dass er sich 
vor dem aristokratischen Publikum diese Freiheit nahm, ist das 
Merkwürdige an der Arbeit. Ebenso trat nun schon deutlich sein 
Widerwille gegen jegliche Pedanterie hervor. In Herrn Caritid^s, 
der 7)Franzose von Geburt und Grieche von Professiont^ ist, 
verhöhnte der Dichter die dummstolzen und habgierigen Pedanten, 
die er später in einer Reihe gelungener Charakterbilder, von den 
beiden Philosophen in «Le Mariage forcö" bis zu Herrn Jour- 
dain's Lehrer und den Herren Trissotin und Vadius herab, geis- 
selte. An die «Fächeux«^ knüpft sich die Erinnerung an den 
jähen Sturz Foucquet's, der kurze Zeit nach dem Fest verhaftet 
und zu lebenslänglichem Kerker verurtheilt wurde. 

Am 20. Februar 1662 wurde Molifere mit Armande BÄjart, 
«inem Mädchen von 19 Jahren, getraut. Er selbst zählte schon 
vierzig Jahre. Der Altersunterschied war also gross ; grösser noch 
die Verschiedenheit der Charaktere, denn Moliire war schon 
leidend, bedurfte der Ruhe und Schonung, während seine junge 
Frau den Glanz und die Unruhe, die Aufregung der Bühne 
liebte und sich in das bewegte Leben, der Welt hinaus sehnte. 
Doppelt empfindlich wurde dieser innere Zwiespalt, da die Gesell- 
schaft, in der sich das Paar bewegte, Anlass zur Eifersucht 
bieten musste. Armande galt als eine junge Schwester der 
Madeleine B6jart, war aber in Wahrheit deren Tochter. Nun 
hatte Madeleine aber lange Zeit in intimem Yerhältniss zu Moliire 
gestanden, und so war den Feinden des Dichters Gelegenheit zu 
gehässigem Angriflf gegeben. Er habe seine eigene Tochter gehei- 
rathet, sagte man. Armande war allerdings schon geboren, als 
Moliire's Verkehr mit Madeleine begann, aber hässlich war 
die Geschichte doch. Moliire's Leidenschaft für das Mädchen 
muss gross gewesen sein, wenn er trotz all dieser Erinnerungen die 
Ehe abschloss*). Ist es zu weit gegangen, wenn man manche 
Verse Ariste's in der 7?Ecole des marisic — des Stücks, das er 
schrieb, während er sich um Armande's Neigung bemühte — 
auf seine eigene Stimmung bezieht? Es heisst dort: 



*) Ueber Armande B^jart, ihre Herkunft, ihr Yerhältniss zu Möllere gibt 
es eine ganze Literatur, die wir aber hier nicht anzuführen brauchen. 



29 

Sie findet Freud' an Kleidern, Band und Spitzen; 
Was schadet's? Ihrem Wunsche füg' ich mich: 
Das sind Behaglichkeiten, die man gern, 
Wenn man das Geld hat, jungen Mädchen gönnt. 

Ich weiss, dass uns're Jahre wenig stimmen, 

Und volle Freiheit lass' ich ihrer Wahl. 

Wenn dann viertausend Thaler sich'rer Rente, 

Gefällige Sorg' und grosse Zärtlichkeit 

In diesem Bund nach ihrer hesten Einsicht 

Den Unterschied des Alters auszugleichen 

Vermögen, — wol, so nimmt sie mich; wo nicht, 

Wähle sie einen andern. Ist ihr Schicksal 

Ein hess'res ohne mich, — ich bins zufrieden. 

Und gönne lieber einem jungem sie. 

Als gegen ihren Wunsch sie zu behalten*). 

Im December 1662 erschien ein neues Lustspiel, das sich 
schon durch den Titel als ein Gegenstück zu dem vorhergehenden 
zu bezeichnen schien, „L'Ecole des femmes". Genau betrachtet^ 
bildet es eher eine Fortsetzung der wEcole des maris*^, denn es 
behandelt dieselbe Frage der Erziehung, und führt wiederum 
einen älteren Mann als Liebhaber eines jungen Mädchens ein. 
Wenn dort der gütige Ariste, der egoistische Sganarelle sich 
um die Gunst ihrer Mündel bewerben, sehen wir in der jjEcole 
des femmes«^ beide Charaktere in Arnolphe zu einem einzigen 
verschmolzen. Dadurch wird der Ton des ganzen Stücks ernster, 
fast schroflF. Arnolphe ist im Grund eine edle Natur; er ist ver- 
trauend, hilfebereit den andern gegenüber, und nur in der Behand- 
lung des jungen Mädchens, Agnes, die er zu seiner Frau bestimmt 
hat, geräth er auf seltsame Abwege. Der Charakter Amolphe's 
ist einer der schwierigsten, die Moliere gezeichnet hat. Er ist 
nicht aus einem Guss ; zwei Seelen kämpfen in seiner Brust, und 
obwol es ihm sehr ernst zu Muthe ist, wird er lächerlich und 
verdient sein Schicksal. Ist das Charakterbild darum weniger 
wahr? Das Lustspiel selbst bietet in seiner Anlage manche 
Schwächen und UnWahrscheinlichkeiten, die Charakteristik Ar- 
noiphe's aber ist vorzüglich. Wie der Dichter später in dem 
nMisanthrope<< Alceste als einen edlen Mann zeichnet, der doch 



♦) ilc. des maris, I. 2, v. 119, übersetzt von W. Grafen Baudissin. 



30 

den Spott seiner Umgebung hervorraft, so zeigt anch Amolphe 
dieselben Gegensätze, nur stärker und unvennittelter, wie es 
einem an die Posse streifenden Lustspiel gestattet ist. 

Man hat in dem Stücke eine Art Beichte des Dichters 
finden, und in manchen Klagen Amolphe's einen Weheruf 
Moli&re's hören wollen. Nicht dass man geglaubt hätte, Moliire 
habe sich selbst in Amolphe zeichnen wollen. Nur meinen manche 
Erklärer, er habe, vielleicht ohne es zu wollen, durch den Helden 
seines Lustspiels den Jammer des eignen Herzens verrathen. Sie 
nehmen an, er habe schon in den Honigmonden seiner Ehe 
bittere Erfahrungen über den Flattersinn seiner jungen Frau 
gemacht^ und, da Moli&re selbst die Rolle des Amolphe über- 
nahm, lauten allerdings manche Verse bedeutungsvoll genug. So 
bricht er einmal in die Worte aus: 

Ich war empört, ergprimmt, ich hasste sie, 
Und dennoch fand ich nimmer sie so schön; 
Nie war ihr Auge so voll Glanz erfüllt, 
Nie schien sie mir so reizend; und ich fühle. 
Ich trag es nimmer, wenn das Schicksal mir 
Die schwere Prüfung wirklich vorbehält. 
Wie? hätt* ich sie mit soviel Zärtlichkeit, 
So sorglich mir erzogen, — sie als Kind 
Ins Haus geführt, die schönste Zukunft mir 
Geträumt — mein Herz an ihrem jungen Beiz 
Erfrischt, und dreizehn Jahre lang gehofft 
Sie mir heranzubilden — und nun kommt 
Ein junger Geck, in den sie sich vernarrt, 
Und stiehlt recht unter meinem Barte mir 
Die halb schon anvermälte Braut*). 

An einer andern Stelle wüthet er gegen sich selber und 
seine blinde Liebe: 

Und dennoch lieb* ich sie, trotz ihres falschen 

Verraths, und kann nicht leben ohne sie. 

Thor, schämst du dich denn nicht? Ich knirsch* und wüthe, 

Und schlüge gern mir zehnmal ins Gesicht**). 

Doch muss man mit einer Deutung dieser und ähnlicher 
Stellen vorsichtig sein. Es liegt keine bestimmt^ Nachricht darüber 
vor, dass Moli^re schon damals von Eifersucht gequält wurde. 



*) L'ijcole des femmes, IV. 1. v. 13 ff. Uebersetzt von Baudissin. 
*♦) Ibid. m. 5. V. 22 ff. 



31 

Die TjEcole des femmes« wurde von einem grossen Theil 
des Publikums günstig aufgenommen, fand aber in andern Kreisen 
entschiedenen Widerstand. Die Partei der Precieusen war über 
die familiäre Sprache des Stücks empört, und benutzte die 
plumpe und tadelnswerthe Zweideutigkeit der Rede in einer 
Scene zwischen Arnolphe und Agnes, um das ganze Stück zu 
verdammen. Den Precieusen zur Seite standen auch die Höflinge, 
die sich von dem frechen Günstling des Königs beleidigt glaubten, 
sowie einzelne rivalisirende Poeten und die Schauspieler der 
andern Bühnen, welche über die Kunst Molifere's die Nase 
rümpften, und die er durch manch spöttisches Wort verletzt 
hatte*). 

Ein hässliches Koncert missgünstigen Geschreis, bitteren 
Tadels begann rings um den Dichter. Um so ermuthigender war 
es für ihn, dass König Ludwig ihm in den Ostertagen des Jahres 
1663, als der Streit um die «Ecole des femmes" noch fortwährte, 
ein besonderes Zeichen seiner Anerkennung gab. Der König 
bewilligte damals einer Reihe von Schriftstellern und Dichtern 
einen Jahresgehalt, und auch Moliire Hess er in die Liste der 
so Ausgezeichneten eintragen. Er bestimmte ihm eine Summe 
von tausend Livres jährlich. Der Werth der Gabe lag weniger 
in der Summe selbst, als in dem moralischen Gewinn, welchen 
sie Meliere brachte. 

Unter den eifrigen Anhängern, die Meliere fand, befand 
sich auch Boileau, der in persönlichen Verkehr mit ihm trat und 
bald eine warme Freundschaft für ihn empfand. Ueber den Bund 
der vier Dichter Moliire, Boileau, La Fontaine und Racine haben 
wir schon früher gesprochen, und brauchen hier nur daran zu 
erinnern**). Die ermunternde Stimme der Freunde war um so 
nöthiger, als auch der Tadel der Gegner nicht verstummte. 
Allerdings ging Moliire aggressiv gegen seine Widersacher vor, 
und versuchte sie durch eine dramatische Scene: 77 La critique 
de TEcole des femmes", die er am 1. Juni 1663 zur Aufführung 
brachte, lächerlich zu machen. Wie er erwarten musste, rief er 



*) Les Pr^c. ridic. sc. 9. 
**) Siehe Band III, Abschnitt III, S. 134 ff. 



32 

damit nur weitere Entgegnungen hervor, und es entspann sich 
eine unerquickliche Fehde, die vor dem Publikum ausgefochten 
wurde. Sie drehte sich indessen nicht um Principienfragen, son- 
dern blieb ganz persönlich, und ist darum auch ohne irgend 
welche Bedeutung für die Geschichte des Lustspiels. Unter den 
Antworten auf die nCritique« sind zwei zu nennen, zunächst ein 
Stück von De Viz^ nZihnde ou la veritable critique de TEcole 
des femmesity in der geklagt wurde, dass Meliere die Tabelle 
com6die<< zerstöre, dabei auch die Religion verspotte, und femer 
„Le Portrait du peintre«^ von Boursault, einem jungen, nicht un- 
begabten dramatischen Dichter, der aber damals noch wenig 
bekannt war und wol mit Unrecht glaubte, dass er unter dem 
Namen Lysidas von Molifere in der wCritique«^ verspottet wor- 
den sei*). 

Auch gegen andere Angriffe hatte sichMolifere zu vertheidigen. 
Richteten doch selbst die Schauspieler des Hdtel de Bourgogne 
eine Schrift an den König, in welcher sie sich beklagten, dass sie 
durch Meliere aus ihres Monarchen Gunst verdrängt würden. Wie 
die Beschwerde, wandte sich nun auch die Vertheidigung direkt 
an den König. Im Oktober 1663 spielte Moli^re mit seinen Leuten 
ein neues kleines Lustspiel »»rimpromptu de Versailles«^ vor 
König Ludwig. Diesmal sollten die Kollegen vom H6tel-Bour- 
gogne gezüchtigt werden, und mit ihnen noch eine Reihe von 
Kritikern, unter andern auch Boursault. Der König wurde somit 
gewissermassen als Schiedsrichter angerufen. In dem Stück selbst 
wurde das übertriebene Spiel und die unnatürliche Redeweise der 
Schauspieler des H6tel de Bourgogne lächerlich gemacht, aber 
auch über die eingebildeten Junker, die sich vermassen, über 
literarische Werke urtheilen zu wollen, Gericht gehalten. Das 
Hotel de Bourgogne zu rächen, antwortete der junge Montfleury, 
dessen Vater ein bekannter Schauspieler jenes Theaters war, 
mit dem Stückchen ^rimpromptu de THötel de Condi«. So wollte 



*) Die „Z^linde** erschien anonym und man hat theils de Vize, theils 
Villiers als Verfasser angenommen. Neuerdings ist de Viz^ ziemlich allgemein 
als der Verfasser anerkannt; so von Despois in der Ausgabe der Grands ifecri- 
yains, auch von Mahrenholtz, Zeitschr. f. neufranz. Spr. u. Lit. II S. 16. Fritsche 
glaubt an eine Kollektivarbeit der beiden Männer. 



33 

der Krieg kein Ende nehmen^ und e» ist bedauerlich, dass 
Moli^re seine Zeit und seine Kräfte in so unfruchtbarem Gezänk 
verlor*). Bald jedoch sollte er in grössere Kämpfe verwickelt 
werden. 

TartufTe. Don Juan. Le Misanthrope. 

1664—1667. 

Unter den rauschenden Festen , welche der jugendliche 
König veranstaltete, war das Fest der »Verzauberten Insel«, das 
in den Tagen vom 7. — 13. Mai zu Versailles gefeiert wurde, 
besonders glänzend. Der König versetzte seine Gäste in die 
Märchenwelt des nBasenden Roland^^, wo die Zauberin Alcine 
durch ihre magischen Künste eine Wunderinsel mit einem präch- 
tigen Schloss erbaut und daselbst das Ideal eines sinnlich glück- 
lichen Lebens zu verwirklichen strebt. Um diese Episode aus 
Ariost's Epos darzustellen, und sozusagen mit erleben zu lassen, 
bot der König alles auf, was Auge und Sinn fesseln konnte, Auf- 
züge, Feuerwerke, Ringelstechen, Gastmähler, Spazierfahrten und 
Schauspielvorstellungen. Moli^re und seine Gesellschaft wirkten 
bei den allegorischen Aufzügen mit und erheiterten den Hof durch 
eine Reihe von Aufführungen. Sie brachten ausser einer Wieder- 
holung der »Fächeux«^ und der lustigen Posse wLe Manage force", 
die Moli^re im Auftrag des Königs verfasst und schon im vor- 
hergehenden Januar als Neuigkeit dem Hof gespielt hatte, noch 
zwei Novitäten nla Princesse d'Elide« und den »TartuflFe«. Das 
erstere Stück ist eine schwache Bearbeitung des Moreto'schen 
Lustspiels 9) El desden con el desden«, das in Deutschland unter 
dem Titel T^Donna Diana(< bekannt und beliebt ist. Moli^re hatte 
so wenig Zeit zu dieser Arbeit, dass er nur den ersten Akt in 
Versen schrieb, die anderen aber in Prosa verfasste. Von nTar- 
tnSe^ kamen nur die ersten drei Akte zur Aufführung. Der vierte, 
der die kühnsten Scenen enthält, wurde also noch nicht bekannt. 
Vielleicht waren die zwei letzten Aufzüge noch nicht vollendet. 



*) Vergl. Mangold, „Molifere's Streit mit dem Hotel de Bourgogne" in 
der Zeitschr. f. neufranz. Sprache und Literatur. Bd. I. lieber die ganze Fehde 
Mahrenholtz, Moli^re^s Leben und Werke S. 136 ff, Lotheissen, Moli^re, sein 
Leben und seine Werke, S. 153 ff. 

Lotheissen. Oesch. d. frans. Literatur. IV. Bd. 3 



34 

denn es hätte doch der fünfte Akt mit seiner Verherrlichung 
des Königs vortrefflich zu dem Fest gepasst. 

Dass Moli^re gerade diese Gelegenheit wählte, um den 
7?Tartuffe<< aufzuführen^ gehört zu den vielen seltsamen und wider- 
spruchsvollen Erscheinungen jener Zeit. Noch währte der Kampf 
der Jesuiten und der Sorbonne gegen die Jansenisten, und ge- 
rade damals rüstete sich eine strenggläubige Partei, die Herr- 
Schaft über den König und den Staat zu erringen. Moli^re 
berührte mit seinem TjTartuffe« eine der brennenden Fragen der 
inneren Politik, eine jener Fragen, die selten offen behandelt und 
entschieden werden, und die doch oft, je nachdem die Entschei- 
dung fällt, die Geschicke einer ganzen Generation bestimmen. 
Mit seiner neuen Dichtung mischte sich Moli^re kühn in den 
Kampf, der damals die Gemüther erbitterte und selbst den Hof 
entzweite. Er griff die fromme Heuchelei an, die überall nach 
der Herrschaft strebt. Er zeigte die Umtriebe Tartuffe's in der 
Familie, aber der Schluss lag nahe, dass andre in gleicher Weise 
auf grösserem Feld, in Staat und Kirche, vorgehen. Noch niemals 
war des Dichters Sprache so kühn gewesen, und wir erstaunen 
nicht, wenn wir hören, dass der König die öffentliche Aufführung 
des Stücks untersagte, so freundlich er sich auch zu Moli^re 
über den Werth desselben aussprach« Er flirchtete ein stärkeres 
Auflodern des kirchlichen Streits, obwol Moli^re sich zu einigen 
mässigenden Aenderungen verstand. Man suchte das Urbild des 
Tartuffe bald in dem einen, bald in dem andern Lager, und doch 
dürfen wir annehmen, dass MoHfere, freieren Blicks und über das 
kirchliche Gezänk sich erhebend, die Heuchelei in beiden Lagern 
erkannte. Unter den Jesuiten gab es, wie unter den Jansenisten, 
Leute genug, welche die Religion als Deckmantel für ihre unlau- 
teren Absichten benutzten, und die Tartuffes finden sich zu allen 
Zeiten. 

Das Verbot der öffentlichen Aufführung war ein schwerer 
Schlag ftlr Moli^re. Dass ihm der König zugleich eine Summe 
von 2000 Livres als Vergütung für seine Mühe bewilligte, war 
keine Entschädigung, da eine jede Aufftlhrnng in Paris leicht 
soviel eingetragen hätte. 



35 

Die Festtage von Versailles brachten Möllere noch einen 
weiteren schweren Kummer. Seine Frau scheint ihm dort zuerst 
wirklich die Treue gebrochen zu haben. Es gab eine Zeit der 
Misshelligkeiten zwischen den beiden Q-atten, und wenn auch 
eine Versöhnung herbeigeführt wurde, die durch die Geburt einer 
Tochter im August 1666 noch gesicherter schien, so dauerte der 
eheliche Friede doch nicht lange, und Moli^re zog vor nach 
einem abermaligen Zwist von seiner Frau getrennt zu wohnen. 
Er fühlte sich krank und müde, und miethete in Auteuil, einem 
Vorort von Paris, ein kleines Landhaus, in das er des Abends 
nach den Geschäften flüchtete. Sein Knabe war 1664 gestorben; 
seine Tochter übergab er, sobald sie etwas herangewachsen war, 
einem Pensionat zu Auteuil. Um aber nicht ganz allein zu sein, 
adoptirte er einen Knaben, Michel Baron, den Sohn einer fahren- 
den Schauspielerin. Dieser wurde später einer der ersten drama- 
tischen Künstler Frankreichs, erwies sich aber als imdankbar 
gegen seinen Wolthäter. 

In dieser Zeit der Verbitterung schuf Moliere »Don Juan" und 
den »Misanthropei<, und auch in späteren Werken, selbst in den 
übermütigsten Possen, überrascht er manchmal durch einen Ton 
schmerzlicher Klage. So lässt er im nAmphitryon" den von Zeus 
schmählich betrogenen Helden ausrufen: 

Wie wenig fragt nach einem Lorbeerkranz, 
Wer tief im Herzen solche Wunden fühlt! 
Und ach, wie gern entsagt^ ich allem Rahm 
Um Frieden im Gemüthl Aufis neae stets 
Führt Eifersucht mir die Gedanken wieder 
Auf meine Schmach*). 

Wir sind von der Geschichte des nTartuflfe" etwas abge* 
kommen, und doch sollte ihm das Stück noch viele Kränkungen 
bringen. Die Angriffe, die er wegen desselben erlitt, waren von 
ganz anderer Heftigkeit, als die, welche er früher abzuwehren 
gehabt hatte. Der König hatte nur die öffentliche Aufführung 
verboten, aber in den Privatkreisen des hohen Adels, bei Condä 
z. B., wurde das Stück um so öfter von Moliere und seiner 
Truppe gespielt, und erregte um so grösseres Interesse. Wer es 



*) Amphitryon III, 1. v. 19 ff. Uebersetzt von Baudissin. 

3* 



36 

nicht auf einer Bühne sehen konnte, suchte es wenigstens vorlesen 
zu hören, und Möllere wurde in viele Gesellschaften geladen, 
damit er seinen nTartuffet* vortrage. 

Der »Tartuffe« bildete^ zumal mit den beiden letzten Akten, 
welche das abscheuliche Bild des scheinheiligen und rachsüchtigen 
Mannes vervollständigen, einen gewaltigen Angriff gegen die 
allezeit mächtige Heuchelei. Derlei Darstellungen finden sich in 
der Literatur eines jeden Volkes. In Frankreich hatte sich schon 
im 13. Jahrhundert Rutebeuf gegen die gleissnerischen Pharisäer 
erhoben, und Jean de Meung hatte in seinem »Roman de la 
rose« eine allegorische Figur, Faux-Semblant, eingeführt, welche 
die Bettelmönche ^ wie es scheint, repräsentiren sollte. Später 
hatte Mathurin R^gnier in seiner Satire »Macette« eine alte Bet- 
schwester gezeichnet, die sich als unverschämte Kupplerin ent- 
hüllt. »Verborgene Sünde ist schon halb vergeben!« hatte sie 
gesagt, und Molifere's Tartuffe sprach ihr nur nach, wenn er 
lockend und beschwichtigend bemerkte: 

»Wer im Verborgnen sündigt, sündigt nicht."*} 

Moli^re kannte diese Vorbilder, sowie er auch ohne Zweifel 
mit Pietro Aretino's Lustspiel »L'Ipocrito« vertraut war. Einzelne 
Scenen des »Tartuffe« enthalten auch Reminiscenzen an Boccaccio 
und Scarron. Allein die Quellen, aus welchen Moli^re geschöpft 
haben kann, kommen doch kaum in Betracht, wenn man den 
»Tartuffe« als Dichtung würdigen will. Moli^re hat darin doch 
ein ganz originelles Werk geboten. Neben dem »Misanthrope« 
steht der »Tartuffe« als die gedankentiefste seiner Schöpfungen 
da, und nirgends hat der Dichter in der Feinheit der Charakter- 
zeichnung so Vollendetes geleistet^ wie in diesen beiden Schau- 
spielen. Die Anlage des »Tartuffe« ist vorzüglich und die Expo- 
sition wird von Goethe in den Gesprächen mit Eckermann 
(26. Juli 1826) ein »grosses Muster« genannt. Sie sei nur ein 
einzigesmal in der Welt da, sie sei das Grösste und Beste, was 
in dieser Art vorhanden sei. In der That lehrt die erste Scene 
des ersten Aktes nicht allein sämmtliche Personen des Stücks 



*) Vergl. Band I dieses Werks S. 110. M. R^gnier, sat. XIII v. 144. 
Tartuflfe IV, 6. 120. 



37 

ihrem Charakter nach vortrefflich kennen, sie macht auch die 
ganze Situation klar und zeigt, um was es sich in dem Schau- 
spiel handeln wird. Diese erste Scene ist von ausserordentlicher 
BIraft, voll Leben und Bewegung. Der Charakter des Tartuffe 
selbst ist eine meisterhafte psychologische Studie. Tartuffe er- 
scheint erst im dritten Akt, allein wir kennen ihn schon lang 
vorher. Er füllt schon die ersten Aufzüge, denn alles dreht sich 
um ihn. Er hat in eine brave Familie Zwietracht gebracht und 
schickt sich an^ sie völlig zu verderben, die Kinder zu verdrängen, 
die Frau zu verführen, sich des Vermögens zu bemächtigen. 
Wir wissen, wie sehr er bereits den gutmüthig blinden Orgon 
und dessen Mutter beherrscht, wie vordringlich seine Frömmig- 
keit ist, allein eine solche Frechheit, wie er sie bei seinem 
ersten Auftreten entwickelt, erwartet man doch nicht. Er über- 
rascht durch die Komödie^ mit der er sich einführt, und den 
Cynismus, mit dem er seinen frommen Sinn aller Welt kund 
thun will. Von dieser Scene an enthüllt sich der heuchlerisch 
gemeine Sinn des Mannes immer mehr ; mit sicherer Hand zeichnet 
der Dichter das Bild, das immer schärfer und klarer zu Tage 
tritt. Selbst als er seiner Schlechtigkeit überführt wird, gibt Tar- 
tuffe seine Sache nicht verloren, und nur die Hand des Monarchen 
kann die bedrängte Familie retten. 

Einen anscheinend gewichtigen Einwand gegen diese Dar- 
stellung des Heuchlers erhob schon La Bruy^re. In seinen 
»Caracteres« schildert er einen frommen Heuchler, Onuphre, und 
bemerkt dabei ausdrücklich, dass derselbe nicht nach dem 
härenen Gewand und der Geissei rufe, wie dies Tartuffe thut ; er 
handle aber so, dass man glauben müsse^ er trage ein Buss- 
gewand und geissle sich. La Bruy^re findet, es sei kein Zeichen 
von Schlauheit, wenn der Heuchler einen reichen beschränkten 
Mann^ ausbeute, ihm sein Vermögen entwende und gleichzeitig 
dessen Frau nachstelle. Ein solcher Mensch dränge sich über- 
haupt nur an Leute heran, die ohne engere Familie dastehen. 
Er bedrohe, immer nur Seitenverwandte und sei der Schrecken 
der Vettern und Basen, Neffen und Nichten*). Diesen Einwand 



*) La Bruyfere, Caracteres chap« de la mode, n. 21. 



38 

La Bruy^re's zu entkräften, hat schon Sainte-Beuve mit Recht 
darauf hingei/triesen, dass die Bühne eine drastische Behandlung 
verlange, ein Buch aber^ das sich an einen gesammelten Leser 
wende^ eine andere Art der Zeichnung zulasse*). Doch scheint 
uns diese an sich gewiss richtige Bemerkung nicht zu genügen, 
um die Darstellung des Heuchlers bei Moli^re zu rechtfertigen. 
Wol aber erkennt man die Unhaltbarkeit der La Bruy^re'scheü 
Kritik, wenn man bedenkt, dass die Heuchler und Erbschleicher 
in verschiedener Weise auftreten, und je nach den Menschen, auf 
die sie wirken wollen, mit plumperen oder feineren Mitteln 
arbeiten. Tartuffe scheitert mit seiner hinterlistigen Spekulation 
auf das Vermögen Orgon's, weil er zugleich Elmire nachstellt; 
dies ist ein Fehler in seiner Berechnung, ein Fehler des Dichters 
in der Charakterzeichnung ist es nicht. Es zeigt im Gegentheil 
dessen Menschenkenntniss. Tartuffe gehört nicht in die Reihe 
jener Theaterbösewichte, die ohne Leben und Blut^ einfache 
Abstraktionen des Lasters sind; er ist ein Mensch und lässt sich 
von seiner Leidenschaft hinreissen, auch einmal gegen seine Inter- 
essen zu handeln. Und diese Schwäche stürzt ihn. 

Der Schluss des Schauspiels befriedigt nicht ganz, wie 
das überhaupt bei vielen Molifere'schen Stücken der Fall ist. 
Die unmotivirte Einmischung des Königs bringt keine eigentliche 
Lösung. Doch darf man nicht übersehen, dass zu Moliöre's Zeit 
die königliche Qewalt wirklich so weit reichte und mehr als ein- 
mal sich Eingriffe in die Rechtsprechung erlaubte ; dass also der 
Schluss des »Tartuffe(< die Zeitgenossen nicht so sehr befremden 
konnte, wie uns. 

Hatte Moliere die Zeichnung des Heuchlers bei früheren 
Dichtern gefunden, so hatte doch keiner dieser Vorgänger sich 
zu solcher Kraft des Angriffs erhoben. Tartuffe ist typisch ge- 
worden, und dass er es werden konnte, zeigt seine Bedeutung. 
Neuerdings hat ein französischer Schauspieler den Versuch ge- 
macht, Tartuffe als aufrichtigen Fanatiker zu spielen und ihn 
mehr als komische Figur zu behandeln. Wir werden sehen, dass 
man dies auch mit der Rolle des Alceste im nMisanthropetf ge- 



*) Sainte-Beuve, Port Royal. Paris, Hachette 1867. vol. III, eh. 16 u. 17. 



39 

wagt hat, und wenn diese Auffassung sich schon dort nicht be- 
währte, so erwies sie sich hier als ganz verfehlt. 

Wenn man aber sieht, welche Erbitterung das Stück noch 
heute in grossen Kreisen hervorruft, so ahnt man, wie schwer 
der Angriff damals empfunden wurde. Wie viel grösser musste 
in jener Zeit die Empörung nicht allein derer, die sich getroffen 
fühlten, sondern auch wahrhaft frommer Seelen sein, welche in 
dem Schauspiel ein Aergerniss sahen ! Allen im Eifer zuvor that 
es ein geistlicher Herr, Pierre Roullä, Pfarrer zu St. Barth6Iemy 
in Paris, der in seinem Pamphlet rtle Roi glorieux«, das er gegen 
Molifere schleuderte, geradezu den Feuertod als Strafe für den 
gottlosen Dichter verlangte. Der Antrag war ernst gemeint. Auf 
jeder Gotteslästerung stand nach den Gesetzen der Tod, und 
noch im Jahre 1666 wurde ein verkommener Poet, Claude Le 
Petit, wegen gottloser Verse in Paris gehängt. Moli^re musste 
sich ernstlich wehren. In seinem ersten nPlacet au Roi(< wies er 
auf den Unterschied zwischen der echten und falschen Frömmig- 
keit hin, und der König nahm seine Rechtfertigung gnädig auf. 
Er ertheilte der Moli^re'schen Gesellschaft die Erlaubniss, sich 
künftighin Com^diens du roi zu nennen und bewilligte ihr einen 
jährlichen Zuschuss von 6000 Livres» Roull6 dagegen erhielt einen 
Verweis, der ihn veranlasste, sich zu entschuldigen. Allein wenn 
auch Moli^re im Schutz des Monarchen keine persönliche Gefahr 
lief, blieb das Verbot, das sein Schauspiel von der Bühne fern- 
hielt, doch bestehen. Vergebens kam auch Boileau seinem Freund 
zu Hilfe, und sagte in seinem i^Discours au Roi« (1665) : 

Sobald es heisst, ein Dichter rüste sich 

Der Mucker heuchlerisches Thun zu schildern, 

Gleich künden sie entsetzt der Stadt Paris, 

Dass Umsturz drohe, völliger Ruin. 

Ein solch' Gedicht ist ihnen Teufelswerk; 

Sie zetern, dass man das Gesetz missachte, 

Und selbst den Himmel zu verhöhnen wage ! 

Doch ob sie hinter falschem Eifer nur 

Die eigne Schwäche zu verbergen trachten, 

Wir wissen doch, dass sie die Wahrheit kränkt. 

Vergebens streben sie, den stolzen Sinn 

Zu decken mit dem Mantel strenger Tugend, 

Sie kennen sich als Feinde alles Lichts, 

Verachten Gott — und fürchten den Tartuffe*). 



*) Boileau, Discours au roi, v, 91 ff. 



40 

Gereizt über den Widerstand, den er fand, schrieb Moliere 
ein neues Schauspiel, seinen «Don Juan«, der am 15. Februar 1665 
zum erstenmal aufgeführt wurde. nDon Juan« ist das Stück 
Molifere's, das vom schärfsten Geist erfüllt ist. Wie so oft, griff 
er zunächst nach einem fremden Werk, das ihm einer Bearbeitung 
werth erschien, allein unter seiner Hand veränderte es völlig 
seinen Charakter. 

Die Figur Don Juan's ist seit Mozart populär geworden 
und die Musik lässt den tragischen Inhalt der Oper ganz ver- 
gessen. Nicht so war es früher. In Spanien, aus dem das erste 
Don Juan-Schauspiel stammte, war der gewissenlose Edelmann 
Don Juan Tenorio aus Sevilla der Held einer viel verbreiteten, 
aber ernst gehaltenen Sage. Diese hatte Gabriel Tellez, der 
unter dem Namen Tirso de Molina schrieb, dramatisch behandelt. 
Sein Stück r»El burlador de Sevilla y Convidado di piedra" 
(rfier Verführer von Sevilla und der steinerne Gast«) schildert 
Don Juan als einen ausschweifenden Mann, dem nichts heilig ist, 
und zeigt ihn in einer Reihe von Liebesabenteuern, bei deren 
einem er den Vater der von ihm getäuschten Donna Anna er- 
sticht. In seinem Uebermuth lädt er eines Tags die Bildsäule 
des Gemordeten zu Tisch. Der steinerne Gast kommt und fordert 
nun auch seinerseits Don Juan auf, zu einem Mahl in der Kirche 
zu erscheinen. Dort wird Don Juan mit höllischen Speisen be- 
wirthet und zum Schluss von der Erde verschlungen. 

Ob Moliere Tirso de Molina's Stück gekannt hat, bleibt 
zweifelhaft. Allein aus Spanien war es nach Italien gekommen ; 
dort hatte sich die Commedia delP arte seiner bemächtigt, es 
mehrfach bearbeitet und ihm einen mehr possenhaften Cha- 
rakter gegeben. Eine Bearbeitung von Giliberti wurde durch die 
üebersetzung von Villiers (1659) in Frankreich bekannt*). Auch 
wird eine andre Bearbeitung von Dorimond erwähnt. Dieselbe 
war etwas älter als die von Villiers, und wurde auch von 1661 



*) Geoaueres über Villiers und sein Verhältniss zu Giliberti und Moliere 
s. bei Mahrenholtz in Herrig's Archiv Bd. 63, Heft 1. Gedruckt erschien Villiers* 
„Festin de Pierre** in Amsterdam 1660. Neuerdings wurde das Stück von W. 
Knörich herausgegeben, Heilbronn 1881 (in K. Vollmöller's Sammlung franzö- 
sischer Neudrucke). 



41 

an in Paris aufgeführt. Molifere aber scheint mehr das Villiers- 
sche Stück 7)Le Festin de Pierre^ gekannt zu haben, schon weil 
es im Hötel de Bourgogne gespielt wurde. Auch eine italienische 
Truppe, welche abwechselnd mit der Gesellschaft Moli&re's im 
Palais-Royal ihre Vorstellungen gab, fand mit ihren Don Juan- 
Aufführungen grossen Zulauf. Moliere's Aufmerksamkeit war 
also leicht darauf zu lenken , und die schon bekannten franzö- 
sischen üebertragungen schreckten ihn von einer neuen Bear- 
beitung nicht ab. Freilich lässt sein Stück deutlich erkennen, 
dass er es nach unregelmässigen Vorbildern gearbeitet hat. Er 
änderte nicht einmal den Titel wLe Festin de Pierre« , wahr- 
scheinlich weil die andern Don Juan-Stücke unter diesem Namen 
populär geworden waren. Und doch gibt es keinen Pierre in 
seinem Drama. Ueberhaupt hat dasselbe mancherlei Schwächen. 
Denn es bietet nur eine lose mit einander verknüpfte Folge von 
Scenen und verräth in der Ausführung die Hast der Arbeit. 
Dabei aber ist es von einem ganz andern Geist erfüllt, wie 
seine Vorläufer. Der Molifere'sche wDon Juan« spielt zwar auch 
auf der spanischen Halbinsel, zeichnet aber die vornehme fran- 
zösische Gesellschaft und wurde zu einer furchtbaren Anklage 
gegen einen Theil derselben. «Es ist etwas Schreckliches um 
einen grossen Herrn, der schlecht ist!« erklärt Sganarelle, der 
Diener Don Juan's, und er würde gern seinen Dienst verlassen, 
wenn er könnte. Von Zeit zu Zeit wagt er es, seinem Herrn 
ins Gewissen zu reden, soweit es ihm die Vorsicht erlaubt: 
7) Wenn ich einen solchen Herrn hätte, würde ich ihm offen ins 
Gesicht sagen: Wagst du so den Himmel zu verhöhnen? Zitterst 
du nicht, wenn du das Heiligste verspottest? Armer Erden wurm ! 
( — ich rede mit dem bewussten Herrn — ) du wagst das zu 
verspotten, was alle Menschen verehren? Meinst du weiser zu 
sein und dir alles erlauben zu dürfen, weil du von Adel bist, 
eine blonde Perrücke, Federn auf dem Hut, ein goldgesticktes 
Kleid und feuerrothe Bänder trägst? (— ich rede nicht zu Euch, 
sondern zu dem andern — )« *). Diese Warnung erinnert an 
die herben Worte, die Figaro dem Grafen Almaviva nachruft: 



*) Don Juan I, 2. 



42 

nWsLS hast du denn gethan, um so viel zu verdienen? Du hast 
dir die Mühe gegeben, geboren zu werden, nichts weiter« *). 
Wie aber Figaro die nahende Revolution ahnen Hess, so zeigte 
auch Molifere's r^Don Juan« die Umwälzung, die sich in dem 
Verhältniss der verschiedenen Klassen zu einander vorbereitete. 
Das Sinken des Adels tritt darin so deutlich zu Tage wie das 
Aufstreben des Bürgerthums. Eine berühmte Scene zwischen 
Don Juan und einem Bettler tritt fast ganz aus der gewöhn- 
lichen Denkweise des 17. Jahrhunderts heraus und verkündet 
bereits die Zeit Voltaire's und der Skeptiker. 

Auch diese neue Dichtung Moliere's erregte den Zorn ein- 
flussreicher Kreise. Gleich anfangs wurde die Umänderung einiger 
Scenen verlangt^ und nach fünfzehn Vorstellungen verschwand 
das Stück ganz vom Repertoire, wurde auch zu Lebzeiten des 
Dichters nicht gedruckt. Als man nach seinem Tod die erste 
Gesammtausgabe seiner Werke veranstaltete, wurde deren Ver- 
öffentlichung gehemmt, weil der «Don Juan« darin mitgetheilt 
war. Es mussten erst mehrere Blätter durch andere ersetzt 
werden, bevor der Verkauf gestattet wurde. Zum Glück ent- 
gingen zwei Exemplare der ursprünglichen Ausgabe dieser Censur, 
und die erste Form des nDon Juan« ist uns sonach erhalten**). 
Mit dem verstümmelten Text noch nicht zufrieden, goss Thomas 
Corneille später die Prosa Moliere's in matte Alexandriner um, 
änderte die Tendenz des Stücks, und so entstellt wurde der wDon 
Juan« Jahre lang aufgeführt. 

In das Jahr 1665 fallen ausser dem T^Don Juan« noch das 
Gedicht »La Gloire du Val-de-Gräce«, zur Einweihung der von 
der Königin Anna erbauten und von Mignard durch Gemälde 
in der Kuppel geschmückten Kirche des Val-de-Gräce, und eine 
Posse, »L'Amour mödecin« , die Molifere im Auftrag des Königs 



*) Beaumarchais, le Manage de Figaro V. 3. 
**) Das eine nnverstümmelte Exemplar des ^Don Juan" befand sich im 
Besitz des Polizeiministers (lieutenant g^n^ral de police) von Paris, M. de la 
Beynie. Im Jahr 1819 brachte Auger in seiner Moli&re- Ausgabe zum erstenmal 
den richtigen Text nach dem auf der Kational-Bibliothek befindlichn Exemplar. 
Yergl. Ed. Thierry, Quatre mois du th^ätre de Moliöre. Mahrenholtz p. 184 fip. 
Lotheissen 206 n. 266 ff. 



43 

in wenigen Tagen für eine Reihe von Festlichkeiten in Versailles 
zu schreiben hatte. Ohne besonderen dramatischen Werth, zeigt 
doch auch diese flüchtige Gelegenheitsarbeit die komische Kraft 
des Dichters. Das Stückchen gipfelt in dem Consilium von fünf 
Aerzten, in welchen das Publikum das Porträt der fänf könig- 
lichen Leibärzte erblickte*). Wie Molifere gegen die Pedanten, 
so war er auch gegen die Aerzte eingenommen, und mit vollem 
Becht. Die Heilkunde war damals nichts als stolze Quacksalberei, 
und so sehr uns heute Moliire in seinem Spott zu übertreiben 
scheint, so sehr entsprach doch seine ganze Darstellung der 
Wirklichkeit**). 

Der nächste Sommer, 1666, brachte ein neues grosses Werk 
von Molifere, ein Werk, das von dem Seelenschmerz des Dichters 
Kunde gibt, den wMisanthrope«. Wenn wir auch keine Nachricht 
hätten von den Kämpfen, die Moli&re zu bestehen hatte, von den 
Hemmungen, die man ihm entgegenstellte, und dem Herzeleid, 
das ihm von der eigenen Frau angethan ward, — der »Misan- 
thrope«^ würde genügen, uns zu zeigen, in welcher Stimmung 
Moliire damals sich befand. Ein glücklicher Mensch kann kein 
Schauspiel wie den nMisanthrope« ersinnen; es ist mit dem Herz- 
blut des Dichters geschrieben, und die Bitterkeit der Empfin- 
dungen und Erfahrungen spricht sich offen, wenn auch indirekt, 
darin aus» 

Der ;)Misanthropet< ist die Folge und Ergänzung der beiden 
vorhergehenden grossen Schauspiele, des wTartuffe" und des nDon 
Juan<^. In demselben Geist gehalten , gibt auch er ein Bild der 
vornehmen Kreise und der Unwahrheit und Charakterlosigkeit^ 
die sich nur zu oft darin breit macht. 

Die Freunde und Kenner Moliire's lieben den nMisan- 
thropeti vielleicht mehr als jedes andere seiner Stücke, und auch 
den Scharfsinn der Kommentatoren hat er in ungewöhnlicher 
Weise beschäftigt. Wie in der Fabeln so wollen sie auch am 
Schluss des Schauspiels ihre Morallehre finden. Man sieht ein 



*) Vergl. Guy Patin's Brief v. 25. Sept. 1665. lieber Guy Patin selbst 
8. Lotheissen, Moli^re S. 90-93 u. S. 371. 

**) Vergl. Raynaud, les mddecins au temps de Moli^re, Paris 1862. — 
Lotheissen, Moli^re S. 370 ff. 



44 

ßäthsel in der Haltung Alceste's, des Menschenfeinds, und be- 
müht sich, dasselbe zu lösen. Der Generalkritiker des 18. Jahr- 
hunderts, La Harpe, kam zum trivialen Ergebniss, dass Molifere 
mit seinem ^^Misanthrope« die Menschen habe belehren wollen, 
dass auch die Tugend Mass halten müsse. Alceste thue Unrecht, 
allen Leuten die Wahrheit zu sagen. Dagegen hatte schon J. J. 
Rousseau die Anklage gegen Molifere erhoben, dass er Alceste 
ehrlich und offen zeige und doch eine lächerliche Rolle spielen 
lasse. 

Der Gedanke, dass der Menschenfeind als komische Figur 
aufzufassen und darzustellen sei, ist auch neuerdings wieder ge- 
äussert worden, gehört aber zu den vielen Geschmacklosig- 
keiten, durch welche sich übereifrige Erklärer seltsam hervorthun. 
Hält man sich bei dem Charakter Alceste 's nicht an einzelne 
Verse, sondern an die Gesammterscheinung, so ergibt sich ein 
Eindruck, der nichts weniger als komisch ist. Freilich liegt in 
dem blinden Anstürmen Alceste's gegen das Herkommen und die 
gesellschaftliche Lüge ein Zug feiner Komik, aber man würde 
ihn zerstören, wenn man seinen Charakter als komisch auffassen 
wollte. 

Alceste ist edeln Sinnes und aufrichtig, lauter in seinem 
Denken und Wollen; die Falschheit, die alle Verhältnisse ver- 
giftet und das Leben zu einer einzigen grossen Lüge macht, 
empört ihn: 

Find' ich doch aller Orten nichts als feige, 
Unwürd'ge Schmeichelei und Ungerechtigkeit! 
Ich halt's nicht aus, es macht mich toll,; ich will 
Der ganzen Menschheit offnen Krieg erklären*). 

Alceste's Gemüth ist durch den Gegensatz, in den er mit 
der Gesellschaft geräth, erbittert und wird leicht hart. Er ver- 
weigert die Beobachtung gewisser Formen und Vorschriften, welche 
die Gesellschaft beobachten muss, wenn sie bestehen will, und 
stellt sich damit in direkten Gegensatz zu dem erfahrenen, welt- 
gewandten Philinte, der ihn für einen impraktischen Schwärmer 
hält, und uns dabei manchmal an Goethe's Antonio erinnert, der 
dem warmfiihlenden Tasso so kühl entgegentritt. Uns freilich er- 



*) Misanthrope I, 1, 89 ff., übersetzt von Baudissin. 



45 

scheint Alceste in anderem Licht. Wir fdhlen mit ihm and 
begreifen y was er duldet. Er ist nicht eigentlich ein Feind 
der Menschen , wie der Titel des Stücks zu glauben verleitet. 
Alceste's Herz schwillt im Gegentheil von Mitleid und ist von 
dem Gefühl echter Humanität erwärmt. Wäre er sonst so unglück- 
lich? Wenn er die Welt wirklich hasste, zöge er sich zurück 
und lebte einsam fCLr sich hin. Aber dem ist nicht so, und gerade 
der Widerspruch zwischen seiner Liebe zur Menschheit und 
seine Ueberzeugung von der Schlechtigkeit derselben macht seinen 
Schmerz so tief. Darum darf man Moli^re's Dichtung auch nicht 
mit dem Shakespeare'schen 7)Timon<< vergleichen^ der in den 
Tagen des Glücks in toller Verschwendung seinen Besitz ver- 
geudet, dann aber jeden Halt verliert. Durch die Art, wie Timon 
sein Missgeschick erträgt, stösst er uns geradezu ab und wir sehen 
uns hier vor zwei grundverschiedenen Charakteren, ja zwei ganz 
entgegengesetzten Welten. 

Moli^re's Schauspiel ist eine meisterhafte Charakterstudie 
aus der vornehmen Gesellschaft, aber dramatisch wenig wirk- 
sam, besonders in seiner zweiten Hälfte. Man begreift es, warum 
der »Misanthrope« das grosse Publikum nicht besonders anzog. 
Der erste Akt ist bei weitem der stärkste und eindringlichste, 
aber die folgenden bieten keine Steigerung, und so tritt bei 
den Zuschauern leicht Ermüdung ein. Es fehlt dem Schauspiel 
der rechte Abschluss. Alceste erklärt, dass er sich in die Stille 
des Landlebens zurückziehen wolle, weil er dort allein noch 
ehrenhaft bleiben könne. Aber die Frage liegt nahe, ob er dort 
nicht gleichfalls Falschheit finden und in Zwiespalt mit den 
Menschen gerathen wird? So fordert das Stück zur Fortsetzung 
heraus, die denn auch ein Dramatiker der Revolutionszeit, Fahre 
d'J^glantine, mit seinem Schauspiel nie Philinte de Moli^re^^ 
versuchte, ohne aber zu einer richtigen Lösung zu gelangen. 
Eine solche ist auch kaum möglich, wenn man keine Tragödie 
will. Alceste büsst, was er verschuldet hat. Für seine Zweifel 
gibt es keine Antwort, für solche Qualen keine Beruhigung, und 
das Bewusstsein davon erhöht die Schwermuth, die auf der 
ganzen Dichtung ruht. 



46 

Das Publikum zu lebendigerem Besuch des Theaters zu 
vermögen, Hess Molifere bald den Vorstellungen des nMisanthrope" 
noch ein heiteres Nachspiel folgen. Von August an wurde die 
Posse ;7Le M^decin malgr^ lui« als zweites Stück nach dem 
nMisanthrope(£ aufgeführt und erregte stürmischen Beifall. 

Der 7?M^decin malgrö lui^ ist zum grossen Theil nach einem 
Fabliau des 13. Jahrhunderts gearbeitet; und möglicherweise aus 
einem der früheren kleinen Possenspiele erwachsen, die Molifere 
während seiner Wanderungen durch die Provinz entworfen hatte. 
Unter den Titeln derselben wird wenigstens ein nFagoteux^ 
angeführt, und Sganarelle , der Arzt wider Willen , ist auch ein 
7?'Fagoteux". Der rjM^decin malgr^ lui" ist sicherlich eins der 
humorvollsten Stücke Moli^re's. Dass dieser trotz seiner Schwer- 
muth solche von Heiterkeit überströmende Werke schaffen konnte, 
überrascht im ersten Augenblick. Dann aber erklärt es sich leicht^ 
und Moli^re bietet nicht das einzige Beispiel eines Mannes, der 
tiefe Schwermuth im Herzen trug und dessen Werke in gewin- 
nendem Frohsinn glänzten. Wir erinnern nur an Ferdinand 
Kaimund. 

Gegen das Ende des Jahres beanspruchte der König aufs 
neue Moliere's Dienste. Wiederum handelte es sich um grosse 
Festlichkeiten, die diesmal in Saint-Germain zwei Monate hin- 
durch statthatten. Ein Glanzpunkt derselben war ein grosses 
Ballet, rt\e Ballet des Muses^, in dem der König selbst mittanzte. 
Dasselbe bestand aus vielen selbständigen Abtheilungen, und für 
einige derselben hatte Moli^e zu sorgen. Als dritte T^Entröeu brachte 
er zwei Akte eines Idylls wM^licerte«, worin er das elegante, 
konventionelle Schäferspiel mit Grazie behandelte, und die Viel- 
seitigkeit seines Talents bewundern liess. Er vollendete die Dich* 
tung nicht, und ersetzte die zwei Aufzüge bei der erneuten Auf- 
führung des Ballets durch einige Scenen mit Gesang und Tanz^ 
die er als 77 Pastorale comique(< bezeichnete. Später schob er als 
letzte 7)Entr^e<< noch ein possenhaftes Spiel T^Le Sicilien<< an, das 
man als einen Vorläufer der komischen Oper betrachten kann. 

Bald nach dem Ende der Festtage zu Saint-Germain er- 
krankte Molifere. Schon lange war er leidend, und die Aufregungen 
der letzten Jahre, die Anstrengungen seines Berufs steigerten 



47 

sein Uebel. Mehrere Monate musste er auf jede Thätigkeit ver- 
zichten, und das Jahr 1667 war für ihn nicht fruchtbar. Doch 
erneuerte er den Versuch, den wTartuffe" zur öffentlichen Auf- 
fährung zu bringen. Im Mai begab sich König Ludwig zur 
Armee nach Flandern. Vielleicht hatte er vor seiner Abreise dem 
Dichter, der noch immer nicht ganz genesen war, versprochen, 
den 7)Tartuffe(£ frei zu geben, zumal wenn einzelne anstössige 
Scenen darin gemildert würden. In einem späteren Bittgesuch 
an den König berief sich wenigstens Moli&re auf eine solche 
Zusage, was er doch nicht ohne Grund thun konnte. So ordnete 
er denn die Aufführung des so lang gebannten Stückes an, nur 
dass er es unter dem Titel nL'Imposteurt^ ankündigte und den 
Hauptträger desselben Panulphe nannte. Auch im Text hatte er 
einige Aenderungen vorgenommen. Der »Imposteur^« wurde wirk- 
lich am 5. August aufgeführt, allein schon am Tag darauf erfolgte 
von Seiten des Parlaments-Präsidenten Lamoignon, der interi- 
mistisch die Leitung der Polizei übernommen hatte, ein strenges 
Verbot. Erbittert über diese abermalige Hemmung, schloss Moli^e 
sein Theater, bis dass der König entschieden habe. Zugleich 
sandte er zwei seiner Schauspieler in das Feldlager vor Lille, 
um König Ludwig' s Hilfe zu erbitten. In der Schrift, die er 
ihnen mitgab, erlaubte er sich dem König gegenüber eine merk- 
würdige Sprache. Er erklärte seinen Entschluss, nichts mehr zu 
schreiben, wenn die Tartuffes diesmal Recht behalten sollten. 
Es klang durch diese Worte fast wie eine Drohung. Der König 
behielt sich die Entscheidung für die Zeit seiner Rückkehr nach 
Paris vor. Eine günstige Antwort war ihm durch das Verdam- 
mungsurtheil erschwert, das der Erzbischof von Paris, Hardouin 
de P^r^fixe, wenige Tage nach der öffentlichen Aufführung des 
Tilmposteur« gegen das Stück geschleudert hatte. Ein Jeder, der 
es aufführe, lese oder vortragen höre, wurde von dem erbitterten 
Prälaten mit der Exkommunikation bedroht. Auch später kämpfte 
die Kirche noch offen gegen den Tartuffe. Predigte doch Bour- 
daloue von der Kanzel herab gegen ihn*), und bis in die 



*) Vergl. Band HI S. 856. 



48 

neuste Zeit ist Moli^re wegen dieser Dichtung aufs heftigste 
angegriffen worden*). 

Sieben Wochen blieb das Theater des Palais -Koyal ge- 
schlossen, und Moli^re hielt sich noch länger von der Bühne fem. 
War es Verstimmung oder Krankheit? Es scheint indessen, dass 
König Ludwig nach seiner Bückkehr sein Versprechen erneute, 
und Moliöre damit wieder aufrichtete. Doch wurde die Erfüllung 
dieser Zusage, wenn überhaupt eine solche vorlag, noch geraume 
Zeit verzögert. Erst als der Streit mit den Jansenisten im Herbst 
1668 so ziemlich beigelegt war und der religiöse Hader aufzu- 
hören schien, gestattete der König die Aufführung des nTartuffe«, 
der am 5. Februar 1669 seinen Einzug im Palais - Royal hielt. 
Moli^re hatte endlich gesiegt, aber um welchen Preis! Obwol 
der Zudrang des Publikums zu den Tartuffe - Vorstellungen so 
gross war, dass das Stück, in dem Meliere selbst die Rolle des 
Orgon spielte, vierundvierzigmal hintereinander wiederholt werden 
konnte^ betrat der Dichter doch seitdem das Gebiet des eigent- 
lichen Charakterschauspiels nicht wieder. 

Letzte Lebensjahre. 

1667—1673. 

Nach dem in Krankheit und Aufregung verbrachten Jahr 
1667 brachte die folgende Zeit wieder eine neue fruchtbare 
Thätigkeit. Mit Vorliebe wandte sich MoU&re nun abwechselnd 
der Behandlung alter lateinischer Stoffe und der Schilderung 
der bürgerlichen Kreise zu. Er schuf eine Reihe von Lustspielen, 
in welchen er den vollen Reichthum seines Humors glänzen liess. 
Doch ist ein Unterschied bemerkbar. Auch bei seinen früheren 
Lustspielen findet sich nur selten ungetrübte Heiterkeit; etwas 
Schwermuth mischte sich jederzeit leicht bei ihm in den Scherz. 
In den späteren Komödien aber wird der Zug von Bitterkeit 



*) Louis Veuillot, Moli^re et Boordaloue. Paris 1877. Ihm entgeg^nete 
H. de Lapommeraye, Moliöre et Bossuet Paris 1877. lieber diese äussere Ge- 
schichte des uTartüffe** vergl. Lotheisseu, Moliöre, S. 213 ff. — Lindau, Moli^e 
in Deutschland« 1867. — Humbert , Geschichte des Tartüffe in Frankreich in 
der Zeitschr. für neufranz. Spr. u. Lit, Bd. III. — Desselben Verfassers ^Moli&re 
in Deutschland** und Mangold, Moliöre*s Tartüffe, Kritik und Geschichte. 



49 

stärker und fühlbarer; sie führen uns häufig in ein zerrüttetes 
Familienleben, in eine Welt; in der die Schurken siegen, während 
die ehrlichen Leute genarrt werden und unterliegen. 

Das Jahr 1668 brachte drei neue Werke, den rjAmphitryon", 
^George Dandin« und den nAvare«. Das erste Stück, der nAm- 
phitryon<<; fusst auf der Plautinischen Komödie Amphitmo, und 
behandelt die Sage von Alkmene^ zu der Jupiter in Gestalt ihres 
in den Krieg gezogenen Gatten Amphitruo kommt , während 
Merkur als Sklave Sosias erscheint. Das lateinische Stück ist 
derb; mit wenig Respekt vor den Himmlischen , darf aber in 
dieser Hinsicht nicht nach modernen Begriffen beurtheilt werden. 
Die Alten sahen ihre Götter oft in Menschennatur; und lachten 
über siC; ohne zu glauben; dass sie damit einen Frevel begingen. 
Wenn am Schluss des Plautinischen Stücks Jupiter in den Wolken 
erscheint; um die Missverständnisse aufzuklären^ und mittheilt; 
welche Ehre er Alkmenen angethan hat; so ist alles in Ordnung. 
Moli&re konnte sich mit solcher Behandlung der Sage nicht zu- 
frieden geben; sie wäre einfach widerwärtig erschienen. Er fasste 
sie humoristisch auf, gab sie als einen Schwank, eine Verspottung 
der alten mythologischen Welt, etwa wie man in unserer Zeit 
die Sagen von Orpheus und Helena travestirt hat. Doch welch 
«in Unterschied zwischen der plumpen Manier der Offenbach- 
schen Posse und dem geistvollen Spiel der Moli^re'schen Muse. 
Moli&re hat die Derbheit der Plautinischen Komödie gemildert, 
die Liebesscenen durch ein leichtes Pathos gehoben; das Ganze 
in feine Ironie getaucht. Er gab damit Anlass zu der abge- 
schmackten Beschuldigung; dass Moli&re unter dem Bild Jupiter's 
und Alkmene's das Verhältniss König Ludwig's zur Montespan 
habe entschuldigen; gewissermassen verherrlichen wollen* Zum 
Beweis dafür führte man das Wort Jupiter's aU; mit welchem 
dieser den bestürzten Amphitryon tröstet: 

Mit Jupiter zu theilen 
Bringt keine Schmach*). 



♦) Amphitryon III, sc. 10: 

Un partage avec Jupiter 

N*a rien du tout qui deshonore. 

Xotheissen, Gesch. d. franz. Literatur. IV. Bd. 



} / 



50 

Die Geschichte von Amphitruo war indessen schon früher 
in verschiedener Art, al& Schauspiel und Ballet, vor dem Hof 
dargestellt worden. Kotrou hatte in seinen nDeux Sosiestt bereits^ 
eine Bearbeitung des Plautus versucht, und Molifere hat gerade 
die Scene, in welcher jene oben erwähnte Stelle vorkommt^ 
seinem Vorgänger entlehnt, aber, was hier entscheidend ist, gemil- 
dert. Bei Rotrou hiess es, dass Alkmene diesen Ehebruch sieb 
als Ehre anrechnen könne und dass der Bang des Sünders dem 
Vergehen seine Schande nehme*). Hätte Meliere dem König in 
so niedriger Art sebmeicheln wollen, was nicht in seinem Cha- 
rakter lag, er hätte jene Stellen ungeändert herübergenommen. 
Zudem Hess er sein Stück im Palais-Royal vor dem Pariser 
Publikum aufführen, das doch eher geneigt gewesen wäre, eine 
Satire als eine Huldigung darin zu erblicken* 

Sympathisch wirkt der wAmphitryon" nicht, aber das fol- 
gende Stück, »George Dandin«, das im Juli des Jahres 1668 
zuerst in Versailles vor dem König zur Aufführung kam, befrie- 
digt noch weniger. Hier, wie gleich darauf im »Avare« und später 
noch in anderen Stücken, führt Meliere in die bürgerlichen Kreise, 
die er als ebenso verkehrt schildert wie die aristokratische Welt. 
Dandin, »ein Bauer«, wie das Personenverzeichniss sagt, ein 
»bürgerlicher Grundbesitzer«, wie wir ihn etwa heute bezeichnen 
würden, hat, von Eitelkeit verleitet, seinen Stand verachtet und 
die Tochter einer bettelstolzen Landjunkerfamilie geheirathet. 
Dieser Fehler verdirbt ihm das Leben. Von seiner Frau und 
Schwiegermutter, die ihn beide verachten, misshandelt und gequält,, 
sieht er zu spät ein, dass nur Gleich und Gleich sich verbinden 
soll. »Vous Tavez voulu, George Dandin!« sagt er sich. Aber der 
schmerzliche Ruf der Selbstanklage gibt ihm keinen Trost. Ein 
treffliches Charakterbild bietet das Ehepaar Sotenville, das die 
Reihe der komischen Figuren Molifere's aus dem Provinzadel er- 



*) Rotrou, Les deux Sosies, V. 6: 

Alcm^ne, par nn sort ä tout autre contraire, 
Peut entre ses honneurs compter un adult^re. 

und in der 1. Scene: 

Le rang des vicieux dte la honte aux vices. 

Vergl. Oeuvres de Moliöre, 6d, Despois et Mesnard, t. VI, p. 321. 



51 

öflFnet. «George Dandin« ist eigentlich nur eine Erweiterung des 
alten Stückchens «La Jalousie du Barbouilldi«, mit einer Anlehnung 
an eine Boccaccio'sche Novelle*). Dasselbe Thema, die falsche 
üeberhebung des Bürgers, hat Meliere bald noch einmal in seinem 
r,Bourgeois gentilhomme« mit mehr Humor und grösserer Meister- 
schaft behandelt. 

Der 7>Avaretf, gleich dem »Don Juan« in Prosa geschrieben, 
wurde im Herbst zum erstenmal im Palais-Royal aufgeführt. 
Wie den 7>Amphitryon", hatte Molifere dieses neue Stück einer 
Komödie des Plautus, der T^Aululariat^^ nachgebildet, dazu auch 
verschiedene Ideen und Situationen aus französischen und italieni- 
sehen Stücken, z. B. den »Espritst^ von Larivey**) und der rjBeUe 
plaideuse« von Boidrobert herübergenommen. Kaum aber mag 
Moli&re in einem andern Stück die verschiedenen Lustspielelemente 
so gut verarbeitet, sie so sicher zu einem Ganzen und zwar zu einem 
Ganzen originalen Charakters verschmolzen haben. Die Plautini- 
sehe Komödie wandelte er völlig um, indem er sie in die moderne 
Welt versetzte, und ein französisches reiches Bürgerhaus zeigte. 
Bei Plautus ist der Geizhals possenhaft übertrieben; er wUl keinen 
Rauch aus dem Schornstein entweichen lassen, und bindet sich 
während des Schlafs einen Schlauch vor den Mund um den 
Athem zu sparen***). Er war ein armer Tropf, der durch den 
Fund eines Schatzes unerwartet reich geworden ist. Meliere gibt 
seinem Harpagon das Gepräge der Wahrheit; wir sehen in ihm 
den Geizigen, der von Haus aus reich ist, inmitten seines Reich- 
thums aber darbt und nur an dessen Vermehrung denkt. Meliere 
entrollt dabei ein düsteres Familiengemälde, und zeigt den Vater 
im Zwiespalt mit den Kindern, die sich offen gegen ihn auflehnen. 
Strenge Moralisten tadeln, dass er in Cl^ante, dem Sohn, einen 
pflichtvergessenen, seinen Vater verhöhnenden Menschen, einen 
Dieb gezeichnet habe. Sie übersehen dabei, dass Cl^ante keines- 
wegs als ehrenhafter Mann hingestellt werden soll. Meliere will 



*) Boccaccio, il decamerone, VII. Tag, 4. Novelle. 

**) Vergl. Bd. I. S. 277 über die Esprits. In dem Lustspiel von Boisrobeit 
findet sicL, wie im „Avare**, ein Geizhals, der unerkannt Geld zu hohen Zinsen 
aasleiht und der, wie es sich herausstellt, seinen Sohn als Schuldner hat. 

*♦*) Plauti Aulularia II, 4. v. 255 ff, 

4* 



52 

vielmehr zeigen, wie der gemeine Geiz des Vaters die ganze 
Familie verdirbt und auf Abwege führt. Goethe nannte den 
7?Avare" ein grosses, in hohem Sinne tragisches Werk. (Ge- 
spräche mit Eckermann, Februar 1825). Trotzdem stellen wir 
das Stück nicht in die Reihe der grössten Dichtungen Moliere*s. 
Dazu ist es zu arm an Handlung und in der Komposition zu 
schwach. Neben Harpagon, dessen Zeichnung allerdings ein 
Meisterwerk ist, erscheinen die anderen Personen farblos und 
erwecken nur geringes Interesse. 

Im folgenden Jahr — 1669 — schlug auch für den rjTartuffe« 
die Stunde der Erlösung. Wir haben schon oben vorgreifend 
erwähnt, dass der König endlich die Aufführung gestattete 
(3. Februar). In jener Zeit auch trat Meliere nach dem Tod 
seines Vaters, der einige Wochen nach der ersten Tartuffe- 
Auffdhrung erfolgte (27. Februar), in den persönlichen Dienst 
des Königs. Denn er übernahm nun als Nachfolger seines Vaters 
die Stelle eines wirklichen Kammerdieners bei Ludwig XIV.*). 
Mit erneutem Eifer arbeitete er seitdem für die Unterhaltung 
des Königs bei den grossen Hoffesten. Man erhält den Eindruck, 
als hätte Moli^re damit seinem Ftlrsten den Dank für die Beweise 
seiner Gnade ausdrücken wollen. 

Im Herbst wurde Molifere mit seiner Truppe auf fünf 
Wochen nach Schloss Chambord beschieden, um durch seine Kunst 
eine Reihe von Festlichkeiten zu verschönen. Bei dieser Gelegen- 
heit brachte er eine neue Posse zur Aufführung, die dem Hof 
wie später dem Pariser Publikum gleichermassen gefiel. r^M. de 
Pourceaugnac<< ist allerdings in derbem Stil ausgeführt, allein in 
seiner Art gelungen. Eine ausgelassene Laune herrscht hier als 
unumschränkte Meisterin, und fragt weder nach logischer Ent- 
wicklung, noch nach künstlerischer Komposition. 

Ohne dramatisches Interesse war dagegen das fünfaktigo 
Lustspiel nLes Amants magnifiques<<, das Moli^re nach einer 



*) Die Valets de chambre et tapissiers du Boy hatten keinen schweren 
Dienst. Es gab deren acht, von welchen je zwei während dreier Monate des 
Jahrs das Amt zu versehen hatten. Sie standen am Fassende des Bettes, wäh- 
rend andre Diener dasselbe bereiteten. Ausserdem war ihnen die Sorge für die 
Instandhaltung der Möbel in den königlichen Palästen anvertraut. 



53 

Idee des Königs verfasst haben soll, und im Februar 1670 zu 
Saint-Germain aufftthrte. Um so frischer sprudelt der Humor 
wieder in dem TiBourgeois gentilhomme<<, der im Oktober des- 
selben Jahres in Chambord vor dem Hof zur ersten Darstellung 
gelangte. Moli^re that hier wieder einen glücklichen Griff in das 
Leben, das ihn umgab. Diesmal schilderte er den reichgeworde- 
nen und auf seinen Besitz pochenden, beschränkten Bürger, der 
gern den Adelstand erwerben möchte. M. Jourdain erreicht 
freilich nichts weiter, als dass er von einer Bande von Schma- 
rotzern auf's frechste ausgeplündert wird. Dem eiteln Bürger- 
lichen steht der verkommene Aristokrat Dorante gegenüber, der 
sich nicht schämt Kupplerdienste zu leisten oder wenigstens sie 
zu leisten vorgibt. Der Beginn des Stücks lässt ein Charakter - 
lustspiel erwarten. Plötzlich aber schlägt es in eine Posse der 
tollsten Art um. Wir können diese Aenderung des Tons nur 
bedauern, wenn sie auch erklärlich ist. Moli^re mag in der Zeit 
gedrängt gewesen sein, musste auch wohl Rücksicht auf die 
Forderungen der Festordner nehmen, die Platz für Ballet und 
scenischen Pomp verlangten. So überstürzte er zuletzt sein Werk, 
nahm auch aus Rotrou's Lustspiel nla Soeur« eine Scene theil- 
weise herüber*). Im Ganzen aber war sowohl »M. dePourceaugnac" 
wie der nBourgeois«* eigne, selbständige Arbeit. Die Komposition 
des letzteren Stücks ist noch loser als in nM. de Pourceaugnac^, 
loser als es selbst die Freiheit der Posse gestatten mag. Und doch 
ist der 7?Bourgeois gentilhomme" in vieler Hinsicht ein geniales 
Werk. 

Man hat Meliere manchmal getadelt, dass er nach seinen 
Charakterschauspielen wieder zur Posse zurückgekehrt sei. Ihn 
zu entschuldigen, schiebt man die Schuld auf den König und 
bedauert den Dichter, dass er sich dem Zwans:, für den Hof zu 
dichten, nicht habe entziehen können. Hat er denn aber alle 
seine Possen für den Hof geschrieben, hat er nicht den »Mddecin 



*) Die 6. Scene des II. Aktes, in welcher türkisch gesprochen wird, ist 
offenbar eine Nachbildung* der ö. Scene des III. Aktes der „Soeur**. Vergl. 
Bd. II. S. 364. Siehe daselbst auch S. 473 über einen ähnlichen Vorgang, der 
im 11. Buch des „Francion" von Sorel erzählt wird, wo man einen Pedanten, 
Hortensius, zum Besten hält und ihn als König von Polen proklamirt. 



54 

malgrö lui« und später die wFourberies de Scapin" für das Palais - 
Royal verfasst? Und wenn es wahr wäre, dass Moliere seine 
Possen alle im Dienst und auf den Wunsch des Königs gefertigt 
hätte, sollte man diese Thätigkeit wirklich bedauern? Allerdings 
sind einige der Gelegenheitsstücke, wie die «Pi'incesse d'Elide« 
und die wAmants magnifiques« herzlich unbedeutend, wie es 
andre von Moliere für die Pariser geschriebene Schauspiele 
auch sind — man denke an nDon Garcie de Navarre" — 
aber welche Reihe von Schöpfungen unsterblichen Humors bot 
der Dichter doch in seinen Possen! Sollte man wirklich so 
leicht auf dieselben verzichten, und ist es richtig, wenn man 
hochmüthig die Nase über solche Produkte rümpft? Es war für 
Moliere geradezu eine Erholung, manchmal leichtere Stücke zu 
schreiben, die ohne aggressive Tendenz in einfacher Heiterkeit 
einherschritten. Das Genre der Posse ist nicht hoch, aber Nie- 
mand vermag Moliere auch in ihm die Herrschaft streitig zu 
machen. Diderot sagt einmal, man täusche sich, wenn man glaube, 
es gäbe mehr Männer, die einen nPourceaugnac", als solche, die 
einen wMisanthrope« schreiben könnten. Viel Zeit hat Moliere 
überhaupt nicht auf seine Gelegenheitsdichtungen verwendet, und 
sie haben ihn nur zum geringen Theil von der Ausarbeitung 
grösserer Entwürfe abhalten können. Seine Direktionsgeschäfte, 
seine künstlerische Thätigkeit ermüdeten ihn viel mehr, und vor 
allem war sein Gesundheitszustand ein ernstes Hindemiss für 
seine dichterischen Arbeiten. 

Wie er den ^Bourgeois gentilhommc* in der Eile geschrieben 
hatte, so musste er für ein Hoffest im Januar 1671 seine nPsychi" 
in kürzester Frist vollenden. König Ludwig hatte in den Tuile- 
rien einen Festsaal herstellen lassen, und gab zu dessen Ein- 
weihung ein glänzendes Fest. Moliere erhielt den Auftrag, dazu 
ein Stück zu liefern, und er wählte die liebliche Sage von Psyche, 
die durch den wenige Jahre zuvor erschienenen Roman von 
La Fontaine neuerdings populär geworden war. Da die Zeit 
drängte, rief Moliire noch Pierre Corneille und Quinault zu Hilfe. 
Mit ersterem stand er auf freundlichem Fuss, und hatte schon 
mehrere von dessen Dramen auf seiner Bühne aufgeführt. Er 
selbst entwarf den Plan und schrieb den ersten Akt, sowie je 



55 

die erste Scene des zweiten und dritten Aktes. Corneille schrieb 
den Rest in etwa vierzehn Tagen, und wenn Moli^re durch die 
in dem Werk verstreuten zarten Stellen einen Beweis von lyri- 
schem Talent gab, fand auch Corneille eine ihm angenehme Auf- 
gabe und Hess in manchen Scenen seine alte dramatische Kraft 
wiedererkennen*). Quinault dichtete die Lieder, die eingelegt 
wurden^ und Lulli komponirte die Musik zu dem Schauspiel^ das 
durch die gemeinsame Arbeit der hervorragenden Männer, durch 
die liebenswürdige Behandlung der duftigen Sage und den Glanz 
der scenischen Ausstattung ein besonderes Interesse erweckte. 

Bald nach der ersten Aufführung gelang es, eine Aussöh- 
nung Moliere's mit seiner Frau herbeizuführen, wodurch der 
Dichter wenigstens in den letzten Lebensjahren vor gänzlicher 
trauriger Isolirung bewahrt wurde. 

Im Mai desselben Jahres folgte dann die Posse wLes Four- 
beries de Scapin«, die zuerst im Palais-Roy al aufgeführt wurde, 
und im December T^la Comtesse d'Escarbagnas", die zunächst 
den Hof in Saint-Germain unterhielt. 

Die 7?Fourberies de Scapin« sind zwar übermüthigen Humors, 
aber sie verletzen. Denn so lustig die Schelmenstreiche Scapin 's 
auch dargestellt sein mögen, sie sind und bleiben doch Schurke- 
reien. Diebstahl ist die Losung des Stücks, viel offner als 
im TjEtourdi«. Der letztere war zudem ein Jugendwerk; seit- 
dem aber hatte Meliere sein Publikum an Besseres gewöhnt. 
Die jjFourberiest* scheinen zunächst von dem »Phormio« des 
Terenz inspirirt, ohne dass man jedoch von einer Bearbeitung 
desselben durch Meliere reden könnte. Auch haben sie eine 
wirksame Scene aus Cyrano Bergerac's Posse nie Pedant jou^" 
entlehnt**), und erinnern in Einzelnheiten noch an andre Stücke. 
Es ist nicht unmöglich, dass sie aus früherer Zeit stammen, aber 
es war doch ein Irrthum Moliere's, dass er mit ihnen die alte 
Manier der Posse, die schon überwunden schien, wieder aufzu- 
frischen suchte. 



*) Siehe Band II, S. 314 ugid 815, 
**) Siehe Band II, S. 451—453. 



56 

Die TiComtesse d'Escarbagnas« ist nicht viel mehr als eine 
allerdings gelungene Skizze aus dem Leben in der Provinz. Die 
Gräfin d'Escarbagnas, eine adelstolze Dame, die auf kurze Zeit 
in Paris gewesen ist und nun feinen Pariser Ton bei sich zu 
Hause einführen will, ist eine gewiss dem Leben entnommene 
Figur, so gut wie die beiden Herren, die ihr zur Seite stehen, 
der Rath Tibaudin und der Steuereinnehmer Harpin. So unschein- 
bar das kleine Stückchen auftritt, ist es doch ein echter Meliere. 
Es sollte übrigens die letzte Arbeit sein, die der Dichter in des 
Königs Dienst schrieb. War es Zufall oder hatte sich König 
Ludwig's Geschmack geändert? Gerade damals zeigte Ludwig 
besondere Vorliebe für die Tragödien Bacine's^ die mit ihrer 
Leidenschaft und psychologischen Feinheit, ihrer Eleganz und 
den gleich Musik dahinströmenden Versen wunderbar zu dem 
Hof des kriegerischen, galanten und prachtliebenden Fürsten 
passten. 

Ein Werk ganz anderer Bedeutung, »jLes femmes savantes««,. 
erschien im März 1672 auf der Bühne des Palais-Roy al. Ea 
gehört unstreitig zu den gelungensten Lustspielen Moli^re^s, da 
es glückliche Heiterkeit mit einem gewissen Ernst zu vereinigea 
wusste» Die T^Femmes savantes" behandeln die Frage der Frauen^ 
emancipation, so weit sie damals die Gemüther beschäftigte. 
Wie schon öfters, trat auch hier Moli^re als der Vertheidiger 
der Familie auf, indem er sich gegen die precieusen und nach 
gelehrtem Nimbus strebenden Damen erklärte. Dass er dabei 
nicht als Lobredner der Unwissenheit erscheint, versteht sich 
von selbst. Den unleidlichen gelehrten Damen stellt er in Hen- 
riette ein reizendes Mädchenbild gegenüber, eine der gewinnend- 
sten Figuren, die er überhaupt gezeichnet hat. Seine wahre 
Meinung über die Frage findet sich wohl in einer Erklärung 
Clitandre's, des jungen Edelmanns, der Henriettens Herz ge- 
wonnen hat: 

Einsicht und Wissen ziemet jeder Frau, 

Doch unschön ist's, wenn sie die Sucht besitzt, 

Gelehrt zu sein, nur um gelehrt zu scheinen. 

Neben den Scenen, in welchen eine gemässigte Heiterkeit 
herrscht, finden sich in den jjFemmes savantes« auch andere 



57 

im wahrhaften Possenstil; deren Helden die beiden Pedanten, 
der schöngeistige Trissotin und der gelehrte Vadius sind. Das 
Publikum sah in dem ersteren eine Earrikatur des Abbä Charles 
Cotin, der als Prediger nicht unbekannt war^ sich als Dichter 
versucht hatte, und von Boileau in den Satiren ungebflbrlich 
angegriffen worden war. Er hatte sich in seiner nCritique d^s- 
intäres^öe des satires du temps<< (1666) gewehrt. Leider hatte 
er dabei die Denunciation als schärfste Waffe gebraucht, und 
den ihm feindlichen Satiriker als Religionsspötter und Lästerer 
des Königs hinzustellen versucht. Hatte darum Moli^re be- 
schlossen nun eine wahrhafte Exekution gegen ihn zu voll- 
strecken? Jahre waren doch seitdem vergangen und er hätte besser 
gethan, von jedem persönlichen Angriff abzusehen. Dass sich 
das Publikum mit seiner Auffassung nicht irrte, ergibt sich schon 
aus dem Umstand; dass Moli^re das Sonnet^ welches Trissotin 
seinen entzückten Zuhörerinnen als sein neuestes Werk vorträgt, 
den T^Oeuvres galanteste des Abb^ (1663) entnommen hatte. In 
Vadius fand man das Bild des gelehrten M^nage^ der eine 
literarische Fehde mit Cotin ausgefochten hatte. Doch sind 
Vadius' Beden so allgemeiner Natur^ dass sich kaum persönliche 
Anspielungen darin finden lassen. Auch war Manage klug genug, 
das Stück zu loben, und so zu zeigen, dass er sich nicht im 
mindesten getroffen fühlte. 

Sieht man von dem Widerwärtigen ab, das ein solches 
Herabzerren von Privatpersonen auf die Bühne — trotz Aristo- 
phanes' Vorbild — immer hat, so muss man zugeben^ dass die 
beiden Pedanten vortrefflich geschildert sind. Sie zeigen deutlich, 
wie Moli^re die Manier der alten italienischen Komödie, die ja 
den pedantischen Dettore als Lieblingsfigur hatte, umwandelte^ 
den alten Figuren neues Leben einflösste und damit ihren Humor 
verjüngte. 

Wie für die meisten Lustspiele, hat Moli^re auch (Qr die 
nFemmes savantes^^ seine erste Anregung in fremden Stücken ge- 
funden. Man verweist u. a. auf Chapuzeau's nAcad^mie des fem- 
mes«, auf zwei spanische Lustspiele von Lope und von Calderon, 
sowie man auch Beminiscenzen aus Plautus, Corneille (der 



58 

TjSuivante«) u. a. m. finden will*). Dem Werth und der Origi- 
nalität der Molifere'schen Dichtung geschieht mit solchen Nach- 
weisen kein Eintrag. Fremde Einftllle so zu benutzen, wie er es 
that, und allerlei Scenen fremder Lustspiele in einem einheit- 
lichen selbständigen Werk einzufügen und zu verarbeiten, konnte 
doch niemand anders so wie er. 

Aber er war krank und die fortwährende Aufregung des 
Spiels, die Anstrengung der Theaterleitung erhöhten sein Leiden 
in bedenklicher Weise. Vergebens suchte Boileau ihn zu bereden, 
dass er seine schauspielerische Thätigkeit einstelle. Er hoffte ihn 
dann auch dahin zu bringen, dass er keine Possen mehr schreibe, 
sondern sich ausschliesslich dem höheren Lustspiel widme. Ja 
er soll ihm für diesen Fall einen Platz in der Akademie in 
Aussicht gestellt haben. Allein diesmal beurtheilte Boileau seinen 
Freund schlecht. Meliere war mit Leib und Seele Schauspieler; 
zudem wusste er, dass seine Gesellschaft verloren war, sobald 
er sich von ihr zurückzog. Und was die Zumuthung betrifft, 
dass er seine dichterische Weise ändern, von den Possen kflnftig 
absehen solle, so irrte Boileau noch mehr. Meliere war zu unbe- 
fangen im G-eist, um sich mit einemmal für vornehmer zu halten 
und seine frühere Thätigkeit gewissormassen zu verleugnen. Er 
blieb also bei seiner eigenthümlichen Art, und schrieb im Winter 
1672 — 73 eine neue Posse, die er zunächst für die Hoffeste 
während des Carnevals bestimmte. Es war dies sein 7)Malade 
imaginairet^, eine Satire auf die ärztliche Kunst, die er, der 
Schwerkranke, verfasste. Der erwartete Auftrag von Seiten 
König Ludwig*s blieb indessen aus, und Meliere entschloss sich, 
sein Stück dem Pariser Publikum mit dem Aufwand der sceni- 
schen Pracht, in der es sich dem Hof vorgestellt hätte, vorzu- 
führen. Aber auch diesen Plan sah er durchkreuzt. Die Sonne 
der königlichen Gunst leuchtete anderen Männern. Lulli war 
zum Direktor der neu eingeführten Oper ernannt worden und 
beanspruchte ein Privileg auf alle musikalischen Aufführungen. 



*) Auf Chapuzeau^s Stück als Vorläufer der „Femmes savantes^ hat 
zuerst Fritsche hingewiesen. Vergl. dessen Ausgabe der „Femmes savantes". 
Einleitung S. 15 und die Koten zum Text stellenweise. 



59 

Moliere wurde an eine Verordnung erinnert, welche seit Kurzem 
den Privatbtihnen die Darstellung von Balleten, sowie die Ver- 
wendung von mehr als zwei Sängern und sechs Musikern unter- 
sagte. Somit sah er sieh genöthigt, sein Stück in einfacher Gestalt 
aufzuführen* Die erste Vorstellung fand am 10« Februar 1673 
statt, und Moliöre spielte selbst die Rolle des eingebildeten 
Kranken. 

Es war ein rechter Faschingsscherz, den das Palais-Royal 
da brachte, und zumal der Mummenschanz am Schluss des Stücks, 
die Verleihung der Doktorwürde an M. Argan, erinnert lebhaft 
an die letzte Scene des «Bourgeois gentilhomme«. Was aber dort 
nur Uebermuth der Posse und Uebertreibung war, erhielt hier sati- 
rische Schärfe, denn Moliere kopirte in der Promotionsscene den 
Vorgang bei den wirklichen Prüfungen und der Promotion der 
Doktoren in glücklichster Weise. 

Moliere hatte die Aerzte schon öfters in seinen Lustspielen 
verhöhnt, aber mit solcher Entschiedenheit hatte er ihre Un- 
wissenheit und Pedanterie doch noch nicht gegeisselt. Und dabei 
war das Ganze mit der übermüthigsten Laune gegeben. Die 
Mittheilungen über die medicinische Wissenschaft jener Zeit 
lassen erkennen, dass die Methode, welche der Kandidat bei Mo- 
liere in allen Fällen anzuwenden räth: 

Clysterium donare, 
postea seignare, 
ensuita purgare 

in der Wirklichkeit ernstlich befolgt wurde. Selbst der König 
musste sich in dieser Hinsicht beugen und den Aerzten ihren 
Willen lassen. Das Tagebuch, das die Leibärzte über seine Ge- 
sundheit führten, beweist, was man ihm zumuthete*). Wie man 
sich zu schützen suchte, wenn man von einem tollen Hund ge- 
bissen war, haben wir schon aus den Briefen der Mme de S6vign6 
erfahren**). Aber das beliebteste Mittel blieb doch der Ader- 
lass. Mit einem wahren Fanatismus stürzten sich die Aerzte, 



*) „Journal de la sante da roi** public par M. Le Roi. Versailles 1862, 
Das Tagebuch geht von 1652—1711. 

«*) Brief vom 13. März 1671. Vergl. Band III, S. 287. 



60 

Vampyren gleich^ auf ihre Patienten. Guy Patin Hess seinem 
Sohn, der fieberkrank darniederlag; binnen wenigen Tagen 
zwanzigmal die Ader öffnen, und einem Kind von sieben Jahren 
verordnete er, wie er selbst schreibt, im Zeitraum von vierzehn 
Tagen dreizehn Aderlässe! Nierenschmerzen, Keuchhusten — 
alles und jedes Uebel sollte durch Blutentziehung geheilt werden*). 
Auf das heitere Spiel des TiMalade imaginairet< fiel indessen 
ein dunkler Schatten. Moli^re, der den Argan spielte, war nicht 
bloss in der Einbildung krank, sondern seinem Ende nahe. Er 
selbst ahnte, dass die Krisis bevorstand. Am Tag der vierten 
Vorstellung, den 17. Februar 1673, fühlte er sich besonders 
schwach und seine Stimmung war trüber als je. Grimarest, sein 
Biograph, der nach Mittheilungen Michel Baron's geschrieben 
haben will, berichtet darüber ausführlich. Armande und Baron 
hätten Meliere bestürmt, die Vorstellung ausfallen zu lassen, er 
aber habe sich geweigert, um seinen fünfzig Bediensteten ihren 
Verdienst nicht zu entziehen. Das einzige, wozu er sich ver- 
stand, war der Beschluss, die Vorstellung eine Stunde früher 
beginnen zu lassen**). Nur mit grosser Anstrengung spielte er 
seine Rolle zu Ende. Als er in der letzten Scene sein rjjuroc« 
gesprochen hatte, erfasste ihn ein Brustkrampf. Es gelang ihm 
zwar, den Anfall zu verbergen und das Stück nicht zu stören, 
nach der Vorstellung aber Hess er sich gleich nach Hause bringen, 
und legte sich zu Bett. Nicht lange danach packte ihn ein furcht- 
barer Husten, dem ein Blutstrom folgte. Noch bevor weitere 
Hilfe kommen konnte, hauchte er seine Seele aus. Zwei Nonnen 
aus der Provinz, die er gastfrei für einige Tage bei sich auf- 
genommen hatte, waren allein bei ihm. Armande, die gerufen 
wurde, kam zu spät; sie fand ihren Gatten schon todt. Neuer- 



*) Vergl. Mme de Sevign^, Brief vom 28. Juli 1682. — Eine Apotheker- 
rechnung aus jener Zeit, die der Rechnung des Herrn Fleurant im „Malade 
imaginaire" gleicht, ist im Molieriste 1879, n» X, S. 293 mitgetheilt. Vergl. 
femer Raymond, les m^decins au temps de Moli^re. 

**) La vie de M. de Moliere par J. L, Le Gallois sieur de Grimarest. 
Paris, J. Lefebvre 1706. — Vergl. auch Taschereau, Histoire de la vie et des 
ouvrages de M. Die erste Ausgabe dieses Buchs erschien 1825, dasselbe ist 
aber seitdem öfters neu aufgelegt worden. — Lotheissen, Moliöre S. 231 ff. — 
Mahrenholtz, Meliere S. 288 ff. 



61 

dings stellt man die Ansicht auf, Moli^re habe an einer Erweite- 
rung der Aorta gelitten, und sie sei der Grund seines Todes ge- 
wesen*). 

Ein trauriges und aufregendes Nachspiel wurde über der 
Leiche des Dichters in Scene gesetzt. Der Pfarrer des Kirch- 
spiels Saint -Eustache verweigerte die kirchliche Bestattung und 
berief sich auf die Vorschrift der Kirche, welche den Komö- 
dianten das christliche Begräbniss versagte, wenn dieselben nicht 
sterbend wenigstens ihrem Gewerbe reumüthig entsagt hätten. 
Molifere aber war unbussfertig verschieden. Der Erzbischof von 
Paris billigte das Verhalten des Geistlichen und gestattete erst 
die Beerdigung , als er einen Wink von Versailles erhielt , wo 
sich Armande Moli^re dem König hilfeflehend zu Füssen geworfen 
hatte. Immerhin waren die Bedingungen noch hart genug* Die 
Leiche durfte nicht in die Kirche gebracht, keinerlei religiöse 
Feierlichkeit am Sarg vorgenommen werden, und das Begräbniss 
erst Abends spät, gleichsam verstohlen stattfinden**). 

Die dichterische Bedeutung Moli^re's werden wir weiter 
unten in einem besonderen Abschnitt beleuchten. Als Mensch 
erweckt er Theilnahme und Achtung. Sein leidenschaftliches 
reizbares Gemüth riss ihn mehr als einmal weiter als es gut war. 
Nie aber verleugnete er seine edel angelegte Natur, und er erwies 
sich hilfreich, selbstlos, ein treuer Freund. Die letzten Jahre 
hatten ihn zur Wolhabenheit gefuhrt. Aber von seinen drei 
Kindern überlebte ihn nur eine Tochter, Esprit Marie Madeleine, 
die im Jahr 1665 geboren war, sich 1705 mit einem Edelmann, 
Claude de Rachel sieur de Montalant verheirathete und im Jahr 
1723, ohne Nachkommen zu hinterlassen, starb. 

Das Theater des Palais-Royal schloss nach dem Tod seines 
Direktors seine Pforten auf acht Tage. Armande Moliire über- 
nahm die fernere Leitung der Gesellschaft, die sich indessen 



*) Baymond, les medecins au temps de Moli^re p. 447. 
**) Auch später noch bewies die Kirche ihre Strenge gegen Mitglieder 
des Theaters. Als der Schauspieler Rosimond (Claude La Kose) 1686 plötzlich 
starb, wurde er ohne kirchliche Feier in einem Winkel des Friedhofs von Saint- 
Sulpice begraben. Auch die bekannte Schauspielerin des vorigen Jahrhunderts, 
Adrienne Lecouvreur, hatte ein gleiches Loos. 



62 

bald nicht mehr ganz zasammenhalten Hess. Ein zweiter schwerer 
Schlag fOr die Künstler war es, dass ihnen der König den Saal 
des Palais -Royal entzog. Lolli brauchte ihn für die Opern- 
aaffdhmngen and setzte seinen Willen beim König durch. 
Die nCom^diens du Boi<£ wanderten anf das linke Seinenfer, 
wo sie in der Rue Ga&i6gaad ein altes Theater miethetcn. 
Mit Molifere war die Glanzzeit der Trappe dahin. Aber auch 
die rivalisirende Gesellschaft des Hdtel de Boargogne hatte 
viel verloren, and so sah sich König Ludwig veranlasst, die 
beiden Trappen zu einer einzigen zu verschmelzen (21. Oktober 
1680)^ um so ein wirklich gutes Schauspiel herzustellen. Die 
Bühne des Hdtel de Boargogne wurde verlassen und nur das 
Theater der Rue Guin^gaud benutzt. Aus dieser Vereinigung 
entwickelte sich die nComädie fran9ai8et<, welche seit jener Zeit 
mit Recht als ein Kunstinstitut ersten Rangs in Frankreich ge- 
schätzt wird. Der König bewilligte eine jährliche Subvention 
von 12.000 Livres, wobei er jedoch jede Vorstellung bei Hof 
noch besonders honorirte. Schon 1689 mussten die Künstler ihre 
Bühne wieder verlegen, da die Sorbonne sich über die Nähe des 
stlndhaften und gefährlichen Hauses beschwerte , und sie zogen 
in die Rue des Foss^s-Saint-Germain^ die heute den Namen Rue 
de rAncienne-Com^die trägt. Dort blieben sie beinahe 100 Jahre^ 
bis 1770. 

Moliere's Witwe heirathete 1677 einen Schauspieler Guerin, 
war als Schauspielerin thätig bis zum Jahr 1694 und starb 
im Jahr 1700. 

Die Manuskripte des Verstorbenen kamen zum grossen Theil 
in die Hand des Schauspielers La Orange, der mit Vinot im Jahr 
1682 eine Gesammtausgabe der Werke veranstaltete. Ob sie mit 
La Grange's Bibliothek später verkauft wurden, oder ob sie im Be- 
sitz der Comädie fran9aise blieben, weiss man nicht. In letzterem 
Fall sind sie ein Raub des Feuers geworden, als das Odöon, 
wohin die Gesellschaft übergesiedelt war, im Jahr 1799 abbrannte. 



IL 

Moliöre's Bedeutung in der Geschichte des 

Lustspiels. 



JMLoli&re ist in der Geschichte des französischen Schauspiels 
von der grössten Bedeutung. Allein nicht nur auf diesem, an 
sich schon weiten Gebiet stand er mächtig und tonangebend da, 
er übte auch auf die Entwickelung der gesammten dramatischen 
Literatur der letzten Jahrhunderte einen geradezu Epoche machen- 
den Einfluss. 

Denn so .eng verbunden waren bereits trotz der blutigen 
Kriege, trotz Völkerhass und Grenzsperre, die Nationen in ihrem 
literarischen und künstlerischen Leben, dass kein Land voran- 
gehen konnte, ohne die andern zu ähnlichen Bewegungen mit 
fortzureissen. Moliere war einer der ersten Dichter Frankreichs, 
die sich einen Platz in der Weltliteratur errangen und ihn für 
immer sicherten. 

Vor ihm hatte schon Pierre Corneille ähnlichen Ruhm 
erworben. Auch er hat Anspruch auf dauernde Anerkennung; 
er hat in seinen Tragödien echten, grossen Dichtergeist bewährt, 
und der heroische Zug, der sie kennzeichnet, wird wie ihre hin- 
reissende Beredsamkeit auch von den spätesten Generationen ver- 
standen werden. Viele seiner Dichtungen aber veralteten, weil sie 
weniger die allgemein menschlichen Gefühle, als die Anschau- 
ungen und Ideale eines kleinen Kreises der damaligen Zeit zum 
Ausdruck brachten, — Anschauungen, die bald nicht mehr ver- 
standen wurden und somit auch die Wirkung der Dramen selbst 
beeinträchtigten. 

Anders war es mit Molifere. Auch er wusste seine eigene 
Zeit mit ihren Schwächen und Verkehrtheiten, ihren Moden, 
ihrer Denkweise vortrefflich zu schildern. Die Personen, die er 
in seinen Lustspielen vorführt, sind zum grossen Theil leibhafte 
Kinder des 17. Jahrhunderts; er mischte sich in die Fehden, die 
seine Zeitgenossen bewegten, literarische wie religiöse. Allein 
bei diesem Streben nach realistischer Wahrheit behielt er immer 

Lotheissen, Gesch. d. franz. Literatur. lY. Bd. 5 



66 

das Dauernde, ewig und allgemein Giltige im Auge. In der 
Schilderung der Menschen seiner Zeit wusste er neben dem, was 
sie von den Menschen der andern Jahrhunderte schied, auch das 
zu bewahren und zum Ausdruck zu bringen, was sie mit den 
kommenden Geschlechtem verband. So wurde Moli^re verständ- 
lich für alle Zeiten und alle Völker. Doch hätte er sich damit 
allein keine solche Stellung in der Weltliteratur erworben, wenn 
er nicht durch den Gehalt seiner Dichtungen, sowie durch die 
Begründung einer neuen Weise des Lustspiels dieser ganzen 
Gattung auf Jahrhunderte hinaus den Weg bestimmt hätte. 

Nicht in allen seinen Werken tritt dieser moderne Geist 
zu Tage. Molifere hatte eine doppelte Stellung, wie wir schon 
früher bemerkt haben. Einerseits schloss er die alte Weise der 
Komödie endgiltig ab, indem er sie noch einmal zur vollsten 
Geltung brachte. Andrerseits aber schuf er eine neue Gattung 
des Lustspiels, jenes, das bis zum heutigen Tage besteht, und 
als dessen Meister er sogleich auftrat. 

Die alte Manier des Lustspiels und der Posse beruhte 
noch zum guten Theil auf den Spielen der Griechen und Römer. 
Die Heiterkeit, die in den alten attischen und sicilischen Ko- 
mödien herrschte, übertrug sich leicht auf die Intriguen- und 
Possenspiele der Italiener, und die Commedia dell* Arte war doch 
zum grossen Theil auf die unverwüstlichen Spässe der alten 
Komödie begrtlndet. Ihre Figuren hatten sich durch die Jahr- 
hunderte erhalten und trotz ihrer leichten Wandlungen waren sie 
noch deutlich erkennbar. Die bald gutmüthigen, bald filzigen 
Greise^ die leichtsinnigen Söhne, die durchtriebenen Sklaven, 
welche die Helfershelfer der Söhne waren, die verführerischen 
Courtisanen, der Parasit, der Bramarbas, diese ganze Welt der 
lateinischen Posse ging in die Commedia dell' Arte über, und 
wurde von ihr nach Frankreich und weiterhin gebracht. Darüber 
sank das eigentliche volksthümliche Schauspiel des Mittelalters, 
die Moralit^ und die Sottie, in Vergessenheit, da sie mit der 
ausgebildeten Komik und der bühnenkundigen Bearbeitung der 
alten effektreichen Stoffe nicht wetteifern konnte. 

Doch brachte die Nachahmung der römischen Komödie 
auch eine grosse Gefahr. Sie fahrte von der Beobachtung und 



67 

Schilderung der eigenen Zeit ab; und lehrte die Dichter wie das 
Volk sich mit hergebrachten; ein für allemal feststehenden Figuren 
zu begnügen. Solche stereotype Gestalten büssen aber mit der 
Zeit die Lebensfrische ein^ und das Hauptgewicht Gült dann in 
diesen Stücken auf die Situationen. Dazu kam noch ein anderer 
Uebektand. Die altrömische Komödie führte in eine längst unter- 
gegangene Welt; nicht einmal in die Welt der ScipioneU; sondern 
in die ältere Zeit der griechischen Dichter EpicharmuS; Diphilus 
und Menander. Die griechische E^omödie war schon den Römern 
fremdartig geblieben. Man hatte sie in der römischen Bearbeitung 
gern gesehen; etwa wie man im deutschen und englischen Theater 
französische Stücke in der Uebersetzung sieht. Das Publikum 
versteht sie im Grossen und Ganzen und folgt ihnen mit Span- 
nung, aber die Gesellschaft; aus der diese Werke stammen, 
bleibt ihm doch im Wesentlichen fremd. 

Ein Beweis der inneren Kraft und ihrer Volksthümlichkeit 
gab diese alte Komödie; indem sie sich durch den Sturm der Jahr- 
hunderte hindurch erhielt. Die Kultur der alten Welt, der ganze 
Bau des römischen Staats brach zusammen; aber die lustigen 
Personen der Possenspiele gingen nicht unter und die römische 
Komödie lebte in der italienischen Stegreifposse fort. Doch 
konnte die alte Bühne, die alles Familienleben fern hielt 
und dafür in den Sklaven die Hauptpersonen ihrer Stücke 
fand; die eine Welt mit andern Ideen ; andern Grundsätzen ; ja 
andrer Lebensführung zu zeigen hatte, nicht ohne Einbusse 
modernisirt werden. Selbst der alte Scherz verlor einen Theil 
seines Salzes. So kommt es denn auch; dass aus der grossen 
Zahl italienischer Lustspiele, selbst aus der Zahl der geschrie- 
benen, die neben den Stegreifstücken einhergingen und ihnen 
sehr ähnlich sahen, kein hervorragendes Werk genannt werden 
kann, Oder sollte man ein Stück, wie die ^Mandragora« des 
Macchiavell als ein solches gelten lassen? Sie bildeten für 
Spätere eine unerschöpfliche Fundgrube von Litriguen, Verwick- 
lungen, Spässen, aber in keinem lebte ein genialer Geist, der die 
verschiedenen Elemente zu einem Ganzen hätte verbinden, ihm 
das Leben der eignen Zeit hätte einflössen können. Selbst wenn 
sie satirisch wurden, und Verhältnisse und Menschen ihrer Gegen- 

5* 



68 

wart verspotten wollten, behielten sie immer etwas Gekünsteltes 
und Fremdes. 

Moli^re fand diese Gattung des Lustspiels, das häufig zur 
Posse wurde, vor. Er blieb ihr bis in seine letzten Jahre getreu, 
was wir nur für natürlich halten. In der Reihe der Stücke, die 
der älteren Manier folgen, stehen nL'Etourdi<<, nLe D^pit amou- 
reuxa, nSganarelle" , nLe Mariage forc^^^, nL'Amour mädecin<<, 
rtJje Mädecin malgrö luic^, TiGeorge Dandin<^, vM.. de Pourceau- 
gna,c^f nLiea Fourberies de Scapinu ; selbst n Amphitryonc^ und 
nVBjohi^ darf man in diese Liste setzen, so sehr sie sich auch 
von den genannten Stücken unterscheiden« Die einfache Auf- 
zählung genügt, um zu beweisen, dass Moli^re auch in dieser 
Gattung Grosses geleistet hat. 

Er hätte freilich diese Höhe nicht erreicht, wenn er ein- 
fach die Manier der alten Posse adoptirt hätte. Er wich doch 
von der betretenen Bahn entschieden ab, indem er sich bemühte, 
die alte Form mit neuem Geist zu beleben und seine Stücke der 
modernen Gesellschaft anzupassen, ohne dabei die Tradition zu 
opfern. Schon in seinen ersten Lustspielen zeigte er sein Ver- 
stau dniss für diese noth wendige Umgestaltung. Im nD^pita schuf 
er die Figuren der Liebenden, die in der alten Komödie gewöhn- 
lich steif und ohne Interesse waren, zu einem charakteristisch 
und fein gezeichneten Liebespaar um; in dem nAmour m6decint< 
persifflirte er die Aerzte seiner Zeit. Der Dottore der italieni- 
schen Posse gewann bei ihm neues Leben, da er ihn ver- 
jüngte. Er karrikirte nicht die trockne Gelehrsamkeit des Mittel- 
alters, sondern zeigte die Pedanten seines eigenen Jahrhunderts, 
und in ?? George Dandin« erweiterte sich das Stück bereits 
zum lebensvollen Bild einer bestimmten Gesellschaftsklasse. Das 
Verständniss Molifere's für die Forderungen der modernen Bühne 
ergibt sich aber nicht allein aus dem, was er der alten Ko- 
mödie zufügte, sondern ebenso sehr aus dem, was er aus ihr 
strich. Er reinigte sie von der Plumpheit der Sprache, dem 
cynischen Spass, und verlangte grössere Decenz. In diesem 
Punkt kann er nur jenen ungemessen frei erscheinen, welche die 
unglaubliche Frechheit der früheren Posse nicht kennen, und 
übersehen^ welche Freiheit des Ausdrucks damals selbst in den 



69 

Kreisen der Gebildeten herrschte. Aus der Reihe der stehenden 
Figuren strich er jene, die ihm veraltet erschienen. Bis zu seiner 
Zeit hatte man den »Capitan(<, den eisenfresserischen Bramarbas^ 
mit Vorliebe auf die Bühne gebracht. Meliere hielt diese Rolle 
nicht mehr fdr zeitgem^ss. Sie war richtig gewesen, so lang in 
der Zeiten Unordnung und Verwirrung abenteuernde Kriegsleute 
im Land umherziehen und schmarotzen konnten. Unter Lud- 
wig XIV. hatte sich das geändert. Das stehende Heer, das nun 
begründet wurde, Hess solche Gesellen nicht mehr aufkommen. 
Unter dem tapferen Officierskorps König Ludwig's gab es ge- 
wiss Renommisten, wie überall und zu jeder Zeit, allein die 
Prahlerei äusserte sich anders. Der r^Capitan" war todt, und 
an seine Stelle führte Molifere den lächerlichen Marquis in die 
Komödie ein. 

Meliere mit Plautus und Terenz in Hinsicht ihrer komischen 
Kraft und ihrer dramatischen Begabung vergleichen zu wollen, 
ist ein ziemlich müssiger Versuch. Man vergleicht nicht, was 
so von Grund aus verschieden ist. Denn was besagt die Aehn- 
lichkeit des behandelten Stoffs, die auch mehr scheinbar als wirk- 
lieh ist, was die Uebereinstimmung in der Führung mancher Ver- 
wicklung gegenüber der Verschiedenheit der Ideen, der Lebens- 
bedingungen, der Jlation, der ganzen Welt, in der jeder dieser 
Dichter erwachsen ist? Insofern Meliere ein Nachbildner war, 
wie Plautus und Terenz freilich auch, können wir annehmen, 
dass die griechische Originalkomödie, in der alles frisch, wahr 
und den Verhältnissen entsprechend war, den grössten Werth 
besass. Jede Nachahmung verliert etwas von der inneren Wahr- 
heit, die das Vorbild beseelte. Molifere wäre somit hinter seinen 
Vorgängern zurückgeblieben, wenn er nur diese eine Gattung 
der altem Komödie gepflegt hätte. Allein wir haben schon ge- 
sehen, wie er selbst in ihr seine Selbständigkeit zu wahren 
strebte, und umbildend die alten Possenfiguren seiner eignen Zeit 
näher zu bringen trachtete. Damit fand er den Uebergang zu 
der neuen Gattung, der eigentlichen Charakterkomödie. Nun 
duldete er auf der Bühne keine jener überlieferten Figuren mehr, 
die in komischer Uebertreibung oder in nichtssagender Flachheit 
hauptsächlich durch lächerliche Verwicklungen und Verwechslungen 



70 

komisch wirkten. Er erkannte es als seine Aufgabe, ein wahres 
Bild seiner Epoche zu entwerfen, die Zeitgenossen in ihren 
Schwächen zu zeichnen, die einzelnen Charaktere psycholo- 
gisch zu ergründen. Die Schilderung der menschlichen Natur in 
ihren verschiedenen Aeusserungen wurde' ihm nun zur Haupt- 
sache; die Situationen sollten nur helfen, jene recht hervor- 
treten zu lassen. Die Komik wechselte somit ihre Art, aber sie 
gewann bei diesem Wechsel an Kraft*). 

Bei dieser neuen Richtung unterscheiden wir gleich zwei 
Gattungen, die z,.ar nicht scharf von einander getrennt sind, 
aber doch wesentliche Gegensätze aufweisen. Je nachdem das 
Lustspiel mehr auf die Schilderung eines bedeutsamen, zu allen 
Zeiten vorkommenden Charakters, oder die Darstellung des mo- 
dernen gesellschaftlichen Lebens ausgeht, erhält man entweder 
die Charakterkomödie oder die Sittenkomödie, r? Tartuffe", der 
' wMisanthrope" , der »Geizige" gehören unbedingt der ersteren 
Gattung an, die ohne Zweifel die höchste Richtung des Lust- 
spiels repräsentirt; der »Bourgeois gentilhomme", die »Comtesse 
d'Escarbagnas" u. a. reihen sich in die Liste der Sittenkomödien 
ein. In ihnen werden ganze Gesellschaftsklassen vorgefahrt. 
Eitle Bürger, abenteuernde Junker, affektirte Damen, Gecken 
und ähnliche Personen sind die Hauptträger der Sittenkomödie. 
Ihre Zeichnung wird nie die dauernde Wahrheit haben, wie die 
grossen Charakterbilder der andern Gattung. Die Sprache des 
Tartuffe ist die Sprache der Heuchler zu allen Zeiten ; M. Jourdain 
aber zeigt neben der Eitelkeit, die unsterblich ist, viele Ztlge, die 
nur dem französischen Bürger des 17. Jahrhunderts angehörten. 
Molifere hat indessen Charakter- und Sittenkomödie nicht scharf 
geschieden; erst seine Nachfolger, welche die Kraft zu Cha- 
rakterzeichnungen nicht besassen, bildeten die zweite Gattung 
aus, da diese schon eher gestattet, eine konventionelle Welt und 
Figuren zu zeigen, die kaum mehr als eine Scheinexistenz führen. 



*) Im „Impromptu de Versailles'' sc. 3 heisstes: „Paffaire de la comedie 
est de repr^senter en gdn^ral tous les defauts des hommes^ et principalement 
des hommes de notre si^cle''. 



71 

Die neue Richtung des Lustspiels schlug Meliere mit seinen 
nPiräcieuses ridicules(< ein. Ihnen folgten die JiEcole des maris'', 
die »Ecole des femmes«, die wFächeux" , rjDon Juan«, der 
«Misanthropen , rjTartuffe« , der j? Avare« , der «Bourgeois gen- 
tilhommecty die «Comtesse d'Escarbagnas(< , die «Femmes sa- 
vantes<<, der «Malade imaginaire<^, — wahrlich eine grossartige 
Galerie der mannichfaltigsten Dichtungen, die aber alle in einem 
Bestreben sich treffen. Sie schildern die eigne Zeit und deren 
widerspruchsvolles kampflustiges Leben, führen uns in die Tiefe 
des menschlichen Herzens, in das geheime Leben des mensch- 
lichen Geistes. Selbst Stücke, die von einem antiken Muster 
inspirirt erscheinen, athmen nichtsdestoweniger diesen modernen 
Geist. Das zeigt sich z. B. in der «Ecole des maris«. Eine 
leichte Aenderung in der Anlage genügte, und der ganze Cha- 
rakter des Originals verwandelte sich; aus einem leichten satiri- 
schen Spiele in dem Terenz bewies, dass keine Erziehungsweise 
etwas taugt, schuf Moli&re ein Schauspiel, das für die Freiheit 
der Frau, fllr die Familie eintrat. Wir haben gesehen, dass er 
diese Aenderung dadurch erzielte, dass er zwei Mädchen anstatt 
der zu erziehenden jungen Leute in sein Stück einführte*). Die 
Terenzischen «Adelphi<< mögen durch den Ausschluss des weib- 
lichen Elements einheitlicher, in manchem Punkt geistvoller sein, 
aber die neuere Zeit verzichtet im Schauspiel ungern auf das 
romantische Verhältniss zwischen zwei Liebenden. Die alte Ko- 
mödie fasste die Beziehungen der zwei Geschlechter zu einander 
rein praktisch auf, und die Frau spielte in allen Stücken eine 
sehr untergeordnete Rolle. Die rohere Auffassung entsprach dem 
roheren Publikum, das die Theater füllte. Eine anständige Frau 
besuchte sie nicht, und die Komödiendichter hatten darum auch 
deren Geschmack nicht zu berücksichtigen. Einseitige Philologen 
mögen dies als einen Vortheil für das Theater betrachten, andre 
Kritiker in dem Vorherrschen der Liebesinteressen in den mo- 
dernen Stücken eine Schwächung sehen ; die Zeit bleibt bei ihrem 
Geschmack, die Dichter fahren fort demselben zu huldigen, und 
auch auf dem Gebiet der Aesthetik hat der Lebende immer 



=) Siehe oben S. 27. 



72 

Recht. In dieser Hinsicht gehört aber Moliere noch immer zu 
den Lebenden. 

Auch wenn er diesem Zug der Neuzeit hätte widerstehen 
wollen, woran er nicht dachte, er hätte es nicht gekonnt. Seine 
Absicht war, der Zeit einen Spiegel vorzuhalten, und wie konnte 
da die Frauenwelt ausgeschlossen bleiben ? Seine Lustspiele und 
Possen geben denn auch ein so meisterhaftes Bild des Lebens 
im 17. Jahrhundert^ dass man die ganze französische Gesellschaft 
dieser Zeit in ihren Abstufungen genau darin erkennen kann. 
Das lässt sich nur von wenig Dichtern der Komödie sagen. Denn 
nur selten besitzen sie die Schärfe des Blicks, die nöthig ist, 
um die wechselnden Gestalten des uds umflutenden Lebens in 
charakteristisch getreuen Bildern festzuhalten. 

In den Lustspielen Moliere's lebt das Frankreich Ludwig XIV. 
noch wirklich und wahrhaftig. Das Königthum mit seiner Macht- 
fülle, seiner Majestät wird zwar nicht direkt eingeführt, aber man 
hat es vor Augen, nicht allein im 7)Tartuffe<<, wo es rettend ein- 
greift, auch in andren Dichtungen, im nDon Juan«, im nMisan* 
thrope« ; in vielen Stücken hört man vom König und seinem 
Hof reden, so in den »»Pröcieuses«« , in den 7?Fächeuxt^, in dem 
7)Impromptu(< , den nFemmes savantes<< u. a. m. Daneben er- 
scheint der Adel in den verschiedensten Verhältnissen und Charak- 
teren, von dem stolzen Alceste, der sich von den Menschen ab- 
wendet, dem liebenswürdigen gebildeten Clitandre (der nFemmes 
savantes<^) und dem ausschweifenden Don Juan bis zu den 
Gecken und Hohlköpfen, die sich in den wFächeux«, der tjCH- 
tique de TEcole des femmes<< , dem T^Impromptu« , dem T^Misan- 
thrope^^ u. a. Stücken finden. Mit ihnen erscheinen auch jene 
Abenteurer, die zwar keinen Zutritt bei Hof haben, die aber 
andere an ihren Einfluss daselbst glauben machen. nDsL sind 
ihrer wenigstens ein Dutzend, die recht gut wissen, dass sie 
nicht vorgelassen werden und die es doch nicht aufgeben, sich 
vorzudrängen und den Zugang zur Thür versperren««*). 

Mit demselben Farbenreichthum wird der gebildete Bürger- 
stand geschildert. Die nitQole des maris« und die »Ecole des 



Llmpromptu de Versailles, sc. 3. 



73 

femmes", ?jTartuffe«, der 7?Avare", die nFemmes savantes« zeigen 
uns das Leben der wohlhabenden bürgerlichen Familien und 
nirgends ist Moliere frischer, genauer, natürlicher als gerade hier. 
In diesen Meisterwerken ist alles voll Bewegung und bis in das 
kleinste Detail lebenswahr gestaltet. Moliere war in diesen Kreisen 
zu Haus. Sie gewinnen unsere Sympathie, denn so viel Bosheit 
und Schwäche sich in ihnen auch gelegentlich enthüllen mag, im 
Ganzen ist das Bürgerhaus von festem Geist und wohltbuender 
Tüchtigkeit beseelt. Moliere zeigte in diesen Stücken den Kern 
der französischen Mittelklasse, jenes begabte, besonnene Bürger- 
thum, das von jeher die Hauptkraft Frankreichs ausgemacht hat. 
Derber wird sein Humor, wenn er zu den niederen Kreisen des 
Bürgerthums und dem Volk kommt. Der engjierzige beschränkte 
kleine Bourgeois wird nicht geschont und in imme;* neuen Varia- 
tionen auf die Bühne gebracht. Die Herren Sganarelle und 
Gorgibus sind brutale polternde Haustyrannen, schlau und ge- 
mein in ihrem Denken und Fühlen. Diese Figuren lassen er- 
kennen, wie viel Rohheit und gewaltthätiges Wesen noch in dem 
Volk steckte, und warum der politische und sociale Fortschritt 
der Masse so langsam war. Die Possenspiele, in welchen Moliere 
diese Kreise schildert, sind in ihrer Laune ergötzlich, voll er- 
frischenden Humors, aber sie zeigen doch auch deutlich, warum 
der Dichter für die grössere Freiheit in der Familie eintrat. Nur 
wo sie herrscht, besteht auch wahre Sittlichkeit. Indem Moliere 
für eine bessere Stellung der Frau kämpfte, arbeitete er an einer 
Besserung des Familienlebens. 

Ueberhaupt ergibt sich uns aus der Betrachtung der fran- 
zösischen Gesellschaft, wie sie sich in Moli^re's Lustspielen spie- 
gelt, unzweifelhaft der Anbruch einer neuen Zeit. Am deutlich- 
sten wird diese Umwandlung durch die Stellung, welche die Frau 
bei Moliere bereits einnimmt, und noch zu befestigen trachtet. Seit 
einem halben Jahrhundert hatte sich in Frankreich eine feinere 
Geselligkeit ausgebildet, imd auch abgesehen von den üebertrei- 
bungen der falschen Precieusen, gaben die Frauen den Ton 
im Reich der Kunst und Literatur an. Vor dem Gesetz noch 
unmündig, herrschten sie in der Wirklichkeit ziemlich unum- 
schränkt. Ein Dichter aber, wie Moliere, auf dessen Leben die 



74 

Frauen so bestimmend^ bald begeisternd, bald hemmend einge- 
wirkt hatten ; war gewiss der letzte, diese Macht zu übersehen 
und ihr die Huldigung zu versagen« 

Wenn es keinen andern Beweis fdr den steigenden Einfluss 
der Frauen gäbe, so würde ein Blick auf den allmälig sich um- 
gestaltenden Charakter der Literatur genügen, diese Wandlung 
erkennen zu lassen. Am deutlichsten tritt sie in den Tragödien 
Racine's zu Tage. Aber auch in den Moli&re'schen Lustspielen 
zeigt sie sich unverkennbar. Die Frauen regieren nicht allein durch 
ihre Schönheit , auch durch ihren Geist; sie nehmen lebendigen 
Antheil an allem, was um sie vorgeht. Eine gewisse Aufregung 
macht sich bei ihnen fühlbar, schon zeigen sich hier und da 
Ideen von Emancipation. Die Herrschaft der Salons und des 
Esprit, die im 18. Jahrhundert unbestritten war, kündigte sich 
jetzt bereits an. 

Moliire hat eine reiche Galerie von Frauen- Porträts aus 
allen Ständen und von den verschiedensten Charakteren ge- 
zeichnet. Darunter finden sich einige reizende Mädchengestalten, 
die er mit leichtem Pinsel malte, alle verschieden in ihrem Sinn 
und Wesen, aber alle durch Anmuth und Liebenswürdigkeit be- 
zaubernd. Ist die eine schalkhaft und heiter, so ist die andre 
die Güte und Nachsicht selbst. Feine und edle Empfindung, 
warmes Gemüth und echte Bildung zeichnen sie aus. Unter den 
Frauen Molifere's finden sich einige wahrhaft schöne Seelen, wie 
£!liante im nMisanthrope« und Henriette in den nFemmes sa- 
vantes«. Sie sind in ihrer harmonischen Natur die besten Für- 
sprecherinnen ihrer Zeit, die man oft als steif und geschmacklos 
verurtheilen möchte, und die freilich von der krankhaften Sen- 
timentalität späterer Epochen noch nichts wusste. 

Es ist ein eignes Ding um den Humor. Die menschliche 
Natur bleibt sich zwar immer gleich, soviel Jahrhunderte auch 
vorüberrauschen, soviel Nationen auf dem Schauplatz der Ge- 
schichte auftreten mögen. Der Begriff des Leids und des Schmerzes, 
des Glücks wie des Unglücks ändert sich nicht. Wir fühlen 
heute noch mit dem greisen Priamus^ den der Kummer um seinen 
Sohn in das Zelt des Achilleus führt, wir verstehen heute noch 
'*6one, die ihrer Bruderliebe sich selbst zum Opfer bringt. 



75 

Anders aber ist es mit dem Scherz. Es gibt einen Witz, der 
sich gegen die menschliche Natur überhaupt richtet, und darum 
zu jeder Zeit verstanden wird. Daneben aber hat jede Epoche 
ihren eigenthümlichen Humor, der für die Kinder einer andern 
Zeit seine feinste Würze verliert. Bezieht er sich doch häufig 
auf Verhältnisse, die späteren öenerationen fremd, wenn nicht 
unverständlich sind. Man bedarf schon einer gelehrten Bil- 
dung, will man die Komödien des Aristophanes verstehen. Ja 
man kann selbst in naheliegenden Zeiten merkwürdige Beispiele 
dafür finden. Wir lachen z. ß. heute kaum mehr über die Possen, 
welche unsere Grossältem ergötzten, und wie schal wird spätem 
Geschlechtern erst unser heutiges Lustspiel erscheinen! 

Will sich das Lustspiel Dauer und die Anerkennung der 
Nachwelt sichern, muss es zwei Elemente in sich vereinigen ; es 
muss allgemein menschliches Interesse mit dem individuellen, dem 
Moment angehörigen Leben zu verbinden wissen. Der Humor 
gewinnt dann innere Wahrheit und eine Kraft, die ihn für 
alle Zeiten frisch erhält. So wird beispielsweise von den Plau- 
tinischen Lustspielen der nTrinummus(< besonders geschätzt, weil 
sich in ihm der Humor der alten Zeit mehr als in andern 
Stücken mit einer ewig giltigen menschlichen Empfindung ver- 
bunden zeigt. 

In Moli&re's Stücken finden wir diese Mischung vortreff- 
lich durchgeftlhrt. Seine Personen sind alle wirkliche Kinder 
des 17. Jahrhunderts, sie haben die Ideen, die Sitten, die Vor- 
urtheile ihrer Zeit. Was wir sonst von dem Privatleben des 
17. Jahrhunderts wissen, bestätigt nur die Wahrheit der Zeich- 
nung, die Moli^re entworfen hat. Alceste ist ein Aristokrat vom 
Hof Ludwig XIV. ; jede Wendung, jedes Wort bezeugt es. Und 
nicht minder sind es die Junker, die ihre Perrücke kämmen und 
ein Liedchen dazu trällern, die eine besondere Aussprache affek- 
tiren, um sich von den andern Menschen zu unterscheiden; der 
9)Mensch mit den grünen Bändern<<, »die lange Stange, der Graf«, 
der »dreiviertel Stunden lang in ein Wasser spukt, um Kreise zu 
bilden« — sie sind der damaligen Gesellschaft entnommen und 
passen in kein Bild früherer oder späterer Zeiten. Wie genau 
Moli&re sich an seine Zeit hielt, haben wir schon gelegentlich 



76 

des «Malade imaginaire" erwähnt, und auch der Philosoph, der 
Herrn Jourdain unterrichtet und ihn belehrt, dass er Prosa redet, 
steht auf der Höhe der gelehrten Arbeiten seiner Zeit. Meliere 
hat dessen wissenschaftliche Auseinandersetzungen über die Bil- 
dung der Vokale fast wörtlich dem kurz zuvor erschienenen 
Buch »Discours de la parole" von dem Akademiker Cordemoy 
entnommen. In den ernsteren Stücken bilden die kirchlichen 
Kämpfe oder socialen Bestrebungen den Hintergrund, auf wel- 
chem sich die Dichtung abhebt. 

Moli&re fusst mitten in seiner Zeit. Allein er beschränkt 
sich nicht auf sie, sondern blickt weiter. In den Menschen des 
17. Jahrhunderts zeichnet er doch vor allem den Menschen 
überhaupt. Je individueller er zu werden scheint, desto leben- 
diger, desto allgemein giltiger bleibt er. So bewahrt ein Por- 
trät von der Hand Tizians sein Leben über die Jahrhunderte 
hinaus; so sind Gerhard Dow's oder Terburg's Genrebilder in 
der liebevoll eingehenden Feinheit ihres Details wahr und ge- 
winnend. Moli&re hat ähnlichen Farbensinn, wie diese Maler; 
er erquickt uns durch die Frische seines Kolorits, und seine 
Porträts haben die feine Modellirung, die lebendige Auffassung 
und die Wahrheit der Form der grossen italienischen Gemälde. Wir 
glauben seine Menschen schon gesehen zu haben, den Juwelier 
Josse, der seinem Nachbar räth, Schmuck für die Tochter zu 
kaufen, das bettelstolze Paar SotenviUe, Mme Jourdain und Mme 
Pemelle. Wir könnten die Liste mit vielen Namen verlängern, 
wenn es nöthig wäre. In dem bunten Bild des Lebens beleuchtet 
der Humor des Dichters die verschiedenartigsten Charaktere, aber 
neben dem Scherz steht auch der Ernst. Und hier ist ein weiterer 
Grund für die Bedeutung, welche sich Moliöre zu bewahren ge- 
wusst hat. In seinen Lustspielen finden sich neben glänzen- 
dem Humor Züge tiefen Gefühls, innerer Erregung, Ausbrüche 
schmerzlicher Empfindung und tiefen Seelenleids. Seine Per- 
sonen treten uns dadurch näher, sie werden verständlicher und 
sympathischer. Wir haben schon bei der Erwähnung der »l^ole 
des maris" auf den Charakter Ariste's hingewiesen, dessen schwer- 
müthige Stimmung stellenweise deutlich hervorbricht. Leiden- 
schaftlicher tritt Arnolphe in der rjEcole des femmesa auf, 



77 

und obwol er in der Behandlung des Mädchens, das er zu seiner 
Frau bestimmt hat, gänzlich irrt und darum komisch wird, ver- 
liert er doch nicht ganz unsere Theilnahme. Es glüht in seinem 
Herzen ein Funke echter Liebe, und wenn er sein innerstes Ge- 
fühl enthüllt, wirkt er fast rührend; 

Sie spottet meiner Sorgfalt, meiner Güte, 

Und dennoch lieb ich sie — trotz ihrer Falschheit, 

Und kann nicht leben ohne ihre Liebe *), 

Ueber einigen Stücken, wie über dem wAvare", liegt eine 
düstre Stimmung, trotz der Komik vieler Scenen. George Dandin 
erregt Mitgefühl, wenn er über die Folgen seiner Eitelkeit weh- 
klagend ausruft: »George Dandin, George Dandin! Du hast die 
grösste Dummheit der Welt begangen. Mein Haus ist mir jetzt 
zum Gräuel geworden und so oft ich heimkehre, treffe ich neues 
Aergerniss.t^ Selbst im wAmphitryont^ klingen ernste, wehmüthige, 
]a leidenschaftliche Töne durch. So auch im »Don Juan^^ trotz 
des burlesken Charakters anderer Theile; im »Misanthropen^ und 
im »Tartuffea überwiegt der Ernst, ja das letztere Stück streift 
in seinem letzten Theil an die Tragik. 

Meliere nahm sein Gut, wo er es gerade fand; er lehnte 
sich an alt-römische, italienische, spanische und französische Vor- 
bilder, zog Gewinn aus alten Novellen und volksthümlichen 
Scherzen, ja er erlaubte sich einzelne Scenen aus fremden Stücken 
in seine Arbeiten zu übertragen. Die Moli^re - Forscher haben 
Recht, den Quellen nachzuspüren, aus welchen der Dichter schöpft ; 
aber wenn sie nachweisen, dass «er durchaus nicht ängstlich in 
der Benützung fremden Guts gewesen ist, schmälert das in nichts 
seine Werthschätzung. Die Alten waren in diesem Punkt nach- 
sichtiger, oder vielmehr ' verständiger als die Neueren, die nur zu 
leicht über Plagiat schreien. Bei der Dichtung kommt es doch 
wesentlich auf die Behandlung des Stoffs, nicht auf den Stoff 
selbst an, gleichwie der Bildhauer erst durch seine Kunst dem 
Marmorblock den rechten Werth verleiht. Hätte Molifere nur in 
geschickter Weise kompilirt, so hätte er Nachfolger die Menge 
gefunden. Die alten Stücke sind noch da, sowie die alten No- 



*) Ecole des femmes III, sc. 5. 



78 

vellen^ aber es hat sich niemand seit Moli^re gefunden ; diese 
bereitliegenden Schätze zu verwerthen und so auf leichte Weise 
neue Meisterwerke zu schaffen. Nein, wenn Molifere fremde Werke 
benützte, so that er doch immer das Beste aus dem Schatz seines 
eignen Geistes dazu* Er formte um, was er entlehnte, und be- 
nutzte diese fremden, an sich doch unbedeutenden Elemente, als 
Bausteine zu grossen selbständigen Werken, die ganz das Ge- 
präge seines Genies trugen* Die italienische Komödie, der er 
wol das meiste entnahm, ging einfach auf komische Wirkung 
aus ; Moli^re erhob seine Lustspiele in eine andre Sphäre, indem 
er in ihnen den Reichthum seiner Ideen niederlegte und für Wahr- 
heit, Natur und Menschlichkeit eintrat. 

Eigentliche Politik lag ihm fem. Im 17. Jahrhundert ge- 
hörte die eingehende Beschäftigung mit politischen Fragen nur 
einzelnen Staatsmännern, und das grosse Publikum hatte noch 
wenig Verständniss für dieselben. Erst dem folgenden Jahrhundert 
war es vorbehalten, zum Schaden der wahren Poesie, politische 
und philosophische Thesen in Form von Trauerspielen zu be- 
handeln. Darum blieb für Moli^re doch ein weites Feld, auf 
dem er für die humane Entwicklung des Staats- und Familien- 
lebens arbeiten konnte. 

Sein Kampf gegen Precieuse, Pedanten und Charlatane, 
gegen Heuchler und höfische Gleissner war eine Parteinahme für 
die Herrschaft des Verstands und der Wahrheit. Mannhaft stritt 
er für Fortschritt, und echte Humanität. Nur darf man in ihm 
keinen Vertreter von Ideen suchen, welche erst in späterer Zeit 
und unter anderen Verhältnissen keimen konnten. Er war kein 
Skeptiker wie Voltaire, aber er stellte der widerwärtigen Figur 
Tartuffe's den vernünftig denkenden Clöante gegenüber, der die 
Forderungen der Humanität betont*). Moliöre konnte auch keine 



*) Tartuffe, I. 6. 20: 

Orgon: Et je verrois mourir frfere, enfans, m6re et femme, 
Que je m^en soucierois autant que de cela. 
Gl^ante: Des sentimens humains, mon fröre, que voilL 
Ebenso einige Verse weiter, v. 60 ff.: 

Voilä de vos pareils le discours ordinaire. 

Ils veulent que chacun soit aveugle comme eux« 

C'est §tre libertin que d'avoir de bons yeux; 



79 

revolutionäre Philosophie wie Rousseau predigen, und sein klarer 
Verstand bewahrte ihn vor jedem ausschweifenden Phantasie* 
gebild; aber er trat für verständige Entwickelung der Gesetze 
und Gebräuche und freiere Anschauungen auf, wo er nur konnte« 

Wenn er nun als Dichter für die Wahrheit der Empfindung, 
wie der Charakterzeichnung eintrat ^ so blieb er sich nur kon- 
sequent, wenn er auch als Schauspieler von sich und seinen 
Künstlern möglichste Beachtung der Natürlichkeit und Einfach- 
heit in Spiel und Vortrag verlangte. Die Truppe des Hdtel de 
Bourgogne hatte in der Tragödie einen unleidlich gespreizten 
Ton eingeführt, gegen welchen Moli&re reagirte. Im nimpromptu 
de Versailles M spottete er über die Verkehrtheit der Spiel weise, 
die einem König selbst in den einfachsten Scenen einen nton de 
dömoniaque(< gebe. Allein in diesem Punkt konnte er den Ge- 
schmack des Pariser Publikums nicht ändern, und er musste sich 
darauf beschränken, wenigstens im Vortrag des Lustspiels seine 
Theorien zur Geltung zu bringen*). 

Moliere's Name ist weltbekannt« Allein man täusche sich 
nicht. Wenn in Frankreich Moli&re neben La Fontaine der 
populärste Dichter ist^ so wird er im Ausland mehr genannt 
als gelesen, und mehr gelesen als bewundert. Der grosse Kreis 
der Gebildeten hört und liest von dem Genie des grössten mo- 
dernen Lustspieldichters; viele greifen nach seinen Werken und 
legen sie bald enttäuscht aus der Hand. Sie finden, dass Molifere 
überschätzt werde. Eine ähnUche Beobachtung kann man auch 
bei den Aufführungen machen. In Frankreich selbst finden sie 
noch viele Bewunderer, im Ausland sind die Stimmen getheilt. 
Wie soll man diese Erscheinung erklären? Denn so wenig man 
die Dichtergrösse des Sophokles bezweifeln wird, obgleich seine 
Tragödien heute bei der Aufführung, von dem antiquarischen 
Interesse abgesehen, nicht mehr die volle dramatische Wirkung 



Et qui n^adore pas de vaines simagrcSes, 
N*a ni respect ni foi poar les choses sacr^es. 
Allez, tous Yos discours ne me fönt point de peur; 
Je sais comme je parle, et le ciel voit mon coeur. 
*) Ausführlicheres darüber siehe Lotheissen, „MoliSre, sein Leben und 
seine Werke« S. 324—328. 



80 

erzielen, so wenig wird man Moli^re's Bedeutung herabsetzen 
woUen, auch wenn er noch weniger Verständniss bei dem mo- 
dernen Publikum älnde. 

Wir haben schon einmal darauf hingewiesen, dass eine ge- 
wisse Art des Humors schnell veraltet, und diesem Los konnten 
auch die Lustspiele Moli^re's nicht ganz entgehen. Die Gesell- 
schaft des 17. Jahrhunderts mit ihren Marquis, ihren Doktoren, 
durchtriebenen Dienern imd übermüthigen Kammerjungfem exi- 
stirt nicht mehr; sie hat sich in ihrer äusseren Form, wenn auch 
nicht dem Wesen nach geändert. Allein beim Lustspiel kommt 
viel auf diese äussere Erscheinung an. Das Precieusenthum ist 
geblieben, aber die Precieusen, gegen welche Meliere seinen 
Witz richtete, sind verschwunden. M* Jourdain hat sich ge- 
bildet; er weiss nun, dass er Prosa redet, wenn er nach seiner 
Nachtmütze ruft; er hat sich an der Börse bereichert, heisst 
heute M. Poirier und verheirathet seine Tochter mit einem Herzog. 
Er hat einen grossen Theil seiner Originalität und unfreiwilligen 
Komik verloren, aber das moderne Publikum versteht ihn in 
seiner neuen Inkarnation doch besser. In ähnlicher Weise ver- 
wandelten sich Mascarille und Scapin. Ein paar Jahrzehnte 
nach Molifere traten sie unter dem Namen Frontin auf. Sie 
waren noch so durchtrieben wie zuvor, etwas verfeinert, aber 
noch gemeiner, denn Frontin verräth sogar seinen Herrn. In den 
Stücken der Neuzeit erscheint Scapin ganz modernisirt, als 
Sekretär, Advokat oder Geschäftsfreund. Ist er auch zumeist 
platt und ohne Humor, so ist er dem Zuschauer doch bekannt 
und mehr vertraut, als er es je in seinem Scapinkostüm sein 
könnte. 

Dasselbe kann man von der Sprache Moli^re's sagen, die 
auch vom modernen Publikum nicht mehr recht gewürdigt werden 
kann. Die höfische Rede, die von den Stutzern des 17. Jahr- 
hunderts geliebt wurde, und die darum von Molifere auf die Bühne 
gebracht werden musste, ist heute veraltet. Es erscheint fremd- 
artig und steif, wenn die Liebhaber von den jjcharmants attraits<^, 
von der jjflamme importune" reden oder von dem rtohjetf^ lind 
dem • njeune miracle*^ , worunter die Geliebte verstanden wird. 



*) Tartuflfe Hl. 3, 95 ; Misanthrope V. 2, 23 ; L'iltourdi I. 2, 36, I. 1. 3. 



81 

Aber das 17. Jahrhundert war mit diesen und vielen ähnlichen 
Ausdrücken vertraut, und sie konnten nicht einfach ignorirt 
werden. So braucht auch Shakespeare in seinem ^Kaufmann von 
Venedig«^ eine schwülstige, mit Bildern überladene Sprache, so 
oft er die eleganten Venetianer Herren reden lässt. Rechnet man 
dazu noch bei Molifere mancherlei archaistische Wendungen und 
Ausdrücke, die seine Sprache für jeden, der sich nicht mit ihr 
vertraut gemacht hat, schwerer verständlich machen, so begreift 
man die Hemmungen, die sich seiner Werthschätzung im Ausland 
entgegenstellen. Und doch beherrschte Molifere die Sprache wie 
wenige Schriftsteller und Dichter seiner Zeit. Er ist hier und 
da hart, weil er nicht immer Zeit zur Ueberarbeitung seiner 
Stücke hatte, aber im Allgemeinen, und zumal in den grossen 
Dichtungen, sind seine Verse kräftig und fliessend, reich an 
malerischen Ausdrücken und Wendungen. Der Alexandriner 
gewinnt unter seiner Hand an Beweglichkeit und Ausdruck. 
Gedankenschwere Verse folgen einander oft gleich Hammer- 
schlägen, um gleich darauf leicht fliessenden Zeilen Platz zu 
machen. Mancher Ausdruck erscheint dem modernen Publikum 
freilich zu derb^ und wir kommen damit zu einem weiteren Grund, 
warum Molifere im Ausland Gegner findet. In Frankreich werden 
die Molifere'schen Werke mit solcher Pietät gegeben, dass man 
kein Wort auslässt, klinge es auch noch so derb ins Ohr. Das 
fremde Publikum braucht keine solche, vielleicht auch in Frank- 
reich zu weit getriebene Pietät walten zu lassen. Man verftlllt 
aber hier im Gegentheil oft in übertriebene Aengstlichkeit, und 
hat leider zum Theil den Sinn für natürliche Komik eingebüsst. 
Leute, die einen Abend lang mit aller Seelenruhe ein Schauspiel 
ansehen, in dem Ehebruch und Gemeinheiten aller Art die Haupt- 
rolle spielen, entsetzen sich darüber, wenn bei Moliöre von einer 
Klystierspritze die Rede ist. Moliere war Realist im besten Sinn 
des Worts; er suchte den Realismus in der Wahrheit der Cha- 
raktere, nicht in der ängstlichen Kopie der kleinen Vorgänge des 
Lebens, wie seine heutigen Nachfolger es thun. 

Molifere hat das moderne Lustspiel begründet. Er hat ihm 
die Richtung gegeben, die es zweihundert J ahre eingehalten hat 

Lotheissen, Gesch. d. franz. Literatur. IV. Bd. a 



82 

nicht allein in Frankreich, sondern auf der Bühne aller Völker. 
Als er ins Grab sank, stand die Komödie verwaist, wie Boileau 
in seiner Poetik mit Recht klagt. Viele andre versuchten sich 
nach ihm; keiner erreichte ihn. Man zeichnete Bilder aus dem 
Leben der Zeit, man wurde regelmässiger, aber man blieb auf der 
Oberfläche. Das Lustspiel des 18. Jahrhunderts hielt sich auf der 
Bahn, diees vorgezeichnet fand; selbst Diderot mit seinem bürger- 
lichen Schauspiel bot im Grund genommen nur eine Erweiterung 
der Moli^re'schen Weise, oder vielmehr ein Herabzerren derselben 
in die Trivialität. Auch in der ersten Hälfte unseres Jahr- 
hunderts bewahrte das Lustspiel die alte Manier ; die Romantiker 
stürmten gegen Racine an, beugten sich aber vor Moli^re. Erst 
das zweite Kaiserreich brachte eine bemerkenswerthe Aenderung, 
wie es überhaupt eine tiefgreifende Revolution im Leben der 
französischen Nation herbeigeführt hat. Man erfand nun eine 
eigenthümliche Komödie, ein Zwitterding zwischen Schauspiel 
und Posse, in dem sich der wüste Karneval jener Jahre abspiegelte. 
Eine seltsame Moral, die oft einer Verherrlichung des Lasters 
glich, machte sich in derselben breit und führte die Zuschauer 
in die verdorbene Atmosphäre einer korrupten Gesellschaft. Mo- 
häre hatte nie den festen Grund verloren, nie das Laster auf- 
geputzt, um es als Tugend und verkannte Grösse auszugeben. 
Auch in dieser Hinsicht blieb er wahr, im Gegensatz zur 
modernen Komödie, die sich verirrt hat. Dafür sucht die 
letztere durch die Genauigkeit des Details in der Komposition 
und der Ausstattung zu gewinnen, und lenkt damit nur die 
Aufmerksamkeit von der Hauptfrage ab. Sie glaubt in ihrer 
Charakteristik Grosses zu leisten, und bemerkt nicht, dass 
sie nur eine kleine Reihe von Figuren zur Verwendung bringt, 
die meistens äusserlich aufgefasst sind. Emile Augier allein hat 
unter den neueren Lustspieldichtem einige gelungene Charakter- 
bilder gezeichnet, vor allem seinen Poirier und Giboyer, Original- 
köpfe, die lebendig bleiben werden, wie Herr Jourdain und 
Harpagon. Aber den Reichthum Moliere's, seine Tiefe, seinen 
Humor hat auch Augier nicht erreicht. 

Wir schliessen unsere Betrachtungen mit einem Wort Goethe's. 
TiMoli^re ist so grosst<, sagte er zu Eckermann, Tidass man immer 



83 

von neuem erstaunt, wenn man ihn wieder liest; er ist ein Mann 
für sich, seine Stücke grenzen ans Tragische, sie sind apprehensiy, 
und niemand hat den Muth, es ihm nachzuthun. . . . Ich lese von 
Meliere alle Jahre einige Stücke , so wie ich auch von Zeit zu 
Zeit die Kupfer nach den grossen italienischen Meistern be- 
trachte. << 



6* 



IIL 



Die Lustspieldichter neben und nach Moliöre. 



Do lange Moli^re lebte, h^tte er mit seinen Gegnern zu 
rechnen. Das ist nur natürlich und kann uns nicht überraschen. 
Die Kreise, welche an der neuen Sichtung der Literatur kein 
Gefallen fanden, waren noch immer mächtig, und wenn auch die 
persönliche Antipathie und die literarischen Gegensätze während 
der letzten Lebensjahre Moliere's nicht mehr, wie früher, in 
widerlicher Weise vor die Oeffentlichkeit gezerrt wurden, machten 
sie sich doch noch oft genug geltend. Das bezeugt uns Boileau 
ausdrücklich. In seiner Epistel an Racine, der gleichfalls angefeindet 
wurde, betont er, dass der Mensch erst nach seinem Tod richtig 
beurtheilt werde und verweist dabei auf das Beispiel Moli^re's*). 
Die alte Komödie mit ihrer traditionellen Haltung, ihren Schatten- 
figuren und ihrem verwickelten Intriguenspiel hatte noch zahl- 
reiche Anhänger, und neben Moli^re fanden sich nicht wenig 
Autoren, die in der früher herkömmlichen Manier für das Theater 
schrieben und des Beifalls sicher waren. 

Ein Jahr nach Moli^re's Tod, 1674, erschien ein Buch 
von Samuel Chapuzeau über das französische, Theater'^'*'). Im 



*) Boileau, ^p. VII. 16 flf.: 

La mort seule ici-bas, en terminant sa vie, 
Peut calmer sar son nom Pinjustice et Tenvie. 

Avant qu'nn peu de terre, obtenu par pri&re, 
Poor jamais sous la tombe eüt enferm^ Moli^re^ 
Mille de ces beaux esprits, aujoord^hui si vant^s, 
Furent des sota esprits a nos yeux rebut^s. 
**) Le Theätre fran^ois divisö en trois livres oü il est trait^ !• de 
Tnsage de la com^die, 2* des auteurs qni sontiennent le th^Htre, 3* de la con- 
duite des com^diens. Ohne Namen des Verfassers. A Lyon chez Michel Mayer 
1674. Das erste Bach enthält die Kapitel: „Origine de la com^die, toutes les 
societ^s conspirent pour le bien public, diff^rentes maniöres d'instruire les 
hommes; Tarbre du poSme dramatique; la com^die estim^e de toutes les nations; 
des spectacles qui se donnent aux Colleges; le th^atre belle ^cole pour la no- 



88 

zweiten Theil dieser Schrift gab der Verfasser eine Liste der 
bekanntesten damals lebenden dramatischen Dichter^ und nennt 
für das Lustspiel Boursault, Montfleury, einen Anonymus D. V., 
womit er Donneau de Viz6 bezeichnet, Thomas Corneille, Qui- 
nault und sich selbst. Er hätte seine Liste noch verlängern und 
Komödienschreiber wie Poisson, Bröcourt u. a. m. anführen 
können. 

Die Mehrzahl der Genannten überlebte ihren Kuhm nicht, 
und heute sind sie alle so gut wie vergessen, denn selbst Thomas 
Corneille und Quinault fähren nur in literarhistorischen Werken 
eine Art Scheinleben, und sind dem grossen Kreis der Gebildeten 
fast unbekannt. Damals aber sonnten sie sich im Glanz ihrer 
Erfolge und mancher von ihnen glaubte seinen Platz an Mo- 
liere's Seite auch in Zukunft zu behaupten. Gleichzeitig mit 
dem nTartuffe« (1669) brachte Montfleury sein Lustspiel «La 
femme juge et partie" zur Aufftihrung und erntete mit ihm nicht 
weniger Beifall als Molifere. Und doch genügt die Aufzählung 
der Namen , welche Chapuzeau als die der bedeutendsten Lust- 
spieldichter anführt^ um zu beweisen, dass Molifere auf einsamer 
Höhe stand. Dass die wenigsten Zeitgenossen sich des Unter- 
schieds, der ihn von seinen Rivalen trennte, bewusst waren, ist 
erklärlich. Das Urtheil wurde ihnen dadurch erschwert, dass 
Moli^re's Werke eine gewisse Aehnlichkeit mit den Erzeugnissen 
der andern Lustspieldichter trugen, und diese Aehnlichkeit mehr 
in die Augen fiel als die Verschiedenheit, die sie trennte. Auf 
den ersten Blick sieht man, dass sie alle Produkte derselben Zeit 
sind. Aber die Aehnlichkeit liegt fast allein in der Form, und 
das Genie, das diese Form zu beleben verstand, war doch nur 
dem einen Möllere verliehen. 



blesse; le goüt du siScle pour le th^atre etc. Im zweiten Buch wird von den 
Autoren gehandelt, von der Art, wie sie ihre Stücke den Schauspielern vor- 
lesen, von den finanziellen Yortheilen der Autoren, von der besten Zeit, in der 
man neue Stücke aufführt, von den guten Theatertagen, der Vertheilung der 
EoUen, den Proben, und das dritte Buch spricht von den Schauspielern, die der 
Verfasser u. a. gegen den Vorwurf der Gottlosigkeit vertheidigt (Kap. 5: Leur 
assiduite aux exercices pieux. Kap. 7: Teducation de leurs enfants). 



89 

Betrachten wir die Lustspieldichter, welche neben Meliere 
thätig waren, einzeln der Reihe nach, so tritt uns zuerst Philippe 
Quinault entgegen, der mit drei Lustspielen, ples Rivales^ (1653), 
nFAmant indiscret« (1654) und der wComödie sans comädiet^ (1655) 
begonnen hatte*). Das erste Stück war nach spanischem, das 
zweite wahrscheinlich nach italienischem Vorbild gearbeitet. In 
dem dritten ging Quinault selbständiger vor und versuchte eine 
Mischkomödie, ein Schauspiel, in dem sich Lustspiel, Trauerspiel 
und Tragikomödie mit einander verbinden sollten, und dessen 
Glanz er durch scenischen Aufwand, Musik und Gesang noch 
zu heben trachtete. Trotzdem erwarb er sich mit diesen Erst- 
lingsarbeiten nicht den gewünschten Ruhm und ging darum zur 
Tragödie über, in der er auch, wie wir gesehen haben, grössere 
Erfolge erzielte**). Ein einziges Mal nur schrieb er noch ein 
Lustspiel, 77 la M^re coquette ou les Amants brouill^s^^, das 1665 
zur ersten Aufführung kam und sich von den früheren Arbeiten 
wesentlich, und zwar zu seinem Vortheil, unterscheidet. 

Der Stoff ist freilich unglücklich gewählt; die Hauptfigur 
des Stücks ist eine Mutter, die auf ihre Tochter eifersüchtig ist 
und ihr den Geliebten abspenstig machen will. Frau Ismfene 
hält sich für verwitwet, da ihr Mann seit einer Reihe von Jahren 
verschollen ist. Seeräuber, in deren Hände er gefallen ist, haben 
ihn in die Sklaverei verkauft. Ismfene möchte eine zweite Heirat 
eingehen und da sie dazu ein Zeugniss über ihres ersten Gatten Tod 
braucht, aber keins besitzt, sucht sie ein gefälschtes Dokument 
zu erlangen. Als ihren Zukünftigen hat sie den Verlobten ihrer 
Tochter ausersehen und beginnt mit Hilfe ihrer Zofe eine Reihe 
von Intriguen, um das Liebespaar zu trennen. Am Schluss aber 
kommt der todtgeglaubte Gatte zurück, gerade noch rechtzeitig, 
um das Glück der jungen Leute zu sichern. Quinault bemühte 
sich allerdings die widerliche Situation zu mildem, allein der 
Eindruck bleibt doch peinlich. Uns interessirt zunächst der 



*) Man vergleiche darüber Band HI, S. 100. Das Stück „l'Amant in- 
discret" hat viel Aehnlichkeit mit Moli^re's „Etourdi** ; wahrscheinlich schöpften 
beide aus derselben Quelle. 

**) Band III a. a. O. 



90 

moderne Ton, den er in seinem Stück anschlug, denn er bewies 
damit, welche Anregung er Molifere verdankte. Er versuchte es 
nun ebenfalls, ein Bild der modernen Gesellschaft zu entwerfen und 
spottete des lächerlichen Marquis. Aber was er als Charakter- 
zeichnung bot, ging nicht über Allgemeinheiten hinaus, und macht 
den Abstand zwischen ihm und Moliere erst recht ersichtlich*). 



*) Man nehme z. B. die folgende Stelle in der „Mire coquette" (I, 3), wo 
der Marquis, der nicht einmal einen Namen trägt, seinem Vetter Acante, welcher 
sein Benehmen rügt, entgegnet: 

£h! mon panyre coasin^ qne tu me fais piti^I 

Tu reux donc faire prendre un air modeste et sage 

Aux gens de ma volee, aux marquis de mon äge? 

Ya, tu sais peu 1» monde et la cour, si tu crois 

Qu'on puisse §tre marquis, jeune, et sage ä la fois. 

II faut Stre a la mode, ou Ton est ridicule; 

On n*est point regard^, si l*on ne gesticule, 

Si dans les jeux de main, ne cedant k pas un, 

On ne se fait un peu distinguer du common. 

La sagesse est niaise et n^est plus en usage, 

Et la galanterie est dans le badinage. 

C'est ce qu*on nomme adresse, esprit, yivacit^. 

Et le v^ritable air des gens de qualit^. 

Man vergleiche mit dieser Stelle die Zeichnung des Marquis in dem 
„Impromptu de Versailles", sc. 2, wo wenige Zeilen genügen, einen jener gecken- 
haften Höflinge in ganz andrer Weise zu zeichnen. „Souvenez-vous bien'*, sagt 
dort Moliöre zum Schauspieler La Orange, der einen lächerlichen Marquis zu 
spielen hat, n'^ous, de venir, comme je vous ai dit, lä, avec cet air qu'on 
nomme le bei air, peignant votre perruque, et grondant une petite chanson 
entre vos dents. La, la, la, la, la, la. Bangez-vous donc, vous autres, car il 
faut du terrain k deuz marquis; et ils ne sont pas gens k tenir leur personne 
dans un petit espace^. Man vergleiche das Bild des Gecken, von dem in der 
ersten Scene der „Fächeux" gesprochen wird, die köstliche Charakteristik, die 
Celim&ne von ihren Liebhabern entwirft (Misanthrope, Y, 4) und viele andre 
Stellen mehr. Bei Quinault erzählt derselbe Marquis (I. 4), dass er ein be- 
sonderes Mittel angewandt habe, sich in den Ruf der Tapferkeit zu bringen. 
Er gewann für hundert Louisd'or einen Haudegen ; dieser musste Streit mit ihm 
anfangen und ihm einen Schlag ins Gesicht geben. Daraufhin stellte er sich 
wüthend, zog seinen Degen und focht zum Schein mit dem Beleidiger, bis man 
sie trennte. 

L*honneur vient de bravoure et de galanterie. 
Et j'ai SU trouver l'art d*6tre ensemble estim6. 
Et galant de fortune et brave confirm^. 
Moyennant cent louis que j'ai donn^ d*avance, 



91 

Wenige Tage nach der ersten Aufführung der Quinault- 
schen »Mire coquette^^ wurde ein Stück unter gleichem Titel von 
Donneau de Viz6 gespielt. Als der letztere sein Werk durch 
den Druck veröffentlichte, behauptete er in der Vorrede, Quinault 
habe ihm den Plan dazu entwendet. Wir brauchen uns mit der 
Frage, wem von beiden Herren das Verdienst der ersten An- 
regung gebührt, nicht zu beschäftigen. Leidet Quinault's Werk 
schon an vielen Schwächen, so ist das von De Viz6 noch weniger 
werth*). 

Jean Donneau sieur de Viz^ gehörte zu jener grossen 
Klasse von Literaten, die zwar wenig Talent haben, aber die 
Kunst sich geltend zu machen vortrefflich verstehen. Geboren 
im December des Jahres 1738 zu Paris, wurde er für den geist- 
lichen Stand bestimmt, seine literarischen Neigungen führten ihn 
jedoch früh auf andre Bahnen. Vor allem zog ihn das Theater 
an^ für das er einige Tragödien, dann aber eine Reihe von Lust- 
spielen und Possen schrieb. Er kultivirte dabei nur das niedere 
Genre, führte Scenen aus dem Leben der kleinbürgerlichen Ge- 
sellschaft vor, und suchte seinen Stücken oft dadurch mehr An- 
ziehungskraft zu geben, dass er Zeitbegebenheiten darin be- 
handelte. So schrieb er in Verbindung mit Thomas Corneille 
sein Stück j^La Devineresse ou Madame Jobin<< im Jahre 1679, 
als der Prozess der Giftmischerin Voisin so viel Aufsehen ge- 



Un marquis des plus g^eax, mais brave k tonte ontrance, 
M'a feint nne qaerelle et d*abord prenant feu, 
M*a donn^ sor la joue un coup plus fort qne jeu. 

J*ai foit rage aassitöt, j*ai ferrailld, par^, 

Et me suis fait tenir pour 6tre separe. 
Noch gemeiner und yerächtlicher wird dieser Mensch, wenn er in der- 
selben Scene erzählt, auf welche Weise er eine anständige Dame in falschen 
Verdacht gebracht habe. 

Mais rhonneur, ce me semble, au fond n'est point cela, 
bemerkt ihm sein Onkel Cr^mante. Aber der Marquis sagt wegwerfend: 

Bon! c*est du vieil honneur que vous nous parlez la. 
*) Parfaict, Histoire du Th^atre fran^ois, Band IX, S. 382 sagt am Schluss 
der Besprechung des Stücks von De Yiz^: „La com^die de M. Quinault est 
tonte semblable k celle de M. de Vize: mais eile est d^un maitre, et Fautre est 
d'un ^colier." 



92 

macht hatte. Oder er zog gegen einzelne Schwächen seiner 
Zeitgenossen zu Felde, wobei er jedoch immer am Kleinen 
haftete. In seinem dreiaktigen Stückchen vhea Intrigues de la 
loteriet* (1670) bekämpfte er die Spielwuth, die durch viele Lot- 
terien begünstigt wurde. Dass De Viz6 auch an dem Feldzug 
gegen Meliere Theil nahm, haben wir schon gesagt, doch war 
er zu berechnend, um sich mit dem Direktor des Palais-Royal- 
Theaters nicht bald wieder auf guten Fuss zu setzen. Aus der 
grossen Reihe seiner Stücke heben wir einige hervor, die seine 
Weise am besten erkennen lassen. Im Jahr 1667 liess er zwei 
Lustpiele aufführen^ nla Veuve k la mode" und nL'Embarras de 
Godard on Taccouchöe". Das erstere ist eine ins moderne bür- 
gerliche Leben übertragene Bearbeitung der alten Geschichte von 
der Ephesischen Matrone. Miris kommt von deni Sterbebett ihres 
Gatten, stellt sich trostlos, verspricht aber schliesslich dem Haupt- 
erben des Verstorbenen, der ihr von Liebe spricht, seine Wünsche 
zu erhören. Derber als dieses Stück ist das zweite^ das zuerst 
in Fontainebleau vor dem König gespielt wurde. De Viz6 hatte 
den Auftrag bekommen, für die Hoffestlichkeiten ein heiteres 
Stück zu liefern, da Meliere nach dem zweiten Verbot des wTar- 
tuSeti und seinem vergeblichen Appell an den König erkrankte und 
längere Zeit der Bühne fern blieb* So schrieb De Viz6 seinen 
:?£mbarras de Godardu, eine niedrige Posse, die einige heitere 
Scenen aufweist. Mme Godard ist in Kindesnöthen; ihr Mann 
läuft in Verzweiflung umher und schreit nach einer Hebamme. 
Die Diener treiben ihre Scherze mit ihm und erhöhen durch ihre 
Possen noch die Verwirrung, die erst durch die glückliche Ankunft 
einer kleinen Weltbürgerin gelöst wird. 

Auch Donneau de Viz6 versuchte es, wie Quinault, nach 
Moli^re's Vorbild über einzelne Schwächen der adligen Kreise 
zu spotten. Sein einaktiges Stück rjLe Gentilhomme Gu^pin ou 
le campagnard<< führt auf das Land und karrikirt die Landjunker. 
Der Vicomte de la Sablonni^re hat sich aufs Land zurück- 
gezogen, weil er in seiner Eifersucht durch die Huldigungen leidet, 
die man seiner Gemalin von allen Seiten in Paris darbringt. 
Allein dort hat er noch mehr äu dulden. Nun wollen ihn die 



93 

Nachbarn besuchen; die Herren de Chantepie^ de Cochon Vilain 
u. a., die ihn mit ihrer plumpen Zudringlichkeit quälen. 

Einige Stücke schrieb De Viz6 in Gemeinschaft mit Thomas 
Corneille, darunter das Lustspiel »L'Inconnu« (1675), das sich 
am längsten auf der Bühne hielt. Im Ganzen war De VizS 
nicht besonders beliebt, wie sich schon aus seinen Vorreden 
ergibt, welche er mit Klagen über das Publikum im Parterre 
füllte. Neben seinen dramatischen Arbeiten befasste er sich 
auch mit Geschichtschreibung und yerfasste Memoiren über die 
Zeit Ludwig XIV. (»Memoires pour servir k Thistoire de Louis 
XIV. u 10 Bde. in Folio) und ein andres Werk in zwölf Bän- 
den ^»Affaires du temps<< (1691). Den meisten . Einfluss aber 
erwarb er sich durch die Gründung einer Revue, des TjMercure 
galant«, der in den Jahren 1672 und 1673 erschien, in dem fol- 
genden Jahr aber unterbrochen und erst 1677 wieder aufgenommen 
wurde. Seit jener Zeit führte er sein Unternehmen regelmässig 
bis zu seinem Tod (1710) fort, und wurde dadurch eine ziem- 
lich gewichtige Persönlichkeit, so dass mancher seine Gunst zu 
gewinnen suchte. Literarisch war der TiMercure« zwar völlig 
werthlos, und La Bruyfere hatte Recht, wenn er ihn noch als 
?» weniger als nichts« verurtheilte, allein er war in vielen Kreisen 
beliebt und ist als erster Versuch einer literarischen und kriti- 
schen Revue immerhin zu bemerken*). Da De Viz6 in seinen 
letzten Lebensjahren erblindete, übernahm Thomas Corneille, sein 
Freund, die Hauptarbeit in der Leitung des »Mercure«, nachdem 
er schon seit 1690 an der Redaktion betheiligt war. 

Thomas Corneille,, der ebenfalls unter die Lustspieldichter 
gehört, ist schon frtlher, bei Gelegenheit der romanesken Tra- 
gödie besprochen worden**). Wir betrachten ihn hier nur als 
Rivalen Molifere's, denn er schrieb nicht weniger als neunzehn 
Lustspiele, von welchen drei jedoch nicht gedruckt worden sind. 
Wie im Drama erwies Thomas Corneille auch im Lustspiel seine 



•) La Bruyere, Les Caractires, I. Des ouvrages de l'esprit, n° 46: „Le 
H** G** est immediatement au-dessous de rieii.'* (H** G** = Hermes Galant). 
»*) Siehe Band HI, S. 92 ff. 



04 

B^abnngy aber hier wie dort doch nnr inneriialb enger Grrenzen. 
Er hatte Gefähl f&r dramatuche Wirkong, derbkomisdie Sitaa- 
tionen, und besass vor allem die Leichtigkeit der AnffaBsimg, 
die ihm erlaubte, sich fremden Gredanken anzapassen ond sie in 
seiner Weise nmzoarbeiten. Dass er nichts von des Bniders 
Genie besass, ist offenbar. £s fehlte ihm aber auch dessen Er- 
findungsgabe. Er war wenig selbständig in seinen Arbeiten und 
lehnte sich fast immer an fremde Vorbilder an oder arbeitete 
mit einem zweiten Autor^ De Vize oder Montfleniy, gemein- 
schaftlich. Die Leichtigkeit, mit der er seine Stücke schrieb, 
verleitete ihn znr Nachlässigkeit in der Behandlung der Sprache, 
zur Oberflächlichkeit in der Durchführung der Charaktere und 
der ganzen Anlage. Wenn die Stficke buhnengerecht waren und 
die Heiterkeit der Zuschauer erweckten, war er zufrieden. So 
kommt es denn, dass von seinen zahlreichen Lustspielen kaum 
eins heute noch genannt wird. Die einen sind nach spanischen 
Mustern gearbeitet und verrathen deutlich die fremde Her- 
kunft. Die andern, die zumeist später entstanden sind, schlies- 
sen sich mehr der französischen Lustspielmanier an, wie sie sich 
vor und neben Moliire entwickelt hatte. Von den Lustspielen 
aus der ersten Zeit Comeille's haben wir schon geredet. Doch 
wollen wir noch einmal auf das Stück nDon Bertran de Cigarral« 
zurückgreifen, weil Moliere eine Scene seines »Malade imaginairec^ 
(II. 6) einer ähnlichen in dem genannten Lustspiel nachgebildet 
zu haben scheint. In »Bertran de Cigarral<< (einer Bearbeitung 
des spanischen Stücks »Entre bobos anda el juego<^ von Fran- 
cisco de Roxas) erzählt Don Alvar der von ihm geliebten Isabelle 
in Gegenwart ihres Vaters und ihres widerwärtigen Bräutigams 
die Geschichte eines Fräuleins ^ das von einem wüthenden Stier 
bedroht und nur durch die Hilfe eines ihr unbekannten Ritters 
gerettet wurde. Isabelle erkennt sich und Don Alvar in dieser 
Erzählung, und es entspinnt sich zwischen ihnen ein Gespräch, 
das zu einer den andern unverständlichen , für die Betheiligten 
sehr klaren Liebeserklärung führt. 

Im Uebrigen ist »Don Bertran de Cigarrala eine gewöhnliche 
Arbeit, ohne viel Witz und Geist Der Held des Stücks, der 
auf Freiersfässen geht, wird nicht komisch, sondern wahrhaft 



95 

abschreckend geschildert, dickbäuchig und plump, von der Gicht 
geplagt, hustend und speiend, geizig, launisch, hartköpfig, un- 
sauber und boshaft. Er selbst erzählt, dass er die Erätze als 
Erbstück von seinen Aeltern habe, und um ihn recht lächerlich 
hinzustellen, gibt ihm der Verfasser auch noch die Manie, Lust- 
spiele zu schreiben und den Leuten seine Verse vorzutragen*). 
Aber er ist reich und darum ist ihm Isabelle von ihrem Vater 
zugesagt worden. Zum Glück ' für das Mädchen ändert Don 
ßertran noch seinen Sinn und Isabelle wird mit ihrem Retter 
vereint. 

Von den späteren Lustspielen Thomas Comeille's nannte 
man gern wLe Baron d'Albikrac«, eine fünfaktige Posse, die wie 
alle Comeille'schen Stücke in Versen verfasst war, und im Jahr 
1668 im Hotel de Bourgogne aufgeführt wurde. Die Brüder 
Parfaict konstatiren den grossen Erfolge den sie erzielte. Es 
gebe gewiss wenig Leute, meinen sie noch zu ihrer Zeit, welchen 
das Stück unbekannt sei. Freilich ist ihr ürtheil über dasselbe 
nicht besonders günstig; sie finden^ dass es gut ersonnen und 
lebhaft geführt, die Verwicklung aber sehr gewöhnlich sei, dass 
die Charakterzeichnung mangle und auch kein moralischer Ge- 



•) Th. Corneille, Don Bertran de Cigarral, II. 1. Dort schildert ihn 
Guzman, ein Diener: 

Car 11 est attaqu^ de tant et tant de maux 

Qu^ontre ceiix que le corps ^proave accidentaires 

II en pourroit compter cinq ou six ordinaires. 

II mouche, il tousse, il crache en poumon malais^, 

Pour floxions sans cesse il est cant^rise, 

Gouttenx ce que doit l'ßtre un gontteox d'origine, 

Toujours vers le poignet mnni de la plus fine; 

Joignez a tout cela, vilain, jaloux, qainteux, 

Obstin^ plus qu*iin diable et mntin plus que deux, 

Mal propre autant que douze en mine, en barbe, en linge, 

Su8^ comme un renard, et malin comme un singe .... 

Im II. Akt, Sc. 5, sagt er von sich selbst, als Isabelle seine Hand ohne 
Handschuhe sieht und erschrickt: 

Ce n*est rien, ce n'est qu'un peu de gale, 

Je täche k lui jouer pourtant d'un mauvais tour. 
Je me frotte d'onguent cinq ou six fois par jour. 



96 

winn sich ergebe*). Es handelt sieh in der That um ein altes 
Possenmotiv. Die Tante — sie trägt keinen Namen weiter — 
ist eine lächerliche alte Jungfer von 60 Jahren, die aber reich ist 
und sich noch verheiraten will. Sie gibt sich für kaum 30 Jabre 
alt aus und ist überzeugt, dass sie jedem Manne, der sich 
ihr nähert y eine flammende Leidenschaft einflösst. Ein armer 
Junker aus der Bretagne, Baron d'Albikrac, der vor allem gut 
leben will und ein leichtsinniger Gesell ist, hat sich bereit er- 
klärt, sie zu heiraten, und seinen Besuch versprochen. Dieser 
Baron erscheint in dem Stück gar nicht, er wird nur von La Mon- 
tagne, einem pfi£Eigen Diener dargestellt. Denn es gilt, die Tante, 
die zunächst ihren Blick auf Oronte, den Geliebten ihrer Nichte 
Ang^lique, geworfen hat, von diesem abzulenken und ihre Ein- 
willigung zm* Ehe der jungen Leute zu gewinnen. La Montagne 
macht seine Sache vortrefflich ; gleich beim ersten Auftreten be- 
zaubert er die Tante, indem er sie für die Nichte, diese aber für 
die Tante hält ! Dann spielt er den Eifersüchtigen und gibt sich 
erst zufrieden, als Angdlique trotz ihres scheinbaren Widerstrebens 
mit Oronte verlobt und die Hochzeit auf den folgenden Tag fest- 
gesetzt wird. Bevor er aber selbst seine Vermälung feiern kann, 
muss er noch eine kurze Reise in die Bretagne machen, und 
verabschiedet sich. Damit endet das Stück. Was der wirkliche 
Baron sagen wird, wenn er kommt, thut nichts zur Sache. Ist 
er, wie man ihn schildert, wird er zu dem Streich lachen und 
die Tante wird ihn nicht zurückweisen. 

Eine Art Gegenstück zu dieser Posse ist nla Comtesse 
d'Orgueil« (1670). Hier handelt es sich darum, einen eingebil- 
deten, hartherzigen und geizigen Mann, den Marquis de Lorgnac 
zu täuschen, und seine Zustimmung zur Ehe eines jüngeren, 
ihm sehr ungleichen Bruders, des Chevaliers, zu erlangen. Das 
ist um so schwerer, als Olympe, die Geliebte des Chevaliers, 
von ihrem Vater bereits dem Marquis zugesichert worden ist. 
Um diesen zur Verzichtleistung zu bringen, spielt die Zofe 



*) (Les fr^res Parfaict) Histoire du Th^ätre fran^ois, Band X, S. 372. 
Eine Sammlang der dramatischen Werke von Thomas Corneille erschien in 
Paris (bei Guillaume de Luyne) 1682 in fünf Bänden. 



97 

Virginie die Rolle einer Gräfin^ ganz wie in dem 7)Baron d'Albi- 
krac<< La Montagne den bretonischen Junker dargestellt hat. 

Mit Montfleury yerfasste Corneille im Jahre 1673 nie ComÄ- 
dien po€te<<y und mit De Vizö zusammen »L'Inconnuu (1675). 
Das erstgenannte Lustspiel enthält in seinen fünf Akten eigentlich 
zwei Stücke. Denn der erste Akt steht nur in so weit mit den 
folgenden in Verbindung, als am Schluss desselben gesagt wird, 
ein Schauspieler habe das folgende Stück gedichtet*). Dieses 
selbst ist ganz unbedeutend. Don Pascal kehrt nach fünfzehn- 
jähriger Abwesenheit nach Hause zurück und will seine Schwester 
Angölique mit einem Freund verheiraten, den er mitbringt. Diese 
liebt aber einen andern. In der Verlegenheit wird Gusman, ein 
Diener, als Angdique verkleidet und macht sich dem Freimd so 
unangenehm, dass dieser gern auf die Heirat verzichtet. Grös- 
seres Lob spenden die Verfasser der Histoire du Th^ätre fran- 
9ois dem rInconnu<<, dessen Erfolg sie betonen und dessen ge- 
schmackvolle Behandlung von Seiten Comeille's sie hervorheben. 
Dieser übertrug in Verse, was De Vizö in Prosa geschrieben 
hatte. Wir können diesmal dem Urtheil der Brüder Parfaict nicht 
beistimmen**). Allerdings haben die Verfasser im Tilnconnu« mit 
dem System der verwickelten Intriguen gebrochen, aber die Ein- 
fachheit, deren sie sich beäeissigen^ wird zur Armuth. Ein Marquis 
liebt eine Gräfin — die Personen sind wiederum nur auf solche 
Weise bezeichnet; die Gräfin ist kühl berechnend und lässt 
sich die Huldigungen zahlreicher Liebhaber gefallen, denn sie 
findet dabei ihre Unterhaltung ; aber sie ist nicht gewillt ihr Herz 
zu verschenken und sich einen Herrn zu geben. Sie gesteht das 
offen und man erwartet nun im Verlauf des Stücks zu sehen, 
wie sie allmälig — eine andre Donna Diana — bekehrt wird***).. 



*) Siehe Parfaict, Histoire du Th^ätre fran^ois, Band XI, S. 330. 
•*) Parfaict, Band XI, S. 424. 
***) L^Inconnu, I. sc 6 sagt die Gräfin: 

Groyez-moi, ponr n^avoir nul reproche k se faire, 
n faut de la condoite dloigner le myst^re, 
S*acqu^rir des amis sans trop les rechercher, 
Se divertir de tout, et ne point s'attacher. 
C*est ainsi que j^en use, et je m*en troare hearease, 
LotlieisBen, Gesch. d. ftanz. Literatur. lY. Bd. i^ 



98 

Das geschieht allerdings, aber durch ein sehr äusserliches Mittel. 
Der Marquis ist unermüdlich in Ueberraschungen, Anordnung 
Yto galanten Festen, Schauspielen, Balleten; aber er sagt nicht, 
dass er sie veranstaltet, sondern lässt sie auf Rechnui^ eines 
leidenschaftlich liebenden Unbekannten setzen, für den die Gräfin 
schliesslich sich erwärmt. Im letzten Aufzug zeigt ihr Gott 
Amor in einem Festspiel das Porträt des Unbekannten und sie 
«rkennt in ihm zu ihrem Erstaunen den Marquis. Das ganze 
SAück scheint hauptsächlich den eingelegten Balletscenen und 
Fetstspielen zu lieb verfasst zu sein, was denn auch seine Beliebt- 
heit selbst in späterer Zeit erklären mag. 

Montfleury, der Mitarbeiter Comeille's an dem 7)Com6dien 
poete«, war der Sohn des bekannten Schauspielers im H6tel de 
Bourgogne. Sein wahrer Name war Antoine Jacob, doch be- 
wahrte er als Schriftsteller den Namen, den sein Vater ange- 
nommen hatte. Er war Advokat, scheint aber als solcher nicht 
thätig gewesen zu sein. Er schrieb von 1660 bis 1678 eine Reihe 
Ynrn Lustspielen, die eine gewisse komische Gabe verrathen. Um 
seinen Vater an Moli^re zu rächen, verfasste er das platte Stück 
TiL'Impromptu de Thötel de Condom, in dem er Moli^re besonders 
ak Künstler herabzusetzen suchte. Schon vorher (1661) hatte 
er einen Einakter T^Les Bgtes raisonables^^ zur Aufführung ge- 
bracht, und darin in heiter persifflirender Art die Geschichte des 
Odysseus auf der Insel der Circe behandelt« Man sieht den 
Helden als. Gast der Zauberin, nachdem er ihrer Beschwörung 
erfolgreich widerstanden hat. Noch aber sind seine Geführten 
und andre in Thiere verwandelte Menschen nicht erlöst. Sie 
treten auf, und Circe stellt sie dem Odysseus vor. Dieser Esel 
war früher ein Philosoph, dieses Reh die Frau eines reichen 



Point d*affaire de coeur qui me tienne reveuse. 

En grossissant ma cour d^esclayes differents, 
J^^coute les soupirs et ris des soupirants. 
Ce n^est pas, apr^ tout, leur faire grande injure, 
IIa ont beau de leurs manx nous tracer la peintare, 
Tons ces empressements de belle passion 
Souvent sont moins amour que conversation. 



99 

Finanzmanns , jener Löwe diente, da er nooh Mensch war, 
als Knecht, und das Pferd dort war ein vollendeter Höfling. 
Odyssens legt bei Circe eine Fürbitte für die armen Qeachöpfe 
ein, und die Zauberin verspricht diesen die frühere Gestalt 
zurückzugeben^ vorausgesetzt^ dass sie in die neue Verwandlung 
willigen. Odysseus spricht deshalb mit den einzelnen Thieren, 
die einen Augenblick ihre frühere Menschengestalt wieder an- 
nehmen, erhält aber von den meisten eine abschlägige Antwort. 
So will der Esel um keinen Preis wieder in sein Menschenthum 
zurück : 

Wer zweifelt noch, dass, wie die Welt heut steht, 
Es Eseln besser als den Menschen geht?*) 

Auch der Löwe will nichts von seiner Erlösung wissen ; als 
Knecht hat er früher vor jedem elenden Feigling gezittert, jetzt 
aber jagt er den andern Schrecken ein. Als Mensch hat er 
dienen und gehorchen müssen, in der Thierwelt herrscht die 
Freiheit. Und was den Verstand anbetrifft, dessen sich die Men- 
schen rühmen, so sagt der Löwe verächtlich: 

Gar mancher ist ein Esel, der's nicht ahnt**). 

Eine ähnliche Weigerung findet Odysseus bei den andern 
Thieren. Nur das Pferd lässt sich schliesslich bewegen, in 
seiner früheren menschlichen Gestalt an den Hof zurückzukehren. 
Odysseus theilt ihm nämlich einen Orakelspruch mit, demzufolge 
ein gerechter heldenmüthiger König erstehen soll, und so wird 
es von der Neugier getrieben, eine so seltene Erscheinung zu 
sehen* Die Qrundidee seines Stückchens hat Montfleury einem 
älteren italienischen Scherz, der rCircett von J. B. Gilli (1550), 
entlehnt; sie ist nicht schlecht, allein die Ausführung ist, wenige 
glückliche Witzworte abgerechnet, unbedeutend. 



*) Les B^tes raiffonnahles, sc. 4: 

Je BOQtiens et conclns, dans le si^le oü nons sommes, 
Qu*il yaat mieux mille fois ^tre änes que d*§tre hommes. 

♦*) Ibid. sc. 6: 

Tel est h^te souyent qui ne pense pas l'gtre. 
Das Stückchen ist abgedruckt in dem dreibändigen Werk : „Les cöntem- 
porains de Moli^re, recueil de com^dies etc. par Victor Fonrnel^. B. I, Th^ätre 
de rhdtel de Bourgogne. — Paris, Firmin Didot fr^res, 1863. 

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100 

Montfleury weist dieselben Fehler auf, wie die andern 
Lustspieldichter. Es fehlt ihnen allen an Erfindungsgabe und 
Menschenkenntniss. Sie halten sich fast immer an fremde, mit 
Vorliebe an spanische Muster, die sie bearbeiten. Die kurzen 
Inhaltsangaben, die wir von einigen ihrer Stücke bereits gegeben 
haben, zeigen, dass es sich in ihnen gewöhnlich um Verkleidungen 
und daraus folgende Verwechslungen handelt. Sie boten damit 
einem Komiker oder einer beliebten Schauspielerin Gelegenheit, 
ihr Talent zu beweisen, erregten durch ihren derben Humor auch 
wol die Heiterkeit der Zuschauer, allein sie verzichteten dafür 
auf jede ernstere, wahrhafte Charakterschilderung^ und von Poesie, 
von echtem , aus der Tiefe des Herzens stammendem Gefühl ist 
nirgends eine Spur zu finden. 

Die bekanntesten und beliebtesten Stücke Montfleury*s waren 
nhe Mari sans femme« (1663), rjrÄcole des jaloux^ (1666), wla 
Femme juge et partie« (1669), rjla Filte capitaine« (1669) und nie 
Com^dien po6te^, das er mit Corneille gemeinsam verfasste (1673). 
Diese Werke tragen dasselbe Gepräge; sie sind mit Bühnen- 
kenntniss geschrieben und machten Effekt, sind aber roh in Ge- 
danken und Sprache. Wir haben schon früher darauf hinge- 
wiesen, wie zurückhaltend in dieser Hinsicht Moli^re erscheint, 
wenn man ihn mit seinen Zeitgenossen vergleicht. In dem T^Mari 
sans femme« wird einem kaum Vermalten die Frau von deren 
Liebhaber geraubt, und jener daraufgezwungen sie förmlich ab- 
zutreten« Die TiEcole des jaloux(< zeigt die Heilung eines Eifer- 
süchtigen. Santillane quält seine Frau Läonore mit ganz unbe- 
gründetem Argwohn. Eingeladen, ein Schiff in dem Hafen zu 
besuchen, wird er der Held einer tollen Posse. Ein anderes 
Schiff, mit vorgeblichen Türken bemannt, kapert jenes und macht 
Santillane mit seiner Frau zu Sklaven des grotesk auftretenden 
TiGrosstürken«. L^onore soll als Sultanin in das Serail, wehrt sich 
aber dagegen. Santillane wird dafür mit der Bastonnade und dem 
Galgen bedroht und fleht zuletzt seine Frau selbst an, doch dem 
Grosstürken zu Willen zu sein. Diese weigert sich trotzdem, 
und der geängstigte Santillane sieht den Tod vor sich, als ein 
Gesandter des Gouverneurs erscheint und Auswechslung der Ge- 
fangenen vorschlägt. So wird Santillane frei und erklärt sich 



w " 



101 

von seiner Eifersucht geheilt. Der Stoff^ zu einem frechen Fast- 
nachtsscherz vielleicht geeignet, ist ungebührlich in drei Akte 
ausgedehnt. 

Am bekanntesten von Montfleury*s Stücken war sein Schau- 
spiel wLa Femme juge et partie«. Von einem Marquis de Fresne 
erzählte man sich damals, er habe eine Seereise mit seiner 6e- 
malin gemacht und diese unterwegs an Piraten verkauft. Dieses 
Gerücht soll Montfleury die erste Anregung zu seinem Stück 
gegeben haben. Bernadille^ ein angesehener Bürger der spani- 
schen Stadt Faro , hat auf falschen Verdacht hin seine Gattin 
Julie auf eine Seereise mitgenommen und auf einer wüsten Insel 
ausgesetzt. Zu Hause hat er vorgegeben, sie sei unterwegs ge- 
storben. Das ist nun schon drei Jahre her, und Bemadille 
denkt an eine neue Heirat. Aber Julie ist von einem an ihrer 
Insel vorüberfahrenden Schiff aufgenommen und nach Venedig 
geführt worden. Dort hat sie Männerkleidung angelegt, ist in 
den Dienst eines Herzogs getreten, und dieser hat dem vermeint- 
lichen jungen Edelmann seine volle Gunst geschenkt. Drei Jahre 
lang hält er ihn bei sich in Italien zurück, bis er endlich nach 
Spanien heimkehrt. Dort lässt sich Julie das Richteramt in Faro 
übertragen. Die Entwicklung des Stücks ist nun leicht voraus- 
zusehen. Als Richter zieht Julie ihren Gatten zur Verantwortung 
und jagt ihn in Angst und Verzweiflung, gibt sich aber schliess- 
lich zu erkennen und verzeiht ihm. Bernadille ist ein Mann von 
gemeinem Charakter, und dass ihn seine Frau wieder zu Gnaden 
au&immt, ist kaum zu begreifen^). 

Montfleury hatte sich die Gunst des Ministers Colbert er- 
worben, der ihn 1678 in die Finanzverwaltung eintreten liess 
und ihn mit einem schwierigen Auftrag in die Provence sandte. 
Er löste denselben zur Zufriedenheit des Ministers und sollte 
nach einigen Jahren nach Paris in die r?Fermes Gän^rales« be- 
rufen werden, als er in Aix 1685, 45 Jahre alt, starb. 

Hatten die bisher genannten Lustspieldichter kaum ein 
andres Ziel ins Auge gefasst, als den Erfolg des Tages, so finden 



*) Eine Sammlang der Werke Montfleury *8 erschien im Jahr 1705 in 
zwei Bänden in Folio. Man Tergl. auch Fournel, les contemporains de Moli^re. 



102 

wir in einzelnen Werken von Boursault ein deutliches Streben 
nach feinerer Gestaltung und reicherem Inhalt, nach literarischem 
Werth. Edme Boursault (1636 — 1701) stammte aus der Cham- 
pagne und hatte in seinem Wesen etwas von der Harmlosigkeit, 
welche seinen Landsmann La Fontaine kennzeichnete. Seine 
Erziehung war vernachlässigt worden, und obwol er 1651 in einfe 
Schule nach Paris geschickt wurde, konnte er die Lücken seines 
Wissens nicht ausfüllen. Ohnehin lockte ihn bald das Theater. 
Schon mit 15 Jahren schrieb er ein Lustspiel*) und trat nicht lange 
darauf als Sekretär in die Dienste der Herzogin von Angoul^me. 
Ein launiger Brief, in dem er um dieselbe Zeit seiner Gebieterin 
die Abenteuer einer kleinen Reise erzählte, fand Beifall. Der 
damaligen Sitte entsprechend, ging das Schreiben von Hand zu 
Hand. Auch der König nahm Einsicht davon und beauftragte 
Boursault, ihm wöchentlich einen Brief nach Art der damals be- 
liebten , nur in Handschriften verbreiteten »Gazettes« zu ver- 
fassen**). Boursault wollte seiner Zeitung Witz und Feinheit 
verleihen, Eigenschaften, deren sich die andern geschriebenen 
»Gazettestt nicht rühmen konnten, und es glückte ihm die Zu- 
friedenheit des Königs zu erwerben, der ihn mit einem jährlichen 
Gehalt von 2000 Livres belohnte. Leider erfreute sich der 
Dichter dieser Gunst nicht lange. Er fiel über eine harmlose 
Geschichte von einem Franziskanermönch ^ die er eines Tags in 
seinem Blatt erzählte. Liess ihn der König auch nicht in die 
Bastille setzen, wie die Königin und die erbosten Franziskaner 
verlangten, so entzog er ihm doch das Gehalt und verbot die 
Verbreitung des Blatts bei Hof. Seitdem schrieb Boursault seine 
Zeitung als Privatbrief nur für einige Gönner, unter welchen 
sich hauptsächlich Condä befand. 

Zur Zeit, als Boursault noch in Gunst bei Hofe stand, 
entspann sich die heisse Fehde um Moli^re's nEcole des femmes«. 
Auch Boursault mischte sich in den Kampf, und obwol er 
durch sein Stückchen tjLc portrait du peintre« bewies, dass ihm 
jede satirische Kraft abging, wurde er von seinem erbitterten 



*) Le M^docin volant, 1 Akt 1661. — Le mort vivant, 3 Akte 1662. 
**) Vergl. Band III, Seite 267. 



103 

Gegner in dem »Impromptu de Versailles^ doch grausam zuge- 
richtet. Durch seine unbedachte Einmischung hatte er sich aussen: 
Moli^re auch Boileau zum Gegner gemacht, der ihn ebenfalls 
nicht verschonte. In seiner siebenten Satire entschuldigt sich 
Boileau^ dass er seiner satirischen Laune freien Lauf lasse, denn 
sie allein gebe ihm das Gefühl der Kraft. Wenn er einen Dichter- 
ling schildern woUe^ kämen ihm gleich tausend solcher Leute in 
den Sinn, und in der Liste derselben nennt er auch Boursault. 

Einmal in den literarischen Kampf verwickelt, machte 
Boursault auch Front gegen Boileau. Er schrieb ein Lustspiel 
gegen ihn, wie er schon eins gegen Moliöre verfasst hatte. Schon 
verkündeten Maueranschläge an allen Strassenecken die bevor- 
stehende Aufführung der 7)Critique des satires de M. Boileau (< 
im Maraistheater, als ein Verbot erfolgte, Boileau, der so viele 
Dichter in seinen Satiren angegriffen hatte, scheute nun selbst 
vor der Oeffentlichkeit zurück und setzte es beim Parlament 
durch, dass den Schauspielern die Aufführung des genannten 
Stücks bei schwerer Strafe untersagt wurde. Es sei eine Posse, 
hiess es in dem betreffenden Erlass, welche die Ehre, die Person 
und die Werke Boileau's gefährde. Und doch hatte sich Bour- 
sault hier, wie im »Portrait du peintre^ aller persönlichen Aus- 
fälle enthalten. Boileau erwies sich jedenfalls inkonsequent bei 
dieser Gelegenheit, denn er durfte am wenigsten in einem literari- 
schen Streit die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen. Um so 
mehr erstaunt man über die Naivetät, mit der er einige Jahre 
später in der Vorrede zu seinen Satiren erklärte, dass er seine 
Gegner vor keinen andern Gerichtshof als den der Musen fordern 
werde. 

Boursault gab sein Werkchen später (1670) unter dem 
Titel wLa satire des satires^ zum Druck. Wie in dem »»Portrait 
du peintret« fehlte auch diesem Stück jeglicher Witz und jede 
Erfindungsgabe. Boursault benützte die alte Form der früher 
gegen Moli^re veröffentlichten Stücke und führte wiederum in 
eine Gesellschaft von Schöngeistern, mit dem Unterschied, dass 
sie nicht über Moli^re, sondern über Boileau ihre Meinungen 
austauschen. Das schlimmste, was sie diesem vorzuwerfen wissen, 
besteht in einer Reihe von Sprachfehlern! Boursault theilte sich 



104 

selbst eine Rolle in dem Stückchen zu, und sprach schliesslich 
auch das Urtheil über Boileau aus» Es lautete mild genug, denn 
er erkannte das Talent des Dichters vollkommen an und be- 
dauerte nur, dass er es in seinen Satiren missbrauche. 

So stand Boursault als ein Gegner Moli^re^s und Boileau^s 
da, und es schien, als wolle er überhaupt die neue literarische 
Richtung bekämpfen. Und doch war dem nicht so, da er in 
seinen Werken die Grundsätze der neuen Schule zur Geltung zu 
bringen suchte. Darum endigten auch bald die Feindseligkeiten 
zwischen ihm und den beiden Dichtern. Ja es entwickelte sich 
später ein freundschaftliches Verhältniss zwischen ihm und Boileau, 
der die böse Stelle der siebenten Satire bei einer neuen Auflage 
änderte. 

Zu Lebzeiten Molifere's schrieb Boursault nur noch »les Cade- 
nats« (1 A. 1663), r^les Frferes jumeaux" (1 A. 1664) und ein Schäfer- 
stück in 3 Akten riles Yeux de Philis chang^s en astres« (1665). 
Bedeutenden Erfolg errang er im J. 1679 mit seinem Lustspiel 
7)La Com^die sans titreu oder, wie es anfänglich hiess, nLe 
Mercure galant.« Der Hauptreiz dieses Stückes beruhte darin, 
dass es sich in dem Redaktionszimmer der genannten Zeitschrift 
abspielte. Wie die wFächeux" MoIifere*s nur eine sogenannte 
Schubladenkomödie bilden, so ist auch Boursaulfs Stück ohne 
festen Zusammenhang und eigentliche Verwicklung. Während 
der fünf Aufzüge erscheinen die verschiedensten Leute der Reihe 
nach bei dem vermeintlichen Redakteur des Mercure (denn der 
wirkliche Redakteur hat einem Freund fflr kurze Zeit das Zimmer 
überlassen) y und bringen ihre Wünsche vor, die alle auf eine 
kräftige Reklame zielen. Obwol in dem Stück nicht das kleinste 
Wort des Tadels gegen den Mercure und De Vizä, den Heraus- 
geber, gesagt wurde, war dieser doch über Boursault's Unter- 
fangen ungehalten und setzte es durch, dass die Polizei wenig- 
stens den Titel zu ändern gebot. Heut zu Tag würde jede Zeit- 
schrift sich freuen, wenn ihre Verbreitung und ihr Einfluss von 
der Bühne herab konstatirt würde. Allein damals dachte man 
anders, und Boursault nannte sein Lustspiel, wie schon gesagt, 
7}La Com^die sans titre«. 



105 

In spttteren Jahren strebte er nach dem Ruf eines Weisen^ 
verfasste moralisirende Fabehi, und liebte es, auch in den 
Zeitungsbriefen, die er noch immer fiär seine Gönner schrieb^ 
lehrreiche Betrachtungen einzuflechten. Zuletzt kam er auf den 
Gedanken 9 den griechischen Fabeldichter auf die Bühne zu 
bringen y und seine zwei Lustspiele TiLes Fahles d'Esope ou Esope 
k la ville«* (1790) und »Ij^sope k la cour« (1701) haben seinen 
Namen am meisten bekannt gemacht. Sie weisen ernstliches 
Streben auf, und man sah seiner Zeit in Boursault einen wtlrdigen 
Nachfolger Moli^re's. Und doch sind auch diese beiden Lust- 
spiele innerlich arm, ohne dramatisches Leben, und nur gemacht, 
um Aesop so oft als möglich eine Fabel erzählen zu lassen. 
In den »Fahles d'J^sope«, erscheint j^sope im Verkehr mit 
Leuten aus den verschiedensten Ständen. Die Gunst des Königs 
Krösus hat ihn erhoben und er benutzt seine Macht zum Besten 
der Menschen. Einem Jeden weiss er durch eine Fabel seinen 
Irrthum und seine Schwäche klar zu machen, und Boursault 
wagte dabei einen Wettkampf mit La Fontaine. Mehrere der 
eingestreuten Fabeln erzählen dieselbe Geschichte, die schon La 
Fontaine behandelt hatte ^ und man staunt nur, dass Boursault 
selbst die Armuth seiner Fabeln nicht erkannte, wenn er sie mit 
den La Fontaine'schen verglich. Nach einer unbedeutenden Ko- 
mödie TiPha^ton« (5 A. 1691) und dem Einakter Tiles Mots k la 
mode« (1694) zeigte Boursault in seinem nEsope ä la cour<^ den 
Fabeldichter an der Seite des Königs, mit dem bedenklichen 
Auftrag, diesem selbst die Wahrheit zu sagen und den Hof zu 
reformiren. Esope will zwar diesen ehrenvollen Antrag ablehnen, 
denn Aufirichtigkeit sei einem König gegenüber schwer, allein 
Krösus besteht auf seiner Idee, und so warnt ihn der Moralist 
zuletzt vor allzugrosser Kriegslust. Man könnte hier fast eine 
leichte Warnung an König Ludwig's Adresse erblicken. Er 
stimmt dem König bei, der bei der Wahl einer Gemalin sein 
Herz und nicht die Politik befragt, allein trotz aller Güte kann 
er den Neid der Höflinge nicht entwaffnen. Krösus leiht endlich den 
Einflüsterungen der letzteren Gehör; diese klagen den r^Seigneur 
Esopet^ der Unterschlagung von Staatsgeldern an, die er in einer 
Kiste zu Haus bewahre ^ und zu der er niemand den Schlüssel 



106 

anvertraue. Bonrsanlt benatzte hier eine alte orientalische Erzäh- 
lung. Der König lässt die Kiste bringen und findet darin das 
Gewandy das Esope getragen ^ als er arm war^ und das er von 
Zeit zu Zeit betrachtet, um sich vor Uebermuth zu bewahren. 
Nach solcher Enthüllung müssen die Feinde schweigen, Esope 
steht fester als zuvor und diktirt seinen Anklägern als Strafe, 
dass sie ihn lieben sollen. Bei der AufiFuhrung musste übrigens 
manche Stelle gestrichen werden, weil man eine Anwendung auf 
Zeitverhältnisse vermeiden wollte*). 

Von den andern Werken Boursault's zu reden, ist unnöthig. 
Er schrieb schon 1671 in Hinsicht auf die Erziehung des Dauphin 
und im Auftrag des Königs ein Buch TiFEtude des Souverainstf, 
femer zwei historische Novellen, v\e Marquis de Chavigny<< und 
v\e Prince de Cond^^, sowie einen zweibändigen Roman 7)Ne pas 
croire ce qu*on voit«, den er jedoch nicht unter seinem Namen 
herausgab. Ein andrer kleiner Roman TjArtömise et Polianthe« 
ist nur deshalb zu erwähnen, weil Boursault in der Vorrede 
dazu gegen Racine's TiBritannicus^^ auftrat. Dieser hatte sich 



*) In der schon angefiilirten Scene spricht i^sope auch von der Falsch- 
heit des Hofs: 

Qne le penple et la cour, Seig^enr^ sont differens! 

Quoiqu'on nomme le peuple un monstre a plusienrs t§tes, 

Si les uns sont grossiers, les autres sont honnStes. 

Dans les moins delicats j'ai trouv^ tant de foi, 

Qu'une seule parole est poor eux une loi. 

La cour en apparence a bien plus de justesse: 

C'est le s^jonr de l'art et de la politesse 

Mais combien de chagrins y faut-il essuyer. 

Et snr quelle parole ose-t-on s'appujer? 

Tout rares qu^ls y sont, les amis s'embarrassent ; 

Tels Youdroient s^^touffer que Ton voit qui s^embrassent. 

Pour un dont la vertu trouve un heureux destin, 

Mille Yont k leur but par un autre chemin. 

L'un, qui pour sMlever n'a qu'un faible m^rite, 

Sous un dehors z^le cache un coeur hypocrite, 

L'autre met son ^tude It vous donner des soins, 

Quand il s^t que vos jeux en seront les t^moins; 

Celui-ci fait du jeu sa capitale afifaire. 



On est si dissip^ qu^ayant que de connottre 

Ce que c*est d^Stre homme, on 7 cesse de PStre. 



107 

nämlich tadelnd über Boursault's Tragödie r?Germanicus« ausge- 
sprochen, und zwar mit Recht. Denn weder diese Tragödie noch 
die folgende y eine 77 Marie Stuart<<, noch eine Dramatisirung des 
La Fayette'schen Romans jjLa Princesse de Cl^ves«, können An- 
spruch auf Beachtung erheben. Auch seine wF^te de la Seine« 
war, wie sein r?Pha6ton«, kaum mehr als ein Parade- und Aus- 
stattungsstück. 

Die übrigen Verfasser von Lustspielen und Possen können 
wir noch kürzer behandeln. Mehrere unter ihnen gehörten als 
Schauspieler zum Theater und hatten durch ihre Thätigkeit 
allerlei technische Kunstgriffe für ihre dramaturgische Arbeit 
erworben. Sie wussten, mit welchen Mitteln man die Heiterkeit 
der Zuschauer erweckt, und ihre Possenspiele haben Scenen, die 
sehr wirksam gewesen sein müssen. Aber höheren Werth besitzen 
ihre Werke deshalb nicht. Zu ihnen gehörten Poisson, Brßcourt, 
Chapuzeau, Champmesl^, Hauteroche und Rosimond. 

Raimond Poisson (1633 — 1690) war Schauspieler am Theater 
des Hotel de Bourgogne, und schrieb für dasselbe eine Reihe meist 
einaktiger Stücke, r?Le Baron de Crasset«, r,Le Poöte gascon«, 
^iLes faux Moscovitest« u. a. m. Im TiBaron de Crasse« wird 
mit der Arroganz höfischer Ueberhebung der Landadel ver- 
spottet, der seine Güjter verwaltet, anstatt sich nutzlos in den 
Vorsälen von Versailles herumzutreiben. Der Baron de Crasse 
erscheint als der Vertreter dieser tüchtigen ehrenfesten Klasse, 
aber er wird in Poisson's Stück als komische Person behandelt. 
Er erzählt, wie schlecht es ihm bei Hof ergangen ist, und doch 
hat er dort nichts gethan, was nicht zu entschuldigen wäre. Nur 
die Bosheit der Höflinge konnte ihn seine Unkenntniss dessen, 
was bei Hof Sitte ist, so bitter entgelten lassen. Heute finden 
wir in der kleinen Posse mehr Grund über die geistesarmen 
Spötter selbst zu lachen. Aber für Poisson stand die Auf- 
gabe anders. Er musste die Pariser Grossstädter, den eiteln 
Hofadel unterhalten, und je mehr der letztere sich ruinirte 
und innerlich seinen Irrthum fühlte, desto stolzer trat er den 
»Landjunkem" gegenüber auf. Eine ganze Anzahl von Lustspielen 
und Poss6n verspottete darum den Provinzadel, so De Viz^'s 



108 

Stück »Le Gentilhomme Gu4pin(<, Hauteroche's , »Les Nobles 
de province^^ u. a. m. Auch Moliere zeichnete in der T^Comtesse 
d'Escarbagnast^ eine lächerliche Dame aas der Provinz. Allein 
selbst in Kleinigkeiten zeigte sich sein klarer Verstand. Seine 
Gräfin d'Escarbagnas ist komisch, weil sie die Sitten des Hofs 
in ihr stilles Thal übertragen , also die Einfachheit und Natflr- 
lichkeit des Landlebens aufgeben will, während die andern 
Possen im Gegentheil die Provinzbewohner verspotten, weil sie 
den Begriffen der feinen Pariser Gesellschaft nicht entsprechen. 
In dem TiPoäte gascontc führte Poisson zu einer Probe in das 
Innere des Hotel de Bourgogne, ohne die Lebendigkeit zu er- 
reichen^ mit welcher Moliire in seinem ^ilmpromptut^ eine ähn- 
liche Scene schildert. Wiederum wird ein Gascogner Baron 
verlacht, weil er schon Nachmittags um zwei Uhr ins Theater 
kommt. In früheren Zeiten hatte man um diese Zeit die Vor- 
stellungen begonnen, allein schon seit lange war der Anfang auf 
die vierte Nachmittagsstunde verschoben. Doch die zwei Stunden, 
die der Baron zu warten hat, sollen ihm nicht lang werden. 
Dafür sorgt ein Poet, der Bachelier Jounchaye, ebenfalls ein Sohn 
der Gascogne, der den Künstlern des Hdtel de Bourgogne mit 
seinen Stücken vorrenommirt, ihnen auch einen Akt vorliest, 
dann aber ins Irrenhaus gesteckt wird. Die jjFaux Moscovites(< 
sind noch ausgelassener ; sie sind eine Karnevalsposse, in welcher 
vier Gauner eine russische Gesandtschaft vorstellen und es sich bei 
Herrn Gorgibus, einem reichen aber beschränkten Bürger, wohl 
sein lassen. Sie schmausen und zechen und entführen ihres 
Wirthes Tochter, während dieser in dem Höllenlärm, den sie 
machen, ein Nationalspiel sieht, auf einen Stuhl steigt und um 
sie anzufeuern aus Leibeskräften in ein Hörn bläst '*')* 

Br^court (Guillaume Marcoureau de Bräcourt) stammte aus 
Holland, war eine Zeit lang Mitglied der Moliire'schen Truppe 
imd trat 1664 zum Hotel de Bourgogne über. Sein Leben war 
wild bewegt und nichts weniger als ehrenvoll. Er musste aus 
Frankreich flüchten, da er einen Kutscher erschlagen hatte, und 



*) Pois8on*s Lustspiele erschienen 1679 in einem Band; 1687 gab 
er eine zweite vervollständigte Sammlung in zwei Bänden heraus. 



109 

wurde später amnestirt, weil er in Holland der französischen 
Polizei zu Diensten war. Er starb 1685. Als Lustspieldichter 
schrieb auch er meistens kleine Stücke, die damals besonders 
beliebt waren. Von ihnen nennen wir jjL'Ombre de Molifere«, ein 
Gelegenheitsstück, eine Art Huldigung, die das Hotel de Bourgogne 
dem von ihm früher so angefeindeten Dichter ein Jahr nach seinem 
Tod darbrachte. Das Stückchen ist unbedeutend und beschränkt 
sich darauf, einige Hauptpersonen aus den Moli^re^schen Stücken 
vorzuführen, die in der Unterwelt vor Minos erscheinen und 
Molifere verklagen. Dieser setzt ihnen verächtliches Schweigen 
entgegen, und Pluto lässt zuletzt die ganze Schaar wegjagen. 
Man sieht, die Schauspieler des H6tel' de Bourgogne waren in 
ihrer Anerkennung des grossen Dichters noch nicht warm geworden. 
In seinem einaktigen Stück rjTimon« (1684) versuchte Br6court 
nicht etwa mit dem TiMisanthrope^ zu wetteifern, er dramatisirte 
darin einfach den Lucian'schen Dialog, der den gleichen Titel 
führt. 

Samuel Chapuzeau (1625 — 1701), der Medizin studirt hatte, 
sich aber mehr durch Schriftstellerei und Unterricht ernährte, 
trieb sich in Holland, dann viele Jahre an verschiedenen deut- 
schen Höfen herum. Eine Zeit lang hatte er die Direktion der 
kurfürstlichen Schauspieltruppe in Hannover, und starb dann als 
Gouverneur der Pagen am Hof zu Celle. Ausser vielen Ueber- 
setzungen ins Französische (u. a. der Gespräche des Erasmus 
von Rotterdam), einem französich- deutschen Wörterbuch, ver- 
schiedenen historischen Schriften, veröffentlichte er auch das 
schon erwähnte Buch über das französische Theater, Ausserdem 
verfasste er eine Reihe von Theaterstücken, unter welchen be- 
sonders die 7)Acad6mie des femmes^ zu nennen ist, die einige 
Jahre nach den TiPr^cieuses ridicules(< erschien, doch aber nicht 
als Nachahmung galten kann, da sie nur die Versifikation eines 
1656 von ihm geschriebenen Stücks in Prosa, »le cercle des 
femmes« war. Dass umgekehrt Moli^re in diesem Stück manche 
Anregung zu den TiFemmes savantes« gefunden haben kann, 
haben wir schon früher bemerkt*). Es wäre dies ein Ver- 



*) Siehe oben S. 57 und 68 Anm. 



110 

dienst Chapuzeaa's, wenn auch sein Werk sonst in keiner Weise 
an das Moli^re'sche heranreicht. 

Drei Schauspieler des Hotel de Bourgogne, De Villiers, 
Chanipmeslö und Hauteroche, waren gleichfalls fUr die Bereiche- 
rung des Repertoires ihrer Bühne thätig. Der erste, der haupt- 
sächlich genannt wird, weil er schon 1659 eine Bearbeitung des 
TjDon Juant^ (»le Festin de Pierre ou le fils criminel«^) zur Auf- 
führung gebracht hatte, schrieb ausserdem eine Anzahl grotesk 
komischer Stücke , wie die einaktigen Possen »l'Apothicaire d^- 
valis^tf, nies Ramoneurst^, »les Cöteaux ou les marquis friandfftf, 
79la Veuve k la mode(< u. a., in welchen er nur auf die Lachlust 
des Publikums spekulirte. Champmeslä, dessen Frau die be- 
rühmteste tragische Schauspielerin ihrer Zeit war, versuchte sich 
hauptsächlich in der Zeichnung des kleinbürgerlichen Pariser 
Lebens (tiLcs Grisettes^, nLe Parisien«, nLa Rue Saint-Denis« 
u. a. m.); auch arbeitete er in Gemeinschaft mit La Fontaine 
an einigen Stücken (nRagotin«, ?iLe Florentin«, »La Coupe en- 
chant^e« , n Je vous prends sans vert«) *) , doch erhob er sich 
nirgends über die Mittelmässigkeit. Gleiches gilt von Hauteroche, 
der ein stürmisches Leben führte, als Schauspieler und Theater- 
direktor lange in Deutschland umherzog, bevor er als Mitglied für 
das Hotel de Bourgogne gewonnen wurde**). 

Zum Maraistheater gehörte der Schauspieler Rosimond, der 
als Künstler so hoch geschäzt war, dass er nach Moli^re's Tod 
an dessen Stelle trat und u. a. die Rolle des Argan in dem 
»Malade imaginaire<< übernahm. Als Autor aber blieb er ohne 
Bedeutung. Trotzdem schon Villiers, Dorimond und Moliire die 
Don Juan-Sage behandelt hatten, fand er doch den Muth^ mit 
einer neuen Bearbeitung des nFestin de Pierre» hervorzutreten 
(1669). 

Auch Subligny sei hier noch erwähnt, der nach Louis Ra- 
cine's Angabe Schauspieler, nach Andern Advokat war. Er 
scheint jung gestorben zu sein und machte sich hauptsächlich 



*) Siehe Band IH, S. 188. 
**) Die Oeuvres von Champmeslt^ erschienen in Paris 1692 in 12* bei 
Th. Guilain, später in zwei Bänden 173Ö (J.ßibou), eine Sammlung der Stücke 
von Hauteroche wurde 1772 in zwei Bänden (Ci* des libraires) veröffentlicht. 



111 

durch sein Stück vha. foUe Querelle ou la Critique d'Andromaquet^ 
bekannt, das auf Moliere's Bühne 1668 aufgeführt wurde und 
Racine feindlich war. Von diesem Stück, wie von der Verthei- 
digung der Racine'schen nB^rönice« durch Subligny und von dessen 
Schrift »Sur les trag^dies de Phfedre et d'Hippolytet* werden wir 
noch einige Worte zu sagen haben, wenn wir von Racine reden. 

Die übersichtliche Betrachtung dieser Poeten aber zeigt 
zur Genüge, dass Boileau voUkonunen Recht hatte, wenn er 
in der siebenten Epistel klagte, dass nach Moli^re's Tod die 
Komödie verwaist sei und vergebenis sich wieder aufzurichten 
versuche. Aehnlich Hess Boursault in dem Prolog, mit dem er 
sein Trauerspiel »La Princesse de Clfeves« begleitete, die Muse 
sagenii, Thalia sei durch Moliire's Tod in Trauer versenkt. Grosse 
Männer seien selten, und es werde lange Zeit vergehen, bis man 
Moli^re ersetzt sehe. In der That, es offenbarte sich eine er- 
sohreekende Oede, und die Unfruchtbarkeit und geistige Abspan- 
nung, die mit der Zeit auf allen Gebieten zu Tage treten sollte, 
äusserte sich hier zuerst. In den letzten Jahren des Jahrhunderts 
erfreuten sich allerdings noch zwei Lustspieldichter, Dancourt 
und Regnard, besonderer Beliebtheit, allein von ihnen ist doch 
nur der letztere grösserer Aufmerksamkeit werth. 

Florent Carton Dancourt (1661 — 1725) war Advokat; als 
er aber die Schauspielerin La Thorilliire entführte und sie hei- 
ratete, musste er seine juridische Laufbahn aufgeben. So gross 
war damals noch das Vorurtheü gegen das Theater. Denn nicht, 
dass er Mlle Thorilli&re entführte, sondern dass er sie heiratete, 
machte ihn unmöglich. Dancourt entschloss sieh in Folge dessen 
selbst Schauspieler zu werden. Er betrat 1685 zum erstenmal 
die Bühne und gewann durch sein feines vornehmes Spiel die 
Gunst des Publikums. Fast gleichzeitig debutirte er mit einem 
Lustspiel »Le Notaire obligeant(<, dem er in imunterbrochener 
Reihe etwa fünfzig Stücke, zum grossen Theil Einakter, folgen 
liess. Dancourt verstand es, seine kleinen Scherzspiele lebendig 
und heiter zu gestalten; ein rascher launiger Dialog, eine ener- 
gisch vorschreitende Entwickelung waren deren Hauptvorzüge« 
Aber von eigentlicher Komposition, künstlerischer Schürzung und 
Lösung eines Knotens, von halbwegs scharfer Charakterzeichnung» 



112 

von poetischem Gefühl war bei ihm nichts zu finden. Seine Stücke 
unterhielten die Zuschauer, ohne sie zum Denken zu nöthigen. 
Von seinen Lustspielen sei zunächst das fünfaktigO; in Prosa ge* 
schriebene Stück „Le Chevalier k la mode(< erwähnt, in welchem 
ein leichtsinniger Junker gleichzeitig mehrere, meist alte Damen 
mit seinen Liebesschwüren täuscht, um sich in den Besitz ihres 
Vermögens zu bringen. Das Stück hat grosse Längen, wie denn 
Dancourt überhaupt nicht die Gabe besass, einen grösseren Stoff 
zu ordnen und spannend zu behandeln, {^ine Folge heiterer 
Scenen enthält das einaktige Lustspiel 7)La Maison de cam- 
pagne«. Der Besitzer eines Landhauses sieht sich so von 
Gästen imd angeblichen Freunden überlaufen, dass er ein Schild 
über der Hausthüre anbringt und sich als Gastwirth benimmt. 
Da dieses Mittel nichts hilft, bewilligt er die Hand seiner Tochter 
einem jungen Mann, der sich verpflichtet auch das Landhaus zu 
übernehmen. In einem andern einaktigen Stück TiL'Etö des co- 
quettes(< wird dasselbe Thema, wie in dem nChevaÜer k la mode«, 
nur kürzer und darum ergötzlicher behandelt. Man erkennt 
aus diesen kurzen Angaben schon den leichten Charakter der 
Dancourt'schen Stücke. Nicht anders sind seine weitern Arbeiten, 
^La Femme d'intrigues« (5 Akte), tjLcs Bourgeoises ä la mode« 
(5 Akte), wLes Vendanges de SurSnesa (1 Akt), rjLesVacances« 
(1 Akt), wLe Mari retrouv^tf (1 Akt), rjLes Bourgeoises de qua- 
lit^tt (3 Akte) u. a. m. Dancourt brachte öfters Bauern und 
Bäuerinnen auf die Bühne und liess sie in ihrer Volkssprache 
reden. Ein dreiaktiges Lustspiel TiLes trois Cousines<^ ist fast 
ausschliesslich in solchem Patois geschrieben. 

Dancourt's Stücke lassen die Richtung, die das Lustspiel 
einschlug, deutlich erkennen. Es wurde immer mehr zur Sitten*- 
komödie plattester Art, insofern es die Vorfälle des Tags, be- 
ders Scandalgeschichten behandelte, oder einzelne Typen der 
modernen Gesellschaft in oberflächlicher Darstellung zeichnete. 
Einige Titel Dancourt*scher Stücke lassen diesen Inhalt schon 
erkennen, so nha, Loterie(<, T^le Mari retrouvä«, nlsL dösolation 
des Joueusest^, »les Agioteurs^, »les Curieux de Compi^gne« u. 
s. w. Sie sind reich an Episoden und führen Personen ein, die 
nur als Staffage des Bildes dienen sollen, ohne in die Entwicke- 



113 

lung einzugreifen. Die Komödie der heutigen Zeit hat diese Manier 
weiter ausgebildet* Neuerdings hat man versucht, wie aus den 
Dichtungen Molifere's , so auch aus den Stücken Dancourt's ein 
Bild der französischen Gesellschaft jener Tage zu entwerfen. Doch 
muss man sich hüten ^ einseitig nach den tollen Ein&Uen und 
Uebertreibungen eines Possendichters wie Dancourt ein solches 
Bild zu konstruiren *)♦ 

Jean Franyois Regnard (1656 — 1710) gehört seiner Lebenszeit 
nach fast ganz zum siebzehnten Jahrhundert* Seine hervorragend- 
sten Lustspiele, wLe Joueur" (1696) und wLe Distrait«^ (1697) 
gehören auch zeitlich noch zu demselben* Und doch reihen wir 
Regnard nicht mehr in die Geschichte dieser Epoche. Seine 
Sprache, seine Art, sein Denken und Fühlen stellen ihn unter 
die Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts. Er war der erste, 
der den ernstlichen Versuch machte, in die Fussstapfen seines 
grossen Vorgängers Moli&re zu treten. Wenn er ihn auch nicht 
erreichte, war doch sein Streben schon aller Ehren werth. Er 
kehrte zur Charakterkomödie zurück und seine Lustspiele athmen 
frische, natürliche Laune, sie sind fein, geistvoll, elegant. Aber 
es mangelt ihnen das Feuer, die Leidenschaft, die Beredsamkeit, 
kurz alles, was den wahren Dichter ausmacht und was Molifere 
besass. Doch sind sie kulturhistorisch werthvoU, werth voller 
auch in dieser Hinsicht, als die Stücke Dancourt's. Mit feinem 
Wort deutet Voltaire die Stellung an, welche Regnard neben Me- 
liere einnimmt, indem er sagt, dass der nicht würdig sei, Moli&re 
zu bewundem, dem Regnard nicht gefalle. 



*) Vergl. La com^die apr^s Moliere et le th^ätre de Dancourt, par Jules 
Lemaitre. Paris, Hachette 1882. 



Lotheissen, G^sch. d. tnnz. Literatnr. IV. Bd. g 



IV. 

Die Tragödie. 

Racine, sein Leben und seine Werke. 



«• 



Jjast gleichzeitig mit der Komödie erhob sich auch die 
Tragödie zu neuer Grösse und trat dabei mit einem Glanz und 
einer Pracht auf, wie man es in Frankreich noch nicht erlebt 
hatte. Der Dichter, der sie zu solcher Höhe führte, war Jean 
Racine. 

Wir stehen vor dem schwierigsten Abschnitt in der Geschichte 
der französischen Literatur. Die Tragödie Comeille's findet in 
Frankreich und im Ausland mehr Verständniss und Sympathie 
als das Schauspiel, das Racine unter dem Einfluss des Hofs, 
unter der Herrschaft der alles centralisirenden, alles nach ihrem 
Willen umgestaltenden Regierung Ludwig XIV. geschaffen hat. 
In seinem Vaterland selbst, besonders aber bei den Nachbar- 
nationen germanischen Stammes stösst Racine auf eine kaum zu 
überwindende Abneigung. Dieses Abwenden von einem Dichter, 
dessen Gaben keinem zweifelhaft sind, ist zwar erklärlich, darum 
aber doch nicht ganz gerecht. 

Die klassische französische Tragödie, die Tragödie Racine's 
und seiner Nachfolger, entspricht in vieler Hinsicht nicht der 
Idee von poetischer Wahrheit und dramatischem Leben, wie sie 
sich zumal seit der grösseren Bekanntschaft mit den Shake- 
speare'schen Werken bei uns gebildet hat. Wenn aber eine 
Dichtung dem Geschmack des heutigen grossen Publikums nicht 
mehr zusagt, ist sie darum noch nicht grundsätzlich zu ver- 
werfen. Und wenn man sieht, dass sie anderthalb Jahrhunderte 
uneingeschränkte Bewunderung im eigenen Land, warme An- 
erkennung auch bei den Fremden gefunden hat, ist doch vielleicht 
zunächst die Frage zu stellen, ob die moderne Zeit nicht auch 
etwas Schuld trägt, wenn sie jene Dichtungen nicht mehr würdigen 
kann? Jedenfalls ist es leichter, die französische Tragödie als 
steif und langweilig kurzer Hand zu verurtheilen, als ihr Wesen 
zu ergründen, sie in ihrem Werden und ihren Verhältnissen zu 



118 

verstehen, ihre Grösse und ihre Schwäche gegeneinander abzu- 
wägen^ und so zu einer gerechten Beurtheilung zu gelangen. Die 
Aufgabe ist schwer, und wenn wir sie in den folgenden Blättern 
zu lösen versuchen, finden wir dazu nur den Muth, weil wir 
durch die ausführliche Darstellung der gesammten literarischen 
Entwicklung in Frankreich während des 17. Jahrhunderts bereits 
in klärender Weise vorgearbeitet haben. 

Racine ist doch eine der grössten Erscheinungen der grossen 
französischen Literatur. Mehr als jeder andre entsprach er dem 
königlichen Frankreich der Bourbonen^ und von ihm kann man in 
Wahrheit sagen, was man manchmal von Bossuet behauptet, 
dass er in seiner Art, seinem Geschmack, seiner glänzenden, 
geschmeidigen und harmonischen Sprache dem Charakter des 
nRoi-Soleil(< am meisten entsprach. 

So grundverschieden er auch von Moli^re zu sein scheint^ 
so sind beide doch in ihrem Streben einander verwandt. Sie 
beide führten mit Boileau vereint, den entschiedensten Kampf 
gegen die romaneske Unnatur, die sich in der Literatur und 
zumeist auf dem Theater geltend machte. Sie waren Neuerer, 
Revolutionäre; welche die Herrschaft des alten Geschmacks 
stürzten, gerade wie die Romantiker des 19* Jahrhunderts in 
revolutionärem Ansturm die Klassiker bekämpften. Und als Re- 
volutionäre, als geschmacklose, die echten Principien der Wahrheit 
und Schönheit verleugnende Thoren wurden sie von ihren Gegnern 
bekämpft. Es wiederholte sich hier nur, was sich zu allen Zeiten 
und auf allen Gebieten beobachten lässt. Eine jede Herrschaft 
hat ihren kleinen Beginn und steigt kämpfend zur Macht und 
Grösse empor, bis ihre Zeit um ist und sie ihrerseits von einer 
jüngeren, noch stürmischeren Kraft verdrängt wird. Wir werden 
versuchen nachzuweisen, wie Racine die französische Tragödie 
zur Höhe ihrer Entwicklung führte, wie er seine Personen 
menschlich reden und fühlen liess, wie er die Sprache beherrschte 
und aus seinen Dichtungen eigenthümliche Kunstwerke schuf, die 
in sich harmonisch waren, jobgleich sie die Menschen unserer 
Zeit manchmal sonderbar anmuthen. Wir bieten hier keine Recht- 
fertigung Racine's, keine Lobrede auf ihn ; wir wollen seine Art 



119 

und Weise erklären und sind überzeugt, dass gar manches Vor- 
urtheil schwindet, wenn man ihn genauer kennen lernt. 

Racine's Jugendzeit und erste dichterische Versuche. 

(1639—16650 

In der alten Grafschaft Valois liegt zwischen Soissons und 
Paris, aber näher der ersteren Stadt, auf einem leicht ansteigen- 
den, von dem Flüsschen Ourcq bespülten Hügel La FertÄ Milon. 
Die Ruinen eines alten, mächtigen Schlosses krönen die Höhe. 
In dem Städtchen lebte seit lange die Familie Racine. Ein Jean 
Racine war dort im 16. Jahrhundert königlicher Einnehmer 
(receveur pour le roi et la reine du domaine et duchä de Valois). 
Dessen Sohn, ebenfalls Jean Racine genannt, erscheint als Con- 
troleur des Salzmagazins seiner Stadt (controleur du grenier a 
sei de la Fert^ Milon). Aus seiner Ehe mit Marie Desmoulins 
entsprangen acht Kinder^ von welchen Jean Racine, geboren 1615, 
der Vater des Dichters wurde. Eine jüngere Schwester desselben, 
Agnes, trat in das Kloster zu Port-Royal, das sie vom Jahre 1690 
an als Aebtissin leitete. 

Jean Racine war Prokurator und erhielt nach seines Vaters 
Tod vielleicht auch dessen Amt. Er verheiratete sich 1638 mit 
Jeanne Sconin, der Tochter einer angesehenen Familie*). In 
jenem Jahr flüchteten mehrere Häupter der Jansenisten in das 
stille La Fert^ Milon. Kardinal Richelieu hatte in seiner Erbitte- 
rung über den Widerstand, den er bei der neuen Sekte fand, 
ihren Führer, den Abb^ de Saint-Cyran, verhaften und nach 



*) Racine^s Stammbaum stellt sich also folgendermassen : 

Jean Bacine, receveur pour le roi, f 1593. 

1 

(Jean Eacine, controleur^ f 1649. 
Marie Desmoulins. 



( 



Jean Racine, geb. 1615, f 1643, Agnfes Racine, geb. 1626, 

vermählt 1638 mit Klosterschwester und seit 1690 

Jeanne Sconin, f 1641. Aebtissin von Port-Royal. 



Jean Racine, getauft Marie Racine, geb. Jan. 1641, verheirathet 1676 

22. Dec. 1639, mit Antoine Rivi^re, controleur du grenier 

t 26. April 1699. k sei et m^decin k La Ferte Milon, f 1734. 



120 

VinceDiies bringen lassen. Seine Freunde hatten sich zerstreut, 
um ähnlichem Schicksal zu entgehen^ und drei derselben, die 
gelehrten Lancelot, Le Maistre und Säricourt hatten in La Fert^ 
Milon im Hause eines Herrn Vitart ein Asyl gefunden, da dessen 
Familie schon in engem Verkehr mit Port-Royal stand. Dieser 
Vitart war aber ein Verwandter der Familien Sconin und Racine, 
und der jansenistische Geist drang nun mit Macht in deren 
Kreise ein. Er hat auch auf Jean Racine's, des Dichters, Leben 
einen nachhaltigen Einfluss geübt. Die drei Flüchtlinge von Port- 
Royal blieben fast ein Jahr in La Fertä Milon und kehrten erst 
im August 1639 nach Hause zurück. Am 22. December 1639 
wurde dem jungen Ehepaar Racine ein Sohn, Jean, getauft, der 
seinen Namen später so berühmt machen sollte. Ein zweites 
Kind, ein Mädchen, folgte im Januar 1641. Es wurde auf den 
Namen Marie getauft, aber wenige Tage nach seiner Geburt ver- 
schied die junge Mutter. Auch der Vater starb bald, 28 Jahre 
alt, im Jahr 1643 *). 

Die verwaisten Kinder wurden von den Grossältern zur 
Erziehung übernommen; der Knabe kam zu seinem Grossvater 
Racine, das Mädchen zu dem Grossvater Sconin. Es fand sich, 
dass der verstorbene Vater verschuldet gewesen war, und die 
dreihundert fünfzig Livres, welche der Verkauf des kleinen Amtes 
einbrachte, reichten nicht hin, die Verpflichtungen zu decken. 
Auch Racine ging also aus engen Verhältnissen hervor, und man 
hat mit Recht darauf hingewiesen, dass fast alle jene Männer, 



*) Für die Eenntniss yon Kacine's Leben sind vor allem die „M^moires 
sur la vie de Jean Racine'' wichtig, welche des Dichters Sohn, Louis Sacine, 
zunächst für seine Kinder schrieb. Sie erschienen 1747 in Lausanne und Genf, 
da der Kanzler D^Aguesseau deren Druck in Frankreich nicht gestattete. Die 
„Oeuvres compUtes de Louis Bacine** erschienen 1750 in Amsterdam. In ihnen 
waren auch die Memoiren wieder abgedruckt. Ein Exemplar der Ausgabe von 
1747 mit Korrekturen von des Verfassers Hand befindet sich auf der Pariser 
Nationalbibliothek und nach dem so geänderten Text sind die neueren Ausgaben 
der Memoiren gedruckt* — Eingehende Biographien Eacine^s finden sich von 
Mesnard in der Ausgabe Kacine^s (Sammlung der „Grands Ecrivains**,Hachette, 
1865 — 1873, 8 Bde.) und von Saint - Marc Girardin und Moland in deren 
Ausgabe (Chefs - d'oeuvre de la litt^rature fran^aise. Garnier, 1869 — 1877. 
8 Bde.). 



121 

welche die französische Literatur zur Höhe führten, Corneille, 
La Fontaine, Boileau, Racine, dem Kreis des bescheidenen Bttr- 
gerthums entstammten. 

Der Grossvater Racine behielt seinen Enkel bei sich, bis 
er im Jahr 1649 oder 1650 starb* Agnes Racine, seine Tochter, 
war bereits als Klosterschwester in Port-Royal eingetreten, und 
die Witwe entschloss sich nun auch, in die Stille des Klosters 
zu flüchten. Sie entschied sich wohl dazu erst, als ihr Enkel das 
richtige Alter und die nöthigen Vorkenntnisse hatte, um in eine 
öffentliche Schule eintreten zu können. Jean Racine wurde nach 
Beauvais in das dortige College geschickt, etwa ums Jahr 1652, 
und blieb dort bis 1655. Seiner Grossmutter war Racine immer 
sehr zugethan. Als sie 1663 erkrankte und bald darauf starb, 
schrieb Racine seiner Schwester Marie, er wäre der undankbarste 
Mensch der Welt, wenn er sie, die für ihn mehr als für ihre 
Einder gesorgt hätte, nicht liebte. Er nennt sie geradezu seine 
Mutter *)• 

Von Beauvais kam Racine als nicht zahlender Zögling nach 
Port-Royal, wo die Einsiedler eine kleine Anzahl junger Leute 
zum Unterricht und zur Erziehung um sich versammelten**). 

Racine erwies sich als ein begabter und eifriger Schüler. 
Seine Hauptlehrer waren Lancelot, der als Hellenist bekannt 
war, und Le Maistre, der ihn in seinen Briefen wie einen Sohn 
anredete. Unter der Leitung dieser Lehrer wurde Racine selbst 
ein tüchtiger Hellenist. Der Einfluss der griechischen Poesie auf 
seine späteren Dichtungen ist unverkennbar. Während die Mehr- 
zahl der Dramatiker sich an lateinische, spanische oder italienische 
Vorbilder hielt, fand Racine seine Inspiration, so weit er nicht 
selbständig blieb, bei den Griechen. Louis Racine erzählt, dass 
sein Vater als Schüler den grössten Genuss darin gefunden habe, 
sich in dem schattigen Park von Port-Royal zu ergehen, und 
dabei in Sophokles oder Euripides zu lesen, deren Tragödien er 



*) Brief von J. Kacine an Marie Racine, Paris 23. Juti 1663: „Je ne 
vous saurois dire combien j'en suis afflig^ , et il faudroit que je fasse le plus 
ingrat du monde, si je n^aimois une m6re qui m*a ^t^ si bonne, et qui a eu 
plus de soin de moi que de ses propres enfants.** 
*♦) Siehe Band HI, S. 12 u. 13. 



122 

fast auswendig gewusst habe. Einen Beweis seines guten Ge- 
dächtnisses soll er auch geliefert haben, indem er den griechi- 
schen Roman nTheagenes und Chariklea<^ von Heliodor aus- 
wendig gelernt habe^ weil man ihm das Exemplar desselben 
zweimal konfiscirt hätte. 

Wir sehen somit in Racine frühzeitig eine ausgesprochene 
Vorliebe für die Poesie, die ihn auch zu selbständigen poetischen 
Versuchen veranlasste. Seine Studienzeit in Port-Royal fiel gerade 
in die Jahre, während welcher die Jansenisten den schweren 
Kampf mit der Sorbonne und den Jesuiten zu bestehen hatten, 
und Pascal seine wLettres provinciales" gegen die letzteren schleu- 
derte. Wie schon früher, war der Bestand der klösterlichen An- 
stalt in Port-Royal auch damals bedroht, und die Schüler hörten 
genug von den drohenden Stürmen reden. In jener Zeit muss 
Racine sein lateinisches Gedicht T^ad Christum« geschrieben haben, 
in dem er um Schutz für die friedliche fromme Heimstätte zum 
Himmel fleht. Andere lateinische Gedichte, nürbis et ruris 
dififerentiat«, j?laus hiemis*^, sowie eine Epistel an seinen Ver- 
wandten Vitart*), stammen gleichfalls aus jener Epoche, wenn 
auch die Zeit ihrer Entstehung nicht genau zu bestimmen ist. 
Interessanter sind Racine's erste poetische Versuche in französi- 
scher Sprache, vor allen seine sieben Oden zum Preis der Schön- 
heit von Port-Royal (wLe paysage ou promenade de Port-Royal 
des Champs«). Er besingt in ihnen die Wälder und Gewässer, 
die Gebäude und Gärten, die heilige Stille des Ortes ^ auch die 
Wiesen und die Heerden, die darauf weiden. Sie sind keines- 
wegs durch dichterischen Werth ausgezeichnet, und haben höch- 
stens hier und da einen glücklichen Ausdruck. Aber sie zeigen 
Racine's lebhaftes Gefühl für die Natur und einen Versuch reali- 
stischer Schilderung. Andere Episteln an Vitart können wir über- 
gehen. 

Mit 19 Jahren verliess Racine Port-Royal, um seine Studien 
in dem College d'Harcourt, einer der angesehensten Anstalten 



*) Antoine Vitart, geboren zu La Fert^ Milon 1688, war V-j^ Jahr älter 
als Bacine und damals Schüler des College d^Harcourt zu Paris , nachdem er 
zuvor in Port-Royal studirt hatte. 



123 

von Paris, zu beenden (1658 — 1660). In Paris wohnte er wahr- 
scheinlich für sich allein, hatte aber an Nicolas Vitart, dem 
bedeutend älteren Bruder des Antoine Vitart, eine Stütze. Vitart, 
der ebenfalls ein Schüler von Port-Royal gewesen war, hatte bei 
der Herzogin von Chevreuse und ihrem jansenistisch gesinnten 
Sohn, dem Herzog von Luynes, eine Stelle als Intendant und 
Sekretär. Diesem Manne blieb Racine sein Leben lang befreundet, 
und schon damals erbat er sich dessen Urtheil über seine poetischen 
Versuche. Neben Vitart, der ihm an Jahren zu weit voraus war, 
um in Wahrheit sein Vertrauter zu werden, schloss er Freund- 
schaft mit einem jungen lebenslustigen und galanten Abbö, Le 
Vasseur, vielleicht auch einem Verwandten. Ihm theilte er seine 
Sonnette, Madrigale und gereimten Liebesseufzer mit, von wel- 
chen freilich nichts erhalten ist. Vielleicht machte Racine in jener 
Zeit auch schon Bekanntschaft mit La Fontaine. Einige Stellen 
ihrer Korrespondenz lassen das annehmen. La Fontaine war ja 
im Hause Foucquet's bis zu dessen Sturz gewesen, und kam 
auch später öfters von Chäteau-Thierry nach Paris *). 

Nachdem auch die Studien im College d'Harcourt absolvirt 
waren, drängte sich Racine die Frage auf, welchen Beruf er 
ergreifen solle? Die Freunde von Port-Royal wünschten, dass er 
sich der Rechtswissenschaft zuwende. Allein er fühlte dazu keine 
Lust ; er freute sich des ungebundenen Lebens, und seine Neigung 
zu poetischen Arbeiten trat immer deutlicher zu Tage. Seine 
Mittel waren freilich sehr beschränkt. Noch später, nach dem 
Tod seiner Grossmutter Racine, schrieb er seiner Schwester, 
dass er sich ausser Stand sehe, ihr Geld zu einem Trauerkleid 
zu schicken. (Brief v. 13. Aug. 1663.) Vitart half in jenen Jahren 
freundschaftlich aus, verwandte ihn auch zeitweise im Dienst 



♦) In einem Brief vom 11. Nov. 1661 schreibt Racine an La Fontaine 
wie an einen alten Bekannten: 

J*ai bien vu du pays, et j*ai bien voyafi:^« 
Depnis que de vos yenx les miens prirent cong^. 

Mais tont cela ne m'a pas emp€ch^ de songer tonjours antant k vous que je 
faisois, lorsque nous nons voyions tous les jours.** Und der Brief schliesst, dass 
es jetzt ernsthaft zu sein gelte. „Car 11 faut Stre r^ulier avec les reguliers, 
comme j'ai ^t^ lonp avec vons et les autres loups vos comp^res." 



124 

des Herzogs. Im Januar 1661 war er z. B. in Chevreuse, um 
die Bauten im Schloss zu Überwachen. Der Brief, den er von 
dort an Le Vasseur schrieb, ist aus 77Babylon<< datirt, so sehr 
fühlte sich Racine schon in der Verbannung, wenn er fem von 
Paris war. Dort hatte er freilich seinen heiteren und anregenden 
Kreis. Man las Ariost und freute sich der romantischen Abenteuer^ 
die Messer Ludovico erzählt. Auch wagte sich Racine schon an 
höhere Aufgaben. Wir lesen in einem seiner Briefe von einem 
Stück, »Amasie«; das er geschrieben hat und von den Schau- 
spielern des Maraistheaters freundlich aufgenommen worden ist*). 
Die Künstler kamen freilich von der guten Meinung zurück und 
weigerten sich schliesslich, das Erstlingswerk des unbekannten 
Dichters aufzuführen. Racine selbst sah diese Entscheidung voraus. 
»Ich fürchte, die Schauspieler lieben jetzt den Galimathias zu 
sehr», schrieb er seinem Freund. Durch diese Zurückweisung 
nicht entmuthigt, begann er ein neues Schauspiel nLes Amours 
d'Ovidet«, das er für das Hotel de Bourgogne bestimmte, aber 
wie es scheint nicht vollendete. 

Von diesen beiden Arbeiten hat sich nichts erhalten. Dafür 
erzielte er einen bedeutenden äusseren Erfolg durch eine Ode, 
»La Nymphe de la Seine« , die er zu Ehren der Vermälung 
König Ludwig' s mit der Infantin Marie Therese von Spanien 
dichtete. Die Hochzeit wurde am 9. Juni 1660 gefeiert, und 
das junge Königspaar hielt seinen Einzug in die Hauptstadt 
in den letzten Tagen des August. Racine war nicht der einzige, 
der diese Begebenheit besang. Auch zeigt seine Ode ausser 
einer gewissen Fertigkeit keine besonderen Eigenschaften , es 
sei denn, dass man ein Talent für den Hof und die höfischen 
Künste darin finden will. Racine erweist sich nicht allein in der 
Kunst der Schmeichelei erfahren , in so fern er von der jungen 
Königin sagt, sie sei die Gemalin des grössten Eroberers (1660!), 
er lässt auch die Nymphe der Seine ausrufen, dass sie es als 
das höchste Glück ansehe, gerade ihr Reich zu durchströmen **)♦ 



♦) Brief an Le Vasseur vom 5. Sept. 1660. 
**) La nymphe de la Seine: 

Mais de couler sous votre empire 

C*est plus que de r^gner sur l'empire de mers. 



125 

Noch besser bekundete Racine sein diplomatisches Talent^ als 
er es durcbsetzte, dass Vitart die Ode dem trotz seines miss- 
glückten Epos immer noch angesehenen und einflussreichen Cha- 
pelain zur Beurtheilung vorlegte. Dieser lobte sie^ gab auch 
einige Winke ftlr Verbesserungen und empfahl den jungen Dichter 
dem Minister Colbert, dessen Vertrauensmann er war, so oft es 
sich um königliche Spenden an Dichter und Schriftsteller han- 
delte*). Auf seine Empfehlung hin schickte Colbert dem jungen 
Dichter im Namen des Königs eine Börse mit hundert Louisd'or. 
Die Dankbarkeit war freilich Raeine^s Sache nicht ^ das bewies 
er bei mehr als einer Gelegenheit. Wie er später rücksichtslos 
gegen Moli^re verfuhr, der ihm die Aufführung seiner ersten 
Tragödien möglich gemacht hatte, so scheute er sich nicht, auch 
gegen Chapelain in einem bissigen Epigramm aufzutreten, als 
er ihn nicht mehr brauchte**). 

Das ziellose Leben, das Racine in der ersten Zeit nach 
seinem Austritt aus dem College führte, konnte nicht dauern. 
Hätten die Theater sich willfährig gezeigt, die Stücke des jungen 
Dichters aufzuführen, so hätte er vielleicht an keine andre Lebens- 
stellung gedacht. Allein seine Hoffnungen verwirklichten sich 
nicht^ die Verwandten drängten, und so entschloss er sich 
zu einem entscheidenden Schritt, der ihm gewiss schwer fiel. 
Ein Onkel Sconin lebte als bischöflicher Generalvikar zu üzfes 
im Languedoc und machte seinem Neffen Hoffixung auf eine 
Pfründe. Racine hatte zwar trotz seiner Erziehung in Port-Royal 
keine Neigung zum geistlichen Stand, allein um eine Pfründe zu 
erlangen, brauchte man ja nur den halben Weg zu gehen und 
die kleinen Weihen zu nehmen, die zu nichts verpflichteten. 
Immerhin waren dabei einige theologische Studien erwünscht. 



*) Vergl. darüber Band I, S. 245. 

**) Epigramme sur Chapelain: 

Froid, sec, dur, rüde auteur, digpie objet de satire, 
De ne savoir pas lire oses-tn me blämer? 
H^las! pour mes pech^s, je n*ai su que trop lire, 
Depnis que tu fais imprimer! 
lieber die Veranlassung zu diesem Epig^ramm vergl. Louis Racine, M^moires, 
^d. Saint-Marc Qirardin et Moland, B. VIII, S. 32ö. 



126 

Wir wissen, dass La Fontaine auch diesen Preis zu hoch be- 
funden und lieber die Aussicht auf eine Pfründe aufgegeben hatte. 
Racine war praktischer, das Studiren ihm ohnehin nicht so ver- 
hassty obgleich ihn die Theologie so wenig anzog wie seinen 
Freund. Im Herbst des Jahres 1661 brach er darum auf, um 
sich nach Uz^s zu begeben. Die Briefe, die er unterwegs an 
seine Freunde schrieb, lauten nicht sehr geistlich, und auch seine 
Berichte aus Uzfes verrathen, wie wenig ihm die neuen Stu- 
dien am Herzen lagen. In einem Brief an Vitart vom 15. No- 
vember erzählt er von der Geschäftslast seines Onkels, der neben 
der Leitung der Diöcese auch noch die Finanzen des ganz ver- 
schuldeten Kapitels zu ordnen hatte. Die nächste Pfründe habe 
der Greneralvikar zu vergeben und darum müsse er, Racine, 
schon in der Kürze nach Avignon^ um sich dort tonsuriren 
zu lassen. „Ich verbringe die Zeit", schrieb er den 17, Ja- 
nuar 1662 an Vitart, „mit meinem Onkel, Sankt Thomas und 
Virgil. Ich mache eine Menge Auszüge aus theologischen, aber 
auch einige aus dichterischen Werken. t* Die letzteren waren 
ihm doch wichtiger; er fürchtete, in dem fernen Land sein Fran- 
zösisch zu vergessen und fühlte sich einsam und verlassen. Gerne 
meldete er, dass man ihn auch in Uz^s als Schöngeist und 
Dichter kannte, und er schickte seinen Freunden manche kleine 
poetische Arbeit ein. Seinem Vertrauten Le Vasseur verrieth er 
sogar, dass er nach einem passenden Stoff für ein dramatisches 
Werk suche*). Unterdessen wurde seine Aussicht auf eine gute 
Pfründe immer geringer. Sein Onkel hatte viele Gregner, und es 
zeigte sich, dass er seinen Einfluss überschätzt hatte. So kehrte 
Racine, enttäuscht und doch vielleicht zufrieden, im Sommer 1662 
nach Paris zurück. Sconin arbeitete indessen an andrer Stelle 
für ihn und wusste ihm doch noch einige Pfründen zu ver- 
schaffen**). 



*) Brief vom 4. Juli 1662: „Je cherche quelque sujet de th^ätre, et je 
serois assez disposd d'y travailler." 

**) lieber eine Pfründe im Bisthum Angers hatte Bacine später einen 
Process zu führen, den er verlor. In einigen notariellen Akten aus den Jahren 
1671 und 1672 erscheint er als prieur de Saint-Jacques de La Ferte et prieur 
de Saint-Nicolas de Choisis. 



127 

In Paris fand Racine wieder das frühere lebhafte gesellige 
und literarische Treiben« Entschiedener als zuvor richtete er nun 
sein Augenmerk auf das Theater und trat in Verkehr mit der 
Künstlerwelt. Praktische Erfahrungen waren nöthig, um die 
Technik des Dramas zu erkennen; und Menschenkenntniss er- 
warb er sich auch nur im Wirbel des Lebens. Port-Eoyal und 
seine Familie mochten ernstlich über das weltliche Treiben des 
jungen Mannes trauern; die französische Literatur gewann einen 
grossen Dichter mehr y als man im Länguedoc dem Neffen des 
Generalvikars eine Pfründe verweigerte. 

Man erzählt, Racine habe zunächst eine Tragödie TiTh^ag&ne 
et Charicläe^ gedichtet, die er nach dem von ihm einst so bewun- 
derten Roman verfasst habe. Molifere, dem er sie zur Aufführung 
angeboten habe, sei aber mit dem Werk nicht zufrieden gewesen 
und habe dem jungen Dichter, dessen Talent er erkannte, einen 
andern Stoffe den der T^Thäbaide^ zur Bearbeitung empfohlen. 
Die Berichte über jenen ersten Versuch sind indessen sehr un- 
sicher« Racine selbst spricht nirgends von einem solchen Stück 
und auch sein Sohn weiss nichts Bestimmtes darüber zu sagen. 
Er berichtet nur, dass sein Vater mit dem Entwurf der wTh^baidet« 
nach Paris zurückkam, wie das auch aus Racine's eigenen Briefen 
hervorgeht. Die Entstehungsgeschichte dieser Tragödie, die wir 
als die erste des Dichters kennen, ist somit nicht ganz klar. Da 
Racine an seinem Werk schon in Uzes arbeitete^ kann ihn Meliere 
nicht wol auf den Stoff hingewiesen haben. Doch sagt Racine in 
der Vorrede zur wThöbaidetf, mehrere geistvolle Personen hätten 
ihn ermuntert, eine Tragödie zu schreiben und ihm die Geschichte 
des thebanischen Bruderkampfs als zur dramatischen Behand* 
lung geeignet empfohlen. Nach Paris zurückgekehrt, arbeitete er 
mit Eifer an dem neuen Werk. Während dieser Zeit machte 
er auch Moli^re's genauere Bekanntschaft und stand bald auf 
freundschaftlichem Fusse mit ihm. Der Direktor eines Theaters 
war eine wichtige Persönlichkeit für den jungen Dichter, der 
sich rüstete, sein Glück auf der Bühne zu versuchen. Racine 
war indessen Diplomat genug, um sich nach verschiednen Seiten 
hin zu sichern und es glückte ihm, sich vornehme und einfluss- 
reiche Gönner zu erwerben. In einer Ode (1663) feierte er die 



128 

Genesung des Königs von schwerer Krankheit, und in einer 
andern pries er Ludwig's Fürsorge für die schönen Künste. (rLa 
Renommee aux Muses.«) Dafür wurde er mit einem Jahrgehalt 
von 600 Livres belohnt und erhielt Zutritt bei Hof. In einem Brief 
an seinen Freund Le Vasseur (Nov. 1663) erzählt er, dass er beim 
Lever des Königs zugegen gewesen sei, dort auch Moliöre ge- 
troffen habe, der vom König sehr freundlich angeredet worden sei. 
Er habe sich für Molifere über diese Ehre gefreut, und diesem 
sei es gewiss auch lieb gewesen, dass er, Racine, Zeuge der 
huldvollen Behandlung habe sein können. 

Deutet diese Stelle auf freundschaftliche Gesinnung zwi- 
schen beiden Männern hin^ so schlägt ein wenige Wochen später 
geschriebener Brief einen ganz andern Ton an. Racine sagt 
darin, dass er Moli^re seit acht Tagen nicht gesehen habe, dass 
er auch dessen neues Stück, »LTmpromptu de Versailles« noch 
nicht kenne. Dasselbe wurde aber seit dem 4. November auf 
dem Theater des Palais-Royal aufgeführt. Noch mehr; Racine 
berichtet von der Anklageschrift, welche Montfleury bei dem 
König gegen Molifere eingereicht hatte und worin er diesen be- 
schuldigte, die eigne Tochter geheiratet zu haben. »Aber Mont- 
fleury findet kein Gehör bei Hofa, setzt er gleichgiltig, wenn 
nicht gar bedauernd hinzu, unterhandelte Racine gleichzeitig mit 
den beiden rivalisirenden Bühnen? Wurde er gegen Molifere kalt^ 
wenn er Hofi&iung hatte, sein Stück im Hotel de Bourgogne ange- 
nommen zu sehen? Das aber war damals, als er den Brief 
schrieb, der Fall. Er meldet, dass das Hotel de Bourgogne sein 
Stück aufführen wolle, nur müsse er warten, bis drei andre 
Novitäten gespielt seien *). Einstweilen war seine Tragödie noch 
gar nicht beendigt, und er arbeitete an ihr mit grösster Sorgfalt, 
strich energisch und feilte, um sie bühnengerecht zu machen« 

Ein nachhaltiger Gewinn war es für Racine, dass er in 
jener Zeit mit Boileau bekannt wurde, der zwar nur wenig Jahre 
älter war als er, aber schon einen bedeutenden literarischen Ruf 
erworben hatte. 



*) Brief an Le Vassear, Dec. 1663. 



129 

Der Abb6 Le Vasseur hatte sich erboten, dem geflirchteten 
Kritiker die Ode vk la Renomiii^e(< vorzulegen; Boileau hatte 
sie freundlich aufgenommen, sich einige Bemerkungen und Rath- 
schläge erlaubt, und Racine denselben bereitwillig Gehör gegeben. 
»Ich bin ihm für seine Winke sehr verbunden i«, schrieb er an 
Le Vasseur, Tjund schätze ihn sehr. Vielleicht wird es mir eines 
Tages gestattet, seine persönliche Bekanntschaft zu machen.^ 
Racine hatte diese Worte wohl absichtlich so geschrieben, Le 
Vasseur theilte sie Boileau mit, und vermittelte so ein Zusammen- 
treflfen, das für beide Dichter von wichtigen Folgen sein sollte. 
Es bildete sich zwischen ihnen eine Freundschaft für das Leben, 
und Racine fand an Boileau einen Rathgeber, der von ausser- 
ordentlichem Einfluss auf ihn werden sollte. 

Die Bekanntschaft mit Boileau, der seinerseits mit Moli^re 
befreundet war, sowie der lebendige Verkehr, der sich zwischen 
ihm und La Fontaine entwickelte, und von dem schon die Rede 
gewesen ist*), veranlassten vielleicht Racine, seine nTh(Sbaide" 
schliesslich doch der Molifere'schen Truppe zu überlassen, um so 
mehr, als das H6tel de Bourgogne den Termin der Aufführung 
gar so weit hinausgeschoben hatte. 

Am 20. Juni 1664 wurde die nTh6baide<< im Palais-Royal 
aufgeführt. Racine stand damals im fünf und zwanzigsten Jahr. 
Der Erfolg war nicht sehr gross, denn man zählte nur fünfzehn 
Aufführungen. Aber das Stück war doch auch nicht gefallen, 
und Racine hatte den ersten schwersten Schritt gethan. Er hatte 
den Zutritt zur Bühne erlangt, und die Erfahrungen, die ihm 
die Aufführung seines Erstlingswerkes bot,. waren nicht verloren**). 
Mit verdoppeltem Eifer begann er eine neue Arbeit, die nach 
anderthalb Jahren, am 4. December 1665, und zwar wiederum 
auf der Bühne Molifere's, erschien. Dieses zweite Stück trug den 
Titel: tj Alexandre le Grand". Es hatte bei den Freunden, welchen 
es Racine vor der Aufführung vorgelesen hatte, grosse Erwartungen 



*) Siehe Band III, Abschnitt III: „Boileau« S. 134. 
**) lieber das Verhäitniss zwischen Racine und Molifere brachte der 
„Moli^riste'* (1880, n° 19) einen interessanten Aufsatz von Ed. Thierry „La 
Thebaide au Palais-Royal 1664«*. 

Lotheissen, Gesch. d. franz. Literatur. lY. Bd. 9 



130 

erregt, und ein ausgewähltes Publikum hatte sich im Theater 
eingefunden. Aber der Eindruck entsprach nicht ganz den 
Hoffnungen. Es scheint, dass die Darsteller ihrer Aufgabe nicht 
völlig gewachsen waren; bekanntlich herrschte damals die Ansicht, 
dass Molifere's Truppe in der Tragödie nicht so hoch stehe, wie 
im Lustspiel. Immerhin kann Racine's Stück nicht missfallen 
haben, da die Gräfin d'Armagnac es wenige Tage später, am 
14. December, bei einem Fest, das sie dem König zu Ehren ver- 
anstaltete, durch die Schauspieler des Hotel de Bourgogne auf- 
führen liess. Dass eine andre Truppe dasselbe Stück imd gleich- 
zeitig spielte, war gegen das Herkommen. Doch galt vielleicht 
eine Darstellung vor dem Hof als eine Ausnahme. Wie gross 
war aber die Ueberraschung und der Unwille Moliöre's, als 
das Hotel de Bourgogne vier Tage nach der Aufftlhrung des 
nAlexandretf bei der Gräfin d'Armagnac, am 18. December, die 
Vorstellung auf seiner Bühne für das grosse Publikum wieder- 
holte! Im Palais -Royal war der »Alexandre" bereits viermal 
gespielt worden. Aber Racine war in Verzweiflung, er fand die 
Vorstellung schlecht und glaubte seine Zukunft bedroht. Er sah 
zu schwarz, und liess sich von seiner Aufregung hinreissen, den 
Künstlern des Hdtel de Bourgogne sein Stück auch für die 
öffentlichen Vorstellungen zu überlassen. Das war eine blutige 
Beleidigung für Meliere. Hätte Racine wenigstens offen gehan- 
delt , so wäre sein Vorgehen zwar unfein , aber doch noch zu 
entschuldigen gewesen. So aber schloss er in aller Stille mit 
den rivalisirenden Schauspielern ab, und verschärfte die Elränkung 
durch die Ueberraschung, mit der sie in Scene gesetzt wurde. 
Mögen auch alle Angaben, welche von einer Unterstützung Ra- 
cine's durch Möllere schon vor der TjThöbaide" sprechen, auf 
Irrthum beruhen, so ist es doch unbestreitbar, dass der letztere 
durch die Aufführung dieses Stücks sich einen Anspruch auf 
Racine's Dankbarkeit erworben hatte. Er hatte ihm, dem Un- 
bekannten, seine Bühne geöffnet, und hatte nicht verdient so 
belohnt zu werden. Er empfand die Beleidigung tief, zumal als 
Racine bald auch seine beste Schauspielerin, MUe du Parc, zum 
Uebertritt in das Hotel de Bourgogne veranlasste. Möllere brach 
natürlich alle Beziehungen zu dem jungen Dichter ab, und wenn 



131 

auch später ein leidliches Verhältniss zwischen beiden Männern 
wieder hergestellt wurde ^ blieb dasselbe doch immer äusserlich. 

Wir haben die Geschichte der beiden ersten Tragödien 
Racine's zusammengefasst, weil sie als Werke seines noch nicht 
zur Beife gelangten Genius eine besondere Stellung den andren 
Dichtungen gegenüber einnehmen, unter einander aber manche 
Verwandtschaft aufweisen. Seine Kraft enthüllte Racine erst mit 
seiner 79Andromaque<<. um so interessanter aber ist es, in den 
vorhergehenden Arbeiten seinen Werde- und Entwickelungsprocess 
zu verfolgen. 

Als Racine sich der dramatischen Dichtung zuwandte^ stand 
er unter dem Einfluss zweier mächtigen Geschmacksrichtungen. 
Noch lebte und dichtete Pierre Corneille, und wenn seine neuesten 
SchöpAingen auch nicht die Höhe der früheren erreichten, war 
er doch immer noch das Haupt und Vorbild der französischen 
Dramatiker. Die grossen Schauspiele seiner Jugend waren unüber- 
troffen. Die Kraft und der Schwung, die sie beseelten, rissen 
noch immer zur Bewunderung hin und es war nur natürUch, 
dass junge Dichter sich diese Werke zum Muster nahmen. Auch 
Racine hat seinen grossen Vorgänger gründlich studirt; er hat 
sich seine Sprache, seinen Gedankengang, seine Art der sub- 
tilen Reden und Gegenreden anzueignen gesucht. Das beweisen 
seine zwei ersten Stücke, in welchen sich eine Reihe von Reminis- 
cenzen aus Corneille finden*), und die in ihrer ganzen Haltung, 



*) Man vergleiche, um nur einige Beispiele anzuführen, das Wort Cr^on's 

(Th^baide I, 5, 82) : 

Plus ToBfenseur m^est eher, plus je ressens l'injure, 

mit dem Vers im Cid I, 6. 26: 

Plus l'offenseur est eher, et plus grande est l'offense. 

In der Th^baide (I, 3. 124) erklärt Jocaste, sie werde sich zwischen ihre 

Söhne werfen, wenn sie sich mit den Waffen bekämpfen wollten: 

Versez le sang d*un fr^re; et si c'est peu du sien, 

Je Yous invite encore k repandre le mien. 

Aehnlich fordert Sabine in Gomeille^s „Pomp^e** (II, 6. 20) den Gatten 

und den Bruder auf, sie zu tödten, bevor sie gegeneinander die Schwerter 

zücken : 

Et puisque votre honneur veut des effets de haine, 

Achetez par ma mort le droit de vous hair: 

9* 



132 

in der Anlage , den Situationen und dramatischen Kunstgriffen 
lebhaft an den Altmeister erinnern. Wie in Corneille's nHoraeet^ 
über den Ausgang des Kampfes zwischen den Horatiern und 
Curiatiem anfangs irrthümlieh berichtet wird, so hört auch Jocaste 
in der Th6baide erst nur einen Theil der grausigen Vorgänge, 
die sich auf dem Schlachtfeld zwischen ihren zwei Söhnen ab- 
spielen. 

Auch bei dem »Alexandre« hat man auf die Aehnlichkeit 
mit den Personen und Verhältnissen im rjPompöet' hiDgewiesen. In 
beiden Stücken erscheint ein siegreicher Held, der eigentlich nur 
um ein Paar schöner Augen willen seine Siegeslaufbahn durchzieht ; 
C^sar liebt die Schwester des Ptol6m6e, Alexandre die desTaxile*). 
Perus und die von ihm geliebte Axiane, die Feinde Alexf^ndre's, 
sind Heldenfiguren, wie Corneille sie schuf, und die ganze Tragödie 
strebt nach jener Würde und Hoheit, die als ein Kennzeichen 
der früheren Comeille'schen Werke erscheinen. 



Qu'un de vous deux me tue, et que l'autre me venge. 

Sus donc! qui yous retient? allez, coeurs inhumains; 

J'aurai trop de moyens pour y forcer vos mains; 

Vous ne les aurez point au combat occupees, 

Que ce corps au milieu n'arrßte vos ^pees. 
Cr^on sagt (Th^b. I, 5. 20): 

L'interöt de l'Iltat est de n*avoir qu'un roi, 
und Photin bemerkt dem König Ptolem^e gegenüber (Corneille, Pomp^e I, 2. 20) 

Car c'est ne regner pas qu'ötre deux k r^gner. 
Man vergl. noch Alex. V, 3. 85 mit Pompee III, 4. 43 — 44. 

*) Im Pompee, II, 1. 34 flf. sagt CMopatre von Cesar: 
Et depuis jusqu^ici chaque jour ses courriers 
M'apportent en tribut ses voeux et ses lauriers, 



Et de la m6me main dont il quitte T^p^e 
Fumante encor du sang des amis de Pompee, 
II trace des soupirs, et d*un style plaintif 
Dans son champ de victoire il se dit mon captif. 
In Alexandre I, 1. 60 sagt Cl^ofile von dem makedonischen König: 
Vous me voyez ici maitresse de son äme; 
Gent messages secrets m'assurent de sa flamme; 
Pour venir jusqu*ä moi ses soupirs embras^s 
Se fönt jour au travers de deux camps opposds. 



133 

Neben der Einwirkung, welche Corneille naturgemäss auf 
Racine ausüben musste, machte sich auch der Zeitgeschmack 
geltend^ und dieser hatte sich ganz der romantischen Galanterie 
zugewandt. Wir haben gesehen^ wie schmachtend und precieus 
die Helden bei Quinault redeten; wie seltsam unnatflrlich die 
Bomanfiguren der Scudäry dachten und handelten. Die gespreizte 
Sprache, die fein zu sein glaubte, aber nur unnatürlich war, 
herrschte in den meisten Werken der damaligen Dichtung. Hatte 
auch die Reaktion gegen diese Richtung schon begonnen , so 
ist es doch nicht zu verwundern , dass Racine sich ihrem Ein- 
fluss noch nicht hatte entziehen können. Die fade Galanterie trat 
in seinen späteren Tragödien immer mehr zurück, ganz hat er sie 
nie abschütteln können. In der 7)Th4baide« findet sich diese Manier 
weniger als im nAlexandre<<. Racine ist in seiner Vorrede zum 
ersten Stück auf dem Punkt sich selbst zu loben, weil er keinem 
der feindlichen Brüder eine Geliebte zur Seite gestellt habe. Dafür 
lässt er Hämon in den zierlichsten Ausdrücken um Antigone's 
Gunst werben und ihre schönen Augen fragen, ob sie ihm die 
gleiche Gunst wie frtlher bewahren, ob sie ohne zu zürnen seine 
Neigung dulden und Mitleid mit dem Weh haben, das sie 
ihm zufügen P"") Doch Hämon und Antigene sind nur Neben- 
personen, und ihre galanten Reden würden weniger stören, wenn 
die Haupthandlung spannender wäre. Allein die 7)Thäbaide<< 
unterscheidet sich noch durch nichts von den andren Dramen 
jener Zeit. Einzelne glückliche Verse genügen nicht, eine Tra- 
gödie zu halten. Im Ganzen ist die Sprache der 9)Thäbaidetf 
nachlässig, ja öfters trivial. Noch offenbarte Racine keine der 
Eigenschaften, die ihn bald so hoch über seine Rivalen erheben 
sollten. Die nThäbaide« ist eine unselbständige Arbeit. Sie lehnt 
sich an die nPhönicierinnent« des Euripides, an die gleichnamige 



♦) La Th^baide II, 1. 11 flf. : 

Permettez que mon eoeur, en voyant vos beaux yeux, 

De r^tat de son sort interroge ses dieux. 

Pais-je leur demander, sans Itre t^m^raire, 

S'ils ont toujours pour moi leur douceur ordinaire? 

SonfFrent-ils sans courronx mon ar^ente amiti^? 

Et du mal qu'ils ont fait ont-ils quelque piti^? 



134 

Tragödie des Seneca nnd an Rotrou's nAntigone^ an. Da der 
letztere ebenfalls aus Euripides und Seneca geschöpft hat, so ist 
es oft nicht möglich zu bestimmen, welches Vorbild Racine benutzte. 
Am meisten scheint er sich indessen an Rotrou angelehnt zu 
haben, obwol er ihn in seiner Vorrede verleugnet. Dabei gelingt es 
ihm nicht, ein grösseres dramatisches Interesse zu erwecken und 
eine Steigerung der Spannung herbeizuführen. Im dritten Akt wird 
berichtet, wie sich M^necäO; ein Bruder H^mon's, im Aogesicht 
der beiden Heere getödtet hat^ um einem Orakelspruch zu 'ge- 
ntigen, der um diesen Preis den Frieden zu versprechen scheint. 
Aber Mänec6e erscheint gar nicht auf der Bühne ; man kann sich 
nicht für ihn erwärmen, und, was das Schlimmste ist, sein 
Opfertod hat keine Folgen. Die Feindschaft der Brüder dauert 
ungeschwächt fort. Auch von Charakterzeichnung ist keine Rede ; 
die hadernden Fürsten sind kaum von einander zu unterscheiden, 
und Cr^on, der Bösewicht des Stücks, verräth vor allen in der 
Zeichnung die plumpe Hand des Anfängers. Der Krieg raubt 
ihm seine zwei Söhne. Das rührt ihn so wenig, dass er alsbald 
nach der Kunde von dem Fall des letzten, der Braut desselben^ 
Antigene, einen Heiratsantrag macht, und seinem Vertrauten 
Attale zuruft, sein Glück sei unvergleichlich, er gewinne an einem 
Tag die Krone und die Geliebte*). Als ihn darauf Attale vor- 
sichtig an den Tod der Söhne erinnert, meint Cr6on, das Vater- 
glück sei so gewöhnlich, dass man es nicht hoch zu schätzen 
brauche**), um so erstaunlicher ist es, dass er gleich darauf, 
als man ihm den Selbstmord der Antigene meldet, sich in seinem 
Schmerz ebenfalls erdolcht. 



*) Le Th^baide V, 4. 2 : 

Olli, oui, mon eher Attale, 
II n'est point de fortune a mon bonheur ^gale, 
Et tu yas voir en moi, dans ce jour fortun^, 
L'ambitieux au trone et Pamant couronn^. 

**) Ibidem, v. 22: 

Le nom de p^re, Attale, est an titre vulgaire: 
C'est an don que ie ciel ne noos refase guöre. 
Un bonheur si commun n*a pour moi rien de doux: 
Ce n'est pas un bonheur, s'ii ne fait des jaloux. 



135 

Die zweite Tragödie weist einen unverkennbaren Fortschritt 
und einen noch engeren Anschluss des Dichters an Corneille auf. 
Schon zeigt sich in ihr die Herrschaft Racine's über die Sprache. 
Eine Rede des Königs Porus (II, 2) ist markig und Comeille's 
würdig, Ihre schöne Einfachheit und Klarheit sind sogar Vor- 
züge, die sich nicht immer bei diesem finden. Boileau's Rath und 
sein Urtheil mögen sich damals schon geltend gemacht haben. 
Immer aber war Racine nur noch ein Nachahmer Comeille's und 
hatte noch nicht seinen eignen Weg gefunden. Sind die beiden 
Figuren des Porus und der Axiane gute Nachbildungen, so be- 
leidigt Alexandre selbst durch seine unkriegerische und wenig 
heldenhafte Haltung. Man spricht von ihm in den ersten Auf- 
zügen wie von einem Schlachtengott, der die Welt zu erobern 
ausgezogen sei. Je grösser aber die Spannung wird, ihn selbst 
zu sehen, um so bitterer ist die Enttäuschung, wenn er endlich 
gegen das Ende des dritten Aktes erscheint. Er handelt und 
spricht wie ein gewöhnlicher Romanheld, wie ein fader liebe- 
girrender SalongeneraL Er kommt aus der Schlacht, in der er 
Porus nach langem Widerstand besiegt hat. Sein erstes Wort 
gilt allerdings den Besiegten, die er zu schonen befiehlt, dann 
aber vergisst er die Aufregung des Kampfs, die Sorge fllr sein 
Heer, die Grösse seines Ziels, und schickt König Taxile, seinen 
Verbündeten, ziemlich rücksichtslos weg, um ein galantes Ge- 
spräch mit dessen Schwester Cl^ofile zu führen. Nun erklärt er, 
dass er an keinen Kriegsruhm mehr denke, dass Cläofile's 
schöne Augen, ^»liebenswerthe Tyrannen", ihn bekehrt haben *). 
Später schlägt er der Königin Axiane sogar einen schimpflichen 
Tausch vor. Da man den Tod des Porus, den sie liebte, meldet, 
empfiehlt er ihr den König Taxile als Ersatz, und lässt sie mit 
diesem allein, denn ^Liebende wünschen sich ohne Zeugen zu 
unterhalten« **). Königlich handelt er erst wieder, als ihm 
Porus königlich entgegentritt. Hier brauchte Racine nur der be- 
kannten geschichtlichen üeberlieferung zu folgen. Plutarch und 
Curtius erzählen, dass Porus als Gefangener vor Alexander ge- 



♦) Alexandre le Grand, IIL 6. 48 ff. 
**) Alexandre, IV, 2. 154: „L'entretien des amants cherche la Bolitude.** 



136 

führt und von diesem gefragt worden sei, wie er behandelt wer- 
den wolle. Darauf habe Porus geantwortet: »Als König«*). 
Alexander ehrte den Stolz seines Gegners und gewann ihn für 
sich, indem er ihm sein Reich zurückgab. Hätte Racine sein 
Stück mit diesem Zug von Edelmuth geschlossen^ wäre der letzte 
Eindruck wenigstens günstig gewesen. Aber er schwächte ihn 
dadurch ab, dass er seinen Helden sich wegen seiner Grossmuth 
bei Cl^ofile entschuldigen lässt. Sie zu trösten, dass Porus, der 
ihren Bruder Taxile getödtet hat, ungestraft bleibt, bietet er ihr 
seine Hand an, und legt ihr huldigend sein ganzes Heldenthum 
zu Füssen**). Auch Corneille's Helden haben ein empfindsames 
Herz, wie das nach den Anschauungen der Zeit für jeden echten 
Helden unerlässlich war. Aber so galante Reden sie auch zeit- 
weise führen mögen^ sie haben doch ein grosses Ziel vor Augen, 
dem sie nachstreben. Racine's Alexandre aber hat kaum einen 
Zug in seinem Charakter, der in ihm den Bezwinger Asiens er- 
blicken liesse. 

Trotz dieser Schwächen lässt die zweite Tragödie Racine's 
einen bedeutenden Fortschritt erkennen. Der Erfolg, den sie im 
Hotel de Bourgogne errang, war gross, während sie im Palais- 
Royal begreiflicherweise sehr bald vom Repertoire verschwand. 
Auch in späteren Jahren wurde sie öfters wiederholt. Der König, 
dem Racine seine Werke widmete, fand Gefallen an dem Stück 
und liess es mehrmals bei Hof aufführen. Denn in dem ga- 
lanten Eroberer sah er sein eignes Bild und die schwächliche 
Empfindsamkeit, die afiektirte Liebeständelei entsprach noch dem 
Geschmack der Zeit, der erst langsam durch die Bemühungen 
Boileau's und bald auch Racine's umgewandelt werden sollte. 
Wie hoch man den »Alexandre« schätzte, ergibt sich aus der 
Kritik, welche Saint -ifcvremond über ihn schrieb***). In einer 
Abhandlung sprach dieser die üeberzeugung aus, dass man nun 
den Niedergang der Tragödie nicht mehr zu befürchten brauche. 



*) Plutarch, Leben Alexander's, Kap. 60, und Quintus Curtius B. VIII, 
Kap. 13 u. 14. 

**) Alexandre V, 3. 112 : 

J'apporte a vos beaux yeux ma vertu toute entiire. 
***) Ueber Saint-ilvremond s. Band 11, S. 42 und 465; III, S. 121. 



137 

da Corneille einen Nachfolger gefunden habe*). Freilich ent- 
sprach die Kritik in ihrem Verlauf dem freundlichen Beginn 
keineswegs. Saint- Evremond tadelte vor allem die Unwahrheit 
der Dichtung. Racine kenne weder Alexander noch Perus; 
sein Held habe von dem geschichtlichen Alexander nur den 
Namen. »Die Dichter, welche einen Helden vergangner Zeiten 
vorfahren wollen, müssen sich in die Zeit jenes Volks ver- 
setzen, aus dem derselbe stammte, in den Geist der Zeit, in 
der er gelebt hat, und vor allem in den Geist des Helden 
selbst.« Saint-Evremond hätte eine hinreissende Scene zwischen 
Alexander und Porus gewünscht, in der die beiden Mftnner 
ihre Grösse zeigten; er hätte etwas mehr von dem gefahr- 
vollen Kriegszug hören mögen, den Alexander unternommen 
hatte. »Der fast unbegreifliche Ueb ergang über den Hydaspes 
im Angesicht der feindlichen Armee mit ihren Streitwagen, das 
Gewitter und der Sturm, der alles in Verwirrung brachte, wäh- 
rend man auf leichten Kähnen über den breiten Strom setzte, 
hundert andre gefahrbringende Umstände, welche die Makedonier 
erschreckten und Alexander den Ausruf entlockten, dass er eine 
seiner würdige Gefahr gefunden habe — alles das musste die 
Phantasie des Dichters beleben.« Saint - Evremond verlangte 
zwar noch keine phantastische Ausstattung, welche heute die 
Hauptanziehungskraft eines solchen Stücks bilden müsste, aber 
er wünschte doch, und mit vollem Recht, mehr Leben und Be- 
wegung, mehr Farbe und Ton. Wir werden später noch Gelegen- 
heit finden, von der Forderung nach Lokalfarbe zu reden. Für 
die Beurtheilung der französischen Tragödie ist es wesentlich, 
über jene Theorie im Klaren zu sein. 

Saint-Evremond hatte seine Kritik in die Form eines Briefs 
gekleidet; den er von London aus an eine Freundin schickte, als 
ihm Racine's Werk gedruckt vorlag. Sie enthielt ursprünglich eine 
viel schärfere Verurtheilung, wurde aber von dem Verfasser ge- 
mässigt, als er sie später veröffentlichte. Racine hatte jeden- 



*) Saint-£yremond „Dissertation snr la tragedie de Racine intitulee Ale- 
xandre le Grand (Oeuvres m§l^es, Amsterdam 1706. 2. Bd. S. 300: „Depuis que 
j^ai lu Le Grand Alexandre, la yieillesse de Corneille me donne bien moins 
d^alarmes et je n^apprehende plus tant de voir finir avec lui la Tragödie"). 



138 

falls Eenntniss von jener ersten Beurtheilung, die in Abschriften 
verbreitet wurde, und ffihlte sich schmerzlich von ihr berührt. 
Neben Saint-Evremond erhoben sich noch andre Gegner, wie 
denn Racine den heftigsten Angriffen ausgesetzt war, so lang er 
für das Theater dichtete. Vielleicht trug sein sarkastischer Witz 
viel dazu bei, ihm ausser den Neidern auch noch andre Feinde 
zu schaffen. 

In der ersten Vorrede zu ^Alexandre« spricht er von den 
Bemühungen gewisser Leute, sein Werk herabzusetzen. Doch 
stimmten, meint er, seine Gegner so wenig mit ihren Ansichten 
überein, dass die einen den König Alexandre nicht zärtlich und 
empfindsam genug fänden, während die andern tadelten, dass 
er nur von Liebe rede. Sein Freund Boileau scheint gleichfalls 
mit dem Stück nicht ganz einverstanden gewesen zu sein. In 
seiner dritten Satire lässt er einen Landjunker die verkehrtesten 
Urtheile über die Literatur fällen. Derselbe findet Corneille manch- 
mal ganz hübsch, und begreift nicht, warum man den Alexandre 
so lobt ; der sei nur ein Prahlhans^ ohne je ein zärtliches Wort zu 
reden und Quinault's Helden führten eine ganz andre Sprache*). 
In diesem Ausspruch birgt sich ein leichtes Epigramm, das Ra- 
cine gewiss verstanden hat. Im vertraulichen Verkehr haben die 
Freunde das Stück wol genau besprochen , und wenn Boileau, 
wie es heisst, Racine die »Kunst des schweren Reims«^ gelehrt 
hat, so hat er ihm auch gewiss noch andre Rathschläge gegeben, 
die für seine späteren Werke massgebend wurden. Man sieht 
überhaupt, dass Racine guten Rath gern annahm , auch wenn er 
von Gegnern kam , und dass er keine Mühe scheute , die Fehler 
seiner Stücke zu verbessern, wo es möglich war**). 

Den besten Dienst leistete dem jungen Dichter jedenfalls 
Corneille. Dieser war damals durch die kühlere Aufnahme, 



*) Boileau, sat. IH, 185—187: 

Je ne sais pas pourquoi Ton vante TAlezandre, 
Ce n'est qu'un glorieux qui ne dit rien de tendre, 
Les h^ros chez Quinault parlent bien autrement. 

**) Man vergl. die zahlreichen Korrekturen, die er im „Alexandre** bei 
den späteren Ausgaben yomahm, und die Stelle der ersten Vorrede: „On sait 
avec quelle defdrence j'ai ^cout^ les avis...**. 



139 

die manchem seiner Stücke zu Theil geworden war, verstimmt. 
1663 hatte er seine nSophonisbeu, 1664 »Othon^^ aufführen lassen 
und bald nach dem TvAlexandreu folgte, 1666, sein unglücklicher 
TiAg^silas^. Racine, der in seiner zweiten Tragödie Corneille's 
Manier nachgeahmt hatte, soll dem von ihm bewunderten Meister 
seine Dichtung noch vor der Aufführung persönlich überbracht, 
aber statt eines ermunternden Lobes nur mürrische Abweisung 
gefunden haben. Corneille habe die Schönheit der Verse gelobt, 
dem Verfasser aber jede dramatische Begabung abgesprochen 
und ihm gerathen, sich eine andre Gattung der Dichtkunst zu 
wählen *)• Zum Glück befolgte Racine diesen Rath nicht. Er 
fühlte seine Ej*aft, und gereizt von dem offenbar ungerechten 
Urtheil Comeille's gab er es auf, diesem femer zu folgen. Durch 
die praktischen Erfahrungen, die er bereits gemacht hatte, sowie 
durch die strengeren Anforderungen seines Freundes Boileau ge- 
leitet, am meisten aber durch den eigenen Genius geführt, schlug 
er nun selbständig eine neue Bahn ein, die ihn zur Höhe führen 
sollte. 

Racine in den Jahren 1666—1677. 

Mannigfache Gegner stellten sich Racine schon im Beginn 
seiner poetischen Thätigkeit entgegen. Am meisten wurde ihm 
die Freude über seinen Erfolg durch die Haltung seiner ehe- 
maligen Lehrer und Freunde von Port -Royal getrübt. Wir 
mögen uns seine Aufregung und seinen Unwillen vorstellen, 
wenn er Briefe erhielt, in welchen er wie ein Verlorner be- 
handelt wurde. Unter anderm schrieb ihm seine Tante Agnes 
Racine aus Port-Royal und sprach ihm ihre Besorgniss für sein 
Seelenheil aus. Der Brief hat sich erhalten, und man findet in 
ihm nicht allein die religiöse Strenge des Jansenismus, sondern 
auch die engherzige Einseitigkeit eines fanatischen Gemüths. 
Schwester Agnes de Sainte Thfecle, wie sie im Kloster hiess, 
verbat sich ihres Neffen Besuch, so lang er mit dem Theater zu 
thun habe. Solche schroffe Zurückweisung musste auf Racine, 



*) Siehe D'Olivet, Histoire de TAcad^mie franfaise II, p. 336. — Mesiiard's 
Einleitang zu dem „Alexandre' 



'**• 



140 

der sich in seinem poetischen Schaffen beglückt fühlte^ eine 
Wirkung ausüben^ die am wenigsten beabsichtigt war*). Dieses 
Schreiben scheint noch vor der Aufführung des nAlexandre« ver- 
fasst worden zu sein. Wenige Tage nach derselben veröffentlichte 
Nicole, einer der Gelehrten von Port-Royal, eine Reihe von Briefen, 
7)Les Visionnaires«, die sich zunächst gegen Desmarets, den Ver- 
fasser des satirischen Lustspiels T^Les Visionnaires«, wandte. 
Desmarets hatte weder mit seinen dramatischen Werken noch mit 
seinem Epos nClovis" grossen Buhm geemtet, und hatte neuer- 
dings durch eine Erklärung der Apokalypse Aufsehen zu machen 
versucht**). Nicole wandte sich zunächst gegen ihn, erklärte aber 
gleich in seinem ersten Brief die Romanschreiber und Theater- 
dichter für Giftmischer***). Racine bezog das Wort auf sich, und 
es war wohl auch fttr ihn bestimmt. In einem offenen Brief, der 
anonym erschien, übernahm er die Vertheidigung der dramatischen 
Dichteir, imd tibergoss die Jänsenisten mit einer Flut von Sar- 
kasmen. Doch hätte er besser gethan, den ganzen Angriff vornehm 
zu ignoriren. Als zwei Briefe von der andern Seite auf sein 
offenes Schreiben antworteten, und Racine, der sich schon als 
Verfasser der ersten Abwehrschrift bekannt hatte, mit einem noch 
schärferen Brief erwidern wollte, hielt ihn Boileau zurück, damit 
er sich durch diesen unliebsamen Kampf, der ihm schon den 
Vorwurf des Undanks eintrug, nicht noch grössere Feindschaft 
bereite. 

Die beste Antwort, die Racine auf alle Angriffe geben 
konnte, lag in der Reihenfolge von Meisterwerken, die er für die 



*) In dem erwähnten Brief heisst es : „ Jai appris avec douleur que 
Yous fr^quentiez plus qne Jamals des gens dont le nom est abominable ä tontes 
les personnes qui ont tant soit peu de pi^t^ ... Si yous ^tes assez malheureuz 
pour n*aYoir pas rompu un commerce qui yous d^shonore devant Dieu et de- 
Yant les hommes, yous ne doYez pas penser ä nous Yenir Yoir." 

**) Ueber Desmarets siehe Band I, S. 341. 

***) „Un faiseur de romans et un poete de theätre est un empoisonneur 
public.'* Ueber den Streit zwischen Eacine und den Jansenisten siehe Louis 
Racine's Memoiren (in der Ausgabe der Eaciue'schen Werke Yon Girardin und 
und Moland, Band VIII, S. 328 flf.), sowie die Einleitung Yor dem Abdruck der 
über diese Angelegenheit gewechselten Briefe, in derselben Ausgabe Band Y, 
S. 416 flf. 



141 

Bühne schrieb. In elf Jahren fruchtbarer Thätigkeit bereicherte 
er das Theater mit Dichtungen, die eine neue Aera für die fran- 
zösische Tragödie eröflfheten. Im Jahre 1667 schrieb er TjAndro- 
maquec^; nach einem Ausflug auf das Gebiet der Posse in den 
»Plaideurs" (1668) liess er 1669 seinen »Britanicust«, 1670 
?)B6r6nice«, 1672 nBajazeta, 1673 »Mithridate«, 1674 »Iphig6nie<« 
und 1677 nPhedre« folgen. 

Diese Zeit des grossen Schaffens war für ihn zugleich eine 
Zeit geistiger Anregung, die ihm aus dem Verkehr mit gleichge- 
sinnten Freunden erwuchs, aber auch eine Epoche der Aufregung 
und des Sturmes. Wüssten wir nicht, dass Racine zu der Schauspie- 
lerin Du Parc und nach deren Tod zu der berühmten Tragödin 
Mlle Champmes]6 in Beziehungen stand, wir könnten aus seinen 
Dichtungen mit Sicherheit schliessen, dass er sich nicht auf sein 
Studirzimmer beschränkte. Wer, wie Racine die menschlichen 
Leidenschaften zu schildern weiss, wer besonders die Frauen so 
meisterhaft, so voll Innigkeit und Zartheit, voll düstrer Hoheit 
und furchtbarer Energie zu zeichnen versteht, der muss das 
Frauenherz ergründet, muss viel geliebt und viel gelitten haben. 
Uns beschäftigen hier nur die Werke, die wir jetzt der Reihe 
nach betrachten wollen. 

»Andromaque<< wurde den 17. November 1667 bei einem 
Fest in den Gemächern der Königin aufgeführt. Wahrscheinlich 
war dies überhaupt die erste Vorstellung der Tragödie, und das 
Publikum lernte sie erst später im Hdtel de Bourgogne kennen. 
Die Schicksale der Andromache boten den Dichtern von jeher 
einen beliebten Stoff. Schon bei Homer ist die Gattin Hektor's 
eine sympathische Erscheinung. Im sechsten Gesang der Iliade 
sehen wir sie als ängstlich besorgte Gattin und Mutter, im vier 
und zwanzigsten Gesang als verzweifelnde Witwe *) , und so 
erscheint sie auch als der Inbegriff frommer Mutter- und Gatten- 
liebe in der späteren Dichtung. 

Ihre Schicksale wurden mit Vorliebe von den Dramatikern 
behandelt Noch besitzen wir eine Tragödie »Andromache« von 
Euripides, der die edle Troerfürstin auch in seinen wTroerinnen«^ 



*) Dias VI, 392 flf. und XXIV, 725 ff. 



142 

einführte. Aehnlich finden wir sie in der gleichnamigen Tragödie 
von Seneca. Auch in der französischen Literatur war Andromache's 
Schicksal öfters dramatisch behandelt worden, so im 16. Jahrhundert 
von Robert Garnier in seiner wTroade«, und später von Sallebray 
ebenfalls in einer TjTroade« (1640)*). Beide Tragödien konnten 
Racine keine Anhaltspunkte geben. Dagegen wollte Voltaire die 
Anlage der Racine'schen T^Andromaque« genau in dem Comeille- 
schen r)Pertharitea wieder finden^ ohne damit seinem Lieblings- 
dichter einen Vorwurf zu machen oder den Werth seiner Dichtung 
herabzusetzen. Racine habe Gold aus dem Schlamm gezogen **). 
Saint-Marc Girardin hat bereits zur Genüge ausgeführt, dass 
sich eine gewisse Aehnlichkeit der Situation in beiden Stücken 
ergibt, dass aber an eine Nachahmung von Seiten Racine's nicht 
zu denken ist***). Dieser hatte andre Muster vor Augen. Die 
griechische Sage stand leuchtend vor seinem Geist und das 
pathetische Werk des Euripides bot ihm genug der Anregung. 
Aber auch der griechischen Tragödie gegenüber blieb Racine 
selbständig. Er stellte sich die schwierige Aufgabe, den Charakter 
der antiken Welt so weit als möglich zu bewahren , gleichzeitig 
aber seine Dichtung mit dem Geist der modernen Zeit zu durch- 
dringen, um sich bei dieser volles Verständniss und Sympathie 
zu sichern. 

Nun wäre es nicht gut möglich gewesen^ die griechische Sage, 
so wie Euripides sie behandelt hat, für das moderne Theater 
zu bearbeiten. Auch Goethe hat seine Iphigenie abweichend von 
der antiken Ueberlieferung gebildet. Die alte Heroenwelt hat 



*) Robert Gamier's Dramen sind neuerdings in der von K. Vollmöller 
herausgegebenen Sammlung französischer Neudrucke erschienen. Robert Garnier, 
Les Trag^dies, herausgeg. von Wendelin Förster. Heilbronn, Henninger 1882. 
Bis jetzt sind drei Bändcheu erschienen, ein viertes steht noch aus. Die Troade 
findet sich im dritten Bändchen. 

**) Voltaire, Commentaires sur Corneille. „Pertharite." Acte H, sc. 1: 
„n me parait prouv^ que Racine a puis^ toute Tordonnance de sa tragddie 
d^Andromaque dans ce second acte de Pertharite.'* Acte IH, sc. 1: „les vers 
forment absolument la m^me Situation que celle d^Andromaque. II est Evident 
que Racine a tir^ son or de cette fange. ** 

***) Saint-Marc Girardin in seiner Notice pr^liminaire zur Ausgabe der 
Andromaque. B. H, S. 42. 



143 

doch in vielen Punkten etwas Abstossendes. Auch die Ge- 
schichte vom Schicksal der Andromache gibt ein Bild rauher 
Barbarenwelt, für die wir uns unmöglich erwärmen können. 
Andromache ist bei der Vertheilung der trojanischen Beute 
Neoptolemos, dem wilden Sohn des Achill, als Sklavin zugefallen, 
und dieser hat sie nach altem Recht zur Ehe gezwungen. Sie 
hat ihm einen Sohn, Molossus, geboren, aber ihre Stellung als 
Sklavin wird dadurch nicht geändert. Rechtmässige Gemalin des 
Herrschers bleibt Hermione, des Menelaos Tochter. So erscheint 
auch das Verhältniss bei Euripides, der in seiner 7)Andromachec< 
den Kampf der beiden Frauen mit einander darstellt. Hermione 
ist kinderlos und schreibt dieses Unglück der Zauberkunst der 
trojanischen Sklavin zu, die sie aus voller Seele hasst. Sie fühlt 
sich vernachlässigt und ruft ihren Vater zu Hilfe. 

Während Neoptolemos in Delphi abwesend ist, schmiedet 
Menelaos mit seiner Tochter den Plan, Andromache und deren 
Sohn, den Sohn des Königs, zu tödten. Schon sind die Un- 
glücklichen auf dem Weg des Todes, als der greise Peleus 
von dem Anschlag hört und sie durch seine Dazwischenkunft 
rettet. Der letzte Theil der Tragödie bringt ein neues Stück. 
Orest, dem Hermione früher verlobt war, erscheint und flieht 
mit ihr, da sie den Zorn des Königs Neoptolemos fürchtet. Um 
aber jede Gefahr abzuwenden, hat Orest Mörder gedungen, 
welche den König in Delphi erschlagen. Den Schluss bildet die 
Klage des Peleus, dem seine Gattin Thetis erscheint und die ihn 
mit der Hoffnung auf seine Erhebung in den Kreis der Götter 
tröstet. Auch für Andromache stellt sie eine neue Ehe in 
Aussicht und lange Herrschaft ihres Geschlechts. Der treuen 
Witwe wird somit der dritte Mann zugesichert. 

In der Euripideischen Tragödie treten keine grossen, 
sondern harte grausame Menschen auf. Das Geschlecht der 
Atriden verleugnet sich auch hier nicht. Andromache ist weitaus 
die menschlichste, mildeste Figur in dem Stück, aber auch sie 
bäumt sich gegen die Feindin auf und schleudert wilde Worte, 
heftige Anklagen gegen Hermione, Menelaos und gegen die 
Frauen überhaupt: 



144 

— — — — Schlimm genug indess, 
Dass liegen Tvilde Schlangen zwar den Sterblichen 
Abwehr ein Gott verliehen, gegen das jedoch, 
Was schrecklicher ist als Drach' und Feu'r, ein böses Weib, 
Ein heilend Mittel keiner noch erfanden hat. 
Ein solches Uebel sind wir für die Menschenwelt*). 

Racine nahm die Fabel, sowie die Personen aus der alten 
Tragödie in seine Dichtung herüber, aber er änderte den Plan, 
und noch mehr den Geist des Euripideischen Werks. Die Neuzeit 
hat sich vom hellenischen Alterthum eine eigne Anschauung 
gebildet, die nicht ganz der historischen Wahrheit entspricht. 
Das Gesetz des schönen Masses, würdevoller Hoheit, harmonischer 
Uebereinstimmung, das wir an den Kunstwerken und in den 
Dichtungen der alten Griechen bewundern, erscheint uns als die 
oberste Regel des gesammten griechischen Lebens. Was wir 
unter antik klassischem Geist verstehen, ist oft ein hoher, idealen 
Flugs sich erhebender Geist moderner Bildung, der an den 
Werken des Alterthums seinen Enthusiasmus für Formenschön- 
heit geklärt hat. Man hat schon oft darauf hingewiesen, dass 
Goethe's Iphigenie keinen wahrhaft antiken Sinn trägt. Viel- 
leicht gehört sie gerade deshalb zu den edelsten Besitzthümern 
der deutschen Literatur, weil sie die altgriechische Sage mit 
deutschem Dichterherzen behandelt und somit dem deutschen 
Volk erst verständlich gemacht hat. 

Aehnliches möchten wir von Racine's »Andromaque«, wie 
überhaupt von seinen Tragödien, deren Stoff dem Alterthum 
entnommen ist, sagen. Die nAndromaque« verräth überall, dass 
der Dichter aus dem Quell der griechischen Poesie geschöpft 
hat. Er lebt in der alten Zeit, die ihm vertraut ist, und manche 
Stellen seiner Tragödie führen uns das Bild der heroischen Kämpfe 
in lebendigster, erschütternder Weise vor Augen. So erinnert 
Andromaque an die Schreckensnacht, in der Troja erobert wurde ; 
und das Bild des mordgierigen Pyrrhus, der ihre Brüder erschlug, 
kommt ihr nicht aus dem Sinn. Kann sie diesem Mann nun 
liebend nahen? 



*) Euripides Tragödien übersetzt von J. Minckwitz. 30. Lieferung (Andro- 
mache) V. 269. 



145 

Songe, song-e, C^phisei k cette nuit cruelle 

Qui fut pour tout un penple une nuit ^temelle. 

Fig^re-toi Pyrrhus, les jeuz ^tincelants, 

Entrant ä la lueur de nos palais brülants, 

Sur tous mes fr^res morts se faisant un passage, 

Et de sang tout couyert ^chauffant le camage, 

Songe aux cris des vainqueurs, songe aux cris des mourants, 

Dans la flamme ^touff^s, sous le fer ezpirants. 

Peins-toi dans ces horreurs Andromaque ^perdue: 

Voilä comme Pynrhus vint s'oflfrir k ma vue*). 

Hier fühlt miin sich wirklich in das Alterthum versetzt and . 
wird an die Sprache des alten Epos erinnert. Allein in der 
ganzen Tragödie überwiegt doch der moderne Geist und musste 
überwiegen. Mit dem Drama des Euripides^ der Doppelheirat des 
PyrrhuS; dem Streit zwischen der Königin und der Sklavin konnte 
Racine nichts beginnen. Die Welt, die er vor unsern Blicken 
enthüllt, ist nur noch dem Namen nach griechisch. Wir werden 
an einen gebildeten Hof geführt, wo Sitte und Achtung vor der 
Frau zu finden ist. Leidenschaften , ja Verbrechen findet man 
auch hier, wie überall, wo Menschen leben ; aber die barbarischen 
Zustände, wie sie Euripides zeigt, mussten einer civilisirteren 
Welt weichen. Andromaque wird als Fürstin behandelt, obgleich 
sie kriegsgefangen ist. So gab auch Goethe dem Scythenkönig 
Thoas einen humaneren Sinn, der mit den Menschenopfern 
in seinem Land stark kontrastirt. Racine ging aber, wie wir 
gleich sehen werden, noch weiter, und seine griechischen Helden 
offenbaren sogar höfisch galanten Geist. Damit schadete er seiner 
Tragödie, in der nur die beiden Frauencharaktere wirklich ge- 
lungen sind. Diese freilich sind Meisterwerke der Charakterzeich- 
nung. Die Figur der Andromaque ist mit ausserordentlicher 
Zartheit gemalt. Eine ergreifende Trauer spricht aus jedem ihrer 
einfachen Worte. Ihr Dichten und Sinnen gilt nur dem todten 
Gatten und ihre einzige Sorge ist dem Sohn, dem Ebenbild Hek- 
tor's, gewidmet: 



*) Andromaque III, 8. 21. Wie wir im dritten Band die Fabeln La 
Fontaine^s französisch anführen, so geben wir auch keine Uebersetzung dieses 
und der anderen Gitate aus Racine , da die dichterische Form, die Sprache, 
bei beiden Dichtem zu wesentlich ist. 

Lotheissen, Gesch. d. franz. Literatur. lY. Bd. iq 



146 

C^est Hector, disoit^elle en rembrassant toajoars, 

Voila ses yenx, sa boache, et d^jk son aadace; 

C'est Ini mSme, c'est toi, eher ^ponx, qae j*embrasse*). 

Die Erinnerung an die Vergangenheit ist ihrem Gemüth tief 
eingeprägt, und die Gräuel, die sie erlebt hat, haben sie für 
immer mit Schwermuth erfüllt: 

J'ai TU mon p&re mort, et noB mors embras^s 
J*ai vn trancher las joors de ma famille enti&re, 
Et mon ^ponx sang-lant train^ sor la poussiere, 
Son fils seol avec moi, r^enrd ponr les fers. 
Mais qae ne peat an fils! Je respire, je sers**). 

Die Liebe zu ihrem Kind gibt ihr die Kraft noch weiter 
zu leben und ihre Gefangenschaft zu ertragen, um so peinlicher 
ist ihr die Werbung des Pyrrhus, unter welchem Namen hier der 
Sohn Achiirs auftritt. Pyrrhus ist mit Hermione, der Tochter 
des Menelaos, verlobt. Diese weilt schon am Hof des Königs 
und zürnt ob der Schmach, die ihr Pyrrhus durch seine offene 
Bewerbung um Andromaque anthut. Das ist die Situation beim 
Beginn der Tragödie. Oreste ist von den Griechen gesendet, die 
Auslieferung des Astyanax zu verlangen, und Pyrrhus hat die 
Wahl, diesen zu opfern und auf Andromaque's Hand zu ver- 
zichten, oder Hermione heimzuschicken und mit den Griechen 
zu brechen. Pyrrhus droht der unglücklichen Frau, das Kind 
auszuliefern, wenn sie seiner Bewerbung kein Gehör gebe: 

Le fils me r^pondra des m^pris de sa mhre***). 

nWeheU ruft die Witwe Hektor's aus, wso stirbt mein Sohn 
denn, da ihn niemand schützen will.(< 

Hölas! il moorra donc! il n^a ponr sa defense 
Que les plears de sa mire et qae son innocencef). 

Gedrängt und geängstigt, gibt sie endlich nach. Sie hat 
sich feierlich von Pyrrhus schwören lassen, dass er Astyanax 
allezeit beschützen will, und so tritt sie mit ihm zum Altar. 
Sie ist entschlossen sich nach der Feierlichkeit zu tödten, um 



♦) Andromaque II, 5. 28-30. 
**) Andromaque III, 6. 39—43. 
•**) Andromaque I, 4. 113. 
f) Andromaque I, 4. 116. 



147 

Hektor die Treue zu bewahren. Allein ehe sie ihren Entschluss 
ausführen kann, flällt Pyrrhus unter dem Dolch Oreste*s. Hermione 
rächt sich für den Schimpf, den Pyrrhus ihr angethan hat. Sie 
wird durch die Leidenschaft^ die in ihr tobt, fast zur Haupt- 
person der Tragödie. Racine hat an ihr seine Kunst der Charak- 
teristik glänzend erwiesen. Er zeigt das verlassene, verbitterte, 
wieder hoffende, dann in seiner abermaligen Enttäuschung um 
so furchtbarer hassende Weib ; er schildert die Baserei der Eifer- 
sucht in ihrem gefolterten, von Unruhe umgetriebenen Gemüth, 
aber er schildert sie nicht in wildrollenden Tiraden, sondern 
durch die feinste Seelenmalerei. Bei ihrem ersten Auftreten ver- 
räth Hermione ihre geheime Stimmung ; so sehr sie Pyrrhus 
hassen möchte, so sehr liebt sie ihn noch. Sie will fliehen und 
doch bleiben; will noch einmal den Kampf mit der Nebenbuh- 
lerin aufnehmen — und fühlt die Beschimpfung um so tiefer, 
je offener sie schon ihre Neigung zu dem König gezeigt hat *). 
Ihr leidenschaftlicher Charakter enthüllt sich gleich in der ersten 
Scene, und mit ihren Versicherungen des Hasses, den sie dem 
König geweiht, täuscht sie höchstens sich selbst. Oreste, der 
sie liebt, sieht schärfer. So spricht nicht der Hass, sondern die 
Liebe, ruft er **). Unsere Sympathie wächst für sie, die unschul- 
dig gekränkt worden ist, wenn wir sehen, dass sie auch weicher 
Regung fähig ist. Als sich ihr Pyrrhus unerwartet wieder zu- 
wendet, schlägt sie warme Töne der Freude, des Glücks und 
der Liebe an. 



*) Vergl. die schöne Stelle „Andromaque" IT, 1. 80: 
Tu t'en souviens encor, tout conspiroit pour lui: 
Ma famille veDg^e, et les Grecs dans la joie, 
Nos vaisseaux tout chargös des döponilles de Troie, 
Les exploits de son p^re effac^s par les siens, 
Ses feux que je croyais plus ardents que les miens, 
Mon coeur, toi-meme enfin de sa gloire ^blouie, 
Avant qu^il me trahit, vous m^avez tous trahie. 

**) Andromaque U, 2. 98-103. 

Et Yous le haissez? Avouez-le, Madame, 

L'amour n'est pas un feu qu^on renferme en une ame: 

Tout nous trahit, la voix, le silence, les yeux 

Et les feux mal couverts n'en eclatent que mieux. 

10» 



148 

»Begreifst du meinen Jubel ?(< fragt sie ihre Vertraute. 
TjWeisst du, wer Pyrrhus ist, und welche Heldenthaten er voll- 
bracht hat? Ruhmgekrönt, und doch mir treu!«*) Andro- 
maque scheint aufgegeben, ihr Untergang gewiss. Sie willl gern 
sterben, wenn sie nur ihren Sohn retten kann, und sie wagt 
es, ihre glückliche Nebenbuhlerin um Schutz für denselben 
anzuflehen. Eine Fürbitte Hermionens müsste ja das Haupt des 
Eandes sichern. So führt Racine die beiden Frauen einander 
gegenüber, und bringt damit eine Wirkung hervor, wie sie später 
Schiller in seiner nMaria Stuart^« durch das Zusammentreffen 
der beiden Königinnen erzielte. Racine besass wie Schiller das 
Geheimniss der dramatischen Wirkung. Hermione bleibt bei 
Andromaque's Bitten ungerührt. Aus ihrem imbändigen Herzen 
ist der Hass nicht so leicht zu bannen, und sie schwelgt in 
ihrem Triumph. Um so greller ist der Umschlag. Von Her- 
mione abgewiesen, sieht Andromaque keinen andren Ausweg, 
als König Pyrrhus' Wünschen nachzugeben. Der schwankende 
Fürst kehrt versöhnt zu ihr zurück, und Hermione sieht sich 
aufs neue verschmäht. Das Wachsen ihrer Leidenschaft, ihr 
dumpfes Hinbrüten, ihr Durst nach Rache wird nun in den 
Schlussakten in meisterhafter Steigerung gezeigt. Sie zwingt 
Oreste den Dolch in die Hand, und tritt Pyrrhus selbst in einer 
berühmten Scene mit bitterem Sarkasmus entgegen**). Je näher 
die Katastrophe heran rückt, desto heftiger wird sie, desto 
unruhiger irrt sie umher. Sie hat die Mörderhand gegen Pyrrhus 
gewaffhet, und zittert, dass ihre Befehle ausgeführt werden. Denn 
in ihrem Busen wechseln Hass und Liebe in grimmigem Kampf. 
Endlich naht Oreste mit der Meldung, dass Pyrrhus vor dem 
Altar gefallen ist; aber statt des Lohns, den er gehofft, hört er 
zu seinem Entsetzen verzweifelte Klage, Fluch über sich und seine 
That: tj Warum ihn tödten? was that er dir? wer hiess es dich?" 
und sie enteilt, den Dolch in die eigene Brust zu stossen, während 
die Schatten des Wahnsinns den Geist Oreste's verdunkeln. 

Schon ein Zeitgenosse Racine's, Perrault, erkannte die 
Bedeutung des Racine'schen Werks. Er verglich den Eindruck, 

*) Andromaque III, 3. 18—22. 
♦*) Andromaque IV, 5. 35 ff. 



149 

den die nAndromaque(< machte, mit dem des nCid^^*), und in 
der That eröffnete sie, so gut wie Corneille's Jugenddichtung, 
eine neue Epoche in der dramatischen Literatur Frankreichs. 
Racine trat mit einer neuen Kunst auf; er besass eine bis dahin 
in seinem Land ungekannte Kraft der Charakterzeichnung. 
Corneille hatte seine Helden und Heldenfrauen markig und gross 
gebildet, aber sie waren wie aus einem Holz geschnitten, etwas 
starr und über Lebensgrösse, während Racine auf die kleinsten 
Regungen der menschlichen Leidenschaften und Empfindungen 
lauschte, und die Charaktere, die er zeichnete, durch die feinsten 
Schattirungen lebensvoll zu gestalten wusste. Dabei besass Racine 
seltenen Sinn ftlr Farbe und Rhythmus. Seine Sprache ist oft 
einfacher, als die irgend eines andern französischen Dichters. 
Allein durch die Stellung der Worte, durch die wunderbare Farben- 
mischung — dem Geheimniss der grossen Dichter — wusste er ihr 
einen Glanz zu verleihen, den wiederum wenige erreicht haben, 
weil sie nicht gleichzeitig Mass zu halten verstanden, wie er. 

Frauenbilder wie Andromaque und Hermione werden immer 
verstanden werden. Weniger gelungen sind dagegen die Männer- 
rollen in wAndromaque«, wie denn Racine überhaupt seine Kraft 
zumeist in der Zeichnung der Frauencharaktere entfaltet hat. 
Pyrrhus hat noch zu viel von Alexandre, und seine Haltung stimmt 
nicht zu dem sonstigen Ton des Stücks. Noch weniger kann man 
dies von Oreste sagen. Der Dichter war in seinem Recht, wenn 
er in ihm nicht den Muttermörder zeigen wollte, denn er brauchte 
sich nicht an die historische Ueberlieferung zu halten. Aber 
der Widerspruch in dem Charakter seines Oreste verletzt. Er 
zeigt ihn als seufzenden C^ladon, dem es vom Schicksal bestimmt 
ist, wewig Hermionens Reize anzubeten" **). Wenn Oreste als 
Flüchtling durch die Welt streift, so hat das seinen Grund nur 



*) Perrault in seinen „Hommes illustres" II, 81, 

**) Andromaque II, 2. 6 ff. : 

— — — — Et le destin d'Oreste 
Est de venir sans cesse adorer yos attraits, 
Et de jurer toujours qu'il n'y viendra jamais. 



150 

in verschmähter Liebe, and diese Jammerseligkeit, dieses Spielen 
mit preeieasen Phrasen stimmt nicht recht mit der finsteren Ent- 
schlossenheit , mit der er später den Mord des Pyrrhus unter- 
nimmt. 

Als Ganzes betrachtet, ist die Tragödie hinreissend schön, 
and niemand wird so leicht ihrem Zaaber widerstehen, wenn er 
sich nar ernstlich mit ihr beschäftigt. Aaf die Zeitgenossen 
Racine's machte sie einen anauslöschlichen Eindruck. Die Herzogin 
von Orleans erwies sich seitdem als Racine's besondere Gönnerin, 
and ihr widmete er auch das Werk. Deshalb fehlte es ihm 
wiederum nicht an Gegnern. Die Anhänger Corneille's traten 
ebenso entschieden gegen den kecken Dichter auf, wie die 
Freunde der romanesken Literatur. Seine Neuerungen schienen 
ihnen ge&hrlich, der Beginn des Verfalls. Wie Boisrobert früher 
den wCid« parodirt hatte, wie verschiedne Moliire'sche Lust- 
spiele Anlass zu literarischer Fehde auf dem Theater gaben, 
so trat nun Subligny mit seiner jjFoUc Querelle" auf, in der über 
7}Andromaquetf zu Gericht gesessen wurde*). Ein Brautpaar, 
Eraste und Hortense, streitet über den Werth des Racine'schen 
Schauspiels, über die Behandlung der Andromaque durch Pyrrhus, 
über die Unvorsichtigkeit des letzteren, seine Leibwächter zu 
entfernen^ u. dgl. m. Auch Inkorrektheiten der Sprache tadelte 
Subligny, sprach aber in der Vorrede, mit der er das Stück 
begleitete, doch sein Vertrauen auf die Zukunft Racine's aus. 
Dieser erkannte mehrere Bemerkungen Subligny's als richtig an 
und änderte darnach in späterer Auflage seinen Text. Das Stück 
Subligny's aber, das auf Molifere's Theater aufgeführt wurde, war 
an sich zu unbedeutend, um lange beachtet zu werden **). Nach 
Voltaire's Urtheil wäre die TjAndromaque« die beste französische 
Tragödie, wenn sie von einigen Liebesscenen frei wäre***). 



•) Siehe den vorhergehenden Abschnitt S. 111. 

**) Die »Folie Querelle" findet man abgedruckt bei Fournel, Les con- 
temporains de Moli^re^ Band III, S. 493 ff. 

***) Voltaire, Remarques sur le 3™e discours du poeme dramatique par 
Corneille: „Si la pifece nMtait pas un peu affaiblie par quelques seines de co- 
quetterie et d'amour, ...eile serait la premi^re trag^die du theätre fran^ais."* 



151 

Die übermüthige Posse, nLes Plaideurs^^^ die Racine auf 
die nAndromaquetf folgen Hess, enthält einen neuen merkwür- 
digen Beitrag zur Kenntniss seines Charakters. Die nPlaideurst^ 
wurden im November 1668 zum erstenmal aufgeführt, ungefähr 
ein Jahr nach der f^Andromaquet^. Man ist erstaunt, Racine zu 
zu dem satirischen und possenhaften Genre übergehen zu sehen, 
da er doch nach dem Erfolg seiner ergreifenden Tragödie viel- 
mehr ermuthigt sein musste, sich auch ferner der ernsten Gattung 
zu widmen. Allein wir wissen ja^ welch scharfen Geist Racine 
hatte, und so begreifen wir, dass er zur Abwechslung auch seiner 
satirischsn Laune einmal die Zügel schiessen liess. Er sagt in 
der Vorrede zu seinem Stück, dass die 9)Wespen(< des Aristophanes 
ihm den ersten Gedanken dazu gegeben hätten. Die griechische 
Komödie verspottete bekanntlich die athenischen Richter und die 
Processsucht der Bürger. Aber Racine setzt hinzu, dass er einige 
Ausdrücke, die er in seinen riPlaideurst^ gebraucht, durch einen 
Process gelernt habe, in den er verwickelt gewesen sei, und den 
weder er noch seine Richter verstanden hätten. Dieser Process 
betraf wohl die Pfründe, die ihm streitig gemacht wurde*), und 
deren Verlust ihn mehr kränkte als er gestand. Persönliche 
Gereiztheit wird ihn darum ebenso viel wie die Bewunderung des 
Aristophanes zu seiner Satire veranlasst haben. Seine bitteren 
Klagen fanden bei den Freunden williges Gehör und Zustimmung. 
Auch Boileau hasste ridie Chicane<< , wie man damals zu sagen 
liebte, und seine Satiren enthalten mehr als einen Ausfall gegen 
die Herren vom Gericht. Man erzählt, die nPlaideurs« seien zum 
grossen Theil in einer Schenke im Kreis der Freunde entstanden, 
von welchen jeder nach Kräften an der Arbeit geholfen habe. 
Besonders nennt man Boileau und Furetiere als die eifrigsten 
Mitarbeiter, den letzteren wohl darum, weil er in seinem nRoman 
bourgeois<< ebenfalls die Justiz verhöhnte. Diese Tradition ist kaum 
glaublich; Mesnard weist mit Recht darauf hin, dass die nPlai- 
deurs<< zu gleichmässig in ihrer Haltung sind, als dass ver- 
schiedne Autoren daran Theil haben könnten**). Besprochen 



*) Vergl, Seite 126 AnmerkuDg'. 
**) Mesnard in seiner Einleitung zu den Plaideurs. 



152 

mögen die Freunde das Werk oft genug haben, aber Racine 
schrieb es allein« Dabei wird er sich in die Gerichtssäle begeben 
und den Verhandlungen gelauscht haben, um seine Kenntniss 
der Procedur zu erhöhen , will man doch sogar die Advokaten 
bezeichnen, die er übertreibend kopirt habe. 

Anfänglich hatte er nur die Absicht, einige Scenen für die 
italienischen Schauspieler zu entwerfen, die sich damals in Paris 
aufhielten. Bald aber erweiterte er seine Arbeit, und gestaltete 
sie zu einer wahrhaften Posse, einem übermüthigen ausgelassenen 
Spiel der Laune und Satire. Perrin Dandin, ein Richter, hat den 
Verstand verloren und hat nun die Manie immer zu Gericht zu 
sitzen. Aber obwohl ihn sein Sohn deshalb in seinem Haus unter 
Aufsicht hält, gelingt es doch zwei unverbesserlichen Process- 
krämern, dem M. Chicanneau imd der Gräfin Pimbesche ihn auf- 
zustören. Den Vater zu beruhigen, verfällt der Sohn endlich auf 
die Idee, ihm zu Haus eine Gerichtsverhandlung zu organisiren. 
Ein Hund wird vor Gericht gestellt, weil er einen Kapaun ge- 
f;*essen hat; es finden sich Ankläger und Vertheidiger, mit Reden 
und Gegenreden, die eine beissende Parodie der wirklichen 
Gerichtsverhandlungen bieten *). Ein Aristophaneischer Zug geht 
durch das ganze Stück, das aus dem Rahmen der gewöhnlichen 
französischen Komödie heraustritt. Freilich fehlte die Möglichkeit, 
sich so frei auszusprechen, wie Aristophanes es seiner Zeit gethan, 
und somit haben die »Plaideurs« auch nicht die Kraft der alten 
politischen Komödie. Doch entwickeln sie scharfen Witz, sind 
glücklich in den Uebertreibungen und gehen einen so raschen 
Gang, dass sie mit fortreissen. Sie haben mehr Sarkasmus als 
Humor. Man fragt sich manchmal, wie Racine, der so weich 
und gefühlvoll reden konnte, zugleich solch schneidenden Hohn 
im Angriff fand? Aber seine Scharmützel mit Port- Royal hatten 
schon bewiesen, dass er eine starke satirische Kraft besass. Sein 
leicht erregbares Gemüth und sein reizbares Selbstgefühl ver- 
leiteten ihn manchesmal zu scharfen Ausfällen. Sie gewährten 
ihm das Gefühl befriedigter Rache, aber erhöhten auch die Er- 
bitterung der Feinde und vermehrten deren Zahl. 



') Vergl. Band III dieses Werks, Abschnitt VIII, S. 307 ff. 



153 

Der Erfolg der jjPlaideurs" war anfänglich gering. Die Sonder- 
barkeit des Auf bans, die Kühnheit der Sprache wirkten befremdend. 
Selbst die Freunde wurden zweifelhaft und ängstlich. nlmTheatert^, 
sagt Racine in seiner Vorrede, «lachte man zwar, aber man 
besorgte nachher, nicht den Regeln gemäss gelacht zu haben (<. 
Erst als der König sich das Stück in Versailles aufführen Hess 
und ihm seinen Beifall spendete, fand es auch bei der Wieder- 
aufnahme in Paris freundliche Beurtheilung. Die nStadt^^ hing 
doch in allen Fragen des Geschmacks noch sehr vom Hofe ab. 

Ob Racine auf dem Gebiet des Lustspiels hätte bleiben 
sollen? ob er nicht als Corneille's, sondern als Moli^re's Rivale 
hätte weiter arbeiten sollen? Diese Frage drängt sich bei den 
nPlaideurst^ von selbst auf, aber sie ist auch leicht beantwortet. 
Es fehlte Racine doch wol an echtem gemüthvollem Humor; 
das Lustspiel kann sich nicht mit dem scharfen Witz begnügen, 
und wenn die T^Plaideurs^^ auch ein bedeutsames Stück sind, so 
bildeten sie doch nur eine Episode in Racine's dramatischer 
Thätigkeit. Der Dichter hatte Recht, dass er wieder zur Tragödie 
zurückkehrte. 

Am 12. December 1669 brachte das Hotel de Bourgogne 
ein neues Werk von Racine, den nBritannicus«^ zur ersten Auf- 
führung. In demselben Jahr war Moliere's nTartüflfe" dem Pu- 
blikum geboten worden. Es war eine grosse Zeit geistigen 
Schaffens, künstlerischer Anregung, wie sie einer Nation nur 
selten und vorübergehend geschenkt wird. 

»Britanniens« wurde, wie die meisten Tragödien Racine's, 
nicht besonders freundlich aufgenommen. Die Verehrer Corneille's 
zumal bestritten noch immer den Werth des Rivalen. Wer 
Racine überhaupt feindlich gesinnt war, stellte ihm Corneille ent- 
gegen, der aus einer früheren Zeit stammte und den jungen 
Dramatikern nicht so gefährlich schien. So fand denn r^Britanni- 
cus« zahlreiche Tadler. Mussten sie auch zugeben, dass die 
neue Tragödie durch die Schönheit ihrer Sprache bezaubere, so 
sprachen sie ihr doch die wesentlichen Erfordernisse eines Trauer 
Spiels ab. Die Kachwelt hat dieses Urtheil nicht bestätigt, son- 
dern zählt 7)Britannicus(< trotz mancher Schwächen zu den interes- 
santesten Dichtungen Racine's. 



154 

Das Stück führt an den Hof des Kaisers Nero und entrollt 
ein Gemälde jener in ihrer überfeinen Kultur so verdorbenen 
römischen Welt. Die geschichtlichen Begebenheiten, an welche 
Racine anknüpft, sind bekannt. Kaiser Claudius vermählte sich 
in zweiter Ehe mit Agrippina, die ihrerseits schon einen Sohn, 
den späteren Kaiser Nero, hatte. Claudius wurde vermocht diesen 
zu adoptiren. Sein Sohn erster Ehe, Britannicus, sah sich zu- 
rückgesetzt, und als Claudius, wahrscheinlich von Agrippina 
vergiftet, starb, ging die Herrschaft auf Nero über. Eine Zeitlang 
regierte dieser mit Mässigung; Männer wie Seneca und Burrhus 
standen ihm zur Seite, und das römische Volk hoffte auf eine 
Zeit der Ruhe und des Gedeihens. Doch dauerte dieser Traum 
nicht lange, und Nero enthüllte nur zu bald seine furchtbare 
Natur. Racine zeigt in seiner Tragödie gerade jene entscheidende 
Zeit, in welcher der jugendliche Herrscher den ersten Schritt 
auf der Bahn des Verbrechens wagt. Im Anfang kann Burrhus 
noch stolz auf den Umschwung in allen Verhältnissen hindeuten: 

Borne, k trois affranchis si longtemps asservie, 
A peine respirant du joug qu'elle a port^, 
Du rögne de N^ron compte sa libert^, 
Que dis-je? la vertu semble m§me renaitre. 
Tout l'empire n^est plus la depouille d^un maitre. 



Thras^as au s^nat, Corbulon dans rarm^e, 
Sont encore innocents malgr^ leur renomm^e; 
Les d^serts, autrefois peupl^s de senateurs, 
Ne sont plus habites que par leurs d^lateurs*). 

Allein bald ist dieser Hinweis auf die bessere Gegen- 
wart immöglich. Den ersten Anlass, sich im wahren Licht zu 
zeigen, bildet für Nero die Herrschsucht seiner Mutter. Agrippina 
erträgt es nicht, dass sich der Kaiser ihrer Vormundschaft zu 
entziehen sucht, und begünstigt darum Britanniens, mit dessen 
Ehrgeiz sie Nero erschrecken will, und dem sie Junie, aus dem 
Geschlecht August's, als Gemahlin bestimmt, um ihm noch bessere 
Ansprüche auf den Thron zu geben. Nero hat von diesem Plan 
gehört und nächtlicher Weile Junie in seinen Palast bringen 
lassen. Im Dunkel der Nacht und bei dem ungewissen Schein der 



*) Britannicus I, 2. 71. 



155 

Fackeln bat er die erschreckte Jungfrau gesehen, und die Be> 
gierde sie zu besitzen^ ist in ihm erwacht. Die Schilderung^ die 
er selbst von der nächtlichen Scene entwirft, ist meisterhaft. Sie 
ist bei aller Kunst der Farbengebung und Stimmung massvoll, 
harmonisch und einfach. Seine Nachfolger bis zur heutigen Zeit 
konnten ihn im Einzelnen, in der Glut der Farben, in dem 
Ausdruck sinnlicher Leidenschaft oder dem malerischen Detail 
überbieten: die Hoheit und Schönheit des Ganzen haben sie 
nicht von weitem erreicht *). 

Nero hat noch bei keiner Frau seines Hofs Widerstand 
gefunden, und gerade weil Junie den Hof gemieden hat, reizt 
es ihn, sie zu gewinnen. Wehe dem, der sich seiner Leidenschaft 
hemmend in den Weg stellen sollte: 

N^ron impun^ment ne sera pas jaloux**). 

Agrippina kennt ihn ; er beginnt zwar, wie August geendigt, 
sagt sie, allein er wird endigen, wie jener begonnen hat — mit 
Mord***). Nero's Vertrauter und böser Dämon ist Narcisse, der 



*) Britannicus II, 2. 13: 

Excite d'un d^sir curieux, 
Cette nuit je Tai vue arriver en ces lieux, 
Triste, levant au ciel ses jeux mouillös de larmes, 
Qui brilloient au travers des flambeaux et des armes: 
Belle, Sans omements, dans le simple appareil 
D^une beaut6 qu'on vient d^arracher au sommeil. 
Qne veux-ta? Je ne sais si cette n^gligence, 
Les ombres, les flambeaux, les cris et le silence. 
Et le farouche aspect de ses fiers ravisseurs 
Relevoient de ses yeux les timides douceurs. 
Quoiqu'il en soit, ravi d'une si belle vue, 
J'ai vonlu lui parier, et ma voix s'est perdue: 
Immobile, saisi d'un long etonnement, 
Je l'ai laiss^ passer dans son appartement. 
J'ai passe dans le mien. C'est lä que solitaire, 
De son Image en vain j'ai voulu me distraire; 
Trop präsente k mes yeux, je croyois lui parier; 
J'aimois jusqu'ä ses pleurs que je faisois couler. 
•*) Britannicus II, 2. 73. 
***) Ibid. I, 1. 32: 

II commence, il est vrai, par oü finit Auguste, 
Mais crains que, Tavenir detruisant le passe, 
II ne finisse ainsi qu' August3 a commence. 



156 

sich nach Ej'äften bestrebt, die Tigematur seines kaiserlichen 
Herrn zu reizen. In einer Unterredung mit Junie zeigt sich Nero 
anfangs würdevoll, gemässigt ; sobald er Widerstand findet, wird 
er drohend, und er zwingt die Zitternde, Britanniens kalt zu 
empfangen. Denn er lauscht verborgen der Unterredung der 
Beiden. Wenn ihr das Leben des Britanniens lieb ist, soll sie 
ihn zurückweisen, selbst ndie Sprache der stummen Blicke<< wird 
Nero verstehen und bestrafen*). Erschreckend enthüllt sich 
nun mit jeder Scene mehr und mehr der Charakter des Tyrannen. 
Burrhus hat Agrippina und Nero zusammengeführt und hofft, 
dass sich aus ihrer Unterredung die Versöhnung ergebe **). Allein 
das Qegentheil erfolgt. Agrippina steht ihrem Sohn stolz und 
herrisch gegenüber. wTritt näher, Nero« — mit diesen Worten 
empfängt sie ihn, und zeigt ihm offen ihre Verachtung. Sie ist 
gewaltig in ihrer verhaltenen Leidenschaft, ihrem Sarkasmus. 
Man hat sie bei Nero beschuldigt, darum will sie ihm nun 
gestehen, was sie verbrochen hat. Und sie beginnt die Erzählung 
ihrer Thaten, die alle darauf hinzielten, Nero die Herrschaft zu 
gewinnen. Die Rede ist meisterhaft behandelt und würde zu den 
hervorragendsten Leistungen der dramatischen Poesie gehören, 
wenn sie grössere Spannung hervorrufen könnte. Allein man fühlt 
es, dass Agrippinens Sache verloren ist. Nero verspricht zwar, 
sich mit seinem Bruder Britannicus zu versöhnen, aber seine Un- 
terwerfung ist nur eine Komödie, wie er Burrhus gegenüber cy- 
nisch erklärt: „J'embrasse mon rival, mais c'est pour l'Ätouffer" ***). 
Burrhus wirft sich ihm zu Füssen; er beschwört ihn, seinen Mord- 
gedanken zu entsagen, und es gelingt ihm auch Nero in seinem 
Entschluss wankend zu machen. Allein Narcisse trägt schliesslich 
doch den Sieg davon. Er wiederholt das alte Wort der höfischen 
Schmeichler, dass der Herrscher nach seinen Gelüsten handeln 
könne und sich um das Urtheil der Menge nicht zu kümmern 
brauche. Er entwirft dabei in wenigen Versen ein furchtbares 



*) Ibid. n, 2 am Schloss: 

J'entendrai des regards qae voas croirez maets, 
sagt Nero in kühnem, echt Eacine'schem Bild. 
**) Britannicus IV, 2. 
***) Britannicus IV, 3. 10. 



157 

Bild des verkommenen römischen Volks. Wenn man Racine vor- 
wirft, er sei unhistorisch, kümmere sich niemals um Lokalfarbe, 
so braucht man nur auf solche Stellen hinzuweisen, wo der 
Dichter* den Ton und Charakter einer vergangenen Zeit vortreff- 
lich wiedergibt« Narcisse sagt seinem Herrn: 

Mais, Seigneur, les Bomains ne vous sont pas connus« 

Non^ non, dans leurs discours ils sont plus retenas. 

Tant de pr^cautiou affoiblit votre r^gne: 

Ils croiront, en efifet, m^riter qu'on les craigne. 

Au joug depuis longtemps ils se son^ fa9onnes: 

Ils adorent la main qui les tient enchainös. 

Vous les verrez toujours ardents k vous complaire. 

Leur prompte servitude a fati^^ Tib^re. 

Moi-m§me, revötu d'un pouvoir empruntä, 

Que je re^us de Claude avec la liberte, 

J'ai Cent fois, dans le cours de ma gloire pass^e, 

Tentö leur patience, et ue Tai point laiss^e. 

D'un empoisonnement vous craignez la noirceur? 

Faites p^rir le fr^re, abandonnez la soeur: 

Rome, sar ses autels prodigaant les yictimes, 

Fussent-ils innocents, leur trouvera des crimes; 

Vous verrez mettre au rang des jours infortunes 

Ceux oü jadis la soeur et le fr^re sont n^s *). 

Da auch diese Einflüsterungen Nero noch nicht bestimmen 
können, reizt ihn Narcisse durch Mittheilung verächtlicher Aeusse- 
rungen der Römer, die über seine Sucht im Theater aufzutreten 
spotten. Und solche Menschen soll man schwatzen lassen? Es 
ist ein feiner psychologischer Zug, dass sich Nero nun, da er 
in seiner Eitelkeit verletzt wird, zur Gewalttbat entschliesst. 
Im fünften Aufzug entwickelt sich die Katastrophe mit grösster 
Schnelligkeit. Noch einmal erscheint Britanniens bei Junie, die 
von finstern Ahnungen erfüllt ist, und während Agrippina noch 
an ihren Sieg glaubt, und die Höflinge aufs neue zu ihren Füssen 
sieht**), ist die Mordthat schon geschehen. Burrhus meldet sie 
schaudernd, und mehr noch als die That selbst, entsetzt ihn die 
Ruhe, die Nero dabei bewahrt hat. Die Schranken sind durch- 



*) Britannicus IV, 4. 47 ff. 
**) Britannicus V, 3. 33: 



D^jk de ma faveur on adore le bruit. 
Der Vers ist wiederum, wie so viele in Britannicus, von Überraschender Kühnheit. 



158 

brochen^ nichts wird ihn mehr zurückhalten, er ist schon Meister 
im Verbrechen, und die Höflinge richten ihre Haltung nach dem 
Gesicht des Kaisers'*). Noch einmal treten sich Mutter und 
Sohn einander entgegen; Agrippina bezüchtigt Nero geradezu des 
Mords* Sie weiss nun, dass eines Tags auch sie die Reihe treffen 
wird; der Brudermörder wird zum Gatten- und Muttermörder 
werden! So eröffnet sich ein furchtbarer Blick in die Zukunft, 
und jene Ahnung der kommenden Gräuel ist erschütternder als 
die Darstellung einer ganzen Reihe weiterer Verbrechen. tjDu 
kannst gehen !<< sagt Agrippina stolz zum Kaiser. Dieser verweilt 
einen Augenblick, die Leidenschaft tobt in seiner Brust, bis er 
endlich ein heiseres: TiFolgt mir, Narcisse!<< ausstösst, das schreck- 
licher klingt als die wildeste Drohung. 

Damit ist die Tragödie zu ihrem Schluss gelangt, denn die 
Scene, die noch folgt, wirkt nur abschwächend. Wir hören, dass 
Junie sich zu den Vestalinnen gerettet hat, in deren heilige Ge- 
meinschaft; sie sich aufnehmen lassen will. Man hat diesen Einfall 
Racine's getadelt, weil er christliche Erinnerungen an das Kloster 
wecke und somit der historischen Wahrheit schade. Doch möchten 
wir gerade diesen Einwand nicht machen. Auch in andren Dich- 
tungen mischen sich ohne Schaden heidnische und christliche 
Ideen, so im Nibelungenlied, und auch bei Shakespeare ist die 
historische Wahrheit nicht immer berücksichtigt. Störender ist 
es, dass Junie, die in dem ganzen Stück kein rechtes Interesse 
erwecken konnte, selbst bei der Katastrophe passiv bleibt. 
Der Mangel an Kraft in dieser letzten Scene berührt uns em- 
pfindlich. Sogar in Nero's Bild kommt schliesslich ein falscher 
Zug. Er ist ausser sich, dass ihm Junie entgehen soll, er irrt 
schweigend durch seinen Palast und jeder scheut ihm zu begegnen. 
So weit ist die Schilderung vorzüglich. Allein wenn ps darauf 
heisst, Nero gehe mit Selbstmordgedanken um, so stutzen wir. 



*) Brit. V, 6. 20: 

Mais ceux qui de la cour ont an plus long usage, 
Sur les yeox de C^sar composent leur visage. 

und V, 7. 16: 

Ses jevLx. indifferente ont d^jä la constance 
D^un tyran dans le crime endurci d^s Tenfance, 



159 

Solche Empfindsamkeit kennt ein Nero nicht. Die galante Sprache ' 
mag ihm zu eigen sein und an seinem Hofe herrschen. Wir 
mögen es hinnehmen, wenn er anfangs einmal von dem »Gift 
eines bezaubernden Blickes« redet*), aber aus Liebe zu ver- 
zweifeln, ist Nero's Sache nicht. 

Am schwächsten ist die Figur des Britanniens selbst ge- 
zeichnet. Er kämpft nicht um den Thron und weiss sich kaum 
für Junie aufzuraffen. Die elegante Süsslichkeit, die ihn charak- 
terisirt, lässt keine Theilnahme für ihn aufkommen. So hat diese 
Tragödie neben grossen Schönheiten auch bedenkliche Schwächen, 
aber die ersteren überwiegen, und Racine hatte Recht, wenn er 
sich in seiner zweiten Vorrede auf den Beifall der Kenner berief. 
In der That wirkt der t) Britanniens« mehr noch bei der Lektüre 
als durch die Aufführung, obwohl hervorragende französische 
Charakterdarsteller wie Lekain und Talma mit Vorliebe als Nero 
auftraten. 

Das nächstfolgende Stück, T^Bdränice«, ist mehr ein drama- 
tisches Gedicht, als ein wirkliches Drama. Von einem solchen 
erwartet man Aktion, energische Charaktere, die Behandlung 
eines ethischen Konflikts. ivB^rönice« aber bietet nichts von dem. 
Der Dichter nannte zwar sein Werk eine Tragödie, doch ist es 
nichts anders als ein Dialog zwischen Liebenden, die zur Tren- 
nung genöthigt sind und in rührender Klage ihrem Schmerz 
Ausdruck verleihen. Man hat es wol mit Recht eine Idylle 
genannt. 

Es wird berichtet, die Herzogin von Orleans habe einen 
interessanten Wettkampf zwischen Corneille und Racine veran- 
stalten wollen und beide Dichter veranlasst, dasselbe Thema 
zu behandeln, ohne dass einer von des andern Arbeit gewusst 
habe. Henriette von Orleans war, wie wir schon früher erwähnt 
haben **), liebenswürdig, warmherzig und voll Anmuth, leichten 
Sinnes und auch galanter Huldigung nicht unzugänglich. Ihr 
mussten die Dichtungen Racine's, in welchen die Wonne und 



*) Britannicus II, 2. 57: 

D'un regard enchanteur connoit-il le poison? 
**) Vgl. B. m, 8. 244. 



160 

Qual der Liebe, die Leidenschaft der Eifersucht in so gewin- 
nender, bald rührender, bald erschütternder Sprache geschildert 
werden, besonders gefallen. Sie war eine entschiedene Gönnerin 
des modernen Dichters, während ihr der schon alternde Corneille 
mit seinem starren Wesen, seiner Vorliebe für Darstellung poli- 
tischer Kämpfe fremder blieb, Sie gehörte schon einer Generation 
an, welche den Enthusiasmus über die Comeille'schen Jugend- 
werke nicht mit erlebt hatte und den heroischen Sinn der früheren 
Zeit nicht mehr recht verstand. Indem sie den beiden Dichtern 
die gleiche Aufgabe stellte und gewissermassen die junge drama- 
tische Schule zum Turnier mit der älteren führte, trug sie Sorge, 
das Kampffeld so zu wählen^ dass es der ersteren schon zum 
voraus die Gewähr des Sieges bot. 

Die Geschichte des Kaisers Titus erzählt von seiner Neigung 
zu Berenice, der Tochter des Königs Agrippa des Aelteren von 
Judäa. Titus wollte sie zu seiner Gemalin erheben^ aber das 
römische Volk sprach sich laut gegen sie als eine Fremde aus, 
und der Kaiser gab dem Druck der öffentlichen Meinung nach. 
Die Bewunderung für den entsagenden Kaiser, das Mitgefühl mit 
dem Schmerz einer verlassenen Frau gab der Herzogin von Orleans 
den Gedanken ein, den an sich un dramatischen Vorfall auf der 
Bühne behandeln zu lassen. Dass sie in Berenicens Geschichte 
eine Erinnerung an ihre Neigung für König Ludwig gefunden 
habe, wie man erzählte, ist sehr unwahrscheinlich. Noch weniger 
konnte es Racine einfallen, Ludwig's einstige Liebe zu Maria 
Mancini verherrlichen zu wollen. Der Herzogin Vorliebe für 
melancholische, weichmüthige Liebesscenen genügt, um die Wahl 
des Stoffs zu erklären, und Racine verstand es vortrefflich auf 
ihre Absicht einzugehen. Corneille dagegen ahnte nicht, was man 
von ihm eigentlich verlangte. Er schrieb sein Schauspiel in der 
Art seiner letzten Dramen, die immer steifer und kälter wurden. 
Er führte wieder zwei Paare ein, deren Liebe sich seltsam mit 
der politischen Aktion vermischt. Kaiser Titus will sich mit der 
ehrgeizigen Domitia verbinden, die ihrerseits von Domitian, des 
Kaisers Bruder, geliebt wird. Die Vermälung wird aber in Frage 
gestellt, als Bäränice nach Rom kommt, denn sie, die fremde 
Fürstin, besitzt des Kaisers Herz, Titus will ihr alles opfern, 



161 

und würde selbst auf den Kaiserthron verzichten, wenn ihn B6- 
rSnice nicht von diesem Schritt zurückhielte. Ihr gegenüber steht 
nun rachedürstend Domitia, in welcher Corneille eine jener dämo- 
nischen Frauen zeichnen wollte, die ihm früher so gut gelungen 
waren. Allein er brachte es diesmal nur zu einer schwachen 
Nachahmung. Der Senat schaflFt endlich Hilfe in der verwickel- 
ten Lage ; er adoptirt B6r6nice als Römerin, und Titus kann sich 
nun mit ihr vermalen ; um aber Domitia zu versöhnen, verbindet 
er diese mit Domitian^ den er zum Mitregenten ernennt. 

Die Herzogin von Orleans erlebte die Äuffiihrung der beiden 
rivalisirenden Schauspiele nicht. Sie starb den 30. Juni 1670. 
Racine's wBör^nicet* wurde im Hotel de Bourgogne am 21. No- 
vember desselben Jahres zum erstenmal aufgeführt, und acht 
Tage später spielte Moliere's Truppe im Palais-Royal das Cor- 
neille'sche Stück »»Tite et B6r6nice«. Der Sieg Racine's war nicht 
zu bezweifeln und fügte eine neue Kränkung zu den bittern 
Erfahrungen, welche Corneille in seinem Älter machen musste. 
Racine hatte sein ganzes Talent aufgeboten, um seinem Drama 
den Charakter der edeln Ritterlichkeit aufzuprägen, so wie man 
dieselbe am Hof Ludwig XIV. verstand. Seine Dichtung athmete 
keine Leidenschaft, aber Liebessehnsucht und Schwermuth *). 
Das Bild war in mildem Ton gehalten, die Sprache selbst er- 
schien gedämpft. Im ganzen Werk herrscht Feinheit, Mässi- 
gung, Harmonie, aber nirgends zeigt sich eine tiefere Bewegung 
des Gemüths. Für die vornehme Gesellschaft, für die es be- 
stimmt war, passte es gerade deshalb vortrefflich. Dichtungen wie 
nTartuffea und 7?Don Juana oder wie die nPhfedre«, die Racine 
einige Jahre später schuf, entsprachen mit ihrer Gedankentiefe 
und ihrer Leidenschaft dem Geschmack des Hofs viel weniger, 
als »B^renicei«. Wenn man diesem letzteren Stück heute vor- 
wirft, es sei absolut nicht in römischem Geist gedacht, so hat 
man zwar Recht, allein wir finden in dieser Abwesenheit der 



*) Vergl. den Brief der Mme de S^vigne an Bussy-ßabutin Tom 28. Juli 
1671: „Je suis tris-fächee de ne pouvoir vous envoyer la Berenice de Kacine; 
je l'attends de Paris; je suis assur^e quelle vous plaira; mais il faut pour cela 
qae vous soyez en goüt de tendresse, je dis ''e la plus fine, car jamais femme 
n'a pousse si loin Tamour et la d^licatesse qu'a fait celle-lä.^ 

Lotheissen, Gesch. d. frans. Literatur. IV. Bd. ^^ 



162 

Lokalfarbe den geringsten Fehler. Hätte Racine, wie in andern 
seiner Tragödien, die Leidenschaft reden lassen, hätte er an- 
ziehende Charaktere geschaffen, so möchten seine Römer immer- 
hin französisch aussehen. Aber es fehlt dem Stück an Feuer, 
ELraft und Leben: Forderungen, welche die Bühne stellen muss. 
Titus sowohl wie Bär^nice führen den Kampf ohne jede Anstren- 
gung, obgleich der erstere, wie sein Freund Antiochus, von Selbst- 
mord redet. Die Worte, mit welchen Börenice den Kaiser Titus 
begrüsst (II. 4) werden wohl an Zartheit, inniger Freude und Ein- 
fachheit des Ausdrucks von keiner andern Stelle in Racine's 
Werken überboten, aber der Verlauf des Schauspiels bietet keine 
Steigerung und die unglückliche Manier, jeder Hauptperson einen 
Vertrauten beizugesellen, tritt nirgends so störend hervor, wie 
gerade hier. Zudem dreht sich das ganze Stück um eine Frage, 
die einen Römer der alten Zeit vielleicht aufregen konnte, die 
uns aber nicht mehr berührt. Wenn der Erhebung der Bördnice 
nichts weiter im Weg steht, als dass sie keine Römerin ist, so 
erscheint uns das als ein kleinliches Vorurtheil und durchaus 
nicht zu einem tragischen Konflikt geeignet. 

Wenn aber, T^Böränice« keineswegs die Erinnerung an eine 
frühere Neigung König Ludwig's verewigen wollte, so enthielt sie 
um so unverkennbarer eine Verherrlichung des Monarchen. Racine 
verstand die Kunst der feinen höfischen Huldigung. Titus wird 
so geschildert, dass man König Ludwig in ihm sehen musste. Jung 
und bezaubernd, dabei ein Held und mit Lorbeer gekrönt, von 
einem glänzenden Hof umgeben, so erscheint Titus in dem Racine'- 
schen Stück, so erschien auch Ludwig XIV. seinen Zeitgenossen. 
Alles beugte sich vor ihm; selbst Saint-Simon, der ihn hasste, 
erkannte in seinen Memoiren die gewinnende Kraft an, die in der 
Persönlichkeit des Königs lag*). Wenn daher Ber6nice voll Be- 
geistererung von dem Purpur und dem Siegesruhm des Titus sprach, 
wenn sie rühmte, dass aller Augen an dem Herrscher hingen, 
wenn sie von seiner majestätischen Haltung, seiner bezaubernden 
Erscheinung schwärmte und ausrief, dass ihn die Welt als ihren 



•) Vergl. auch Saint - Simon , Papiers inddits publ. par M. Faug^re. 
Paris 1880. 



163 

Herrn erkannt hätte, wenn er auch in der einfachsten Hütte 
geboren wäre , so bezog man dies alles auf König Ludwig *). 

Bis dahin hatte Racine, seinem Bildungsgang und seiner 
ganzen Bichtimg entsprechend, den Stoff für seine Tragödien im 
Alterthum gesucht. Nun wandte er sich der modernen Zeit zu 
und wählte eine Episode der türkischen Geschichte, die er aller- 
dings in der freiesten Weise behandelte. Die Macht der Sultane 
war zu jener Zeit in Europa gefürchtet, die türkischen Heere 
und Flotten verbreiteten Schrecken in allen christlichen Ländern, 
und so kam es, dass auch die Poesie sich des fremden aufregen- 
den Stoffs bemächtigte. Türkendramen waren schon vor Racine 
auf der französischen Bühne gespielt worden. Madeleine de Scu- 
döry hatte mit ihrer Novelle 7>L'Illustre Bassa« ihre literarische 
Thätigkeit eingeleitet. Die Wahl des Stoffs lag Racine also nicht 
so fern^ wenn er auch diesmal bei seinen Vorgängern keine weitere 
Anregung fand. 

So entstand sein »Bajazet«, in welchem die tragische Ge- 
schichte eines unglücklichen Prinzen aus dem türkischen Herr- 
scherhaus dargestellt wird. Die Tragödie führt in das Serail 
und das Gewebe von Intriguen, die dort herrschen. Sultan 
Amurat ist gegen die Perser zu Felde gezogen. Beim Scheiden 
hat er sein^ Favoritin Roxane weitgehende Vollmachten gegeben 
und ihr aufgetragen, den Prinzen Bajazet, seinen leiblichen 
Bruder^ tödten zu lassen. So verlangte es ja die barbarische 
Familienpolitik der türkischen Herrscher. Roxane ist ehigeizig 
und strebt nach dem Rang einer Sultanin; sie will als Gemalin 
des Herrschers erklärt werden, und da Amurat sich dessen ge- 
weigert hat, will sie mit Hilfe Bajazet's ihr Ziel erreichen. Unter- 



*) B^renice I, 5. 23: 

Cette pourpre, cet or, que rehaassoit sa gloire, 
Et ces lauriers encor t^moins de sa gloire, 
Tous ces yeux qu'on voyoit venir de toutes parts 
Confondre sur lui seul leors avides regards; 
Oe port majestueux, cette douce pr^sence. 

Parle: peut-on le voir sans penser comme moi 
Qu^en quelque obscurit^ que le sort l'eüt fait naitre, 
Le monde, en le voyant, eüt reconna son maitre? 

11* 



164 

stützt wird sie von Acomat, dem Grossvezier, aber sie findet 
Widerstand da, wo sie ihn am wenigsten erwartet. Bajazet, dem 
sie Leben und Herrschaft verspricht, wenn er sie zu seiner Ge- 
malin erheben will, weigert sich auf ihren Vorschlag einzugehen. 
Er liebt Atalide, eine Prinzessin aus der regierenden Familie, 
und kann sich nicht entschliessen, diese zu opfern. Die gewalt- 
thätige, in Liebe und Ehrgeiz sich verzehrende Roxane ändert 
darum ihren Plan. Ihre Neigung verwandelt sich in Hass. Sie 
lässt Bajazet ermorden, fällt aber selbst durch den Dolch eines 
Sklaven, den Amurat abgesandt hat, um Roxanens Benehmen 
zu überwachen. 

r)Bajazet<< wurde in den ersten Tagen des Januar 1672 mit 
grossem Erfolg aufgeführt. Man wagte dabei, den Schauspielern 
eine Art orientalischen Kostüms zu geben, da man doch Bedenken 
trug, dem Publikum Türken in französischem Hofkleid und in 
der Perrücke vorzuführen. Wie bei seinen früheren Stücken be- 
gegnete Racine auch diesmal tadelnder Kritik; allein Angesichts 
der warmen Aufiaahme, welche das Stück im Theater fand, er- 
trug er die Einwendungen der Gegner geduldiger als sonst. Ein 
Zeugniss für den Eindruck, den 9)Bajazet<< machte, gibt Mme de 
S^vigni in ihrem Brief vom 13. Januar, in welchem sie ihrer 
Tochter über die neue Tragödie und deren grossen Erfolg be- 
richtete. Noch hatte sie das Stück nicht selbst gesehen, und 
konnte nur das Urtheil andrer wiedergeben, welche es sogar 
über die Comeille'schen Tragödien stellten. Aber schon zwei 
Tage später schrieb sie, dass ihr Bajazet sehr gefallen, und 
die Champmeslä vorzüglich gespielt habe. Das Stück werde 
gegen das Ende hin etwas schwächer; es sei voll leidenschaft- 
licher Bewegung, aber die Leidenschaft sei nicht so thöricht 
wie in TjB&önicet*. Doch übertreffe die neue Tragödie keines- 
wegs die »Andromaque", und Corneille bleibe immer noch der 
Meister*). Ihr Urtheil wurde mit jedem Brief strenger ; bei ihrer 



*) Mme de Sevign^ ä Mme de Orignan, 13 janvier 1672 : „Racine a fait 
une com^die qui s^appelle Bajaaet et qui enl^ve la paills; vraiment eUe ne va 
pas en empirando comme les autres. M. de Tallard dit qu'elle est autant au- 
dessus de Celles de Corneille, que Celles de Corneille sont au-dessus de Celles 
de Boyer: voila ce qui s'appelle bien louer; 11 ne faut point tenir les vdrites 



165 

Verehrung für Corneille verletzte sie jeder Lobspruch auf Ra- 
cine. Bald schrieb sie, dass Bajazet selbst zu kalt sei, dass 
Racine die türkischen Gebräuche nicht beachtet habe und man 
das grosse Gemetzel am Schluss nicht recht verstehe. Die 
Tragödie enthalte hübsche Stellen, aber keine, die vollendet 
schön sei, keine, die hinreisse und bei der es den Zuschauer 
überlaufe, wie bei den heroischen Scenen Corneille 's*). 

In dieser Kritik finden sich die Hauptvorwürfe vereinigt, 
die man damals, und Corneille zumal, gegen »Bajazett^ erhob. 
Als sei man schon in der Epoche der Romantiker, rief man nach 
Lokalfarbe, wenn man auch den Ausdruck nicht kannte. Man 
sehe zwar türkisches Kostüm, aber man höre doch nur Franzosen» 
sagte man. Gegenüber einer ähnlichen Bemerkung bei nB^ränice« 
haben wir schon unsere Ansicht geäussert, dass es für den Dra- 
matiker weniger darauf ankomme, historisch genau zu sein, als 
Menschen zu zeichnen, die Interesse erregen. Nun ist nBajazet« 
allerdings dramatisch effektvoll, so weit die gemessen einherschrei- 
tende klassische Tragödie überhaupt Effekte sucht. Ebenso ist 
die Anlage von kundiger Hand gemacht, die Exposition meister- 
haft. Allein der ganze Kampf im Serail lässt uns kalt. Es 
handelt sich dabei weder um eine grosse Idee, noch um eine 
gewaltige Persönlichkeit. Bajazet ist zu blass und schwächlich, 
trotz seiner heroischen Wahrheitsliebe und seiner Treue. Er ist 
einer jener unseligen Liebhaber der französischen Tragödie, die 
durch ihre Unentschlossenheit sich selbst und die Geliebte ins 
Verderben stürzen. Von einem Prätendenten, der um das Leben 



cach^es. Nous en jugerons par nos yeox et par nos oreilles . . . '^ und im Brief 
vom 15. Januar: ^Bajazet est beau; yj trouve quelque embarras sur la fin; il 
7 a bien de 1a passion, et de la passion moins folle que celle de Bdr^nice: je 
trouve cependant, a mon petit sens, qu'elle ne surpasse pas Andromaque . . , . 
Croyez que Jamals rien n'approchera (je ne dis pas surpassera) des divins en- 
droits de Corneille.** 

*) Mme de S^yign^ h Mme de Grignan, 16 mars 1672: „Le personnage 
de Bajazet est glac^, les moeurs des Turcs j sont mal observ^es; ils ne fönt 
point tant de fa^ons pour se marier; le denouement n^est point bien pr^par^: 
on n^entre point dans les raisons de cette grande tuerie. II y a pourtant des 
choses agreables, et rien de parfaitement beau, rien qui enl^ye, point de ces 
tirades de Corneille qui fönt frissonner." 



166 

und den Kaiserthron kämpft, erwarten wir mehr Energie. Auch 
Atalide , Bajazet's Geliebte , fesselt nicht genug. Zwar könnte 
man sagen, dass das Serail am wenigsten der Ort ist, wo sich 
feste Charaktere bilden, und dass die Zeichnung Bajazet's und 
Atalide's gerade deshalb richtig sei. Aber der Dichter hat ihnen 
ja in Roxane, der Herrin des Serails, eine Feindin entgegen- 
gestellt, die von gewaltiger Leidenschaft bewegt wird. Also 
kann es auch auf diesem gefährlichen Boden noch kräftige Cha- 
raktere geben. Voltaire sah in der Figur der Roxane ein Meister- 
werk des Geistes und Geschmacks, und verglich sie einer Statue 
des Phidias*). Das Lob ist zu stark, aber gewiss ist der Charakter 
der Roxane in ihrem Stolz und ihrer Hen'schsucht vortrefflich 
gezeichnet. Königlich auftretend, verräth sie doch in Momenten 
der Erregung, dass sie eine Sklavin ist und trotz ihrer Erhöhung 
gemeinen Sklavensinn bewahrt hat. Auch Acomat bietet ein 
scharf gezeichnetes Charakterbild. Der Vezier ist ein im Kriegs- 
dienst ergrauter Feldherr, der bei dem Heer beliebt ist, aber 
gerade deshalb dem Sultan verdächtig erscheint und von diesem 
zurtlckgesetzt wird. Aus einem braven Soldaten wird er ein 
Empörer, aber inmitten der Intriguen und Gefahren bleibt er 
sich immer gleich, ruhig, abwägend, voll Geistesgegenwart. Die 
Kunst, die Racine in der Charakteristik der beiden Personen der 
Roxane und des Acomat entfaltete, ist indessen nicht gross genug, 
um uns die Schwäche des ganzen Stücks übersehen zu lassen. 
Der Mangel an höherem Interesse, den schon Mme de S^vignä 
bemerkte, war auch Voltau'e fühlbar. Trotz der grossen Idee, 
die er von nBsLJazeU hatte, schrieb er an den Schauspieler La 
Noue, der ihm seine Tragödie »Mahomet H.« nach Cirey ge- 
schickt hatte: T^Möchten Sie nicht etwas mehr Kraft und Stolz, 
etwas mehr Leben in den Reden des jungen Türken, der sich 
zwischen Roxane und dem Thron, zwischen Atalide und dem Tod 
sieht?**). 

Racine mochte selbst fühlen, dass er sich in eine Welt ge- 
wagt hatte, in der er nicht heimisch genug war, und so griff er 
mit seiner nächsten Tragödie auf das Alterthum zurück. 

*) Voltaire, Commentar zu Coraeille's „M^d^e" III, 3. 141. 
**) Lettre de Voltaire k M. de La Noue, 6 avril 1739. 



167 

Im Lauf desselben Jahres 1672 wurde er an Stelle des 
Philosophen La Motte le Vayer in die Akademie gewählt*), 
und gleichzeitig mit dem Historiker Gallois und mit Flechier in 
feierlicher Sitzung am 12. Januar 1673 in Gegenwart eines 
gewählten Publikums aufgenommen. Trotz aller Gegner stand 
Racine durch seine letzten Werke so hoch^ dass die Akademie 
ihn schwer übergehen konnte^ zumal er auch eine einfiussreiche 
Partei bei Hof flir sieh hatte. Seine Aufnahmsrede ist nicht 
erhalten; sie machte keinen Eindruck, und der Dichter scheint 
sie darum vernichtet zu haben. Wahrscheinlich am Tag nach 
dieser Feierlichkeit fand die Auflführung seiner neuen Tragödie, 
rjMithridate«, statt. Die Wahl des Stoffs war diesmal überaus 
glücklich. Es galt, ein Bild aus dem weltgeschichtlichen Kampf 
zwischen Orient und Occident zu geben, in dem der furchtbarste 
Feind Roms in Kleinasien, König Mithridates von Pontus, sich 
zum letzten nachhaltigen Widerstand gegen die Welteroberer 
erhob. In ihm zeigte sich ein wahrer Held, aber ein Held, der 
blutig und dämonisch war; ein Tyrann, der äusserlich etwas 
griechische Cultur angenommen hatte, im Wesen aber ganz bar- 
barisch geblieben war. Mithridates war schon öfters auf der 
französischen Bühne behandelt worden, u. a. 1635 von La Cal- 
prenfede. Auch Corneille hatte den Kampf der Römer mit den 
kleinasiatischenDespoten in seinem T)Nicomede^ behandelt. Racine 
fand aber bei keinem Vorgänger eine Anregung für seine neue 
Dichtung. Es lag zwar nahe, die heroische Manier Corneille's zum 
Vorbild zu nehmen, doch stand Racine bereits selbständig da und 
ging seine eignen Bahnen. Die Aufgabe, den Kampf der Römer 
mit Mithridates zu schildern , musste — so denkt man — den 
Dichter veranlassen, die einzelnen Scenen ins Lager oder aufs 
Schlachtfeld zu verlegen und mit Massen zu operiren. Aber 
dem widersetzte sich der Charakter der französischen Bühne. 
Racine's Stück ist doch nur auf das Königsschloss zu Nymphäa 



*) Fran^ois de La Motte le Vayer, geb. 1586 oder 88 und gestorben 
1672, Erzieher des Herzogs von Orleans, dann auch Ludwig XIV., für den er 
mehrere Schriften yerfasste. Sein Sohn, der Abb^ Le Vayer, starb schon 1664. 
Ihm hatte Boileau seine vierte Satire gewidmet, und Moli^re hat in einem 
Spnnet dessen Tod beklagt. 



168 

beschränkt , das kaum freiere Bewegung erlaubt , als das Serail 
in T^Bajazet". Derselbe Geist der Grausamkeit und Tyrannei, 
der hier heimisch ist, herrscht auch dort. Aber trotzdem sich 
die Tragödie innerhalb eines Saals abspielt und die Waffenthaten 
und die Entscheidung des grossen Kampfes nur in den Erzäh- 
lungen und im Gespräch weniger Personen berührt werden, hat 
Racine es doch verstanden ein Bild der aufgeregten Zeit zu 
geben, und die ganze Tragödie mit heroischem Geist zu erfüllen. 
Besonders die ersten drei Akte sind vorzüglich und erhalten das 
Interesse in steigender Spannung. Mithridate erscheint erst im 
zweiten Aufzug; allein der erste ist schon ganz mit seinem 
Namen, der Furcht und Scheu vor ihm erfüllt. Wenn er endlich 
selbst auftritt, so übertrifft er noch die Erwartungen, die man 
sich von ihm gemacht hat. Die Zeichnung seines Charakters 
ist vortrefflich, und wieder mit jener Kunst feiner Schattirung 
ausgeführt, in der Racine gross war. 

Mithridate ist ein wahrhafter Herrscher, gross in kriegerischer 
That, gewaltig und unternehmend. «Von Blut genährt und nach 
dem Kampfe dürstend« *), wird er weder durch sein Alter gehemmt 
noch durch seine Niederlage entmuthigt. Obwol besiegt imd dem 
Untergang nah, wälzt er neue kühne Pläne in seinem Haupt. 
Er hat den Entschluss gefasst, gleich Hannibal den Eurieg in das 
Land der Römer hinüber zu tragen, und entwickelt seine Ideen 
in feurig stolzen Worten. In wahrhaft königlicher Weise kündigt 
er Monime an, dass er sich ihr sofort durch die Ehe verbinden 
will. Mag er auch sein Reich verlieren und als Pirat unstät die 
Meere durchschweifen, er bleibt was er ist, der gewaltige Mann, 
der den Blick der Welt auf sich lenkt. Monime wird somit an 
seiner Seite nichts verlieren*). Doch dieser grosse Sinn wird 



*) Mithridate II, 3. 23: 

Ce coeur nourri de sang et de guerre affam^. 
Und vorher II, 2. 9: 

To\it vaincn que je suis et voisin du n aufrage, 
Je mddite un dessein digne de mon courage. 

*) Mithridate II, 4. 34: 

Quand le sort ennemi m'auroit jete plus bas, 
Vaincu, persecut^, sans secours, sans Etats, 



169 

durch Grausamkeit und Falschheit entstellt. Sein Sohn Pharnace 
sagt selbst von ihm, dass er im Unglück erst recht unerbittlich 
werde, und dass er seinen Hass unter Liebesbetheuerungen zu 
verbergen wisse*). Um zu erfahren, ob Monime einen seiner 
Söhne liebe, steigt Mithridate zu einem nichtswürdigen Gaukel- 
spiel herab. Er entlockt ihr das Geständniss ihrer Liebe zu 
Xipharfes, aber selbst in der höchsten Wuth weiss er sich zu be- 
herrschen und zu verstellen**). Als Despot fühlt er sich seiner 
Soldaten nicht sicher, zumal nach der Niederlage, und er hält 
es für nöthig, ihre Gesinnung zu erforschen***). 

Hatte Racine in TiBritannicust^ den werdenden Tyrannen 
gezeichnet, so führt er ihn hier in seiner Vollkraft vor. Die Züge 
von menschlichem Fühlen, die er ihm hier und da gibt, voll- 
enden das Charakterbild. Mithridate fühlt sich einsam, er öehnt 
sich nach einem Freund, einer Stütze und glaubt sie in Xiphar^s 
gefunden zu haben. Um so bitterer ist sein Schmerz, wenn er 
sich auch von diesem verrathen wähnt. Er möchte sich dieser 
Ueberzeugung verschliessen und vermag es nicht. Die Strafe 
aller Tyrannen, die innere Unruhe, trifft auch ihn. Der dritte 
Akt enthält einige Scenen (3, 4 und 5), die wahre Meisterwerke 
der Cbarakterzeichnung sind. Damit ist aber auch die Tragödie 
auf dem Höhepunkt angelangt, und die beiden letzten Akte sind 
bedeutend schwächer. Das grosse historische Interesse tritt zurück. 



Errant de mers en mers, et moins roi que pirate, 
Conservant pour tout bien le nom de Mithridate, 
Apprenez que, suivi dMn nom si glorieux, 
Partout de Tunivers j'attacherois les yeux. 
*) Mithridate I, 5. 9: 

Plus il est malheureux, plus il est redoutable. 

Rarement Taraitie ddsarme sa col^re. 



VouB savez sa coutume, et sous quell es tendresses 
Sa haine sait cacher ses trompeuses adresses. 
**) Mithridate III, 6. 9; 

Dissimulons encor, comme j^ai commence. 
***) Mithridate II, 5. 17: 

Mes soldats, dont je veux tenter la complaisance, 
Dans ce m§me moment demandent ma pr^sence. 



170 

und ein einfaches Liebesdrama, in welchem Mithridate schliesslich 
sogar seinen rachsüchtigen Charakter verleugnet, nimmt die Haupt_ 
stelle ein. Nun ist allerdings Monime eine der reinsten Gestalten 
der französischen Tragödie, ein duftiges Frauenbild. Sie ist warm- 
herzig und pflichtgetreu, wie wir uns eine edle Griechin wol 
vorstellen können. Aber sie bleibt, wie es die ganze Anlage 
des Stücks mit sich bringt, die Dulderin, das Opfer, und findet 
keine Gelegenheit zu entschlossenem Handeln, und da Xipharfes, 
des Königs edelgesinnter Sohn, zu verschwommen in der Zeich- 
nung, und trotz seiner heroischen Reden zu kraftlos erscheint, 
so ergibt siich noch ein weiteres Nachlassen der dramatischen 
Spannung. Xipharfes erinnert in seinem empfindsamen Wesen an 
Max Piccolomini in Schillers T^Wallenstein". Beide Liebhaber 
sind gleich tapfer, gleich jugendlich schwungvoll, aber sie passen 
nicht zu dem Bild der Zeit, in der sie leben. Was jedoch den 
Grund ihrer Schwäche bildet, bedingte gerade ihre Beliebtheit 
bei dem Publikum. Ihre ideale Richtung, ihr weichmüthiger 
sentimentaler Charakter fand bei den Zeitgenossen ein besonderes 
Verständniss. 

Racine stand nun auf der Höhe des Ruhms. Seine Stellung 
in der Gesellschaft entsprach seinen Wünschen. Gern gesehen 
vom König, von Cond^ begünstigt, zählte er im Kreis der Aristo- 
kratie zahlreiche Gönner und Freunde, galt er in der literarischen 
Welt als einer der bemerkenswerthesten Erscheinungen. Aller- 
dings war er nicht ohne Gegner, doch hatten ihm diese bisher 
noch nicht zu schaden vermocht. 

Nach der guten Aufnahme, die der „Mithridate" bei dem 
König gefunden hatte*), erhielt Racine die Aufforderung ein neues 
Stück für die in Aussicht genommenen Hoffeste zu schreiben, 
und so wurde die „IphigSnie" im August 1674 zum erstenmal in 
Versailles vor einer glänzenden Gesellschaft aufgeführt. Der 
Beifall, den die neue Dichtung dort erntete, begleitete auch die 
Vorstellungen der ;?Iphig6nie<« im Hotel de Bourgogne während des 
nachfolgenden Winters 1674 — 1675. Noch einige Jahre später 



*) Dangean, Jonrnal, 5 nov. 1684 erzählt, dass „Mithridate^ des Königs 
Lieblingsstück war. 



171 

konnte Boileau in seiner siebenten Epistel diesen Erfolg hervor- 
heben : 

Nie hat das Opfer Iphigeniens 
Dem Griechenvolke so viel Schmerz bereitet, 
Als uns die Champmesl^ schon Thränen kostet. 
Seitdem sie König Agamemnon*s Tochter 
Mit solcher Kunst auf unsrer Bühne spielt*). 

Zu seiner „Iphigenie** war Racine direkt durch Euripides 
angeregt worden. Von diesem sind uns zwei Dramen erhalten, 
die das Schicksal Iphigeniens behandeln, ihre Opferung in Aiüis 
sowie ihre Rettung aus Tauris. Auch Rotrou hatte schon (1641) 
eine Tilphigänie«^ geschrieben imd sich in der Anlage genau an 
das griechische Vorbild gehalten. In der Sprache und der ganzen 
Ausfuhrung war er freilich weit zurückgeblieben. Racine, der eine 
gewisse geistige Verwandtschaft mit Euripides hatte, dachte später 
auch an eine Bearbeitung von dessen „Iphigenie in Tauris". Zu- 
nächst aber brachte er die dramatisch bewegtere Fabel von den 
Vorgängen in Aulis zur Darstellung. Er benutzte in vielen Scenen 
das griechische Drama, doch ahmte er es nicht sklavisch nach, 
sondern bewahrte sich die Freiheit seines schöpferischen Geistes. 
Schon im Plan des Stücks wich er beträchtlich von dem Euri- 
pideischen Drama ab. Dieses war ihm im Gang zu einfach, in 
der Ausführung mit seinen Chorliedern, dem festlichen Einzug 
der Königin, der göttlichen Erscheinung am Schluss für die fran- 
zösische Bühne unmöglich. Bei Euripides weiss Achill von keiner 
Werbung um Agamemnon's Tochter; Iphigenie wird nur mit Hilfe 
der falschen Nachricht von ihrer bevorstehenden Vermälung mit 
ihm nach Aulis gelockt. Racine aber glaubte sein Schauspiel 
nicht ohne ein Liebes verhältniss halten zu können; der Hof und 
die Stadt hätten sich gegen solchen Versuch erklärt. Ein halbes 
Jahrhundert später fand Voltaire mit seinem „Oedipe" bei den 
Schauspielern Schwierigkeiten, weil er sein Stück ohne Liebes- 
scenen gelassen hatte. Somit wandelte Racine seinen Achille zu 



*) Boileau, ep. VII, 3-6: 

Jamals Iphigenie, en Aulide immol^e, 
N*a coüt^ tant de pleurs a la Or^ce assembl^e, 
Que dans l'heoreux spectacle ä nos yeuz etal^, 
£n a fait sous son nom verser la Champmesle. 



172 

einem Helden um, der in Liebe zu Iphigönie glüht, und stellte 
neben diese noch eine Rivalin ,\ Eriphile, die von Achille aus 
Lesbos geraubt, sich in geheimer Liebe zu ihm verzehrt. Eriphile 
kennt ihre Abkunft nicht; sie weiss nur, dass sie einem vor- 
nehmen Geschlecht entstammt. Traurig, leidenschaftlichen Ge- 
müths, und um so leidenschaftlicher, je mehr sie ihren Sinn 
verbergen muss, ersticht sie sich zuletzt am Altar der Diana. 
Kalchas verkündet, dass sie eine Tochter der Helena aus ge- 
heimer Ehe sei, Iphigänie heisse, und dass ihr Blut von der Gott- 
heit als Opfer gefordert werde. Mit diesen Aenderungen wird 
der antike Charakter der Sage verwischt, und ein modernes Bild 
tritt an deren Stelle. Modern ist dem entsprechend auch der 
Charakter, die Stimmung der ganzen Racine'schen Tragödie. 
Wenn schon bei Euripides ein Widerspruch zwischen dem 
Menschenopfer und dem Wesen der griechischen Helden zu 
Tage tritt, so konnte man denselben doch leicht übersehen, 
da er durch die Ueberlieferung gerechtfertigt erschien. Auch 
ist Iphigenie bei Euripides zwar edeln Sinns , aber doch leiden- 
schaftlich und rachsüchtig, eine wahrhafte Tochter aus Tantalos 
Geschlecht. Die Racine'sche Dichtung aber verstärkte den Ge- 
gensatz zwischen dem barbarischen Opferbrauch und der ritterlich 
galanten Sitte der Helden und Frauen, die sie zeigte. So gibt 
auch Goethe's »Iphigenie« dem Barbarenvolk in Tauris eine edle 
Sprache, und nur leichte Andeutungen lassen den rauhen Cha- 
rakter des Thoas und seiner Schaaren erkennen. Iphigenie aber 
erscheint in dem deutschen Drama als hoch über den Barbaren 
stehend ; sie wirkt sittigend und veredelnd auf das fremde Volk 
ein, und man vergisst darüber, dass auch sie durchaus nicht 
antiken Charakter trägt. 

Bei Racine tritt dieser Widerspruch zwischen der alten Sage 
und ihrer Behandlung am stärksten hervor ; er zeigte sich schon 
in der nAndromaque« , aber nirgends ist er so auffallend wie in 
der T)Iphigönie«. Der Vater, dfer seine Tochter zu opfern bereit ist, 
macht einen widerwärtigen Eindruck, so kunstvoll der Dichter 
es auch verstanden hat, den Kampf in dem Herzen Agamemnon's 
zu schildern und die Macht der Umstände hervortreten zu lassen. 
Nicht minder kältend wirkt der Tod der Eriphile, der kaum 



173 

motivirt wird. Vor allem aber streitet der moderne Geist, der 
öeist des 17. Jahrhunderts, der das ganze Stück belebt, mit 
der grausamen Hauptfrage, um die sich das Stück dreht. Die 
Tragödie versetzt in eine Zeit, da noch Menschenopfer gebräuchlich 
sind und die wildeste Kriegführung üblich ist. Eriphile erinnert 
an den furchtbaren Tag, an dem Achille die Stadt Lesbos erstürmte^ 
und sie selbst mit nerviger Faust zum Schiffe trug, um sie als 
Beute in die Sklaverei zu führen. Und derselbe Achille spricht 
zu ihr, der nvile esclave des Grecs«, wie man nur am französischen 
Hof zu einer Dame reden konnte. Er fragt sie, ob er sich vor 
ihr zeigen dürfe, ohne ihren Zorn zu reizen*). Die Helden 
Homer's sind einfach und geben ihrem Gefühl freien Lauf, der 
Racine'sche Achille stellt die Forderungen der Ehre über alles: 

L'honneur parle, il suffit: ce sont la nos oracles**). 

Auch Iphig^nie lebt in den Ideen des 17. Jahrhunderts. Auch 
ihr gilt Macht und Ruhm als das höchste Gut. Da sie sterben 
soll, findet sie Trost in dem Gedanken, dass sie ewigen Ruhm 
erlangen werde. Bei Euripides tritt Iphigenie zwar auch als 
Königstochter auf, aber sie verleugnet darum ihre Mädchen- 
natur nicht. Sie zittert für ihr Leben und fleht unter heissen 
Thränen um Gnade. nTödte mich nicht in der Blüte!" ruft sie 
ihrem Vater zu. ^Nichts Süsseres gibt es, als der Sonne Licht 
zu schauen!« In ihrer Angst ruft sie sogar, es sei besser in 
Schande leben, als bewundert sterben. Darum geht sie später 
doch gefasst dem Opfertod entgegen. Racine hätte seine Iphigenie 
nicht so reden lassen können. Ihr edler Charakter, ihre Reinheit 
und Hingebung verleugnen sich keinen Augenblick. Man hat 
sie einmal eine 77christliche Iphigenie" genannt. Jedenfalls ist 
sie modern in ihrem ganzen Denken und Fühlen. Das wäre 
kein Fehler, wofern sie das menschliche Gefühl rein zum Aus- 
druck brächte. Allein das ist nicht ganz der Fall. Sie ist zu 
sehr die französische Fürstentochter des 17. Jahrhunderts, der 



*) Iphig. 11, 7. 3: 

Madame, je ne sais si, sans vous iriiter, 
Achille devant yous pourra se präsenter. 

**) Iphig. I, 2. 98: 



174 

ein eigenthtimliches Frauenideal vorschwebte. Auch im Angesicht 
des Todes durfte diese nicht schwanken; Heroismus und Ruhmliebe 
sollten ihre Leitsterne sein. Wol klagt auch die Racine'sche Iphi- 
g^nie einmal, dass sie so jung schon sterben müsse, aber ihre 
Klage klingt reservirt. Wenn sie die Nachricht von dem geplanten 
Opfer empfängt, erschrickt sie, aber sie fasst sich sogleich, um 
ihren Vater zu vertheidigen. Gehorsam gegen den väterlichen 
Willen, stumme Unterwerfung gilt ihr als Pflicht*). Ein solcher 
Heroismus und eine solche Resignation mochte dem aristokratischen 
Publikum des 17. Jahrhunderts gefallen, aber sie widerstreben 
dem natürlichen Gefühl, das sich auch gegen den Rath erhebt, 
welchen Iphigenie dem zürnenden Achill gibt. Er solle die Trauer 
um sie lassen, räth sie ihm, aber ihren Tod rächen und die troi- 
schen Frauen in Jammer stürzen. In dieser Hofi&iung sterbe sie 
zufrieden und ruhig**). 

Gerade dieser Widerspruch raffinirter Bildung mit barbarischer 
Sitte erschwert die volle Würdigung der Racine'schen Dichtung, 
denn von dieser inneren Schwäche abgesehen, ist die »Iphigenie« 
ein reizvolles formvollendetes Werk, das zu den Perlen der 
französischen Poesie gehört. 

Eine Bemerkung aber drängt sich uns bei der Betrachtung 
der wiphigfeie« auf. Der StoflF fordert geradezu zu Angriffen gegen 
Fanatismus und Priesterherrschsucht heraus. Die Iphigenie des 
Euripides tadelt in Tauris an der Göttin, deren Priesterin sie ist, 
dass sie von ihrem Altar jedweden banne, der Menschenblut ver- 
gossen habe, und sich doch selber Menschenopfer bringen lasse. 
Des Zeus Gemalin Leto habe solch' eine Thörin nicht zur Welt 



*) Iphig. III, 6. 57: 

Mon coeur, dans ce respect ^leve des Penfance, 
Ne peut que s'affliger de tout ce qxii Toffense. 
Noch mehr IV, 4. 18: 

Si pourtant ce respect, si cette ob^issance 
Paroit digne ä vos yeux d'ane autre r^compense, 

J'ose vous dire ici. . . . 

**) Iphig. V, 2. 40: 

AUez; et dans ses murs yides de citoyens, 
Faites pleurer ma mort aux yeuyes des Troyens* 



175 

bringen können^ und gleichermassen erklärt sie die Geschichte 
des Tantalas, der seinen Sohn schlachtete, für eine Fabel. Die 
Völker von Tauris seien blutdürstig^ und hätten darum der 
Qöttin die Verantwortung für die Menschenopfer zugeschoben. 
Denn eine Gottheit könne doch nicht schlecht sein. In der 
7)Iphigenie in Aulis« ruft Agamemnon aus, die Priester seien 
eine ehrbegierige und schlimme Menschenart, was Menelaos 
bekräftigt. Achill sagt sogar verächtlich von Kalchas: wWas 
heisst ein Seher? der auf gutes Glück für eine Wahrheit zehn 
Lügen sagt.t< Nichts ähnliches findet sich in der Racine'schen 
Tragödie. In frtlheren Zeiten hatte man lebhaft gegen Fanatismus 
und Wunderglauben, gegen Priesterherrschsucht und religiösen 
Betrug geeifert. Rotrou und Scud6ry hatten scharfe Worte über 
diese Fragen gefunden*). Aber die Zeiten hatten sich geändert; 
König Ludwig hatte die Zügel straffer angezogen, und die 
skeptischen Ideen traten nicht mehr offen hervor. Dass sie 
bestehen blieben, ja sich ausbreiteten, ist sicher, und durch die 
Gesinnung im folgenden Jahrhundert genugsam erwiesen. Aber 
auch Zeugnisse aus ßacine's Zeit liegen dafür vor. In Savary's 
Buch vom TjPerfekten Kaufmann«^ wird geklagt, dass sonst die 
jungen Kaufleute jeden Morgen zur Messe gegangen seien und 
Sonntags der Meister sie selbst zur Kirche geführt habe. Jetzt 
aber habe das Gift des Unglaubens auch schon die Bürgersleute 
ergriffen**). Racine hatte die Freunde von Port -Royal zwar 
verlassen, aber er hatte die Lehren, die er in seiner Jugend 
erhalten, nicht vergessen. Lauter Spott, ein Angriff gegen etwas, 
was mit der Kirche zusammenhing, war ihm unmöglich. Die Mehr- 
heit der Gesellschaft überhaupt hielt sich in gemessenem Ratio- 

* 

nalismus so fern als möglich von den brennenden kirchlichen . 
Fragen. Man beobachtete die kirchlichen Vorschriften, aber 



*) VergL Band II, S. 92 ff. dieses Werks. 
**) Jaques Savaij, „Le parfait n^gociant'' , 1674, 2 Quartbände. Die 
erwähnte Stelle findet sich I. S. 46. Savary war geb. zu Douaj 1622, war 
Kaufmann, später Intendant des Herzogs von Nevers. Oolbert berief ihn in 
eine Kommission zur Ausarbeitung eines Handelsgesetzbuchs. Sein „Parfait 
n^gociant** galt lange als Autorität, selbst bei den französischen Gerichten. 
VergL mein Buch über „Moli^re" S. 31, 87 und 404 (Note 17). 



176 

ging nicht weiter. Erst mit dem steigenden Einfluss der Main- 
tenon sollte sich auch hier manches ändern und die Gegensätze 
schärfer zu Tage treten. 

Bezeichnend für die Geschmacksrichtung und Empfindung 
jener Zeit ist die Aufnahme, welche die Tilphig^nie« fand. 
Die Schrift des Abb6 de Villiers, rjEntretiens sur les tragedies 
de ce temps«, die noch im Jahre 1675 erschien, ist wie eine 
Enthüllung über den Zwang, unter dem auch Racine arbeitete, 
und der jeden Dichter mehr oder weniger henmite. Villiers ging 
nicht so weit, wie Prinz Conti, der gegen das Theater als eine 
unmoralische Anstalt schrieb *). Er verdammte das Theater nicht, 
wollte aber die Liebesintriguen daraus beseitigt haben, und 
fand den Geist der Galanterie, der sehnsüchtigen Liebe, die sich 
bis zur Leidenschaft steigere , desto gefährlicher, je schöner und 
rührender er vom Dichter zum Ausdruck gebracht würde. Aehn- 
liche Gedanken äusserte später auch J. J. Rousseau in seinem Brief 
an d'Alembert über die Theater. Villiers verlangte ernstere Stücke, 
und flihrte zum Beweis, dass auch Tragödien gefallen könnten 
die ohne den Reiz einer Liebesgeschichte seien, Racine's wIphigÄnie^ 
an. In den Augen des damaligen Publikums galt also diese 
Tragödie als ein Werk, das der Vorliebe für Herzensgeschichten 
keine Rechnung trage. Die heutige Zeit findet sie im Gegentheil 
zu viel berücksichtigt. Andrerseits tadelt Villiers die rückhaltlose 
Weise, mit welcher Iphig6nie ihren Vater Agamemnon begrüsst. 
Wir hingegen freuen uns dieser Scene, die ruhiger als bei Euri- 
pides gehalten, aber doch rührend ist und inniges Geftlhl zum 
Ausdruck bringt **). Villiers rieth den Dichtern ihre Stoffe in der 
biblischen Geschichte zu suchen, die ihnen ernste und würdige 



*) Armand de Bourbon prince de Conti, Traitö de la com^die et des 
spectacles. Eine neue von K. YoUmöller besorgte Aasgabe erschien in der Samm- 
lung französischer Neudrucke. Heilbronn, Henniger 1881. 

**) In den „Entretiens** lässt Villiers einen der Theilnehmer am Gespräch, 
Cl^arque, sagen: „Les empressements que t^moigne Iphigönie pour ßtre caress^e 
de son p^re ne sont pas les plus beaux endroits de la pi^ce et j'ai vu bien des 
gens qui n^approuvoient pas qu'une fiUe de Vage d^Iphigönie courüt apris les 
caresses de son p^re." Vergl. Deltouf, les ennemis de Racine, chap. VII, und F. 
Bruneti^re, l^tudes critiques sur Thistoire de la litt. fran9. (les ennemis de Ra- 
cine). Paris 1880. 



177 

Stücke zu schaffen erlaube. Wer weiss, ob Racine diese Bemer- 
kung nicht als richtig erkannte und sich ihrer viele Jahre später, 
als er seine nEsther<< und wAthalie« dichtete, erinnerte. 

Der Abb6 de Villiers war kein feindlicher Kritiker. Aber 

neben ihm arbeitete eine ganze Koterie, um Racine's Ruhm zu 

schmälern. Wir wissen, dass hierbei nicht allein persönliche 

Eifersucht, sondern auch principielle Gegensätze mitwirkten. Man 

verletzte den Dichter durch gehässige Kritik und versuchte ihm 

Rivalen entgegenzustellen. Einen solchen glaubte man u. a. in 

dem Pariser Advokaten Michel Le Clerc (1622 — 1691) zu finden. 

Le Clerc hatte schon vor einem Menöchenalter eine Tragödie ohne 

nennenswerthen Erfolg aufführen lassen*), und wurde nun vermocht, 

mit Racine's nlphig6nie« zu wetteifern. Er verband sich mit Coras, 

dem Verfasser des n Jonas« und anderer Heldengedichte mehr**), 

behielt sich aber die Hauptarbeit vor. Die beiden Autoren lehnten 

sich so sehr an Rotrou an, dass ihre Tragödie wie ein Plagiat 

erscheint. Noch vor der Auffahrung als ein Meisterwerk, das die 

Racine'sche Tragödie weit übertreffe, gepriesen, scheiterte sie auf 

der Bühne. Das Theater der Rue Qu6n6gaud, wohin sich die 

Truppe des Palais-Royal nach Moliere's Tod zurückgezogen 

hatte, brachte das Stück im Mai 1675 zur Aufführung, Hess es 

aber schon nach fünf Vorstellungen wieder fallen. Damit war 

jedoch der kleine Eoieg gegen Racine nicht zu Ende. Eine anonyme 

Schrift über die beiden Iphigenien versuchte noch einmal die Le 

Clerc'sche Arbeit zu retten, Racine's Tragödie als misslungen 

hinzustellen ***). Ein Jahr später veröffentlichte Racine eine 

Sammlung seiner bis dahin erschienenen dramatischen Werke 

und bot den Gegnern aufs neue willkommenen Anlass, in ihren 



*) Le Clerc hatte im Jahre 1645 eine Tragödie „La Virginie romaine" 
aufführen lassen. 1662 in die Akademie aufgenommen, schrieb er 1675 seine 
„Iphig^nie** und 1681 einen „Oreste" in Gemeinschaft mit dem Abbe Bojer, 
über den wir später zu reden haben. Vergl. Parfait , Hist. du th. fr. t. VI. Jahr 
1645. S. 316 ff. 

**) lieber Coras siehe Band HI, S. 84. 

***) Eemarques sur les Iphigenies de M. Racine et de M. Coras. Paris 
1675. in 12». 

Lotheispen, Gesch. d. franz. Literatur. IV. Bd. 12 



178 

ELritiken die alten Vorwürfe zu erneuern. Doch fand er auch 
warme Vertheidiger. Unter andren schrieb Charles Perrault's 
Bruder, Pierre Perrault (1608—1680) einen Dialog (wCritique 
des deux trag^dies d'Euripide et de M. Racineu), in welchem der 
französische Dichter über den griechischen erhoben wurde* Auch 
müssen wir hier an Voltaire's Urtheil erinnern. Dieser besprach 
die 7)Iphig6nie<^ in einem Artikel über das Drama in den nQue- 
stions sur TEncyclopedie«. Er pries darin den 4. Akt als ein 
Meisterwerk dramatischer Poesie, und rief bewundernd aus: 
7? Wahrhafte Tragödie ! Ewig und überall giltige Schönheit! wehe 
den Barbaren, die diese wunderbare Poesie nicht bis in das 
tiefste Herz empfinden !<^ *) 

Die niedrigen Umtriebe, die Racine's Feinde gegen die 
77lphig6niet< ins Werk gesetzt hatten, wiederholten sich in höherem 
Mass gegen das folgende Stück des Dichters, seine nPhfedre«. 
Im Lauf des Jahrs 1676 arbeitete Racine eifrig an derselben, 
und machte kein Gemeimniss daraus. Er las einzelne Theile in 
befreundeter Gesellschaft vor und besprach sein Werk ohne Rück- 
halt. Darauf gründete man einen neuen Versuch, ihn von seiner 
Höhe herabzuziehen. Der Mittelpunkt der Opposition befand 
sich im Hotel de BouilloD. Wir haben die Herzogin von Bouillon, 
Marie Anne Mancini, schon als Freundin La Fontaine's kennen 
lernen**). Trotz ihrer Sympathie für den Dichter der wContes« 
und der nFabelna, war sie mit der Richtung von dessen Freun- 
den nicht zufrieden. Sie fand grösseres Gefallen an der älteren 
Schule, und in ihrem Salon waren Manage, Segrais, Bense- 
rade die tonangebenden Schriftsteller. Vor allen war auch die 



*) Voltaire, Questions sur l'Encyclop^die, Artikel „Art dramatique'' : 
„Comme dans cette trag^die rinterSt s'^chaufife toujours de scöne en seine, 
qne tout y marche de perfections en perfections, la grande seine entre Agamem- 
non, Achille, Clytemnestre et Iphigenie, est encore sup^rieure k tout ce que 
nous avons yu. Rien ne fait jamais au th^ätre un plus grand effet que des 
personnages qui renferment d^abord leur douleur dans le fond de leur äme et 
qui laissent ensuite ^clater tous les sentiments qui les d^chirent." — Schon vorher 
bei dem dritten Akt sagt er: „O veritable trag^diel Beaut^ de tous les temps 
et de toutes les nations ! malheur aux barbares qui ne sentiraient pas jusqu*au 
fond du coeur ce prodigieuz m^rite!^ 

**) Vergl. Band DI, 8. 184 dieses Werks. 



179 

precieuse Dichterin, Madame Deshoulieres , in diesem Kreis von 
Einfluss. Antoinette de Ligier de la Garde war den letzten 
December 1637 zu Saint- Germain geboren, hatte fast noch als 
Kind (1651) einen Officier^ Mr. Deshoulieres , geheirathet, und 
war mit diesem nach der Unterdrückung der Fronde im Gefolge 
Conde's nach Brüssel gegangen. Als Deshoulieres nach einiger 
Zeit begnadigt wurde, kehrte er nach Paris zurück, wo er ein 
Amt erhielt, und sich wenig um seine Frau kümmerte. Diese 
war stets von Schulden bedrückt, obwol ihr der König eine 
ansehnliche Pension bewilligte. Sie gehörte zu den Precieusen, 
wenn sie sich auch vor den allzu starken Uebertreibungen hütete. 
Befreundet mit Fl^chier, der ebenfalls den precieusen Geist be- 
wahrte, stand sie mit demselben in regem Briefwechsel*). Als 
lyrische Dichterin veröffentlichte sie eine Reihe von Gedichten 
in dem wMercure« und verfasste Idyllen, Oden, Eklogen, Episteln 
und Madrigale. Melancholisch und empfindsam, fand sie darin 
manchmal einen glücklichen Ausdruck, aber im Ganzen blieb ihre 
Poesie auf der Oberfläche. Sie verfasste später auch zwei Tra- 
gödien, «Jules Antoine«* und wGens^ric«, und wurde somit eine 
Nebenbuhlerin Racine's**). Sie soll auch Nicolas Pradon bei 
der Herzogin von Bouillon eingeführt haben, und auf diesen rech- 
nete man bei dem neuen Feldzugsplan gegen Racine. Pradon 
stammte aus Ronen; sein Geburtsjahr ist nicht bekannt. Die 
Angabe, er sei 1632 geboren, muss auf einem Irrthum beruhen, 
da sich Pradon in der Vorrede zu seinem Trauerspiel wTamerlan" 
1676 als einen jungen Autor bezeichnet, der im Beginne seiner 
Laufbahn stehe. Von seinen Lebensverhältnissen ist wenig über- 
liefert. Er begann im Jahr 1674 mit einer Tragödie «Pyrame 
et Thisb^", der er im Jalir darauf einen »Tamerlan« folgen liess. 
Im letztgenannten Stück erscheint er als Nachahmer Racine's, 



*) De la correspondance de Fl^chier avec Mme Deshoulieres et sa fille 
par A. Fahre. Paris, Didier & Cie 1871. Oeuvres de Mme Deshoulieres, 1725 

**) Die Brüder Parfaict nennen nur die eine Tragödie „Genseric** von 
ihr, die im Monat Januar 1680 im H6tel de Bourgogne ohne Erfolg aufgeführt 
wurde. Ueher Mme Deshoulieres vergl. man Sainte-Beuve, Portraits de femmes. 
(Une ruelle poetique sous Louis XIV.) p. 358. 

12* 



180 

wenn er es auch nicht Wort haben wollte. Zu seinem Unglück 
liess er sich dann durch blinde Freunde und seine eigne Eitel- 
keit verleiten, mit Racine in die Schranken zu treten, und damit 
seinen Namen^ allerdings in ungltlcklicher Weise, der Vergessen- 
heit zu entreissen. 

Am 1. Januar 1677 fand im Hotel de Bourgogne die erste 
Vorstellung von Racine's «Ph^dre" statt. Zwei Tage später, den 
3. Januar, brachte das Theater der Rue Guön^gaud ein neues Pradon- 
sches Stück »»Phedre et Hippolyte" zur Aufführung. Pradon hatte 
seine Arbeit in drei Monaten vollendet, und es ist wahrscheinlich, 
dass er grosse Theile der Racine'schen Dichtung schon kannte. 
Vielleicht hatten Freunde von ihm einer Vorlesung Racine's bei- 
gewohnt und ihm darüber berichtet. Die Erzählung Thöramfene's 
findet sich deutlich in dem Pradon'schen Werk wieder. Aber 
Pradon glaubte einen Meisterzug zu thun, indem er Phedre nicht 
zur Gemalin, sondern nur zur Braut des Königs machte. Er 
glaubte damit das Anstössige aus der alten Sage zu entfernen, 
raubte ihr aber auch die Furchtbarkeit und tragische Leiden- 
schaft. Seine Absicht, mit Racine zu kämpfen, war so klar, 
dass sich keine Künstlerin von Bedeutung fand, welche die Haupt- 
rolle in seinem Stück übernehmen wollte, und man schliesslich 
eine untergeordnete Schauspielerin damit betrauen musste. 

Die Racine'sche nPhfedre" fand eine eisige Aufnahme, Pra- 
don's Werk wurde bejubelt. Doch die Erklärung dieser schein- 
bar unbegreiflichen Laune des Publikums kam sehr bald. Die 
Herzogin von Bouillon hatte sämmtliche Plätze der beiden 
Theater, des Hotel de Bourgogne und der Rue Gu^nÄgaud, für 
die ersten sechs Vorstellungen gemiethet. Zu der Tragödie Ra- 
cine's schickte sie Leute, welche ihm feindlich gesinnt waren 
und die sie anwies, sich kühl und abweisend zu verhalten. Zu 
Pradon*s Werk sandte sie dagegen ihre Anhänger mit dem Be- 
fehl^ sich entzücken zu lassen. So sollte die öffentliche Meinung 
künstlich präparirt werden. Allein das Mittel versagte. Die 
Herzogin konnte die Theater doch nicht für jede Vorstellung 
miethen, und als sich das wahre Publikum einfand, änderte 
sich der Erfolg. Pradon's Werk sank in verdiente Vergessen- 



181 

heit, während die Racine'sche nPhedre" allgemeine Bewunderung 
erregte. 

Racine trug schwer an diesen Unannehmlichkeiten, zumal 
sich auch die Ejritik feindlich verhielt. Am Tag nach der ersten 
Aufführung cirkulirte ein Sonnet , das von Mme Deshoulieres 
verfasst war und TjPhfedre« lächerlich zu machen suchte. Uns 
erscheint dieses Gedicht nichtssagend und plump. Wenn man 
aber in der Aufregung des Kampfes steht , ist man für solche 
Angriffe empfindlich. Die wahre Verfasserin blieb unbekannt ; man 
rieth auf den Herzog von Nevers, den Bruder der Herzogin von 
Bouillon, und bald cirkulirte ein zweites Sonnet, das sich gegen 
diesen und die Herzogin von Mazarin, Hortense Mancini, richtete 
und Racine und Boileau zugeschrieben wurde. Der Herzog 
wüthete, drohte mit Thätlichkeiten, und nur die Parteinahme 
Cond^'s für die beiden Dichter konnte diese gegen grobe Insulte 
schützen. 

Selbst bei dem König versuchte man Racine zu schaden. 
Man schwärzte ihn bei Ludwig als verkappten Jansenisten an, 
der trotz seines Bruchs mit Port-Royal die Irrlehren seiner frühe- 
ren Freunde vertheidige. In »Phfedre« lehre er offen die Präde- 
stination. Oenone sage dort, um ihre Herrin zu trösten, niemand 
könne seinem Schicksal entrinnen*). Aber die Vertheidigung war 
nicht schwer. In einer Tragödie, die ihren Stoff der alten Sagen- 
welt entnommen hatte, musste man doch vom Fatum reden 
können. Die Götter treiben die Menschen zu den verhängniss- 
vollen Fehlern, aus welchen es keine Rettung gibt. Das beweist 
am schroffsten die Geschichte des Oedipus, und auch Phedre 
empfindet den Hass der Göttin Venus, deren Macht sie an sich 
erkennt**). Allein von dieser Erinnerung an das antike Fatum 
bis zu dem modernen christlichen Dogmenstreit ist ein weiter 



*) PhMre IV, 6. 83: 

Begardez d*un autre oeil iine excusable erreur. 
Youfl aimez. On ne peut raincre sa destinee, 
Par un charme fatal toub fütes entrain^e. 
**) Phidre I, 3. 126: 

Je recoxmus Y^nus et ses feax redoutables^ 
D'on saDg qn*elle poursuit touiments in^vitables. 



182 

Weg, zumal Phedre selbst den Gedanken Oenonens, sich durch 
die Berufung auf das Verhängniss für entschuldigt zu halten, 
mit Entrüstung zurückweist. 

Wie schon mehrmals zuvor, hatte Racine auch diesmal die 
Hauptanregung für seine Dichtung bei Euripides gefunden. Dieser 
hat die Geschichte Hippolyt's in zwei Tragödien behandelt, von 
welchen jedoch nur die eine, «der Kranzträger Hippolytos«* er- 
halten ist. Der alten Sage entsprechend, erscheint darin Hippolyt, 
des Theseus Sohn, als Jäger, wild und scheu^ den Liebesregungen 
verschlossen. Venus, darüber erbittert, will ihn strafen, und 
erweckt in des Theseus Gemahlin, Phädra, glühende Liebe zu 
Hippolyt. Von ihrer Leidenschaft gepeinigt, gesteht diese ihrer 
alten Dienerin, was sie quält, gibt sich aber dann den Tod. Sie 
erhängt sich, und man findet in ihrer Hand eine Schrift, welche 
Hippolyt der Gewaltthat an ihr beschuldigt. Theseus verflucht 
seinen Sohn ; dieser verunglückt, und wird sterbend auf die Bühne 
gebracht, wo zum Schluss die Göttin Artemis erscheint, um das 
Geheimniss aufzuklären. Hippolyt ist in diesem Stück des Euri- 
pides die Hauptperson. Aber schon bei Seneca, der den gleichen 
Stoff behandelt, tritt Phädra in den Vordergrund. In Frankreich 
hatten schon mehrere Dramatiker, besonders Robert Garnier, an 
diesem tragischen Stoff ihre Eräffce erprobt, wobei sie sich zu- 
meist an Seneca's Vorbild gehalten hatten *). Racine lehnte sich, 
wie gesagt, an Euripides an, doch schuf er ein originales Werk, 
ein Drama, das von einer Leidenschaft beseelt ist, wie sie sich 
nur in wenig andern wieder findet. »Phfedre«« wirkte und wirkt 
noch heute erschütternd. Die Steigerung in der Verwicklung, 
mehr noch die Steigerung im Ausdruck der Leidenschaft ist meister- 
haft. Die Figur der Königin genügt, das ganze Stück mit Glut 
zu erfüllen. Von dem Augenblick an, da sie schwach und elend, 
zum erstenmal auf der Bühne erscheint und die Worte spricht, 
die in ihrer Einfachheit so ergreifend sind: 



*) Gamier^s „Hippolyte** findet sich in der Sammlung französischer Neu- 
drucke, herausgeg. von K. Vollmöller (Garnier, les trag^dies, ed. W. Förster. 
2. Band. Heilbronn, Henninger 1882). — Andre Tragödien, ein „Hippolyte** von 
La Pineli^re, 1635, sowie der „Hippolyte ou le gar9on insensible'' von Gilbert, 
1647, seien hier nur erwähnt. 



183 

Qne ces vains omementSi que ces volles me pösenti*) 

bis zu dem Moment, in dem sie ihrer vertrauten Oenone end- 
lich ihr Herz öffnet ^ wächst unsere Theilnahme mit jedem ihrer 
Worte. Es ist ein feiner psychologischer Zug, dass sie den 
Namen des Geliebten nicht zu nennen wagt: 

— C'est toi qui Tas nornm^! 

Das eine Wort enthiUlt die ganze Tragik der Situation. In 
ihrer Art unübertroffen ist die Scene des 2. Aktes in der Phfedre 
Hippolyte ihre Neigung erklärt. Sie stellt sich als spräche sie 
zu seinem Vater; sie schildert^ wie sie Theseus liebt, aber einen 
idealen jugendlichen Theseus, und hofft so durch ihre schmeich- 
lerische Kunst den unerfahrenen Hippolyte zu gewinnen, seinen 
Widerstand zu besiegen. Racine hat zu dieser Scene, die den 
Höhepunkt der Tragödie bildet, manchen kräftigen Zug aus 
Seneca entlehnt; allein die Art, wie er sie führt, wie er die ver- 
führerische Sinnlichkeit in immer glühenderen Farben malt und 
doch die Harmonie des Kunstwerks nirgends verletzt, ist ganz 
sein eigen. Der folgende Theil der Tragödie hat die fast noch 
schwerere Aufgabe, die gereizte, zum Tod beleidigte Frau zu 
schildern, und man muss hervorheben, wie sehr sich Racine 
dabei bemühte, Ph^dre auch in der höchsten Leidenschaft immer 
noch als Königin, als verirrte, aber edelgesinnte Frau zu zeigen. 
Die Schuld der teuflischen Anklage ist darum auf Oenone gewälzt; 
Ph^dre selbst ist nicht schlecht, nur auf Augenblicke durch 
die Einflüsterungen ihrer Rathgeberin bethört. Darum tödtet 
sie sich, sobald sie zum Bewusstsein ihrer Schuld kommt und 
diese eingestanden hat. Freilich kommt ihr Geständniss zu spät, 
Hippolyte ist schon als Opfer des väterlichen Zorns und der 
grausamen Gnade Neptun's gefallen. Leider ist Hippolyte nicht 
der alten Sage entsprechend, sondern als ein schmachtender Held 
im Stil des 17. Jahrhunderts gezeichnet. Er liebt Aricie, und 
wenn dieses Verhältniss auch zu einer kraftvollen Scene (IV, 6) 
Veranlassung gibt, da es die Leidenschaft der Königin noch 
steigert, so beging Racine doch einen L*rthum, als er dem Ge- 
schmack seiner Zeit nachgab, und eine zweite Liebende als Folie 



*) Phfedre I, 3. 6: 



184 

neben Phfedre stellte. Wie Hippolyte spricht, redet kein spröder 
Jüngling, der nichts als Jagd und Kriege liebt; und darum ist 
des Dichters Bemühen, Interesse für ihn zu erwecken, vergebens. 
Ohnehin ist die Gestalt der Phedre so mächtig, dass sie alle Auf- 
merksamkeit auf sich zieht. 

Viel bewundert und viel getadelt ist in »»Phedre«^ die 
Erzählung Thöramfene's vom Tode Hippolyte's. Bei der Natur 
der französischen Tragödie wurde die Erzählung der Katastrophe 
zu einem Haupttheil in jedem Stück. Der Dichter musste seine 
ganze Kunst aufbieten, um darin den Eindruck nicht abzu- 
schwächen, den er bis dahin etwa erzielt hatte. Theramfene's 
Bericht ist jedenfalls durch den Glanz der Diktion ausgezeichnet 
und eine der berühmtesten Stellen der dramatischen Literatur der 
Franzosen. 

Die Kritik blieb auch dem neuen Stück nicht erspart. Eine 
Dissertation, die man Subligny zuschrieb*), tadelte die Wahl 
des StoflFs und die Zeichnung der Charaktere. Sie tadelte Racine, 
dass er die Regeln der Höflichkeit und des Anstands verletzt 
habe, und Oenone im ersten Akt dem Königssohn sagt^ ihre 
Herrin wolle allein sein, er möge sich zurückziehen. So etwas 
dürfe man einem königlichen Prinzen nicht bieten. Subligny 
tadelte weiterhin auch die Erzählung Th^ramfene's, die zu weit- 
schweifig sei. Dieser Tadel wurde später mit Nachdruck wieder- 
holt, so von La Motte Houdard in seinem nDiscours sur la po^sie 
en g^n^ral et sur TOde en particulier«« (1707), und besonders von 
P^nelon, der in einem Brief an Dacier nsur les occupations de 
TAcad^mie« sich mit Entschiedenheit gegen den Schwulst aus- 
sprach, der nur zu oft in den Tragödien herrsche. Nichts sei 
widernatürlicher als die lange Erzählung des Theramfene. Er 
sollte kaum die Kraft haben, um zu sagen, Hippolyte sei todt, 
jöin Seeungeheuer sei Schuld an dem Unfall, und er habe es 
selbst gesehen. Statt dessen gebe er eine lange, rhetorisch aus- 
geschmückte Beschreibung des Ungeheuers. Man kritisirte auch 
später noch ein Bild, das unwahr sei, das Bild von der Woge, 



*) Dissertation sur les tragödies de Phfedre et Hippolyte, 1677. 



185 

die das Ungeheuer zum Ufer trägt und dann selbst entsetzt 
zurückweicht*). Die Vertheidiger Racine's, zu welchen vor allen 
Boileau und Voltaire gehörten, wiesen diese Angriffe entschieden 
zurück. Theramene komme ja ftthemlos und melde mit hastigem 
Wort und voll Bitterkeit auf die Frage des Königs nach seinem 
Sohn: 

— — — O Boins tardifs et superflus! 
Inutile tendresse! Hippoljte n*est plus!**) 

Erst als der König weiter in ihn drängt und Genaueres 
hören will, beginnt er seine Erzählung. Die Vertheidiger weisen 
ferner und, wie wir glauben, mit Recht darauf hin, dass in einer 
so fabel- und wunderreichen Zeit, in der die Götter vielfach 
mit den Menschen verkehren, nach einem so furchtbaren Ereig- 
niss, wie das Auftauchen eines von Neptun gesandten Ungeheuers, 
die Phantasie der Begleiter Hyppolite's aufs höchste erregt sein 
musste. In solchem Fall sieht der Mensch alles mögliche; er 
sieht, was nicht zu sehen ist; er glaubt, was ein ruhiger Verstand 
lächelnd verwirft. Warum sollte Thdram^ne, der die Woge am 
Ufer aufrauschen und wieder zurückströmen, der die ganze Natur 
im Aufruhr sah, nicht sagen, nicht glauben können^ dass selbst 
das Meer entsetzt zurückgewichen sei? Geo&oy, ein bekannter 
Kritiker im Beginn des 19. Jahrhunderts, meinte, dass wenn sich 
wirklich ein Fehler in dieser Erzählung finde, doch seit Racine 
niemand gekommen sei, der einen solchen Fehler nur hätte machen 
können***). 



*) Phfedre V, 6. 37: 

Le fiot qui Tapporta, recule ^pouvant^. 

**) Phfedre V, 6. 4. 
***) Eine Häufung der Beiwörter, anzeitige Beschreibungen finden sich 
bei Kacine im Allgemeinen sehr selten. Doch lassen sich einzelne Stellen schon 
anführen. Nur sollte man nicht mit ungleichem Mass messen, und bei Racine 
als frostige Rhetorik tadeln, was bei andern Dichtern wohl gar als Schönheit 
hingenommen wird. In der Odyssee (XXII, 70 flf.) ruft Eurymachus seine Ge- 
fährten, als er Odysseus erkannt hat, zum Kampf auf: 

Trauteste, nimmer ja hemmet der Mann die unnahbaren Hände, 
Sondern nachdem er gefasst den geglätteten Bogen und Köcher, 
Sendet er seine Geschosse daher von der zierlichen Schwelle, 
Bis er uns alle vertilgt. Wohlauf und gedenket der Streitlust! 
Shakespeare lässt Romeo im höchsten Schmerz, als er vor der scheintodten Julia 



186 

Dass auch Schiller das Meisterwerk Racine's schätzte, zeigte 
er durch die Bearbeitung desselben für die Weimarer Bühne. 
Ihm ist es zu danken, dass gerade 7)Phädra(< am bekanntesten in 
Deutschland geworden ist, denn noch immer gehört sie zum 
Repertoire der grossen deutschen Bühnen. 

wPhfedre« bildete übrigens einen Wendepunkt in Racine's 
Leben. Der reizbare Dichter fühlte sich durch die fortwähren- 
den Anjgriffe entmuthigt und sprach die Absicht aus, von jeder 
weiteren Arbeit für das Theater abzusehen. Wie eifrig sein 
Freund Boileau ihm diesen Entschluss auszureden suchte, wie 
rückhaltlos er des Freundes Grösse anerkannte^ wie er darauf 
hinwies, dass jeder bedeutende Mann seine Qegner habe, und 
dass gerade solche Hindernisse seine Kräfte stärken, das haben 
wir schon früher erwähnt*). Unter anderen Umständen hätten 
Boileau's Worte vielleicht Erfolg gehabt. Wir wissen, dass Ra- 
cine sich mit dem Entwurf zu neuen Tragödien beschäftigte und 
an eine nAlceste^ und eine r^Iphig^nie en Tauride<^ dachte. Für 
die letztere war der Plan des ersten Akts schon geschrieben, 
und der Gang des Gesprächs zum Theil festgestellt. Es geht 
daraus hervor ^ dass er sich wieder an Euripides zu halten 
gedachte. Iphig^nie spricht in der ersten Scene mit einer grie- 
chischen Sklavin. Sie ist traurig; die Menschenopfer, die sie 
bringen muss, erfüllen sie mit Abscheu. Sie erzählt weiter von 
einem Traum, in welchem sie Mycenä, ihre Aeltem im Blute 
schwimmend; und sich selbst im Begriff gesehen hat, ihren Bruder 
Oreste zu tödten. In der zweiten Scene meldet der Sohn des 
Königs Thoas die Gefangennahme zweier Griechen. Der Prinz 



niederkniet and sich selbst tödten will, gewiss nicht die einfache Sprache des 

Schmerzes reden (V, 3) : 

Lippen ihr, die Thore 

Des Odems, siegelt mit rechtmässigem Kusse 
Den ewigen Vertrag dem Wucherer Tod. 

Wie gespreizt sagt der alte Capulet zu Julia, die er in Thränen findet: 

Denn deine Augen ebben stets und fluten 

Von Thränen wie die See; dein Körper ist der Kahn, 

Der diese salzige Flut befährt, die Seufzer 

Sind Winde .... etc. 

*) Band III, S. 150 dieses Werks. 



187 

liebt Iphig^nie, und verspricht an der Abstellung des blutigen 
Gottesdiensts zu arbeiten. Hier beginnt Racine's Neuerung; und 
die weitere Entwickelung hätte den Dichter weitab von seinem 
griechischen Vorbild geführt, denn es kommt nun zu einer heftigen 
Scene zwischen dem König und seinem Sohn , und der erstere 
entschliesst sich zu strengem Verfahren. Soweit ist uns der Ent- 
wurf erhalten. Es ist zu bedauern, dass er unausgeführt blieb. 
Eine Vergleichung der Racine*schen Dichtung mit der Goethe- 
schen „Iphigenie" wäre jedenfalls von hohem Interesse gewesen. 
Ebenso hätte Racine kaum eine für ihn passendere Aufgabe 
finden können, als die Zeichnung eines Charakter» wie Alcestis. 
Auch von diesem Stück hatte Racine schon grosse Theile voll- 
endet, scheint sie aber später verbrannt zu haben*). Doch alle 
diese Pläne zu neuem dichterischen Schaffen reiften nicht, denn 
Racine's Leben nahm eine Wendung, die ihn dem Theater für 
lange entfremdete. 

Die letzten Jahre Racine's. 

1677 — 1699. 

In der Vorrede zur rjPhidre" wies Racine auf die strenge 
Moral hin, welche in dieser seiner letzten Dichtung herrsche. 
Die geringsten Fehler fänden darin ihre Strafe, die Leiden- 
schaften wären als die Quelle des Unglücks geschildert^ das 
Verbrechen wäre rückhaltlos gebrandmarkt. Durch eine solche 
Haltung könne die Tragödie vielleicht fromme und gelehrte Per- 
sonen, die sich in der letzten Zeit gegen sie ausgesprochen hätten, 
wieder mit sich versöhnen. Racine dachte bei diesen Worten an 
seine früheren Freunde in Port-Royal. Schon seit einiger Zeit waren 
die Eindrücke, die er in seiner Jugend empfangen hatte, wieder 
lebendig in ihm geworden. Sein Gemüth fühlte sich unbefriedigt. 
Er war des ungeregelten Lebens, das er bis dahin geführt hatte, 
müde, und sehnte sich nach der strengen Lehre von Port-Royal 



*) La Orange - Chancel sagt in der Vorrede zur „Alceste** , einem von 
ihm gefertigten Traaerspiel, dass Kacine seinen Freunden gelegentlich hinreissend 
schöne Stellen aus seiner noch nicht yollendeten „Alceste** vorgetragen habe. 
Auch Louis Racine bestätigt diese Angabe in den Memoiren über das Leben 
seines Vaters. 



188 

zurück, die ihm Beruhigung gewährt hatte. Mancherlei Vor- 
fälle bestärkten ihn in dieser Stimmung. Die Kabale gegen 
nPhfedrett verleidete ihm das Theater ; dazu kam, dass er sich von 
seiner Geliebten, der Schauspielerin Champmeslö, verlassen sah. 
Um so wohlthuender berührte ihn das Urtheil des streng janse- 
nistischen Arnauld, der sich über »Phedre" günstig aussprach. 
So war die Aussöhnung mit den früheren Gesinnungsgenossen 
nicht schwer. Man kam sich von beiden Seiten entgegen. Als 
Racine sich wieder auf den Weg zu den alten Freunden zurück- 
gefunden hatte, erwachte in ihm ein überquellender Eifer, das 
bisherige sündhafte Leben zu büssen. Solcher Umschlag ist 
psychologisch begründet und hat an sich nichts Erstaunliches. 
Zerknirscht und bussfertig, sprach Racine die Absicht aus, in 
ein Kloster einzutreten. Doch brachte man ihn von diesem 
Vorsatz wieder ab. In der That konnte er bei der Gunst, deren 
er sich von Seiten des Königs erfreute, den Jansenisten grosse 
Dienste leisten, und es lag in deren Interesse, dass er seine 
Stellung bei Hof bewahrte. Die scharfblickenden Freunde 
kannten ohnehin Racine's Natur zu gut. Sie waren wol über- 
zeugt, dass er im Kloster keine Befriedigung fände, dass 
ihm das glänzende Leben bei Hof bald fehlen würde, und 
sie dachten vielmehr daran, ihn in der gewöhnten Lebens- 
stellung zu belassen, seinem Leben aber eine strengere Regel zu 
geben. Sie riethen ihm zur Ehe ; aber in grausamer Fürsorge 
warnten sie ihn vor der Ehe mit einer geistig hochstehenden, 
gebildeten Frau, die ihn hätte verstehen, ihn zu weiterem Streben 
hätte ermuthigen können. Racine, geistig regsam, zerrissenen 
Herzens, und unruhig seinen Weg suchend, musste an seiner 
Seite eine brave Frau haben, die ihm in seinem Geistesflug nicht 
folgen konnte, die ihn an den Boden fesselte und in ihrem 
frommen Gemttth keine Regung von Zweifel kannte. Eine solche 
Frau konnte ihren Gatten vielleicht in der orthodoxen Fröm- 
migkeit festhalten. Es war ein gewagtes Spiel. Catherine de 
Romanet, die Tochter eines höheren Finanzbeamten (Trösorier 
de France du bureau des flnances ä Amiens) entsprach diesen 
Anforderungen, und Racine vermalte sich mit ihr. Sie war eine 
gute, ziemlich beschränkte Frau prosaischen Sinns. Nach ihres 



189 

Sohnes Zeugniss wusste sie kaum^ was ein Vers ist; und hatte 
auch ihres Gatten Dichtungen nie gelesen. Die Trauung fand 
am 1. Juni 1677 statt, und die Ehe war allen Berichten nach 
glücklich. Trotzdem können wir nicht umhin zu denken, dass 
Racine oft schweren Herzens empfand, welch tiefe Kluft ihn von 
seiner Frau trennte. Er musste sein geistiges Leben einsam führen; 
keine Anregung und kein Verständniss von Seiten derjenigen, die 
ihm am nächsten stand, konnte ihm jemals seine Arbeit erleichtern. 

Aber die neue geregelte Lebensordnung wirkte zunächst 
kräftigend auf ihn ein, gab ihm auch bei Hof eine festere Stellung. 
Dass er nicht mehr mit dem Künstlervolk lebte, wurde ihm hoch 
angerechnet. Auf Vorschlag der Marquise de Montespan nahm 
König Ludwig eine alte Idee wieder auf und ernannte im 
Oktober 1677 Racine und Boileau zu seinen Historiographen. 
Schon früher war er zum nTrösorier de France*« in Moulins 
ernannt worden. Mit diesem Amt, das für ihn eine Sinekure war, 
da er nie nach Moulins ging, war der erbliche Adel verbunden *). 
Der König zog ihn überhaupt seit jener Zeit in seine engere 
Gesellschaft, Hess sich von ihm vorlesen, und man rühmte die 
weltmännische Gewandtheit des Höflings. Saint - Simon , der 
gewöhnlich streng urtheilt, sagt doch, Racine habe im Umgang 
nie den Literaten, immer nur den gebildeten Mann gezeigt**). 

Die Arbeiten, mit welchen sich Racine in den folgenden 
Jahren beschäftigte, waren unbedeutender Natur und seiner kaum 
würdig. Der streng jansenis tische Geist, der nun in ihm auflebte, 
vertrug sich doch, scheint es, mit der höfischen Kunst. Im 
Jahr 1679 gab er die »»Oeuvres diverses d'un enfant de sept 
ans" heraus, die er mit einer Vorrede begleitete. Das Wunder- 
kind war nämlich der junge Herzog Du Maine, der Sohn des 
Königs imd der Montespan, der von Madame de Maintenon er- 
zogen wurde. So gewann Racine gleichzeitig die Gunst der 



*) Doch wird Racine's Adel schon früher im Privilegium vor der Aus- 
gabe der Iphig^nie 1675 erwähnt. 

**) Saint-Simon, M^moires, B. II, Jahr 1699: «Personne n'ayait plus de 
fonds d'esprit, ni plus agr^ablement tourn^; rien du poSte dans son commerce, 
et tont de ThonnSte homme, de Thomme modeste, et sur la fin, de Thomme de 
bien." 



190 

herrschenden Favoritin und den Dank der späteren Gemalin 
des Königs. Für die Schwester der Montespan, die Aebtissin 
von Fontevraulty übersetzte er das T^Gastmahl« des Plato, ja um 
das Jahr 1680 arbeitete er auf Wunsch der Marquise an dem 
Text für eine Oper T^Phaöton«, vielleicht ungern , aber er fügte 
sich doch dem Willen seiner Gönnerin. Am meisten beschäftigte 
ihn das Amt eines Historiographen. Er nahm den Auftrag, eine 
Geschichte König Ludwig's zu schreiben, sehr ernst, und er 
sowohl wieBoileau undPellisson, der ihnen als Mitarbeiter gegeben 
war, vertieften sich in geschichtliche Studien. Er folgte dem 
König in mehreren Feldzügen, so 1678 zur Belagerung von Gent 
und Ypem, und war in dessen Gefolge, als derselbe 1683 das Elsass 
besuchte. Beidemale war auch Boileau mitgegangen, allein seine 
zunehmende Kränklichkeit hinderte diesen später, sich wieder an- 
zuschliessen. Sacine begleitete den König noch 1683 auf einer 
Inspektionsreisenach Luxemburg, 1691 zur Belagerung von Mons, 
1692 ebenfalls zur Belagerung von Namur und während des 
Feldzugs im Jahr 1693. Von einzelnen Studien und Vorarbeiten 
zu der grossen Geschichte, welche Racine und Boileau schreiben 
wollten, ist nur wenig erhalten, eine Anzahl von Fragmenten 
und geschichtlichen Aufzeichnungen, Notizen über Reisen des 
Königs, Anekdoten, geographische Bemerkungen, die vielleicht 
einmal benutzt werden sollten. Daneben schreibt man Racine die 
Autorschaft zweier grösseren Aufsätze zu, einer Uebersicht der 
Kriege Ludwig's und die Geschichte der Belagerung von Namur*). 
Es ist aber unzweifelhaft, dass die beiden Autoren schon grosse 
Theile ihrer Geschichte vollendet hatten, da berichtet wird, dass 
Racine dem König sie vorgelesen und dessen Zufriedenheit er- 
worben habe. Als aber nach Racine's Tod Valincour mit der 
Fortführung des Werkes an seiner Statt betraut wurde, soll dieser 
das Manuskript mit sich in sein Landhaus bei Paris genommen 
haben, und dort sei es, sammt der grossen Bibliothek Valincour' s, 
durch eine Feuersbrunst im Jahr 1726 vernichtet worden **). 



*) „Pr^cis historiques des campagnes de Louis XIV. depuis 1672 
jusqu'en 1678** und „Relation de ce qui s'est pass^ au si^ge de Namur". 

**) Jean Baptiste Henri du Trousset, sieur de Valincour, 1663—1730, 
schrieb n. A. „Lettres k la marquise de ** sur la prlncesse de Clöves**, »Vie 



191 

König Ludwig belohnte Racine mit freigebiger Hand. Ausser 
seinem Ehrengehalt, der von 600 Livres allmälig auf 2000 Livres 
gestiegen war, und neben seinen Einkünften als Tr^sorier de 
France, bezog er als Historiograph jährlich 4000 Livres, und der 
König bewilligte ihm häufig ausserordentliche Gratifikationen. In 
der Zeit von 1678 bis 1688 empfing Racine auf diese Weise über 
vierzigtausend Livres. 

Mittlerweile stieg die Bedeutung der Marquise de Maintenon, 
und im Jahr 1684 gelangte sie durch eine geheime Heirat mit 
König Ludwig zum Gipfel der Macht. Ueber den Einfluss, den 
sie auf die Geschicke Frankreichs ausgeübt hat, werden wir 
noch später zu reden haben. Hier genügt es, auf die steigende 
Strenge hinzuweisen, die bei Hof seitdem herrschte. Ein zelo- 
tischer Geist brach sich immer mehr Bahn. Doch waren es 
nicht die Jansenisten, sondern deren Gegner, die Jesuiten, die 
an Macht gewannen. Die Zeit der rauschenden Feste war vor- 
über, und man musste wenigstens äusserlich jeden Anstoss 
vermeiden. Im Jahr 1684 gründete Mme de Maintenon zu 
Saint- Cyr in der Nähe von Versailles eine Erziehungsanstalt 
für Töchter verarmter adliger Familien. Sie behielt sich die 
oberste Leitung vor und bekümmerte sich fortwährend um die 
gedeihliche Entwickelung der Anstalt, wie viele ihrer Briefe 
beweisen *). Die Mädchen wurden streng erzogen, doch wurden 
sie auch in den Künsten, im Tanzen und Singen unterrichtet, 



de Fran^ois de Lorraine, dnc de Guise", „Pr^face du Dictionnaire de PAcad^mie, 
-edition de ITIS'', sowie einige Uebersetzangen. 

*) Man vergl. Lavall^e, Mme de Maintenon et la Maison rojale de Saint- 
CJyr, 2« ed. 1862. — Die Anstalt hatte früher zu Noisy-le-Sec bestanden, wurde 
aber nach Saint-Cyr verleget und erweitert. Eröffnet wurde sie daselbst im August 
1686. Es befanden sich dort 36 „dames de St. Louis'', 24 Schwestern und 250 
Zöglinge. Um als Schülerin eintreten zu können, musste ein Fräulein vier 
Adelsgenerationen auf väterlicher Seite nachweisen. Die Fräulein, die von sieben 
Jahren an aufgenommen werden konnten, blieben bis zum 20. Jahr. Sie waren 
in vier Klassen eingetheilt, die sich durch die Farbe ihrer Bänder unterschieden. 
Die zehn besten trugen ein feuerfarbiges Band und hiessen „les fiUes de Mme 
de Maintenon". Bei ihrem Austritt erhielten sie eine Mitgift von 3000 Livres, 
mit welcher sie sich in einem Kloster einkaufen konnten, wenn sie nicht heira- 
teten. „Ce qui me manque, ce sont des gendres'', soll Mme de Maintenon ein- 
mal gesagt haben. 



192 

da sie ja später in der Gesellschaft ihre Stellung finden sollten. 
Selbst dramatische Aufführungen wurden beliebt, und Mme de 
Maintenon versuchte es mit einigen Stücken von Corneille und 
Racine. Unter anderen spielten die Mädchen die T^Andromaquet^, 
und zwar mit solchem Feuer, dass Mme de Maintenon er- 
schrack und alle Stücke der Art verbot. Es blieb daher keine 
andre Auskunft, als die aufzuführenden Dramen für die Anstalt 
eigens verfassen zu lassen. Die Vorsteherin, Mme de Brinon, 
schrieb selbst unschädliche Stücke, aber sie waren gar zu lang- 
weilig und seicht. Mme de Maintenon wandte sich darum an 
Racine mit dem Ersuchen, für ihre Zöglinge zu Saint -Cyr ein 
passendes dramatisches Werk zu verfassen, und sprach den 
Wunsch aus, dass er wo möglich einige Lieder einflechte. Racine 
sah sich durch diesen Auftrag in Verlegenheit gebracht* Sollte 
er seinen literarischen Ruhm aufs Spiel setzen, indem er für eine 
Erziehungsanstalt ein nichtssagendes Werk verfasste, und nichts- 
sagend schien es doch werden zu müssen, wenn alle Leiden- 
schaft daraus gebannt war. Boileau rieth seinem Freund den 
gefährlichen Auftrag abzulehnen, selbst auf die Gefahr hin, sich 
die königliche Ungnade zuzuziehen. Racine war indessen zu 
sehr Höfling, um eine abschlägige Antwort zu wagen. Zudem 
regte sich der dichterische Genius in ihm. Wenn er einen 
biblischen Stoff behandelte, konnte er vielleicht den Forderungen 
der Poesie gerecht werden, ohne die Gebote der strengsten 
Frömmigkeit zu verletzen. Er hatte sich in die Geschichten des 
alten Testaments vertieft, war mit der hebräischen Poesie ver- 
traut, und die Erzählung von Esther, welche die Juden vor dem 
Untergang rettet und die Anschläge des bösen Haman vereitelt, 
schien ihm zur dramatischen Behandlung besonders geeignet. 
Zudem versuchte er eine Art Chorlieder nach dem Vorbild der 
griechischen Tragödie einzuführen, ein Versuch, den Schiller, 
wenn auch in andrer Weise, wiederholt hat. So schuf Racine 
in seiner nEsther« ein ganz eigenthümliches Stück. Er griff so 
zu sagen auf die alten Mysterienspiele zurück, deren Naivetät 
und Einfachheit er beibehielt , dabei aber die ganze Kunst der 
Diktion entfaltete, und so weit es die Grenzen des frommen. 



193 

biblischen Schauspiels gestatteten, auch alle Hilfsmittel der mo- 
dernen Scene benutzte. Doch ist ?) Esther (< nicht nach den An- 
forderungen, die man gewöhnlich an ein Drama stellt, zu beur- 
theilen ; sie nimmt vielmehr als Dichtung eine abgesonderte Stel- 
lung ein. 

Die Aufgabe wäre dankbar für den Dichter gewesen, wenn 
er volle Freiheit gehabt hätte, die Leiden der Juden, die Gewalt- 
thaten der Perser in grossen bewegten Scenen zu zeigen. Hier 
aber sah sich Racine nicht allein durch die Eigenthümlichkeit 
der französischen Bühne überhaupt gehemmt; er musste auch 
noch auf die Verhältnisse von Saint-Cyr Rücksicht nehmen. Er 
hatte den ganzen Ton des Schauspiels zu mildern. Keine wilde 
Leidenschaft durfte darin emporflammen, was den Gang des 
Dramas wesentlich beeinflusste. Um der biblischen Erzählung 
möglichst treu zu bleiben und dem Stück den Charakter from- 
mer Einfachheit zu wahren, behandelte Racine das Ganze mit 
einer Art absichtlicher Ungeschicklichkeit, die, genau betrachtet, 
eine grosse Kunst in sich barg. 

So z. B. wird Aman in fast kindlicher Weise als Böse- 
wicht geschildert; der allmächtige Minister ist empört, dass ihm 
der Jude Mardoch^e keinen Gruss gönnt und will darum das 
Volk der Juden vernichten. Die Vertheidigung der letzteren 
durch Esther ist, wie ihre Anklage gegen Aman, einfach und 
wenig überzeugend für den, der nicht die biblische Geschichte 
inne hat« Auch der jähe Sturz Aman's ist kaum motivirt. Der 
fromme Sinn des Lesers oder Zuschauers muss hier nachhelfen, 
so wollte es Racine. Was er bot, war ein lyrisches Schauspiel, 
das in milden Farben, anmuthig und zart, unser Interesse fesselt, 
wenn es auch nicht kräftig genug ist, um auf der Bühne drama- 
tische Spannung zu erregen. Dazu war es gar nicht bestimmt, 
und es war ein Irrthum literarischer Pietät, als man nEsthert^ 
während der Regentschaft und seitdem von Zeit zu Zeit wieder- 
holt auf die Bühne brachte. 

Die Lieder, welche Racine eingelegt hatte, sind zwar nicht 
mit den griechischen Chorgesängen zu vergleichen , wie , der 
Dichter anfangs beabsichtigte. Dafür athmen sie frommen biblischen 
Sinn und sind fast ganz auf Worte und Verse des alten Testaments 

Lotheissen, Geecb. d. franz. Literatur. lY. Bd. I3 



194 

begründet. Sie besitzen eine Wärme, einen Duft, eine Weichheit 
und Harmonie der Sprache, wie sie die französische Lyrik bis 
dahin nur selten gefunden hatte. 

Die erste Aufführung der T^Esthert^ fand am 26. Januar 1689 
statt*). Der König, Mme Maintenon und eine kleine Anzahl 
geladener Qäste wohnten der Vorstellung bei, die ausserordentlich 
gefiel. Auch die Musik, welche von Jean Baptiste Moreau, dem 
Organisten von Saint-Cyr herrührte, wurde gelobt. Racine hatte 
die jungen Künstlerinnen selbst einstudirt, und die ganze Vor- 
stellung war ein literarischer Feingenuss. Die Schönheit der Dich- 
tung, die glanzvolle Ausstattung, die Musik und der Gesang, die 
Jugend der Darstellerinnen, die vor der höchsten Gesellschaft 
spielten, alles vereinte sich, um einen unauslöschlichen Eindruck 
hervorzubringen. TjMan hat zu Saint-Cyr die Komödie oder Tra- 
gödie von »Esther« aufgeführt. Der König hat sie wunderbar ge- 
funden, Prinz Condä hat Thränen dabei vergossen. Racine hat 
nichts gedichtet, was so schön und so rührend ist. Ein Gebet der 
Esther für AssuSrus ist hinreissend. (< So schrieb Frau von 
S^vignS (28. Januar 1689), als sie von dem Stück nur hatte 
erzählen hören. Aber der König fand ein solches Gefallen an 
9}Esther<^, dass er sich die Vorstellung sechsmal wiederholen Hess 
und jedesmal andre Gäste dazu einlud. Am 21. Februar konnte 
auch Mme de S6vign6 melden, dass sie in Saint-Cyr gewesen 
war. nich kann nicht beschreiben, wie schön das Stück ist; so 
etwas ist nicht nachzuahmen; ... alles ist einfach, unschuldig, 
erhaben und rührend«' u. s. w. Der Prolog, den wdie Frömmigkeit^* 
zu sprechen hatte, enthielt eine Huldigung für den König, und 
in dem ersten Akt waren einige Verse eingeflochten, welche die 
Anwesenheit des Chors junger Mädchen in Esfher's Palast erklären 
sollten, welche aber zugleich eine deutliche Anspielung auf 
Saint-Cyr und Madame de Maintenon's Sorge für die Anstalt 



*) Man vergl. Mme Caylus, Souvenirs (CoUection des memoires relatifs 
ä rhistoire de France t. 66). — Lavall^e, Mme de Maintenon et la Maison 
royale de Saint-Cjr. Desgleichen die Memoiren von Louis Kacine und die 
Briefe der Mme de S^vign^ aus den ersten Monaten des Jahres 1689. — Achille 
Taphanel „Le th^ätre de Saint-Cyr 1680—1792 (d'apres des documents in^dits). 
Paris, Baudry 1876. 



195 

• 

enthielt*). Davon ausgehend, fand man noch eine weitere Reihe 
von Anspielungen. Man sah König Ludwig in Assuörus, in 
Esther die Marquise de Maintenon. Diese selbst hat sich einmal 
als Esther bezeichnet. Allein es wäre thöricht, weiter zu gehen 
und einzelne Worte deuten zu wollen. Wenn Esther zu ihrer 
Vertrauten sagt, dass sie den Platz der stolzen Vasthi einnehme, 
so wollte Racine gewiss nicht an Mme de Montespan erinnern; 
nicht etwa weil er ihr Dank schuldete, sondern weil er als ge- 
wandter Höfling jede unliebsame Andeutung vermied**). Ohnehin 
konnte die Maintenon nicht glauben, dass sie die Stelle einer 
Montespan einnähme. Noch weniger schmeichelhaft für König Lud- 
wig wären andere Aeusserungen über Assuörus gewesen ***). Ist 
man einmal im Zug solche Anspielungen zu suchen, so sieht 
man bald auch in Aman den Kriegsminister Louvois, und das 
Todesurtheil gegen die Juden muss dann wol gar die Aufhebung 
des Edikts von Nantes oder die Jansenistenverfolgung bedeuten, 
ob wol in beiden Fällen Esther -Maintenon sich der Verfolgten 
keineswegs annahm. Von solchen unstatthaften Interpretationen 
muss man ganz absehen. 

Für das Frühjahr 1691 arbeitete Racine an einem zweiten 
biblischen Schauspiel, das abermals in Saint - Cyr aufgeführt 
werden sollte. Mme de Maintenon hatte ihm den Wunsch aus- 
gedrückt, dass er sich dieser Aufgabe unterziehe, und der Dichter 



*) Esther I, 1. 101 ff.: 

Cependant mon amour ponr notre nation 
A rempli ce palais de fiUes de Sion^ 
Jeunes et tendres fleors, par le sort agitees, 
Sous un ciel etranger comme moi transplant^es. 
Dans im lieu s^par^ de profanes temoins, 
Je mets a les former mon ^tude et mes soins. 
**) Esther I, 1. 31: 

Peut-§tre on t'a conte la fameuse disgräce 
De Talti^re Vasthi dont j'occupe la place. 

***) Esther III, 6. 7, wo Aman sagt: 

Le roi, vous le voyez, flotte encore interdit: 
Je sais par quels ressorts on le pousse, on Parröte; 
Et fais, comme il me platt, le calme et la temp^te. 
Noch stärker I, 3. 17 (Mardochee): 

Et le roi, trop credule, a signe cet edit. 

13* 



196 

f 

hatte diesmal kein Bedenken getragen. Der Stoff, den er nun 
zur Behandlung wählte, vereinigte in so glücklicher Weise die 
Bedingungen eines wahrhaften Dramas und einer fromm religiösen 
Darstellung, dass er jedem Anspruch hoffte gerecht zu werden. 
Allein schon während der Arbeit stellten sich Hindernisse ent- 
gegen, an die er nicht gedacht hatte. Fromme Gemüther und 
mehr noch heuchlerische Zeloten hatten das Theaterspiel der 
Mädchen für sündhaft erklärt; sie fanden, dass sich die Fräulein 
nicht so vor den Blicken der Höflinge, und sei deren Kreis auch 
noch so beschränkt, zeigen dürften, dass eine solche Vorstellung 
Eitelkeit und Gefallsucht in ihnen erwecke. Mme de Maintenon 
gab diesen Warnungen Gehör. Dass in der steigenden Herrschaft 
des Fanatismus und der religiösen Heuchelei eine grössere Gefahr 
lag, als in den Aufführungen zu Saint-Cyr, verstand sie nicht. 
Es wurde also beschlossen, von einer feierlichen Vorstellung der 
r^AthaMeü auf der Bühne der Anstalt abzusehen. Im Januar und 
Februar fanden in Saint-Cyr einige 7?Proben" statt, welchen der 
König beiwohnte, die also wohl schon ohne Stockungen ge- 
sprochen wurden, und dann trugen die Mädchen ihr Stück in 
einem Salon bei Mme de Maintenon vor, ohne Bühne, ohne De- 
korationen, ohne Kostüm — als einfache Concertrecitation. 

So war die erste Aufführung der wAthalie", die manche 
als Racine's bestes Werk betrachten, farblos, und konnte un- 
möglich in gleichem Grad ansprechen, wie 7?Esther". Und 
doch übertrifft >?Athalie" das letztere Stück an poetischer wie 
dramatischer Bedeutung. Racine hatte die volle Kraft von ehe- 
dem wieder gefunden, ja sie zeigte sich in mancher Hinsicht 
noch mehr gereift. Seine Tragödie behandelt den bedeutungs- 
vollen Kampf zwischen Priesterherrschaft und weltlicher De- 
spotie, zwischen dem jüdischen Monotheismus und dem Baals- 
dienst. Mächtige Charaktere treten darin feindlich einander gegen- 
über und die Spannung wächst von Akt zu Akt. Im Vorder- 
grund stehen di^ beiden Figuren der Athalie und des Joad, und 
beide sind vollendete Charakterbilder. Athalie, die blutige stolze 
Königin , erinnert an die finsteren Heroinen Comeille's , ist aber 
nicht so starr wie diese, sondern zeigt in dem Wechsel ihrer 
Stimmungen und EntSchliessungen, durch ihre abergläubische 



197 

Furcht, wie ihre Gefühlsregung für Eliacin eine wahrhafte leben- 
dige Menschennatur. Denn gerade in der Zeichnung solcher 
complicirten Charaktere war Racine Meister. Athalie gegenüber 
steht der Hohepriester Joad, überlegenen Geistes und kaltblütig. 
Er weiss jeden Moment zu benutzen, jede Schwäche des Gegners 
zu erspähen, selbst zu lügen und zu betrügen, wenn es den Sieg 
seiner Sache gilt. Auch ihm heiligt der Zweck die Mittel. Gleich 
das erste Wort, mit dem er Abner's Warnungen wegen des Zorns 
der Königin empfängt: 

D'oü voTis vient aujourd'hui ce noir pressentiment?*) 

ist ironisch kalt. Wol kann er sich begeistern, wenn es seine 
heilige Sache, die Sache seines Gottes und der Priesterherrschaft 
betrifft; dann geräth er in Verzückung und verkündet zukünftige 
Ereignisse**). Aber er ist und bleibt doch der kluge Politiker, 
der sein Ziel kennt und dessen Kaltblütigkeit über die Leiden- 
schaftlichkeit Athalie*s den Sieg davon trägt. 

Athalie's Bathgeber ist Mathan, ein abtrünniger Priester, 
der den Jehovadienst mit dem Dienste Baal's vertauscht hat, und 
die Königin in ihren Unthaten noch bestärkt, weil er selbst auf 
diese Weise unentbehrlich wird. In einer berühmten Stelle (III, 3) 
enthüllt er seinem Vertrauten seinen ganzen Charakter, ohne 
Scheu und Scham. So prachtvoll diese Selbstcharakteristik auch 
ist, hat man doch Einwendungen gegen sie erhoben. Man hat 
die Möglichkeit bestritten, dass ein Mensch einem andern gegen- 
über sich selbst als so verworfen schildert. Richard III. und 
Jago kennen ihre schlechte Natur ^ aber sie gestehen sie nur 
ein, wenn sie mit sich selbst reden und suchen sich dann 
noch durch allerlei Vorwände wegen ihrer höllischen Thaten zu 
entschuldigen. Dem verworfenen Mathau gegenüber erscheint 
Abner um so sympathischer; er ist der gerade offene Soldat, der 
nicht lange grübelt, den aber sein Herz zuletzt immer richtig leitet. 

*) Athalie 1, 1. 25. 
**) Athalie III, 7. 42: 

Cieux, ecoutez ma voix; terra, pr^te Toreille. 
Ne dis plus, o Jacob, que ton Seigneur sommeille. 
P^cheurs, disparoissez! le Seigneur se r^veille. 
Comment en un plomb vil l'or pur s'est-il change? 
Quel est dans Je lieu saint ce pontife egorge? etc. 



198 

Mehr als andre Tragödien Racine's bietet nAthalie« Leben 
und dramatische Bewegung. Auch in diesem Punkt war Racine 
nicht 80 ängstlich, wie seine Nachfolger im 18. Jahrhundert, welche 
die französische Tragödie mit Recht in Misscredit gebracht haben. 
Dürfte man überhaupt vergleichen und abwägen^ wo eigentlich 
]ede Vergleichung unmöglich ist, so möchte man sagen, dass die 
Sprache der Franzosen in Athalie ihren Höhepunkt erreicht hat. 
Racine bedient sich ihrer mit vollendeter Meisterschaft. Wie auf 
einem musikalischen Instrument weiss er alle Töne in ihr anzu- 
schlagen^ die feinste Regung des Gemüths, wie die Hoheit des 
biblischen Ausdrucks wiederzugeben, und die Worte schmiegen 
sich wahrhaft den Gedanken an. Um nur auf einige Beispiele 
hinzuweisen, sei an die feierliche Würde in den Reden Joad's 
gleich in der ersten Scene des ersten Akts erinnert, welche mit 
den Worten beginnt: 

Celui qui met un frein ä la furenr des flots 
Sait anssi des m^chants arrSter les complots, 

oder etwas weiter: 

Et qnel temps fut Jamals si fertile en miracles?*). 

Der Traum, den Athalie erzählt, steht an lebendiger Schil- 
derung dem Bericht Thdramene's gleich. Doch kann man den 
Vorwurf allzu rhetorischer Haltung, den man von mancher Seite 
gegen den letzteren erhebt, bei der Erzählung Athalie's nicht wieder- 
holen. Hier ist unzweifelhaft alles der Wahrheit entsprechend. 
Athalie ist so ergriffen von ihrem Traum, dass sie so lebhaft er- 
zählen muss. Und bei aller Erregung ihrer Worte, bleibt die 
Erzählung massvoll und versucht durch kein unnützes Beiwort 
zu blenden. Eine ähnliche Bemerkung gilt von den Chorliedem, 
die oft wie eine Uebertragung der Psalmen lauten. Man hatte 
schon so oft versucht die Psalmen in französische Verse zu 
übertragen und war immer gescheitert. Aber erst Racine zeigte, 
wie man den Geist des Psalmisten auch in einer freien Bearbei- 
tung bewahren kann. Fast aber könnte man über die Kühnheit 
erstaunen, mit welcher Racine den Hohepriester zu dem jungen 



*) Athalie I, 1. 61 und 104 ff. 



199 

König reden lässt. Joad spricht dort von der verhängnissvollen 
Ehre und dem giftigen Reiz der königlichen Macht, von der 
absoluten Gewalt, welche die Herrscher trunken macht, von der 
Unterdrückung des Volks, das sich für die Grösse seines Königs 
opfern muss und zu Thränen und Leiden verdammt ist*). Doch 
wird die Kühnheit des Dichters weniger gross erscheinen, wenn 
man sich erinnert, dass König Ludwig den Bathschlägen der 
Priester gewissenhaft folgte, und dass er die Worte Joad's leicht 
als eine indirekte Huldigung hinnehmen konnte. Was von den 
Leiden des armen Volks gesagt wurde, konnte ihn auch nicht 
rühren, denn er lebte gewiss der Ueberzeugung , dass in Frank- 
reich alles aufs beste stand. In der Rede des Hohepriesters steht 
kein Wort von den Rechten des Volks, die der junge König 
achten müsse — und eine solche Lehre hätte allein den Unwillen 
König Ludwig's erregen können. Allgemeine Gesetze der Moral 
anzuerkennen, war der Monarch gern bereit, und die Kirche bot 
ihm nur eine Handhabe mehr, seinen Willen im Lande zur Geltung 
zu bringen. Ein begeistertes Aufw^allen des Gefühls kann T^Athaliet^ 
natürlich nicht hervorrufen, wie es der ??Cid« gethan hatte. Wir 
können uns für keine der streitenden Parteien erwärmen, füi* die 
Königin so wenig, wie für den herrschsüchtigen Priester; und 
dieser Umstand wirkt immerhin kältend auf uns ein. 



*) Athalie IV, 3. 81 flf.: 

Loin du tr5ne nourri, de ce fatal honnenr 
H^las! vous ignorez le charme empoisonneur. 
De Tabsolu pouvoir vous ignorez l'ivresse, 
Et des läches flatteurs la voix enchanteresse. 
Bientot ils vous diront que les plus saintes lois, 
Maitresses du vil peuple, ob^issent aux rois; 
Qu^un roi ii*a d^autre frein que sa volonte m^me; 
Qu'il doit immoler tout k sa grandenr supr§me; 
Qu^aux lannesi au travail, le peuple est condamne, 
Et d'un sceptre de fer veut §tre gouverne; 
Que s'il n^est opprim^, tot ou tard il opprime. 
Ainsi de piege en piege, et d^ablme en abime, 
Corrompant de vos moeurs Taimable purete, 
Ils vous feront enfin hai'r la verite, 
Vous peindront la vertu sous une affreuse Image. 
Helas! ils ont des rois egare le plus sage. 



1 « • 4 « 



200 

So sehr sich Racine in das Studium der Bibel vertieft hatte, 
die Erinnerungen an die hellenische Poesie konnte er darum 
nicht ganz verdrängen. Auch seine »Athalie(< ist von griechischem 
Geist angehaucht und man findet sogar unter des Euripides 
Dramen ein Stück, den Jon, das im Stoff viele Aehnlichkeit mit 
nAthalieu hat^ und das Racine gewiss nicht unbekannt war. Jon 
ist der letzte Spross seiner Famih'e und ist durch grausame Ver- 
wandte des Throns beraubt worden. Er hätte sein Leben verloren, 
wenn ihn ein treuer Anhänger nicht im Tempel des Apollo ver- 
borgen hätte, wo er im Priestergewand unbehelligt lebt, bis er 
mit der Hilfe des Gottes die Herrschaft erlangt. 

An die Oeffentlichkeit trat TvAthalie« im Jahr 1716, noch 
früher als TiEsther^^. Man fand damals eine Aehnlichkeit zwi- 
schen Joas und dem jungen König Ludwig XV., dem letzten 
Spross des Königsgeschlechts*), und die Dichtung fand grossen 
Beifall. Wir bemerken noch, dass verschiedene Komponisten die 
Chöre der vAthsliei^ in Musik setzten, zuerst Gossec, dann 
Boieldieu und zuletzt Mendelssohn, letzterer freilich mit Zu- 
grundelegung eines deutschen Textes. 

TfAthalietf war das letzte grosse Werk Racine's. Er verfasste 
später (1694) noch vier fromme nCantiquesu für Saint-Cyr, und 
auch in ihnen zeigte sich seine Herrschaft über die Sprache. 
Gelegentlich schnellte er auch ein scharfes Epigramm los, wenn 
schlechte Tragödien seine Galle erregten. Er bewies damit, dass 
ihn das Theater noch interessirte , und dass auch sein Selbst- 
bewusstsein unter dem Einfluss seiner Bekehrung nicht gelitten 
hatte. 

Wie hoch er damals in Gunst bei dem König stand, bezeugt 
wieder Saint-Simon **), welcher erzählt, dass König Ludwig den 



*) Athalie IV, 3. 20: 

Voila donc votre roi, votre unique esp^rance. 
Dafür wurde die obenerwähnte Rede über die Gefahren des Eönigthums in den 
Zeiten der revolutionären Aufregung beklatscht, und im Jahr 1790 bezog das 
Publikum bei einer Aufführung der ,, Athalie** den Vers I, 2. 127: 

Confonds dans ses conseils une reine cruelle 
mit demonstrativem Beifall auf die Königin Marie Antoinette ! 

**) Saint-Simon, Memoires a. a. O. 



201 

Dichter oft habe rufen lassen, wenn er allein bei Mme de Main- 
tenon gewesen und keine Geschäfte ihn in Anspruch genommen 
hätten. Racine hatte die Gabe angenehmer witziger Unterhaltung 
und war auch bei den Prinzen Cond6 gern gesehen. Im Herbst 
1690 wurde er zum wgentilhomme du roi« ernannt, was ihn an 
den engeren Dienst des Königs fesselte. 

Mit einem Mal aber trat eine Aenderung in der Stimmung 
ein, und Racine verlor die Gnade des Monarchen. Ueber den 
Grund davon sind die Angaben sehr verschieden. Louis Racine 
erzählt in seinen Memoiren, dass sich sein Vater eines Tags mit 
Mme de Maintenon über die Leiden des Volks unterhalten habe. 
Racine habe das grosse Elend den langwierigen Kriegen zuge- 
schrieben und auch von den Mitteln, es zu bekämpfen, gespro- 
chen. Mme de Maintenon habe ihn um schriftliche Darlegung 
seiner Ideen ersucht. Dieser sei dem Auftrag nachgekommen; 
der König aber, der die Schrift gesehen habe^ habe erzürnt 
ausgerufen: »Glaubt er alles zu verstehen, weil er gute Verse 
machen kann? will er Minister werden, weil er ein grosser 
Dichter ist?« Mme de Maintenon, so erzählt Louis Racine weiter, 
habe seinem Vater die Worte des Königs gemeldet und ihm den 
Rath gege'ben, sich eine Zeit lang vom Hofe fern zu halten, die 
Wolke werde sich schon verziehen. 

Louis Racine war beim Tod seines Vaters erst sieben Jahre 
alt, und man hat daher die Richtigkeit dieser Erzählung in Zweifel 
gezogen, zumal sich die Denkschrift nirgends gefunden hat und 
Racine in seinen Briefen ihrer keine Erwähnung thut. Allein 
Louis Racine hat sich doch gewiss von seiner Mutter und seinen 
älteren Geschwistern die näheren Umstände erzählen lassen, und 
wenn er in nebensächlichen Angaben irrt, mag doch die Haupt- 
sache richtig sein. 

Die Denkschrift war indessen keineswegs der Hauptanlass 
für den König, Racine kühler zu behandeln. Ein Brief Racine's 
an Mme de Maintenon, datirt Marly 4. März 1698, gibt uns eine 
ganz andere Erklärung. 

Racine beschwert sich darin über die Verleumder, die ihn 
verfolgen. Und doch habe er auf ihren, Mme de Maintenon's 
Wunsch, mehr als dreitausend fromme Verse gedichtet, aber nicht 



202 

gezwungen ; sondern aus vollem überzeugten Herzen, und nie- 
mand habe darin jansenistische Ideen zu finden geglaubt. Ebenso 
denke er stets in Ehrfurcht und Bewunderung an den König und 
suche diese Gefühle zu verbreiten. Racine geht in seiner byzan- 
tinischen Ausdrucksweise so weit, dass er sagt, Gott habe ihm 
die Gnade erwiesen, ihn nie wegen des Königs oder des Evange- 
liums erröthen zu lassen. Man kann aus diesen und anderen 
Aeusserungen schliessen y dass er der Irreligiosität und Aufleh- 
nung gegen den König beschuldigt wurde, und dass sich diese 
schwere Anklage auf seine Verbindung mit Port-Royal und den 
Jansenisten stützte, nich weiss, was Anlass zu dieser Beschul- 
digung gegeben hat. Ich habe eine Tante, die Oberin in Port- 
Royal ist, und der ich unendlich verpflichtet bin. Sie lehrte mich 
in meiner Kindheit Gott kennen, und Gott hat sich ihrer bedient, 
um mich aus den Verirrungen und dem Elend zu retten, in dem 
ich fünfzehn Jahre lang verbrachte . . . Sie bat mich gelegentlich 
um meine Dienste *). Konnte ich ihr meine schwache Hilfe ver- 
weigern, ohne verächtlich zu werden? Aber an wen wandte ich 
ndch, um diese Hilfe zu erlangen? Ich besuchte den F. de la 
Chaise, der über meine Offenheit sehr zufrieden schien, mich um- 
armte und mir fär immer seine Freundschaft und seine Unter- 
stützung versprach.« 

Schliesslich betheuert Racine, dass er mit keinem Menschen 
umgehe, der irgend welcher neuen Lehre verdächtig sei. Tilch 
bin der Ehre beraubt, Sie besuchen zu dürfen. Ich wage fast 
nicht mehr auf Ihren Schutz zu rechnen. << . . . T^Ich suchte Trost 
in der Arbeit^ aber welche Bitterkeit erwächst dabei aus dem 
Gedanken, dass gerade der grosse Herrscher, mit dem ich mich 
fortwährend beschäftige, mich vielleicht für einen Menschen hält, 
der seines Zornes würdiger als seiner Güte ist.« 

Aus diesem Brief geht klar hervor, dass König Ludwig 
dem Dichter seine Verbindung mit den Jansenisten übel nahm 
und dass Neider dies benützt hatten, um seine Stellung zu unter- 



*) Man hatte die Oberin des Ungehorsams bezüchtigt, da sie gegen die 
Verordnung der Begiening Novixen aufgenommen hatte. 



203 

graben. Es geht aber auch daraus hervor^ dass dieser Versuch 
nur halb gelungen war. Racine sagt selbst, dass der König ihn 
vielleicht seines Zorns ftlr würdiger als seiner Güte halte. Er 
kann nicht sagen, dass ihm der König wirklich seine Gunst 
entzogen habe. Dass er Mme de Maintenon nicht besuchen soll, 
erklärt sich aus dem schon oben angeftihrten Rath, eine Zeit 
lang vom Hof fern zu bleiben , bis das Wetter sich verzogen 
habe. Racine nahm alle diese Vorgänge bei seiner Reizbarkeit 
doppelt schwer. Aber wenn man weiter geht und ihn an gebro- 
chenem Herzen sterben lässt, so ist das übertrieben. Es kam 
nicht einmal zu einer oiSEenen Ungnade. Er gehörte immer zu der 
intimen Gesellschaft, die zu des Königs Ausflügen nach Marly 
und Fontainebleau geladen wurde. In einem Brief vom 30. Ja- 
nuar 1699 an seinen ältesten Sohn, der damals als 9)gentilhomme 
du roit« in Versailles wohnte, sprach er von seiner bevorstehenden 
Fahrt nach Marly. Aber in demselben Brief meldete er auch 
von einem stechenden Schmerz im Rücken, der ihn bei einem 
Spaziergang im Tuileriengarten überfallen und zur Heimkehr 
genöthigt habe. Racine litt schon längere Zeit an einer Leber- 
krankheit, die ihn auch einige Wochen später, den 21. April 1699, 
im Alter von 59 Jahren, dahinraffte. Seinem Wunsch entspre- 
chend, wurde er in Port-Royal des Ühamps bestattet, doch blieb 
seine Ruhestätte nicht ungestört. Im Jahr 1709 wurde das Erlöster 
daselbst auf Befehl des Königs geschlossen, die Gebäude demo- 
lirt, selbst die Gräber nicht verschont. Die Familie Racine er- 
hielt 1711 die Erlaubniss, die Gebeine des Dichters in die Kirche 
Saint Etienne du Mont übertragen zu lassen. 

Racine hinterliess sieben Kinder, zwei Söhne und fünf 
Töchter. Er war ein vortrefflicher Familienvater und beschäftigte 
sich eingehend mit der Erziehung und den Studien der Kinder. 
Ob er immer mit den Lehren einverstanden war, die die Mutter 
denselben einprägte, lässt sich nicht sagen; wir dürfen es aber 
bezweifeln, wenn wir lesen, dass Mme Racine ihrem ältesten 
Sohn 1698 vorwurfsvoll schrieb: nder Kleine verspricht, dass 
er nie ins Theater gehen will, wie du, aus Furcht vor der Ver- 
dammniss.« 



204 

Von den Töchtern heiratete nur eine, von den andern 
traten zwei ins Kloster. Der älteste Sohn, Jean Baptiste Racine, 
widmete sich der Diplomatie, war eine Zeit lang Gesandter im 
Haag und in Rom, gab aber seine Laufbahn bald auf und lebte 
ganz in der Stille, nur ffir sich und mit seinen Büchern, bis zum 
Jahr 1747. 

Der zweite Sohn, Louis, das jüngste der Kinder, war 1692 
geboren. Anfangs für den geistlichen Stand bestimmt, änderte 
er noch rechtzeitig seinen Entschluss, wurde Inspektor, später 
Direktor im Finanzdepartement, und lebte der Reihe nach zu 
Marseille, Lyon, Soissons und andern Städten. Trotz Boileau's 
Abrathen versuchte sich mit poetischen Arbeiten. Sein Haupt- 
werk war ein Lehrgedicht »La Religion(<, das 1742 gedruckt 
wurde, aber schon &tlher entstanden war. Auch schrieb er die 
schon erwähnten »Mämoires sur la vie de Jean Racine» (1747), 
sowie die »Remarques sur les trag^dies de J. Racine«« (1752). 
Von Natur still und etwas schwerf^lig, hatte er als Träger eines 
grossen Namens einen bösen Stand. Er starb 1763, nachdem ihm 
sein einziger Sohn im Alter von 21 Jahren 1755 in Cadix in den 
Tod vorausgegangen war. An dem Tag, da die Stadt Lissabon 
durch ein furchtbares Erdbeben zerstört wurde, wogte eine unge- 
heure Flutwelle auch über den Hafen von Cadix, an dessen Ufer 
der junge Racine sich erging, und riss ihn mit sich fort in die 
Tiefe. Man hatte die grössten Hofihungen auf ihn gesetzt imd 
glaubte die poetische Begabung des Grossvaters in ihm wieder 
zu finden. 



V. 



Der Charakter der französischen Tragödie. 



i 



] 



in den folgenden Seiten wollen wir versuchen, den Charakter 
der französischen Tragödie zu erklären und dadurch zum besseren 
Verständniss derselben beizutragen. Da zeigt sich zunächst ein 
merkwürdiger Gegensatz in ihr. Sie scheint dem nationalen Geist 
völlig entfremdet, und doch trägt keine Gattung der französischen 
Dichtung deutlicher das G.epräge nationaler Eigenthtlmlichkeit. 
Das letztere übersieht man zu leicht, und doch liegt gerade darin 
ein Hauptgrund für die unfreundliche Stimmung , die man seit 
längerer Zeit im Ausland der französischen Tragödie entgegen- 
bringt. 

Denn je mehr ein Literaturwerk dem innersten Wesen des 
Volks entspricht; bei dem es entstanden ist, um so schwieriger 
wird es oft für die Fremden, dasselbe unparteiisch zu würdigen, 
geschweige denn, ihm eine gewisse Sympathie entgegenzubringen. 
Freilich zieht auch hier, wie so oft, das bessere Verständniss ein 
lebhafteres Gefallen nach sich. 

In dem Verlauf unserer langen Arbeit schien uns keine 
Aufgabe wichtiger, als die, die uns jetzt beschäftigen soll, keine 
aber auch weniger leicht. V7ie viel Freunde der französischen 
Literatur haben es schon versucht, sich mit den Tragödien Kacine's 
zu befreunden, und wie viele — wir sprechen hier zunächst von 
den Nichtfranzosen — haben das Buch bald wieder weggelegt, 
gelangweilt, gereizt, müde der galanten Helden und seufzenden 
Liebhaber. Sie erklären dann die klassische Tragödie der Fran- 
zosen fiLr ein Unding an Steifheit und Schwulst, eine poetische 
Verirrung, wobei es nur merkwürdig bleibt, dass nicht allein die 
Franzosen, sondern die ganze gebildete V7elt sich diese ver- 
achtete Tragödie fast anderthalb Jahrhunderte hat gefallen lassen. 

Es liegt uns fem, in dem vorliegenden Abschnitt eine 
Apologie der französischen Tragödie zu versuchen. Sie braucht 
keine solche. Wir wollen auch keine unbegrenzte blinde Be- 



1 



208 

wunderung für sie erwecken, was ohnehin unmöglich wäre. Aber 
wir wollen versuchen, ihre Bedeutung, ihre Kraft und Schönheit 
hervorzuheben, ohne ihre schwache Seite zu verbergen, und 
hoffen somit den Leser mit dem innersten Wesen der französischen 
Tragödie vertraut zu machen. Denn wenn ein jeder, der die 
französische Sprache leidlich versteht, über einen modernen fran- 
zösischen Roman oder ein modernes Schauspiel mit mehr oder 
weniger Befugniss urtheilen kann, so entzieht sich die Tragödie 
doch völlig seinem Bereich. Nur wer in den Geist der hellenischen 
Sprache wirklich eingedrungen ist, kann tlber die Schönheit und 
Hoheit der Sophokleischen Dichtungen mitreden, und nur der- 
jenige kann Racine's eigenthtlmliche Grösse verstehen, der sich 
in ernstem Studium bemüht hat, den Geist der französischen 
Sprache zu erfassen* 

Bevor wir jedoch von der Meisterschaft Racine's über die 
Sprache handeln, wollen wir zunächst einige allgemeine Gesichts- 
pimkte ins Auge fassen. Wir erinnern zunächst daran, dass es 
in der Tragödie zwei gleich berechtigte, gleich hochstehende 
Richtungen gibt. In der einen herrscht eine mehr idealistische, 
in der andern eine mehr realistische Richtung vor. Beide wollen 
ein Abbild des Lebens geben ; beide wollen bedeutende Menschen 
im Kampf mit einem feindlichen Schicksal zeigen. Aber sie ver- 
suchen die Lösung dieser Aufgabe, die ihnen gemeinsam ist, auf 
verschiedne Weise. Die ideal gehaltene Tragödie strebt vor allem 
darnach, ein Kunstwerk in harmonisch schöner Form zu geben; 
sie hebt die Menschenwelt, so zu sagen, in eine höhere Sphäre. 
Sie verlangt Wahrheit im Ausdruck des menschlichen Fühlens 
und Denkens; ihre Charaktere müssen der Natur getreu sein. 
Aber sie beobachtet eine gewisse Zurückhaltung in der Sprache, 
sie vermeidet Dinge zu berühren, die zur gewöhnlichen täglichen 
Ordnung des Lebens gehören. Sie strebt nach Wahrheit, aber 
zugleich auch nach Adel und vornehmer Haltung in der Sprache. 
Selbst der Mann aus niederem Stand spricht eine poetische 
Sprache, und die Verschiedenheit des Standes und der Bildung 
wird dabei nur leicht angedeutet*). 

*) Aristoteles Poetik 15 (übers, v. M. Schmidt): „Da aber die Tragödie 
edlere Naturen als uns darstellt, nehme sich der Dichter die tüchtigsten Porträt- 



209 

Dieser Richtung folgte vor allen die griechische Tragödie, 
dann überhaupt die Tragödie der romanischen Völker. Bei aller 
Freiheit, welche die Spanier für ihre Bühne forderten, verlangten 
sie doch im Schauspiel eine getragene poetische Sprache. Auch 
Goethe und Schiller sind hier mit einigen ihrer Werke zu er- 
wähnen. T^Iphigenie^^ und 7?Tasso<< sind so wenig realistisch ge- 
halten wie die Landleute im »Teilt* und in der »Jungfrau". Ver- 
hält es sich doch ähnlich so in der bildenden Kunst. Der Bild- 
hauer schajBFt Figuren über Lebensgrösse, die doch in jeder Muskel, 
jeder Linie der Natur entsprechen müssen. Die Pferdebändiger 
des Pantheon sind stilvoll schön, Menschen und Thiere sind in 
diesem Fries des Phidias wahr und voll Leben, und doch verletzt 
keine Linie, kein Zug von hässlichem Naturalismus unser Auge. 

Gegenüber der idealistischen Tragödie steht die realistische, 
gegenüber Sophokles sehen wir Shakespeare. In der realistischen 
Tragödie hemmt keine Rücksicht auf die Form; ist sie nicht 
stilvoll, so ist sie doch gewaltig, erschütternd; sie mischt Häss- 
liches und Schönes, bringt Fürsten und Könige auf die Bühne, 
aber auch rohen Pöbel. Farbenvoll, reich an Abwechslung, Be- 
wegung und packendem Effekt, häuft sie Begebenheit auf Be- 
gebenheit^ lässt sie die Leidenschaften rasen und enthüllt die 
innersten Vorgänge der Menschenbrust. Beide Gattungen der 
Tragödie haben ihre Grösse, wie ihre Schwäche. Die eine geräth 
leicht in Affektation und hohle Schönrednerei, die andre in plumpe, 
selbst widrige üebertreibung. 

Man soll die beiden Gattungen nicht feindlich einander 
entgegenstellen. Produkte verschiedner Länder und anders ge- 
arteter Völker, erheben sie Anspruch auf gleiche Beachtung. 
Es kommt hierbei nicht in Betracht, dass die moderne Zeit, die 
dem krassen Naturalismus auf so manchen Gebieten huldigt, sich 
mehr von der realistischen Manier angezogen findet. Der Ge- 
schmack der Menschen wechselt, wie die Geschlechter. So rollt 



maier zum Vorbild, und wie diese die individuellen Züge sprechend ähnlich und 
doch verschönert wiedergeben, verfahre er seinerseits bei Darstellung zorniger 
oder leichtsinniger oder mit andern ähnlichen Charakterfehlem behafteter Leute 
so, dass sie trotz dieser Eigenschaften noch edel bleiben." 

Lotheissen, Gesch. d. franz. Literatur. IV. Bd. ^4 



210 

auch die Woge des Meeres in einem Augenblick mächtig empor, 
um gleich darauf in sich selbst zu versinken und einer andern 
Platz zu machen. Aber wie das Wogenspiel nur die Oberfläche 
des Oceans bewegt, und er selbst in seiner Grösse derselbe 
bleibt, so erhält sich auch trotz des ewigen Wandels im Ge- 
schmack alles was wahrhaft schön ist, in ewiger unerschütterlicher 
Hoheit. Die Zeit mag noch fern sein, aber sie wird wieder kommen, 
wo man sich dankbar der idealistischen Tragödie wieder zu- 
wendet*). 

Wir haben uns hier nur mit dieser letzteren zu beschäf- 
tigen. Innerhalb ihrer Grenzen gibt es noch einen weiten Raum 
fär verschiedenartige Gestaltungen. Nach der griechischen Tra- 
gödie folgte die französische, und es wird uns zunächst von 
Interesse sein zu sehen, wie sich die letztere zu ihrem Vorbild 
verhielt. Denn dass die griechische Tragödie den französischen 
Dichtem, besonders Racine, als Muster vorschwebte, ist zweifellos. 
Eine gewisse Aehnlichkeit besteht, doch ist sie mehr scheinbar 
als wirklich. Die klassische Tragödie der Franzosen war von 
den Griechen inspirirt, allein sie entwickelte sich zu einer selb- 
ständigen Kunstform. Ueberhaupt steht das moderne Theater 
auf andrer Grundlage und ist aus andern Verhältnissen erwachsen. 

Das griechische Theater war vor allem national volks- 
thümlich, die Sagen und Heldengeschichten, die es behandelte, 
waren den Zuschauem bekannt und verständlich. Der Stoff konnte 



*) In den Questlons sar TEncyclop^die , Artikel „Art dramatique*' hat 
Voltaire den Beginn der Racine*schen „Iphigenie" einer Scene ans „Hamlef* 
gegenüber gestellt. Areas sagt dort zn Agamemnon: 

A peine nn faible joor vous ^claire et me gaide. 
VoB yenx seuls et les miens sont ouverts en Aalide. 
Aoriez-Yous dans les airs entend^ quelque bruit? 
Les vents vous auroient-ils exauce cette nuit? 
Mais tont dort, et Tarm^e et les vents et Neptone. 

In Hamlet (I, 1) fragt Bemardo den wachehabenden Francisco: 

Have you had qniet gfuard? 
worauf dieser antwortet: 

Not a mouse stirring. 

Yoltaire^s Urtheil fällt natürlich gegen Shakespeare ans und ist ungerecht. Aber 
die Vergleichung der beiden Stellen ist doch von Interesse. 



211 

dem athenischen Publikum kaum etwas neues bieten, und es 
war hauptsächlich die Behandlung des StoflFs, welche interessirte. 

Die französische Tragödie erscheint dagegen von jedem 
volksthümlichen Element gelöst. Das bildet eine wesentliche 
Schwäche für sie. Sie war nicht aus den alten Volksschauspielen 
entstanden, behandelte keine Helden und Heldenthaten, die dem 
Volk Iheuer waren, sondern hatte sich allmälig in entgegengesetzter 
Richtung entwickelt. Sie führte fast immer in die alte Welt 
der Griechen und Römer zurück, für die sich die Gebildeten, 
nicht aber das Volk erwärmen konnte. Was war ihm Hekuba, 
Orest und Iphigenie? t)a nun die französische Tragödie nicht 
national französisch sein konnte, entäusserte sie sich zunächst 
jeder Nationalität. Ihre Griechen sind keine Griechen, ihre Römer 
keine Römer. Jede nationale Eigenthümlichkeit wurde abge- 
streift, so dass nur das reine Menschenthum übrig blieb. Wie 
die Franzosen des 17. Jahrhunderts die menschliche Natur mit 
besonderem Scharfsinn ergrtlndeten, so fand auch die französische 
Tragödie als ihre Hauptaufgabe, Menschen zu zeichnen, die von 
jedem realen Boden, jeder historischen Verbindung gelöst, allen 
Zeiten verständlich sein sollten. Das ist aber ein so echt national- 
französischer Zug, und entspricht so völlig der Tendenz des 
17. Jahrhunderts, dass die Tragödie damit wiederum , wenn 
auch in anderm Sinn, eminent national wurde. Denn sie entsprach 
damit der allgemeinen Richtung der Geister. Diese Manier barg 
freilich grosse Gefahren in sich, und erklärt es, warum die Tra- 
gödie nach Racine so schnell alles Leben einbüsste. 

Der eine, so eben angeführte Unterschied würde schon 
hinreichen, eine innere Verwandtschaft der griechischen und 
französischen Tragödie als zweifelhaft erscheinen zu lassen. Dazu 
kommt aber noch der Gegensatz der Ideen und Anschauungen. 
Wenn die französische Tragödie auch dieselben StoiSFe behandelte, 
wie die griechische, so konnte sie sich doch nicht in die antike 
Denk- und Gefühlsweise versetzen, konnte sie das Publikum nicht 
dazu zurückschrauben. Und doch lassen sich die Dramen der 
Alten, sowie ihre Sagen, ohne Kenntniss des antiken Glaubens 
gar nicht würdigen. Die Lehre von dem Willen der Götter, die 
die Menschen absichtlich zu irrigem oder sündhaftem Thun ver- 

14* 



212 

leiten und sie dann verderben^ widerstrebt uns geradezu. Ein 
Oedipus ist nach unseren heutigen Ideen keine Figur mehr für 
dramatische Behandlung. Auch die Rache erscheint den Alten 
noch als eine Pflicht. Sophokles lässt den blinden König Oedipus 
in Eolonos ausrufen: 

Wie mag ich hier verwerflich sein, 
Der Böses wieder ich vergalt, was mir geschah*). 

Vor allem aber zeigt sich der Geist der modernen Zeit im 
Gegensatz zu dem der Alten, wenn man die Stellung der Frau 
vergleicht. Den Hellenen war die moderne romantische Liebes- 
schwärmerei unbekannt; sie waren weit entfernt von der Hul- 
digung, die man der Frau im Abendland seit dem Mittelalter 
darbringt. Es gab bei den Griechen nichts, was sich der modernen 
77Gesellschaft<^ vergleichen liesse. Die Frau galt nichts ausser 
dem Hause, und wurde kaum beachtet. wWir Weiber sind ein 
Uebel für die Menschen !(« lässt Euripides seine Andromache aus- 
rufen (v. 269). Sophokles hat freilich in Antigene ein edles 
Frauenbild geschaiSFen. Sie erklärt, dass sie r^nicht mitzuhassen, 
sondern mitzulieben(< da sei; ihr Bräutigam tödtet sich an ihrer 
Seite aus Verzweiflung über, ihren Tod, und der Cbor singt sein 
berühmtes Lied «O Eros, Allsieger im Kampf! u Trotzdem tritt 
Antigene nicht aus dem Kreis der altgriechischen Anschauungen 
und Empfindungen heraus. Sie zeigt dieselben nur in ihrer 
reinsten Form. 

So sehen wir denn wieder einen Gegensatz stärkster Art. 
Denn das moderne Drama bringt die Ideen der modernen Kultur- 
welt zur Anschauung, und räumt darum auch der Frau eine 
andre Stelle ein, als die Alten. Man bedenke ferner die Ver- 
schiedenheit der beiden Theater, des antiken und des modernen, 
in ihrer äusseren Einrichtung und Gestaltung. Die riesigen Schau- 
spielhäuser der Alten, welche einer ganzen Stadtbevölkerung 
Platz boten und ohne Dach, nach oben offen waren, forderten 
auch mächtige, über Lebensgrösse erscheinende Schauspielen 
Diese halfen sich, indem sie auf dem Kothurn einherschritten. 



*) Sophokles, Oedipus in Kolonos, v. 62 und 63. Uebersetzung von 
G. Thadichunu 



213 

sich kunstvoll kleideten, um mit entsprechend breiterem Körper 
aufzutreten. Sie trugen Masken mit Schallins trumenteU; damit 
ihre Stimme weiter reichte und im ganzen Haus verstanden 
wurde. Bei dieser Einrichtung aber kann der Vortrag der Schau- 
spieler kaum anders als recitativisch gewesen sein^ wozu ja auch 
die vielfache Einschaltung von Musik, Gesang und Tanz vortreff- 
lich stimmte. Selbst die Hauptpersonen scheinen oft eine Art Arie 
vorgetragen zu haben*). Von Realismus im heutigen Sinne des 
Worts, von einem Streben, die Vorgänge des gewöhnlichen 
Lebens getreu wiederzugeben, war jedenfalls keine Rede; die 
antike Tragödie hob auch schon durch die äussere Darstellung 
ihr Publikum in eine höhere, idealere Welt. 

Wie anders hat sich das moderne Theater gestaltet! Statt 
der grossen Häuser baute man kleine Säle; statt seltener Vor- 
stellungen an grossen Festen spielte man fortwährend, fast all- 
täglich. Vortrag und Spielweise änderten sich dem entsprechend. 
Bedenkt man diese Grundverschiedenheit, so erschrickt man fast 
über die Kühnheit, mit der die französische Dichtung es unter- 
nahm, die antike Tragödie auf die moderne Bühne zu übertragen, 
den Geist der alten hellenischen Dichtung wieder aufleben zu 
lassen. Die Aufgabe, die sie sich damit stellte, war nicht zu 
lösen und wurde für sie ein Grund vielfacher Hemmungen. 

Zudem hatte man von dem Geist des antiken Griechen thums 
doch nur eine in vieler Hinsicht irrthümliche Vorstellung. 

Als die Renaissance den modernen Völkern die Grösse und 
Schönheit der alten Welt erschloss, machte man Bich ein Ideal 
von den Menschen jener Zeit, ihrer Kunst und Dichtung, das 
der Wirklichkeit nicht überall entsprach. Masshalten im Den- 
ken, Reden und Thun, allseitige Harmonie erscheint seitdem als 
das Hauptgebot der alten Welt. Aber das Bild, das man 
uns so von den Hellenen entwirft, ist akademisch zugestuzt. Die 
griechischen Heroen, die Frauen der Sage erscheinen in der 
griechischen Dichtung, also auch in der Tragödie, durchaus 
nicht so stilvoll und wissen nicht immer Mass zu halten. Des 
Sophokles Klytemnestra und Electra sind leidenschaftliche, von 



*) Man vergleiche z. B. Euripides Andromache I, 3. 



214 

wildem Hass erregte Frauen ; Mutter und Tochter verfolgen ein- 
ander mit den grimmigsten Reden, und die letztere fleht Gott 
Apollo um Hilfe für Orestes an, während dieser die Mutter er- 
mordet! Bei Iphigeniens Namen erhebt sich vor unserem geistigen 
Auge das Bild der Jungfrau, wie Goethe sie gezeichnet; die 
griechische echte Iphigenie^ die des Euripides, kennt nichts 
Schöneres, als die Rache an den Feinden, und sie klagt, dass 
ihr diese versagt ist: 

Ach, keinen Lufthauch sandte Zeus bis diesen Tag, 
Kein Segel, das durch's Symplegaden-Felsenthor 
Nach Tauris brachte Helene, meine Mörderin, 
Sammt Menelaos, dass sie meine Kach^ ereilt, 
Gelohnt ein hiesig' Aulis für das dortige*). 

Noch leidenschaftlichere Menschen finden wir in anderen 
Werken der griechischen Tragiker. Aber von diesem wilden 
gewaltthätigen Geist will die herkömmliche Auffassung nichts 
wissen ; in der modernen Kunstanschauung gilt die Antike als 
raassvoU und harmonisch. Wir möchten sie kaum anders. Weder 
möchten wir Racine's Andromaque noch Goethe's Iphigenie den 
gleichnamigen Heroinen des Euripides ähnlicher. Die Zornes- 
reden, in welchen sich diese in der griechischen Tragödie ergehen, 
würden uns in den modernen Stücken verletzen, gerade weil sie 
trotz ihres Namens und verschiedner äusserlicher Zuthat modern 
sind. Es ist unmöglich, den alten griechischen Sinn in den 
Menschen der modernen Welt zu erwecken; jeder Versuch, die 
alte Zeit, die alte Sage künstlerisch zu behandeln, wird immer 
nur ein Werk zu Tage fördern, das modern gedacht und em- 
pfunden ist. 

Was konnte also die französische Tragödie von den Griechen 
entlehnen? Ausser dem Stoff und dem Princip der idealistischen 
Behandlung, lernte es von ihr besonders die Werthschätzung 
der künstlerisch bearbeiteten Form, der hoheitathmenden Sprache, 
sowie eine Reihe mehr äusserlicher Bestimmungen. Zu diesen 
letzteren gehörten das Gesetz der drei Einheiten, und die Regel, 
jede gewaltsame Handlung von der Bühne fernzuhalten. 



*) Euripides, Iphigenie in Tauris, v. 347 fif. Uehersetzuug v. J. Minckwitz» 



215 

Die Griechen kannten bereits die Einheit der Handlung, 
des Orts und der Zeit. Zwar beachteten sie dieselbe nicht immer, 
wie z. B. Euripides in seiner »Andromache« zwei fast selb- 
ständige Stücke aneinander reihte, doch überschritten sie nie eine 
gewisse Grenze, und am wenigsten wagten sie, in einer Dichtung 
zwei Handlungen mit einander zu mischen, und neben einander 
herzuführen, wie es Shakespeare so gern that — man denke an 
Lear und die darin verflochtene Glostertragödie. Auch beobach- 
teten sie gern die Einheit des Orts, sahen aber auch in ihr kein 
unabänderliches Gesetz. Der TiAias« des Sophokles spielt zuerst 
vor dem Zelt des Helden, dann in einer einsamen Gegend am 
Meer. Aber es galt doch als Regel, dass die Einheit des Orts 
möglichst gewahrt bleibe, auch wenn die Wahrscheinlichkeit 
etwas darunter leiden sollte. Bei Sophokles verschwören sich 
Elektra und Orestes auf offenem Platz vor dem Königspalast; 
in Gegenwart des Chors sprechen sie von ihrem Vorhaben, 
die Mutter zu tödten, und diese unwahrscheinliche Offenherzig- 
keit erregte kein Bedenken bei den Athenern. Erst die neuere 
Zeit, welche die poetische Wahrheit so oft der gewöhnlichen 
Wahrscheinlichkeit aufopfert, wurde auch in dieser Hinsicht 
kritisch. Wol noch genauer wahrten die alten Tragiker die 
Einheit der Zeit. Aristoteles sagt ausdrücklich, dass die Tragqdie 
beflissen sei, den Zeitraum eines Tages als Dauer der Handlung 
innezuhalten*). Die Beobachtung der drei Einheiten sollte man 
also der französischen Tragödie nicht als ein Verbrechen an- 
j'echnen, und mit ihr nicht strenger ins Gericht gehen, als mit 
den Griechen. Wenn die französische Tragödie mehr durch diese 
Regeln geschädigt erscheint, liegt der Grund in andern Verhält- 
nissen. Das griechische Drama bewahrte sich trotz der Ein- 
heiten grössere Beweglichkeit, und die Einführung des Chors 
half über die drohende Monotonie hinaus. Dessen Aufgabe fällt 
bei den französischen Tragikern fast immer den Vertrauten zu, 
die nicht anders als kältend einwirken können. Der Chor zer- 
störte allerdings den Eindruck der realen Wirklichkeit, aber er 



*) Aristoteles Poetik 6. 



216 

hob gleichzeitig das ganze Drama in eine höhere und freiere 
Sphäre. Er belebte es und gab ihm Farbe und Abwechslung. 

Auch jene andre Regel, die wichtigen Vorgänge und beson- 
ders die Katastrophen nur erzählen zu lassen, ist von der grie- 
chischen Tragödie übernommen worden. Wenn man nun den 
Franzosen oft als Fehler vorwirft, was man bei den Griechen 
nattirlich und schön findet^ so wirkt dabei etwas Vorurtbeil mit. 
Doch ist nicht zu verkennen, dass die französische Tragödie mit 
ganz besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Losgelöst 
von jedem volksthümlichen Streben, behandelte sie fremde Stoffe, 
aber im Sinne der modernen Anschauungen, und die strengen 
Gesetze, welche sie nach dem Vorbild der Griechen beobachtete^ 
waren doppelt hart, weil sie nur willkürliche Hemmungen zu 
schaffen schienen. Wenn nun die französische Tragödie trotz 
dieser Hindemisse sich zu einem wahrhaften Kunstwerk auf- 
schwang, wird das Genie^ das sie so hoch fährte, um so weniger 
bezweifelt werden können. 

In welcher Form die dramatischen Dichtungen auch auf- 
treten mögen, die höchste und erste Forderung, die man an sie 
alle stellen muss, bleibt die Wahrheit der Cbarakterzeichnung 
und der Empfindungen. Ist diese Wahrheit vorhanden, finden 
wir in einer Tragödie wirkliche, lebendig empfindende Menschen, 
Leidenschaften, die aus der Tiefe des Herzens stammen, sehen 
wir diese verschiedenen Charaktere in einem grossen ethischen 
Konflikt, so ist eine Hauptaufgabe des Werks gelöst Mag der 
Geschmack wechseln; was ewig wahr und schön ist, wird von 
den Launen des Tags nicht berührt, und der Dichter ist fdr alle 
Zeiten gross, dem es gelingt, in seinen Werken das rein Mensch- 
liche festzuhalten and zu betonen. 

Ein solcher Dichter war unstreitig auch Racine. La Bruyere's 
bekanntes Wort, dass Corneille die Menschen gezeichnet habe, wie 
sie sein sollten, Racine aber wie sie sind, ist überaus treffend *). 
Racine hat die Menschennator in ihren innersten Regungen be- 
lauscht; er ist bis auf den Grund des Herzens gedrangen and 
hat sich als ein Meister der Charakteristik erwiesen. Seine Vor- 



*) La Bniy&re, les Caitu^töres, t I „des ouvngea de Tesprit" n. 54. 



217 

ganger verstanden es wol, ihre Personen in der Leidenschaft 
zu zeichnen, wie sie in wildem Ausbruch gegen sich selbst oder 
andere toben, aber es fehlte ihnen die Kunst der Schattirung. 
Und doch sind die Menschen nicht abwechsend ganz Zorn oder 
ganz Ruhe; ihre Gedanken wogen auf und ab, widerspruchsvoll 
und unruhig, ihre Empfindungen sind gemischt. Der Dichter 
muss diese feinen üebergänge im Gefühls- und Gedankenleben 
auch an seinen Personen zu zeigen verstehen, und gerade darin 
erweist er seine Kunst. Vergleichen wir z. B. die Art, wie die 
früheren Tragiker die Eifersucht darstellen und wie Racine sie 
malt. Rotrou schildert in seinem bertlhmtesten Stück, dem 
TjVenceslast« den Prinzen Ladislas von Polen als einen Mann 
unbändiger Leidenschaft. Er wirbt um die Hand einer vornehmen 
Dame, Cassandre. Diese aber theilt ihm mit, dass sie schon 
verlobt ist, und rühmt ihren Bräutigam, der keinem nachstehe. 
Darüber geräth der Prinz in Zorn und in seiner Eifersucht ver- 
steigt er sich zu wilden Drohungen : 

Dies kühne Wort wird ihm das Leben kosten, 

Und in sein Blut, das Euch so edel dünkt, 

Wird dieses Schwert sich, Rache heischend, tauchen. 

Nichts mehr von Achtung heiliger Gesetze! 

Fort Weisheit! fort Vernunft, die ich so oft 

Befragt! kein eitler Wunsch beseele mich! 

Wo jede Hoffnung sinkt, stirbt auch die Liebe. 

Unwürdig seid Ihr 'meiner Herzensneigung! 

Zu lang schon litt ich unter Eurem Hochmuth, 

Ich hätt^ Euch kennen, und die falsche Lockung 

Vermeiden sollen Eurer kalten Schönheit. 



Von heute an verzichte ich auf Euch. 

Mein Geist stimmt mit dem Herzen und den Augen, 

Ich hasse Euern Anblick gleich dem Tod*). 



*) Botrou, Venceslas II, 2. 114: 

Insolente, ce mot lui coütera la vie; 

Et ce fer, en son sang si noble et si vant^ 

Me va faire raison de votre vanitd^ 

Violons, violons des lois trop respectees^ 

O sagesse, 6 raison! que j'ai tant consultdes! 

Ne nous obstinons point k des voeux superflus; 

Laissons mourir Tamour oü l'espoir ne vit plus. 

AUez, indigne objet de mon inqui^tude: 



218 

Das ist grob, verräth aber nichts von den Wallungen des 
Gefühls, von dem Auf- und Abwogen der Leidenschaft. Pierre 
Corneille war grossartig, wenn er das Aufflammen des Zorns, 
der Verzweiflung oder des Heroismus malte; aber auch er schil- 
derte hauptsächlich den plötzlichen gewaltigen Ausbruch und 
kannte die leisen Uebergänge weniger. Selten hat er die Zeich- 
nung der Eifersucht versucht. In «Cinna" vertraut Maxime, ein 
Verschworner, einem Freund das Geheimniss seiner Liebe zu 
Emilie an. Er weiss, dass sie von Cinna geliebt wird und diesem 
Erhörung zugesagt hat, wenn die Verschwörung gelingt. Maxime 
quält sich darum in seinem Herzen mit Widerspruch und Zweifel : 

— — Ja, ich gesteh's^ ich liebe sie. 
Bis jetzt verbarg ich glücklich meine Neigung. 
Bevor ich ihr mein Herz eröffnete, 
Gedacht' ich eine grosse That zu thun 
Und ihre Liebe so mir zu verdienen. 
Doch seh' ich nun, wie er mit meiner Hilfe 
Sie mir entreisst, wie mir sein kühner Plan 
Die Hoffnung raubt — und dennoch stütz' ich ihn! 
Ich fördre, was ihm nützt und was mich tödtet. 
Ich selber biete ihm die Waffe dar. 
In solches Unheil stürzt mich meine Freundschaft*). 

Maxime ergeht sich hier in Antithesen. Er spielt mehr mit 
seinem Schmerz, als dass er ihn zum lebhaften Ausdruck brächte, 
und seine Worte wecken kein Mitgefühl in uns. Wie anders 
glüht die Leidenschaft in Racine's Hermione, die die Qual der 
Eifersucht in vollster Gewalt zum Ausdruck bringt. 

Im Beginn des zweiten Aktes kommt sie, düster und fast 
willenlos. 

Ich thue^ wie du wünschest. Er möge kommen, 

sagt sie zu ihrer Vertrauten C16one, die eine Besprechung mit 
Oreste vermitteln will. Doch sie kennt sich, sie ahnt die Stürme, 



J'ai trop longtemps souffert de votre ingratitude; 
Je vous devois connottre, et ne m'engager pas 
Aux trompeuses douceurs de vos cruels appas. 

D'aujourd'hui il renonce au joug de votre empire, 
Et qu'avec ma raison mes yeux et lui d'accord 
D^testent votre vue k IMgal de la mort. 
•) Corneille, Cinna III, 1. 12 ff. 



219 

die ihr Gemüth so leicht durchtoben, und ihr weiteres Wort 
klingt ernst: 

Doch folgt' ich meinem Sinn, sah ich ihn nicht*). 

Man hört schon fast das Rollen des nahenden Ungewitters 
und es bedarf nur weniger Worte, um Hermionens Zorn zu ent- 
flammen. Sie hat einst Oreste abgewiesen und fühlt sich nun in 
ihrem Stolz verletzt, dass sie vor ihm selbst als Verschmähte 
erscheinen soll. Sie spricht von ihrem Hass gegen Pyrrhus: 

Ob ich ihn hasse! meine Ehre fordert's, 
Da er vergisst, wie warm ich für ihn fühlte. 
Er war mir theuer, und verrieth mich doch! 
Ich liebte ihn zu sehr, als dass ich ihn 
Jetzt nicht von Herzen hasste — — **). 

Doch sie weiss, dass sie nicht die Wahrheit spricht und 
in ihrem Herzen die Liebe zu Pyrrhus noch immer herrscht. Im 
Augenblick, da sie sich selbst zum Hassgefühl aufstachelt, da 
sie erklärt, den Treulosen verachten und fliehen zu wollen, hslt 
sie inne. Wenn Pyrrhus doch noch reuig zurückkehrte? Wenn 
er wollte . . . Aber nein, er denkt nicht daran, und in diesem 
bitteren Bewusstsein und von dem Wunsch nach Rache beseelt, 
empfängt sie Oreste. Ihn, den sie einst gekränkt hat, gilt es 
nun zu gewinnen. Er soll nichts von der Fortdauer ihrer Neigung 
zu Pyrrhus wissen und selbst wieder Hoffnung schöpfen. Die 
stolze Hermione wird zwar nicht zur geschmeidigen^ schmei- 
chehiden Zauberin, die ihr Opfer bestrickt, aber sie findet doch 
auch gleissnerische Worte und gibt zu verstehen, dass sie Oreste 
oftmals an ihre Seite gewünscht habe. Dieser schlägt ihr vor 
mit ihm Epirus zu verlassen und die Griechen zu einem Kache- 
krieg gegen Pyrrhus aufzurufen. Was kann sie Besseres wün- 



♦) Racine, Andromaque II, 1. 1 : 

Je fais ce que tu veux. Je consens qu'il me voie. 

Mais si je m'en croyois, je ne le verrois pas. 

*♦) Andromaque II, 1. 29 ff.: 

Si je le hais, Cl^one! II y va de ma gloire 
Apr&s tant de bont^s tont il perd la memoire. 
Lui qui me fut si eher et qui m'a pu trahir! 
Ahl je Tai trop aimö pour ne le point hai'r. 



220 

sehen, als solehe Kaehe — wenn sie wirklich hasst? Aber sie 
zaudert. Sie verräth ihre innersten Gedanken, indem sie nicht 
an ihre Rache, sondern an den Sieg ihrer Nebenbuhlerin denkt: 

Wie aber, Fürst, wenn er Andromache 
Als Gattin heimführt? 

Kaum sind ihr diese Worte entschlüpft, fühlt sie, dass sie 
zu viel gesagt, und fast verlegen sucht sie nach einer Begrün- 
dung dafür: 

Bedenkt die Schande, 

Wenn einer Phrygerin er 8ich vermalte ! 

Wäre Orest nicht selbst eifersüchtig, könnte er ihr glauben. 
So aber durchschaut er sie und antwortet ihr enttäuscht, mit 
einem Anflug trüber Ironie *). 

Die ganze Unterredung entspricht nicht dem griechischen 
Charakter, und ein liebender Oreste stimmt nicht mit unserer 
Kenntniss der alten Sage überein. Das haben wir schon bei der 
Besprechung des Stücks gesagt. Aber man denke nicht an die 
historischen Träger dieser Namen, und man hat das vortreffliche 
Bild einer verletzten, eifersüchtigen, rachedurstigen Frau, die 
einen leidenschaftlichen Menschen als Werkzeug ihrer Rache ge- 
winnen will. 

Ist es nöthig hier noch einmal auf den Gegensatz zwischen 
der idealistischen und der realistischen Tragödie hinzuweisen? 
Die letztere wird die Leidenschaft anders darstellen, wenn auch 
die Zeichnung der einen so wahr sein kann, wie die der andern. 
Othello erdrosselt Desdemona auf der Bühne, und die blinde 
Wuth, die in ihm rast, lässt ihn fast unzusammenhängende 
Worte ausstossen: ^Nieder mit dir! . . . kein Sträuben . . . Ist's 
gethan^ braucht's keines Zögerns! . . .u, aber selbst Othello redet 
im Beginn dieser Mordscene, wenn er das Schlafgemach Desde- 
mona's betritt, fast im Stil der idealistischen Tragödie: 

Die Sache wilPs, die Sache wilPs, mein HerzI 
Lasst sie mich euch nicht nennen, keusche Sterne 1 
Die Sache wilPs. — Doch nicht ihr Blut vergiess* ich; 
Noch ritz ich diese Haut, so weiss wie Schnee, 
Und sanft, wie eines Denkmals Alabaster. 



*) Andromaqae II, 2. 93 ff. 



221 

Ebenso wird man sich vor Augen halten, dasa Kacine ein 
Sohn des 17. Jahrhunderts war, in welchem die Mehrzahl der 
gebildeten Franzosen cartesianische Ideen hegte. Descartes aber 
hatte gelehrt, die ganze Aufmerksamkeit auf den Menschen und 
dessen geistige Kräfte zu richten, und selbst die Poesie ent- 
sprach, wie wir schon öfters bemerkt haben, dieser Tendenz. 
Die psychologische Analyse war eine Hauptstärke der klassi- 
schen Literatur, und ging in der Tragödie stellenweise sogar zu 
weit. Auch die Personen der Racine*schen Tragödien denken 
manchmal zu viel über sich nach und kennen sich selbst zu gut. 
Hermione hört mit Entsetzen, dass Oreste, ihrem Befehl getreu, 
den König Pyrrhus erschlagen hat. nWas that er? Wer hiess es 
dich?(^ schreit sie entsetzt. Dann aber, wenn Oreste sich auf 
sie selbst beruft, meint sie, er hätte einer Rasenden nicht glauben, 
hätte im Grund ihres Herzens lesen sollen*), — eine Bemerkung, 
die eher ein dritter, Unbetheiligter machen könnte, als gerade sie. 

Auch in einem andern Punkt war Racine der gehorsame 
Sohn seiner Zeit. Ein Neuerer in vieler Hinsicht, musste er doch 
die Vorliebe seiner Zeitgenossen für zärtliche Liebesscenen 
schonen. Selbst Saint-Evremond, der klarste und verständigste 
Kritiker des 17. Jahrhunderts, verlangte die Herrschaft der 
Liebesintrigue in der Tragödie**). Schien doch die Racine^sche 



♦) Andromaque V, 3. 50 ff.: 

Hermione. 
Pourquoi Tassassiner? Qu'a-t-il fait? a quel titre? 
Qui te l'a dit? 

Oreste. 
O Dieux! Quoi, ne m'avez-vous pas 
Vous meme, ici, tantöt, ordonne son tr^pas? 

Hermione. 
Ah! falloit-il croire une amante insens^e? 
Ne devois-tu pas lire au fond de ma pensee? 

Ueber den Einfluss des Descartes auf die französische Literatur siehe die 
interessante Schrift: Emile Krantz, „Essai sur les rapports de la doctrine carte- 
sienne avec la littdrature classique fran^aise au 17rae giöcle". Germer -Bailli^re 
1882. Der Verfasser geht freilich manchmal etwas weit. 

**) Saint-Evremond, Dissertation sur l'Alexandre de Racine (II. 310): 
„Bejeter l'amour de nos tragddies comme indigne des heros, c'est öter ce qui 



222 

nlph]g^nie<< den Zeitgenossen zu wenig Raum für die Liebesscenen 
zu wahren ! Statt sich an die ewig giltige Sprache des Herzens 
zu halten, Hess auch Racine seine Liebhaber in der gekünstelten 
Manier der galanten Herren vom Hofe reden. Nur sollten sie 
noch dabei tugendhaft und zurückhaltend erscheinen; gleich den 
Helden der Scudäry'schen Romane. Und damit verloren sie wieder 
an Wahrscheinlichkeit. Denn es ist schwer ^ einen nHelden(< in 
der Höflingssprache von Versailles girren zu hören und in ihm 
zugleich einen Mann von einfachem geraden Sinn zu erkennen*). 
Die Regeln der höfischen Etikette haben bei den jugendlichen 
Helden Racine's mehr Geltung als die Gesetze der Natur, und 
so ist es begreiflich, dass sie nur so lang wirklich bewundert 
wurden y als ihr Urbild in Versailles zu finden war. Als dieses 
schwand^ verlor sich auch die Sympathie für tragische Liebhaber, 
wie Alexandre, Bajazet, Xiphar^s und andre Helden dieser Art. 
Sie waren kurze Zeit beliebt, trugen dann aber wesentlich dazu 
bei; das Urtheil über Racine ungünstiger zu gestalten. Und doch 
haben sie immer nur Nebenrollen; selbst Hippolyte^ der sich 
mehr der Liebe zu Phidre erwehrt, als dass seine Liebe zu 
Aricie Bedeutung gewänne. Racine steht mit seinen schwäch- 
lichen Liebhabern indessen nicht allein. Auch Schiller hat in 
seinem nTelU einen galanten Rudenz, in »Wallenstein<< einen 
schwärmerischen Max, der durchaus nicht in das Zeitbild passen 
will. Auch die TjJungfrau von Orleans<< wollte der Dichter nicht 
ohne zärtliche Scenen lassen. Und diese Irrthümer Schiller's 
trugen mit zur glänzenden Aufnahme der Stücke bei. Der Dichter 
irrt manchmal; indem er dem Geschmack seiner Nation huldigt, 
aber in solchem Fall erhöht der Irrthum noch des Dichters Po- 



nous fait tenir encore ä enx par un secret rapport". Noch viel später sagten 
die Brüder Parfaict bei einer Besprechung der „Pdn^lope* des Abb^ Genest 
(1684), ein jugendlicher Held ohne Liebe sei in jener Zeit unmöglich gewesen. 

*) So sagt z. B. der leidenschaftliche, auch vor dem Mord nicht zurück- 
scheuende Oreste zu Andny^aque (Andromaque II, 2. 6): 

u, >^ s> i — — le destin d'Oreste 
Est de venir sans cesse adorer yos attraits, 

oder ib. y. 19: 

et je me vois reduit 

A chercher dans vos yeux une mort qui me fuit. 



223 

pularität. Freilich hätte Max Piccolomini nicht gentigt, Schiller 
berühmt zu machen , so wenig wie Hippolyte die Bedeutung 
Racine's erkennen lässt. Aber wie neben Max noch Karl Moor^ 
Wallenstein, Maria Stuart und so viel andre kräftige Figuren 
stehen, so gründet sich Kacine's Ruhm nicht auf die schwäch- 
lichen Liebhaber, sondern auf seine grossen Charaktere, die 
immer ihren Werth behalten werden, auf Andromaque, Hermione, 
Näron, Mithridate, Ph&dre, Athalie u. a. m. Für den Charakter 
des Dichters selbst ist es bezeichnend, dass ihm vor allen die 
Frauenrollen gelangen. Er hat keinen Helden, der wie der Cid 
begeistert; aber keine andre Frauenfigur der französischen Tra- 
gödie reicht an eine seiner leidenschaftlichen oder sehnsüchtig 
weichgestimmten Heroinen heran. 

Mit dieser Meisterschaft der Charakterzeichnung vereinigte 
Racine eine unerreichte Herrschaft über die Sprache. Racine's 
Sprache zu würdigen, ist aber besonders für den Ausländer 
schwer. Denn je feiner ein Dichter seine Muttersprache behandelt, 
je mehr er seinen Ausdruck schattirt und dem Charakter seines 
Volkes anpasst, desto theurer wird er diesem werden, desto 
schwerer aber wird der Fremde diese Vorliebe für ihn begreifen. 
Sei es uns gestattet, ein Beispiel dafür aus der deutschen Li- 
teratur zu wählen. Goethe's Mondlied ^Füllest wieder Busch und 
Thal«, oder der Beginn seiner nlphigenie« können von einem 
Ausländer ihrem vollen Zauber nach kaum genossen werden, 
wenn er sich nicht Jahre lang mit der deutschen Sprache vertraut 
gemacht hat. Er wird der kräftigen Sprache des nGötz« viel 
leichter folgen ; aber wie soll er die duftige Poesie und unsagbare 
Schwermuth jenes Lieds verstehen, wenn er nicht das Qeheimniss 
der Goethe*schen Kunst, den Reiz seiner Wortstellung, seiner 
einfachen und doch so malerischen Sprache kennt? 

Gerade so verhält es sich mit der Sprache Racine's, die 
gleich kräftig für den Ausdruck der Leidenschaft wie für die 
kühlere dialektische Rede ist, die einen unbeschreiblichen Zauber 
durch die Harmonie und Weichheit ihrer Verse, durch die Ein- 
fachheit und doch oft erstaunliche Kühnheit ihres Ausdrucks 
ausübt. Racine besass das Geheimniss, überraschende Wortver- 
bindungen auf die natürlichste Weise herbeizuführen, und, wie 



224 

der Lateiner, seine Sätze durch ümstellong harmonischer und 
ausdrucksvoller zu gestalten. So stellt er z. B. die Apposition 
gern voran und erzielt damit eine besondere Wirkung. Andromaque 
weist des Pyrrhus Werbung zurück, indem sie ihre Gemüths- 
stimmung vorschützt: 

CaptiTe, toujours triste, importane k moi meme 
PoaTez-Toas sonludter qu* Andromaque toos aime?*) 

Die Apposition, die zu dem Namen Andromaque gehört, 
gewinnt durch diese Umstellung ein besonderes Grewicht Der 
Grossvezier spricht in T^Bajazett^ verächtlich von der Leicht- 
gläubigkeit der Masse: 

Je sais combien, crednle en sa deTotion, 
Le penple snit le firein de sa religion^. 

Ebenso sagt Agamemnon, wenn er die Ueberredungskunst 
des Ulysses zu seiner Entschuldigung anfuhrt: 

De qael £ront immolant tont r£tat k ma fille, 
Roi Sans gloire, j'irois vieillir dans ma famille!***) 

Der Grund, dass er das Wohl des Staats seiner Familie 
opfere, und seinen eignen Ruhm als König verliere, wird durch 
diese Stellung der Sätze aufs stärkste betont. 

Wie solche Inversionen und Transpositionen zur feineren 
Nuancirung des Ausdruckes beitragen , so liegt die Kraft der 
Rede oft nur in einer kleinen Aenderung der Konstruktion. In 
ihrer höchsten Leidenschaft sagt Hermione dem König, von dem 
sie sich verlassen sieht, aber auch noch verhöhnt glaubt: 

Plenrante apres son cliar vous Tonlez qn^on me voief) 

WO nicht allein die Inversion den Gedanken hervorhebt, dass 
man sich an ihren Thränen weiden will, sondern auch durch die 
Anwendung des Verbaladjektivs die Lage Hermionens als einer 
Thränenreichen, immer Unglücklichen ausdrucksvoller geschildert 
wird, als wenn das einfache Particip »pleuranttt gebraucht wäre. 
Mit seltner Kürze und doch verständlich ruft Hermione in 
derselben Scene: 



*) Andromaque I, 4. 44. 
**) Bajazet I, 2. 23. 

•**) Iphigenie I, 1. 77. 
f) Andromaque IV, 5. 55. 



225 

Je t'aimois inconstant, qn^aurois-je fait fid^le? 

«Ich liebte dich, obwohl da unbeständig warst, wie würde 
ich dich erst geliebt haben, wenn du dich als treu erwiesen 
hättest!" *) 

Die Kürze des Ausdrucks führt oft zur Verstärkung des- 
selben. Racine findet dann Bilder und Wortverbindungen, die an 
Kraft nicht leicht übertroffen werden. So klagt Britanniens, dass 
Junie sich verändert habe: 

Quoi? mSme vos regards ont appris ä se taire? 

Er weiss nicht, dass Nero lauscht und vorher seinem Opfer 
jede Aeusserung der Theilnahme verboten hat: 

J'entendrai dea regards que vous croirez muets. 

Kaum verbreitet sich bei Hof und in Rom das Gerücht, 
dass Agrippina beim Kaiser wieder in Gunst stehe, so beeilt 
sich ein jeder ihr unterthänig zu sein, und triumphirend ruft 
sei aus: 

Dejä de ma faveur on adore le bruit**). 

Bekannt ist auch das Wort des Burrhus, der sich gegen 
Agrippina's Vorwürfe vertheidigt, dass er Nero ihrem Einfluss 
entrissen habe: * 

Ahl si dans IMgnorance il le falloit instruire, 
N'avoit-on que S^n^ue et moi pour le s^duire? 



La cour de Claudius, en esclaves fertile 

Pour deux que Ton cherchoit, en eüt prdsent^ mille, 

Qui tous auroient briguö Phonnear de l^avilir: 

Dans une longue enfance ils Tauroient fait vieillir***). 

Wenn die französische Poesie und besonders die Dichtung 
des 18. Jahrhunderts den einfachen Ausdruck vermied und eine 
Umschreibung vorzog, so blieb Racine mehr als ein andrer von 
dieser Schwäche frei. Man hat ihm später sogar vorgeworfen, 
dass er zu alltägliche Ausdrücke gebrauche und z. B. Athalie in 
der Erzählung des Traumgesichts von »Hunden« und nicht von 



*) Andromaque IV, 6. 91. 
*») Britannicus II, 6. 44; II, 3. 166 und V, 3. 33. 
***) Britannicus I, 2. 65. 
Lotheissen, Gesch. d. frans. Literatur. lY. BcL je 



226 

9)MoIoBBemtf rede'*'). Doch machte auch er dem Geschmack 
seiner Zeit manche Konzession ^ wie wir schon gesehen haben, 
nnd seine Liebhaber reden die blumenreiche und geschmacklose 
Sprache der höfischen Galanterie. Manche Ausdrücke dieser ge- 
kfinstelten Sprache haben sich bis heute erhalten^ wie z. B. das 
Bild »faire une conquStetf u. a. m. Daneben aber wird auch von 
der nflamme offens^c^, von der »flamme servile«^ von dem »beau 
feu« gesprochen und es findet sich selbst das Bild »couronner 
des feuxtfy wenn von der Erhörung des Liebenden die Rede ist. 
Janie gesteht, dass Britanniens ihr manchmal seine Neigung an- 
gedeutet habe: 

Je ne youb nierai pas qne ses soupirs 
M'ont daign^ quelqnefois ezpliqaer ses d^sin. 

Diese Sprache, die eine Zeit lang Mode sein konnte^ die 
aber zu unnatürlich war, um lange in Geltung zu bleiben, stört 
den GFenuss der Racine'schen Werke. Doch vermag diese unleug- 
bare Schwäche die Bedeutung derselben nicht zu vermindern, und 
man wird dem Dichter der »Phidre« und der »Athalie« deshalb 
nicht die Meisterschaft in der Behandlung der Sprache abspre- 
chen können. 

Noch eine andre Besonderheit der firanzösischen Tragödie 
muss hier erwähnt werden. Man kann eine dramatische Dichtung 
nicht ganz von der Form trennen, in der sie zu ihrer Zeit dem 
Publikum geboten wurde. Wenn man uns heute manchmal eine 
griechische Tragödie vorf&hrt, so ist das noch lange nicht die 
Tragödie^ wie sie Sophokles und die Athener kannten. Es ist 
immer ein mehr oder weniger modemisirtes Werk^ was uns da 
geboten wird, und die Sophokleische »Antigonett wäre nur in 
einem antiken Theater mit der antiken Musik und der alten 
Schauspielkunst völlig zu verstehen. Die Poesie bleibt; aber wie 
ein Schauspiel beim Lesen anders wirkt, als bei der Darstellung, 
so ändert sich auch der Charakter der Dramen mit der Weise 
der Inscenirung. Der unterschied zwischen der modernen Auf- 
fthrung eines Racine'schen Stücks und einer solchen zur 2^it 



*) Andre Kritiker tadelten sogar Ansdroeke, wie ,qaoiqn*il en soit, il ne 
fant point mentir, retoumez dans yotre appartement* etc. als su gewöhnlich ! 



227 

Ludvrig XIV. ist zwar nicht so gross, wie zwischen den Bühnen- 
spielen des Alterthums und der Neuzeit, aber er besteht immerhin. 
Während man heute durch sorgfältige Ausstattung und peinliche 
Genauigkeit in den Kosttlmen den Dramen des 17. Jahrhunderts 
die Lokalfarbe geben will, aber nur einen inneren Widerspruch her- 
vorruft, hatte sich die Tragödie zur Zeit Racine's eine Bühne ganz 
eignen Charakters geschaffen, eine Bühne, die von jeder realen 
Bestimmtheit so weit entfernt war, wie sie selbst. Man versetze 
sich einen Augenblick in eine VorsteUung der nlphig^nietc zu 
Versailles im August des Jahres 1674. Die Bühne war an einer 
schattigen Stelle des Parks aufgeschlagen. Die Scene selbst^ 
welche Aulis darstellen sollte, zeigte einen Laubgang mit künst- 
lichen Grotten, Marmorbassins und Wasserkünsten, und in dem 
plätschernden Wasser erhoben sich Gruppen vergoldeter Tritonen 
und Nymphen. Rings um die Scene liefen goldne Balustraden, 
auf welchen kostbare Porzellanvasen mit Blumen prangten. Im 
Hintergrund sah man Zelte, die einzige Andeutung, dass man 
sich in einem Heerlager befinde. Und wie zu Athen der Zu- 
schauer über die Bühne hinaus die Höhen von Attika erblickte, 
so schweifte hier der Blick über die Scene weiter von der grossen 
Allee der königlichen Orangerie, wo sich zwischen den Orangen- 
und Granatbäumen wiederum Tische mit Blumenvasen, Ejrystall- 
girandolen und goldenen Kandelabern erhoben, bis zum grossen 
Marmorportal, das die Allee abschloss. Das Ganze war von 
Tausenden von Wachskerzen erleuchtet und strahlte im hellsten, 
aber mildesten Licht*). 

Ein andermal, im Jahr 1680, liess die Herzogin von Orleans 
im Schloss zu Saint-Cloud zu Ehren des Königs und der jungen 
Dauphine den r)Mithridate(< aufführen. Die Bühne war in dem 
grossen Saal des Schlosses errichtet. Als Dekoration dienten nur 
spanische Wände von besondrer Schönheit, und wiederum war 
die Scene mit silbernen Tischchen, Vasen und duftenden Blumen 
geschmückt. Im Hintergrund vor einem grossen Fenster, das den 



*) YergK Les Divertissements de Versailles, donn^s par le Boy k tonte 
sa conr au retour de la conqueste de la Franche - Comt^ , en rannte 1674. A 
Paris 1674. Ein Auszug daraus in Mesnard^s Ausgabe von Racine (Notice zu 
Iphigönie). 

15* 



228 

Blick auf Paris gewährte ^ erhob sich eine Art Amphitheater, 
das in einem Meer von Licht strahlte und gleichfalls Blumen 
und Kunstwerke aller Art aufwies*). 

Eine solche Bühne, völlig frei Ton jedem speciellen Cha- 
rakter eines Landes oder einer Epoche, aber strahlend von Luxus 
und blendend in ihrer künstlichen Schönheit, eine solche Bühne 
war in Harmonie mit den Tragödien Racine's. Nun konnte es 
auch nicht stören, dass deren Helden im französischen Hofkleid 
auftraten^ den Degen an der Seite, den Hut unterm Arm und 
den Kopf mit der grossen Perrücke geziert. Die frühere Zeit 
hat ja überhaupt von der historischen Treue der Kostüme nichts 
wissen wollen, weder Shakespeare noch Calderon, und erst in 
unserem Jahrhundert legt man solches Gewicht auf die Neben- 
sachen. 

Fassen wir noch einmal alles zusammen, was wir über die 
französische Tragödie gesagt haben, so ergibt sich, dass wir es 
mit einer von der antiken Dichtung inspirirten, aber bei den 
gänzlich veränderten Verhältnissen doch selbständig entwickelten 
Kunstform zu thun haben; dass die Tragödie der Franzosen ihre 
Bezeichnung als klassisch verdiente, so lange sie, wie in den 
Werken Comeille's und Racine's, die grossen Ideen ihrer Zeit 
und ihres Volks lebendig wiedergab und den eigenthümlichen 
Charakter der französischen Nation so merkwürdig verkörperte. 
Sie wusste den geistigen Inhalt ihrer Dichtungen in vollkommene 
Harmonie mit der Form zu bringen; sie erschien losgelöst vom 
eigentlichen volksthümlichen Leben, entsprach aber dem Ge- 
schmack der massgebenden Kreise und suchte ideale Wahrheit 
und Schönheit mit einander zu verbinden. Gerade darum erntete 
sie später den Vorwurf der Unwahrheit und Manierirtheit. Aber 
die leidenschaftlichen Gegner, die den Sturz der Tragödie ver- 
kündeten, sind selbst gestürzt und vergessen, während die viel 
geschmähte Tragödie noch gross und sicher in der Bewunderung 
ihres Volkes dasteht. Ihre Geschichte ist schon längst abge- 
schlossen; keine neuen Blüten und Früchte verrathen, dass der 
einst so stolze Baum noch lebt, aber es wäre ein schlechtes 



*) Berieht des Mercure galant 1680. Siehe Mesnard, Notice zu Mithridate. 



229 

Zeichen, wenn das französische Volk die goldnen Früchte, die 
derselbe einst getragen, zu verachten begänne. 

Den vielfachen Kritiken gegenüber, möchten wir das ein- 
schneidende ürtheil eines geistvollen Franzosen mittheilen, wel* 
eher Schiller's >? Wallenstein" gegenüber ähnlichen absprechenden 
ürtheilen vertheidigte. Denn man täusche sich nicht, von der 
völligen Verwerfung der Racine'schen Tragödie zu der Verdam- 
mung der Schiller'schen ni^hetorischen« Schauspiele ist es nicht 
weit, und es bleibt schliesslich nichts mehr in Geltung als der 
nüchterne prosaische Naturalismus. 

Doudan, dessen Briefwechsel vor einigen Jahren veröffent- 
licht wurde, schrieb über »Wallenstein" : 77Man behauptet, das. 
Stück sei ohne Leben, und glaubt damit das Todesurtheil einer 
Tragödie auszusprechen. Nichts ist weniger lebendig als die antike 
Tragödie und doch ist sie so schön ! . . . Die falsche Theorie von 
den T^lebensvollen Wesen" hat uns all das moderne abscheuliche 
Zeug gebracht. Ein Apollo aus weissem Marmor, unbeweglich 
und erhaben, ist mir lieber, als ein Mensch, der sechs Pfund 
Brod und einen gebratenen Truthahn verzehrt, und dabei über 
einen fünfzehn Fuss breiten Graben springt. Unsere moderne 
Aesthetik hat in ihren Principien immer etwas von dem gebra- 
tenen Truthahn" *). 

Aber der Schreiber dieser wegwerfenden Kritik könnte al& 
^^reaktionärer" Anhänger der alten Klassiker in der Zeit des 
Romantikersturms nicht unparteiisch erscheinen. Heinrich Heine 
aber war gewiss ein Gegner aller Pedanterie und frostig steifen 
Poesie. Doch auch er pries Racine in rückhaltlosen Worten und 
mit einem Ton, den er selten anschlug: nRacine war der erste 
moderne Dichter, wie Ludwig XIV. der erste moderne König 
war. In Corneille athmet noch das Mittelalter. In ihm und in 
der Fronde röchelt noch das alte Ritterthum. Man nennt ihn 
auch deshalb manchmal romantisch. In Racine aber ist die Denk- 
weise des Mittelalters ganz erloschen; in ihm erwachen lauter 
neue Gefühle; er ist das Organ einer neuen Gesellschaft; in 



*) Doudan, Correspondance. Brief an den Herzog Albert de Broglie Tom 
20. Angnst 1838. Was würde Dondan erst heute sagen? 



230 

seiner Brust dufteten die ersten Veilchen unseres modernen 
Lebens; ja wir könnten sogar schon die Lorbeem darin knospen 
sehen, die erst später, in der jüngsten Zeit, so gewaltig empor- 
geschossen. Wer weiss, wie viel Thaten aus Racine's zärtlichen 
Versen erblüht sind! Die französischen Helden, die bei den Py- 
ramiden, bei Marengo, bei Austerlitz, bei Moskau und bei Waterloo 
begraben liegen, sie hatten alle einst Racine's Verse gehört, und 
ihr Kaiser hatte sie gehört aus dem Munde Talma's. Wer weiss, 
wie viel Centner Ruhm von der Vendomesäule eigentlich dem 
Racine gebührt. Ob Euripides ein grösserer Dichter ist, als 
Racine, das weiss ich nicht. Aber ich weiss, dass letzterer eine 
lebendige Quelle von Liebe und Ehrgefühl war, und mit seinem 
Tranke ein ganzes Volk berauscht und entzückt und begeistert 
hat. Was verlangt ihr mehr von einem Dichter? Wir sind alle 
Menschen, wir steigen ins Grab und lassen zurück unser Wort, 
und wenn dieses seine Mission erfüllt hat, dann kehrt es zurück 
in die Brust Gottes, den Sammelplatz der Dichterworte, die 
Heimat aller Harmonie«^ *). 



*) H. Heine, die romantische Schule. 11. Buch, n® 1 (SämmUiche Werke, 
Hamburg bei Hoffmann und Campe. B. VI. S. 119). 



VI. 



Tragiker neben und nach Bacine. 



Xiacine gilt heute als der einzige wahre Vertreter der fran- 
zösischen Tragödie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhun- 
derts. Wie aber weder Corneille noch Moli^re unbestritten dastan- 
den, so fand auch Racine^ wie wir schon gesehen haben, nichts 
weniger als ungetheilte Zustimmung. Er hatte im Gegentheil der 
Rivalen und Gegner nur allzuviel. Heute wissen wir, dass ihm 
unter den tragischen Dichtem seines Landes keiner ebenbürtig 
zur Seite stand, imd dass auch keiner der Nachfolger die Tra- 
gödie auf gleicher Höhe zu erhalten vermochte. Vor zweihundert 
Jahren aber war es nicht so leicht, sich diesen Unterschied in 
der poetischen Begabung der dramatischen Dichter klar zu ma- 
chen. Viele andre fanden rauschenden Beifall, wenn sie ihre 
Werke aufführen liessen, und ihr Erfolg übertraf nicht selten 
den, dessen sich Racine rühmen konnte. Thomas Corneille ge- 
wann mit seinem nTimocrateu (1656) mehr Lorbeem, als irgend 
ein andrer Dramatiker. Dass diese so schnell welken würden, 
mögen nur wenige Zuschauer vorausgesehen haben. Ebenso 
drängte sich das Publikum mit grösserem Eifer zu den Schau- 
spielen Campistron's , dessen nTiridate" (1691) das Publikum so 
mächtig anlockte, dass die Schauspieler den Preis der Plätze er- 
höhten und doch volle Häuser erzielten. 

Wir müssen darum eine Uebersicht jener Tragiker geben, 
welche mit Racine rivalisirten, sowie jener, welche auf ihn folgten. 
Erst dann werden wir die Stellung, die Racine einnahm, richtig 
beurtheilen können. 

Zunächst ist hier noch einmal Thomas Corneille zu erwähnen, 
den wir schon mehrmals als Dichter von Lustspielen und Tragö- 
dien zu nennen hatten. Ohne feste ästhetische Principien huldigte 
er einfach dem jeweilig herrschenden Geschmack, und dichtete, 
wie es die Mode verlangte. In seinen ersten Arbeiten ein getreuer 
Jünger seines berühmten Bruders, ging er später zu der romanesken 



234 

Manier über*). Ihr verdankte er auch seine bedeutendsten Erfolge. 
Als dann Racine in seinen Tragödien alle abenteuerlichen Ver- 
wickelungen und Zutbaten verschmähte^ und in lebendigen Cha- 
rakterbildern die Leidenschaften zu treffender Darstellung brachte, 
als er Herzenstöne anzuschlagen wusste, die man früher nie ge- 
hört hatte, war Thomas Corneille bereit auch diese Kunst zu ver- 
suchen. Mit Verständniss ftir die Anforderungen der Bühne begabt, 
mit dem Geheimniss der dramatischen Wirkung vertraut, konnte 
er sich leicht jeder Manier anbequemen. Aber wenn er auch auf 
Racine's Bahn einlenkte, blieb er doch weit hinter diesem zu- 
rück. Von seinen Tragödien, in welchen er mit ihm wetteiferte, 
sind hauptsächlich nAriane(< zu nennen, in welcher er das 
Schicksal der von Theseus verlassenen Tochter des Minos in 
weichlich galanter Liebessprache behandelte, ohne dass es ihm 
gelungen wäre, auch nur für eine der Personen, nicht einmal 
für Ariane (Ariadne) selbst, Interesse zu erwecken. Ariane, die in 
Begleitung ihrer Schwester Phfedre von Thesöe auf die Insel 
Naxos gebracht worden ist, wird dort von dem letzteren in cyni- 
scher Weise verlassen. nMeine Undankbarkeit ist ein nothwendiges 
Unglück", sagt er ganz ruhig zu Pirithous**), und flüchtet zuletzt 
mit Ph^dre, die nicht weniger philosophisch denkt: »Fliehen wir 
ihre Thränen, die Ausbrüche ihrer Verzweiflung ; ich sehe wohl, 
es muss sein"***). 

Ariane hat sich dafür nicht die Liebe Apollo's, wie der 
Mythus erzählt, sondern die Neigung des Königs Oenarus von 
Naxos erworben. Das erleichtert das Gemüth des treulosen 
Thesöe, und das Stück endet in der That damit, dass Ariane 
bei der Nachricht von der Flucht des Geliebten zwar in Ohnmacht 
fällt, der König aber doch von der Zukunft das Beste für sich 
hofft. Nur den ersten Ausbruch des Schmerzes dürfe man nicht 
zu hemmen suchen. 



*) Vgl. Band III, S. 92 flf. und Band IV, S. 93 flf. 

**) Ariane I, 3. 45: 

Mais mon ingratitude est un mal necessaire. 

***) Ibid. IV, 5. 74: 

De ses pleurs, de ses cris fuyons T^clat funeste; 
Je vois bien qu^il le faut. 



235 

Es ist eine fade Liebes- und Hofgeschichte, welche Thomas 
Corneille in wArianet^ behandelt hat. Ariane selbst ist eine pre- 
cieuse Dame, und der Dichter versucht es vergebens, ihr die sehn- 
süchtige Sprache einer Racine'schen Heldin zu geben. So erklärt 
sie dem König Oenarus, der ihr respektsvoll von seiner Liebe 
gesprochen hat: 

Was ich Euch schulde, sagt mein Herz mir laut ; 
Ich gab es Euch, wenn es mir noch gehörte. 
Doch hätt' es noch den gleichen Werth für Euch, 
Wenn ich zuvor die Treue brechen müssife? 
Mein Herz ist Theseus unterthan, gehört 
Ihm ganz*). 

Wenn sie später von dem Verrath des Thesöe hört, ftLrchtet 
sie für ihren Verstand; aber wir glauben ihr nicht, da sie noch 
so ktlhle Folgerungen ziehen kann: 

Ihr Götter, lasst mich nicht in Wahnsinn fallen! 
Mein Geist begiimt zu schweifen, denk' ich nur 
Dass Theseus mich verräth. Doch wenn mein Sinn 
Sich mir verwirrt, warum soll ich's beklagen? 
Er könnte mich doch immer nur erinnern, 
Warum ich also wild verzweifelte**). 

Es ist dabei bemerkenswerth , dass nArianet^ bei der Auf- 
führung keinen geringeren Erfolg hatte, als Racine's »Bajazetu, 
der in demselben Jahr zur Darstellung kam. Ein andres Stück, 
TjTh^odat", das Corneille ebenfalls 1672 schrieb, behandelte den- 
selben Stoff wie Quinault's T^Amalasonte« und war auch in dem- 
selben romanesken Geist verfasst. Es gefiel so wenig, wie 



*) Ariane II, 2. 60 flf. : 

Mon coeur se sent touch^ de ce que je vous doi, 
Et voudroit Ötre ä vous s'il pouvoit ßtre k moi, 
Mais il perdroit le prix dont vous le croyez §tre, 
Si Tinfidelite vous en rendoit le maitrti. 
Thös^e y r^gne seul et s'y trouve adorö. 
Wie weit steht diese nachlässige Sprache von der Diktion Racine's ab. 
**) Ariane U, 6. 21 flF.: 

Dieux, contre un tel ennui soutenez ma raison, 

Elle c^de k Thorreur de cette trahison: 

Je la sens qui d^jä . . . Mais quand eile s^egare, 

Pourquoi la regretter, cette raison barbare, 

Qui ne peut plus servir qu'ä me faire mieux voir 

Le sujet de ma rage et de mon d^sespoir. 



236 

die Tragödie 7?La mort d'Achille« , die er 1673 folgen liess. 
Auch das Ausstattungsstück wCirc^«^ — die Geschichte des 
Glaucus und der Scylla nach dem 14. Buch der Ovid'schen 
Metamorphosen — verdient keine weitere Beachtung. Erst im 
Jahre 1678 trat Corneille mit einem neuen Werk wLe Comte 
d*Essex<< aufy das sich wieder mehr an die Art Racine's hielt. 
Dieser hatte seit dem Jahr zuvor mit dem Theater gebrochen 
und war nicht mehr als Rival zu fürchten. Die Geschichte des 
Grafen Essex ist einer der beliebtesten tragischen Stoffe ^ doch 
wird man von Thomas Corneille kein historisches Schauspiel und 
noch weniger sogenannte Lokalfarbe erwarten. Sein Essex ist 
durchaus unwahr; er ist ein sentimentaler Held^ der einer Herzens- 
laune halber in den Tod geht. Mit einer Schaar Bewaffneter stürmt 
er gegen den Palast der Königin Elisabeth von England an^ und 
wird nur mit Mühe abgewehrt. Natürlich gilt er, der bis dahin 
der Liebling der Königin war, für einen Empörer. Und doch 
hat er nur eine Heirat vereiteln wollen, die im Palast gefeiert 
wurde. Er will der Königin diese Liebe nicht eingestehen ; seine 
Feinde, darunter Cecil, benützen diese Verstecktheit, irischen 
Briefe und Aussagen und erzwingen so ein Todesurtheil. Essex 
aber besteigt das Schaffet mit einer Ruhe, die schon fast Phlegma 
wird. 

Die weiteren Arbeiten Comeille's für die Bühne, zu welchen 
auch eine Anzahl Opemtexte gehören, können wir füglich über- 
gehen, und bemerken nur kurz, dass er im Jahre 1685 an Stelle 
seines Bruders in die Akademie berufen und dabei von Racine 
begrüsst wurde. In seiner Rede pries dieser die VerdicDste des 
Verstorbenen, mit dem er so oft um die Palme gekämpft hatte, 
in würdiger Weise. Fast erblindet, starb Thomas Corneille zu 
Andelys in der Normandie im Jahr 1709*). 

Neben ihm sind, als Zeitgenossen Racine^s, etwa noch Nicolas 
Pradon, der Abbä Abeille und Louis Ferner zu erwähnen. 



*) Von Thomas Comeille^s sonstigen Weiken seien noch erwähnt die 
Observations snr les Remarques de M. Vangelas, 1687. Dictionnaire des arts 
et des Sciences 16d4, das als £igSnxnng sum Dictionnaire de TAcademie diente, 
und endlich das Dictionnaire unirersel g^ographique et historique 1708 (3 Bde. 
in Fol). 



237 

Wie unwürdig Pradon sich gegen Racine hatte gebrauchen 
lassen; ist schon gesagt worden*). Bevor er mit seiner Tragödie 
»Ph^dre et Hippolyte« den Kampf gegen Racine wagte, hatte er 
schon zwei Stücke, »»Pyrame et Thisbö« (1674) und «Tamerlan" 
(1675) geschrieben* So wie die Hohlheit seiner 7?Ph6dre<« trotz 
aller Machinationen der Freunde bald gewürdigt wurde, konnten 
auch die folgenden Stücke keine Anerkennung erwerben. Mehrere 
derselben missfielen so, dass Pradon sie nicht einmal drucken 
liess**). 

Nicht glücklicher war der Abbö Abeille mit seinen drama- 
tischen Werken. Ums Jahr 1648 in der Provence geboren, kam 
er früh nach Paris, und obwol er dem geistlichen Stand an- 
gehörte und Prior war, trat er in den Privatdienst des Mar- 
schalls Luxembourg und des Herzogs Vendöme. Er wusste sich 
seinen vornehmen Gönnern durch seinen Humor beliebt zu ma- 
chen, dichtete Oden, Episteln und Tragödien und wurde 1704 
in die Akademie berufen. Sein literarisches Verdienst allein hätte 
freilich nicht genügt, ihm diese Ehre zu erwirken. Er starb 1718. 
In seinen Tragödien ahmte er bald die romaneske Manier Qui- 
nault's, bald die Weise Racine's nach. Zu der ersteren Gattung 
gehört riArgälie, reine de Thessali6<< (1674). Arg^lie ist eine 
Tyrannin der schlimmsten Art. Sie ist eifersüchtig auf ihre 
Schwester Ism^ne, die sehr beliebt ist, und will diese zwingen 
sich für einen ihrer Bewerber zu erklären. Ism^ne weiss, dass 
der, den sie nennen wird, dem sicheren Tod geweiht ist. Sie 
nennt darum einen andern, aber der wahre Geliebte, Phönix, 
erhebt die Fahne der Empörung, Arg^lie wird getödtet, und ihre 



*) Siehe oben S. 180. 

**) Die Liste seiner Tragödien, die auf die „Phidre** folgten, enthält eine 
„El^tre« (1677, nicht gedruckt); „La Troade« (1679); „Statira** (1679, im Stil 
der romanesken Tragödie); „Tarquin" (1682, ungedruckt); „R^gulus** (1688); 
„Germanicus* (1694, ungedruckt) ; „Scipion" (1697). Boileau wurde nicht müde, 
ihn mit beissendem Spott zu verfolgen. Man vergl. sat. IX, 97; ^p. VI, 56; 
ep. Vn, 103; ^p. X, 60. ^pigr. n« IV. In der sat. IX, 449 u. 450 heisst es: 

Au mauvais goüt public la belle y fait la guerre 
Plaint Pradon opprimd des sifflets du parterre, 
und ep. VllI, 60 wird geklagt: 

Et la sc&ne Fran9oise est en proie k Pradon. 



238 

Schwester besteigt den Thron. In einem nCoriolana (1676) er- 
schien der alte römische Held als Liebhaber, nnd in „Lync6ett 
(1678) yersnchte Abeille gar die Geschichte der Danaiden dra- 
matisch za behandeln. Andre Tragödien, die er schrieb, ver- 
öffentlichte er nicht, weil er mit seinen Schauspielen beim Publi- 
kom kein GHück hatte, unter den nngedrackten Stücken befand 
sich auch ein nCaton«, dessen Lektüre einen der vornehmen 
Freunde des Abb6 so entzückte, dass er ausrief, selbst Cato von 
Utica könne nicht catonischer sein, wenn er aus seinem Grab 
erstünde *). 

Louis Ferrier, sieur de la Martiniere (1652 — 1721), liess 
sich ebenfalls verlocken für die Bühne zu dichten. In seiner 
Heimat, der Provence, war er als Dichter bewundert worden, 
aber in Paris fand er weniger Anerkennung. Im Jahr 1678 liess 
er ein Schauspiel nAnne de Bretagne« auffahren , das die 
Oeschichte der Vereinigung der Bretagne mit Frankreich behan- 
delte. Auch hier h&tte man es nicht mit einem wirklichen histori- 
schen Drama zu thun. Es war vielmehr ein Stück in der her- 
kömmlichen Manier, eine dramatisirte Liebesintrigue, deren Helden 
mit historischen Namen geschmückt erschienen. Die Herzogin 
Anna liebt den Herzog von Orleans, und wird ihrerseits vom 
Marschall d* Albert geliebt Ausserdem bewerben sich König 
Karl Vlll. von Frankreich und Maximilian von Oesterreich um 
sie. In einem Anfall von Eifersucht gewährt Anna ihre Hand 
dem französischen König, und die Bretagne gehört fortan zu 
Frankreich. 

Das Stück gefiel nicht, und der Verfasser wusste auch 
bald warum. Nicht etwa, weil es trocken und undramatisch 
war, sondern weil es eine Episode aus der firanzösischen Ge- 
schichte behandelte. So erUlrte er in der Vorrede zu seinem 
Schauspiel. Die Ejritiker hätten ihm gesagt, die französische 
Geschichte passe nicht auf die Bühne; man müsse ein fremdes 
Land und wolklingende Namen suchen. Aus diesem Grund 
griff Ferrier auf die alte Geschichte zurück, und schrieb einen 



^) Ueber den Abb^ Abeille, dem auch noch einige andre Stacke snge- 
scbrieben werden, die unter dem Antomamen La TniUerie aufgeführt wurden, 
▼ergL Titon du TiUet, Le Pamasse firan9ois, S. 564. Parfaict XI, 444. 



239 

TYÄdraste« (1680). Ädraste, ein phrygischer Prinz, liebt die 
Prinzessin Häsione, die auch von Atys, dem Sohn des Krösus, 
angebetet wird. Adraste und Atys sind aber Freunde, und 
die Schwierigkeit einer Verständigung ist gross. Da hilft der 
Zufall. Durch Unvorsichtigkeit tödtet Adraste seinen Freund 
auf der Eberjagd. Er ist zwar entsetzt darüber, allein das Pu- 
blikum kann doch im tröstlichen Bewusstsein scheiden, dass 
Adraste und H^sione mit der Zeit ein Paar werden. In der 
ersten Redaktion hatten sich diese aus Schmerz getödtet, allein 
Ferrier änderte den Schluss in der angegebnen Weise, weil es 
ihm schien, dass die Häufung der Todesfälle den Zuschauer 
peinlich berührte. Er sagt das in seiner Vorrede, in der er sich 
auch gegen andren Tadel wehrt. Man habe ihm vorgeworfen, dass 
er die Lösung seines Stücks durch einen Eber herbeiführe ; und 
in langem Exkurs bespricht er nun alle mythologischen Un- 
geheuer, den Drachen, der Hippolyt'sTod verursacht, die Chimäre, 
den Erymanthischen Eber, den Eber des Meleager u. a. m., um 
zu beweisen, dass er nicht gefehlt habe*). So gross war das 
Verständniss der Kunst bei den Rivalen Racine's! Da Ferrier 
auch mit nAdraste" nicht glücklich war, suchte er eine noch 
buntere Welt, und versuchte es mit einem ?)Montezumet^ (1702), 
der gleichfalls missfiel. 

Wenn nun auch die Zeitgenossen sich in der Tragödie 
nicht im entferntesten mit Racine messen konnten, so sollte man 
denken, dass sich unter der jüngeren Generation vielleicht 
Dichter fanden, welche von dem Vorbild Racine's angeregt, ihm 
wenigstens nahe kamen. Allein auch diese Erwartung erfUllt sich 
nicht. Wiederum sehen wir eine Reihe von Namen, die am Schluss 
des 17« Jahrhunderts zum Theil rühmlich bekannt waren, die aber 
doch auf die Dauer ihren Glanz nicht bewahren konnten. Unter 
ihnen steht unbedingt Campistron obenan, 

Jean Galbert de Campistron stammte aus einer adeligen 
Familie des Südens. Er war 1656 zu Toulouse geboren, hatte 
sich trotz der Missbilligung seiner Familie mit poetischen Ar- 



*) Vergl. Parfaict XU, 176. 



240 

beiten beschäftigt, und war nach Paris gegangen, wo er Sekretär 
des Herzogs von Vendöme wurde. Später erhielt er das Amt 
eines rjsecr^taire gänäral des galires(< — eine Stelle im Marine- 
ministerium, wie wir heute sagen würden. Im Jahr 1683 liess 
er ein Trauerspiel, »Virginie«, mit ziemlichem Erfolg aufltlhren. 
Aber selbst Kritiker, wie die Brüder Parfaict, die ihn sehr 
schätzen, wollen dieses Werk mit nachsichtigem Schweigen über- 
gehen*). Auf »»Virginie^ folgte, nebst zwei Lustspielen, eine 
ganze Reihe von Tragödien. Zunächst dichtete er einen nArminiusu 
(1684). Campistron erklärte in seiner Widmung an die Her- 
zogin von Bouillon den Cheruskerfürsten für den Stammvater der 
gallisch-fränkischen Fürsten und somit der französischen Könige. 
Vielleicht bewog ihn diese Tradition, Seinem Helden so viel 
höfische Ritterlichkeit zu geben. Sägeste, der seinen Frieden 
mit den Römern gemacht hat, will seine Tochter Ism^nie — nicht 
Thusnelda — dem römischen Feldherm Varus zur Ehe geben. 
Ismönie aber ist die Braut des Arminius und will von diesem 
nicht lassen. Zudem liebt ein Sohn Sägeste's, Sigismond, die 
Schwester des Arminius, Polyx&ne. Campistron hat also reichlich 
für Liebesscenen, Werbungen und Klagen ob zerstörten Glücks 
gesorgt. Arminius wird von Sögeste im Lager gefangen und soll 
sterben. Treue Cherusker aber befreien ihn ; er enteilt, und bald 
kommt Botschaft von der Vernichtungsschlacht, in der Varus 
und die Römer unterlegen sind. Arminius erscheint siegreich und 
statt Sögeste zu strafen, bittet er ihn in zierlicher Rede zu ver- 
gessen, was geschehen ist und ihn als seinen Sohn anzunehmen '*''''). 
Eine andre Tragödie, nAndronic<< (1685), gilt als Campistron's 
beste Arbeit. Sie behandelt eine Episode aus der Geschichte 



*) Histoire du th(Sätre fran9ois, B. XTT, S. 363: „La consid^ration que 
Ton doit ä M. de Campistron et la r^putation qa^il s^est acquise avec jastice par 
ses autres ouyrages, demandent qa^on passe l^örement sur celai*ci. Un poSte 
qtd commence, m^rite toajoars de rindulgence." 

**) Arminius V, 5. 24: 

Wj pensons plus, seigneur; öublions le passä: 
C'est moi qui yous en prie. Enfin de ma yictoire 
Je ne veux d^autre prix, je ne veux d'autre gloire 
Que le charmant espoir d'Stre de vos amis, 
Et le parfait bonheur de me voir votre fils. 



241 

der Paläologen und erinnert im Stoff an den Schiller'schen 
nDon Carlos«'. Andronic, der Sohn des Kaisers von Konstan- 
tinopel, sieht sich seiner Braut beraubt, und zwar durch den 
eigenen Vater. Ehrgeizige Minister halten ihn von allen Staats- 
geschäften fern und er verzehrt sich in Unthätigkeit. Da wen- 
den sich die Bulgaren an ihn mit der Bitte um Hilfe. Sie 
haben sich empört, weil sie unerträglichem Druck ausgesetzt 
sind, und bitten insgeheim Andronic, er möge sich an ihre 
Spitze stellen und vermitteln. Andronic schlägt seinem kaiser- 
lichen Vater vor, er möge ihn nach Bulgarien senden, erweckt 
aber damit nur dessen Misstrauen und entschliesst sich darum 
zur Flucht. In einer letzten Unterredung mit der Kaiserin Irene 
will er Abschied von ihr nehmen, doch wird er dabei von seinem 
Vater überrascht, und die Katastrophe ist nun unabwendbar. 
Andronic wird verhaftet und muss sterben, Irfene wird vergiftet. 
Der Kaiser aber sieht sich vereinsamt, n Vielleicht waren sie doch 
unschuldig", seufzt er, »wehe mir, was bin ich unglücklich!"*) 
Hatte schon »Andronic" grossen Beifall gefanden, so konnte 
sich Campistron rühmen, mit seinem »Alcibiade" (gleichfalls 1685) 
noch grösseren Buhm geerntet zu haben. Die vierzigste Vor- 
stellung sei so besucht gewesen wie die erste, sagt er in der 
Vorrede zu wAlcibiade". Aehnlichen Erfolgs erfreute sich die 
Tragödie wTiridate" (1691), nachdem ein »Phraate" (1686), ein 
nPhocion" (1688) und ein »Adrien" (1690) weniger gefallen hatten. 
Campistron selbst meinte, dass von allen seinen Tragödien »Ti- 
ridate" ani meisten Kunst und feine Empfindung aufweise. Das 
Stück habe einen ungeheuren Erfolg gehabt, wie ihn die franzö- 
sische Bühne nie wieder gesehen habe. Er sagt, dass ihm die 
Idee dazu durch das zweite Buch der »Könige" im alten Testa- 
ment geboten worden sei. Dort wird von der Liebe Ammon's, 
des Sohnes David's, zu seiner Schwester Thamar erzählt, und 
»Tiridate" behandelt den gleichen Stoff. Obwol Campistron sein 
Stück in Asien am Hof des Partherkönigs spielen lässt, führt er 



*) Andronic V, letzte Scene, Schluss: 
L'empereur : 

£toient-ils innocens ou coupables tous deux? 
Je ne sais. Mais, h^las ! que je suis malheureux ! 
Lotheissen, Gesch. d. Aranz. Literatur. lY. Bd. iq 



242 

uns doch in eine Welt ein, die kaum etwas andres als zärtliche 
Empfindung; sehnsüchtige Liebe, Edelmuth und Rittersinn kennt. 
Tiridate^ der älteste Sohn des Königs von Parthien, liebt 
seine Schwester Erinice. Er ist von Söhwermuth befallen, 
schwimmt fortwährend in Thränen und als er endlich sein Ge. 
heimniss wider seinen Willen verräth, straft er sich selbst, indem 
er Gift nimmt. Nach wTiridate« liess Campistron (1693) noch 
ein Trauerspiel nAetius^^ aufführen, das aber nicht gedruckt 
wurde und dessen Manuskript verloren ging. Eine weitere Dich- 
tung war die Tragödie nPompöia«, die im Jahr 1697 geschrieben 
worden sein soll. Nach des Dichters Tod fand man das Manu- 
skript, wenn auch nicht vollständig erhalten, unter seinen Papieren. 

Campistron zog sich übrigens später nach Toulouse zurück^ 
wo er sich noch 1710 verheiratete und im Alter von 67 Jahren, 
1723, starb. 

Als dramatischer Dichter steht Campistron zwar gewiss 
weit unter Racine^ doch tibertrifft er eben so gewiss alle andern 
tragischen Dichter seiner Zeit. Wie Thomas Corneille verstand 
er die Forderungen der Bühne, die dramatischen Effekte; aber er 
verband mit dieser Kenntniss auch die Kunst genauer und klarer 
Anlage, eine Kunst, welche den andern abging. Wenn man ihn 
freilich hierin neben Racine stellen will, irrt man. Obwol er in 
der Disposition seiner Tragödien die Hauptsache nicht aus den 
Augen verlor, blieb doch manches unmotivirt In dem Ausdruck 
weicher und pathetischer Gefühle strebte er unverkennbar Racine 
nach; allein es fehlte ihm seines Vorbilds Reichthum an Farben 
und Glanz, sowie die Kunst feiner Schattirung. Campistron drang 
nicht bis in die Tiefe des Herzens vor, die Zeichnung der Cha- 
raktere bleibt ziemlich schwach und monoton, und seine Schil- 
derung der Leidenschaften erschüttert nicht. Seine Sprache ist 
meistens trocken und nüchtern, wenn er sie auch mit Sorgfalt 
behandelt. Ein neuer Zug aber scheint uns in seinen Werken 
unverkennbar. Die Melancholie seiner Helden, des Andronic wie 
des Tiridate und andrer, hat bereits etwas Modernes. Sie fühlen 
in ihrer Brust eine Ahnung jener unerklärlichen Schwermuth, 
jenes dunkeln Wehs, das später in Chateaubriand*s »Ren^t^ so 
beredten Ausdruck fand.tEine neue Zeit nahte, der Geschmack, 



243 

der ein Jahrhundert später herrschen sollte, kündigte sich leise 
an — und vielleicht war jene fremdartige, für das Publikum der 
damaligen Zeit seltsame Stimmung in Campistron's Tragödien 
ein wesentlicher Grund ihres Erfolgs *) . 

Mit besonderem Selbstgefühl begabt, hielt sich der Abbö 
Claude Boyer für einen grossen dramatischen Dichter. Der ge- 
ringe Erfolg, den seine Werke erzielten, beirrte ihn nicht. Er 
stammte aus dem Lan^uedoc, verfasste seit 1646 für das Theater 
eine Reihe von Tragödien und Tragikomödien und wurde 1666 
in die Akademie berufen* Boileau bekämpfte ihn, und Racine 
schoss mehr als ein Epigramm gegen seinen eiteln Rivalen, der 
ihn in jeder Hinsicht besiegt zu haben glaubte. Triumphirte er 
doch sogar in Saint - Cyr ! Denn nachdem n Athalie« dort nicht 
zur Aufführung zugelassen worden war, erhielt Abb^ Boyer den 
Auftrag ein passendes Stück für die jungen Damen zu schreiben, 
und sein jiJephteu wurde 1692 in Saint-Cyr wirklich aufgeführt. 
Mit seinem letzten Werk, einer »Judith« (1695), schien er vollends 
unsterblichen Ruhm zu erringen. Das Publikum strömte zu den 
ersten Vorstellungen, der Hof und die Stadt interessirten sich 
gleichermassen dafür und besonders die Frauen waren begeistert. 
Man erzählt, dass diese selbst die Sitzplätze auf der Bühne nicht 
scheuten und dass sie dort demonstrativ ihre Taschentücher bereit 
hielten, um bei den rührenden Stellen ihre Thränen zu trocknen. 
Im vierten Akt kam eine Scene, die man deshalb wdie Schnupftuch- 
scene« nannte. Das Parterre freilich lachte über diese zur Schau 
getragene Rührung der Damen**). 

Boyer rühmte sich in der Vorrede zu seinem Stück, dass er 
der französischen Tragödie einen wesentlichen Dienst leiste, indem 
er beweise, dass man auch Episoden aus der Heiligen Schrift 
und Heiligengeschichten mit Erfolg dramatisiren könne. Für 
Boyer scheinen weder wPolyeucte«, noch »Esther« und »Athalie«^ 

*) Eine spätere Ausgabe der Oeuvres de M. de Campistron, corrig^e et 
aug^entee de plusieurs pi^ces qui ne se trouvent point dans les editions prece- 
dentes, erschien in drei Bändchen (12*^), Paris 1751. Die obigen Citate sind 
dieser Ausgabe entnommen. 

**) Vergl. Le Sage, „La valise trouvee", Brief 20. Le Sage veröffentlichte 
diese satirische Erzählung freilich erst 1740, und seine Erzählung ist vielleicht 
nicht in allen Punkten zuverlässig. Man vergl. auch Parfaict, B. XII, S. 402 ff» 

16* 



244 

existirt zu haben. »Es ist eine neue Bahnu , sagt er; nunsern 
alten Dichtern war sie fast unbekannt, und. die, welche sie nach 
ihnen betraten, haben sich öfters verirrt.«* 

Der Abb^ sollte indessen bei dieser Gelegenheit die wech- 
selnde Laune des Glücks kennen lernen. Die ??Judith" erlebte 
acht Vorstellungen, die alle den grössten Beifall ernteten. Darauf 
wurde das Theater während der Fastenzeit geschlossen und als 
es nach drei Wochen seine Pforten wieder öffnete und 77Juditha 
abermals darstell te, fand es ein völlig umgewandeltes Publikum, 
das von der gerühmten Tragödie nichts mehr wissen wollte. 

Je mehr sich die Poesie verlor, je weniger man die Grund- 
bedingungen des dramatischen Gedichts verstand, um so grösser 
wurde die Zahl der dramatischen Dichter. Die Erscheinung lässt 
sich leicht erklären. Die Verfasser der neuen Tragödien hatten 
keine Ahnung von den Schwierigkeiten, die den wahren Dichter 
oft genug hemmen. Sie fühlten sich im Besitz gewisser Hand- 
werksregeln, einiger festen Traditionen, handhabten eine aus- 
gebildete Sprache, der sie nicht so leicht alle Würde und Schön- 
heit nehmen konnten, und im Bewusstsein ihrer Fertigkeiten 
schrieben sie muthig Tragödie auf Tragödie, verarbeiteten dazu 
alle möglichen Stoffe der alten Sage und Geschichte und verfielen 
stets mehr der geistlosen Fabriksarbeit, welche den Ruf der 
französischen Tragödie so sehr geschädigt hat. 

Da war u. a. der Abbä Charles Claude Genest aus Paris, 
Aumonier der Herzogin von Orleans und Sekretär des Herzogs 
du Maine (1636 — 1719). Ausser andern Tragödien dichtete er eine 
»P^nölope«*, in welcher die alte heroische Welt in sonderbarer 
Weise umgestaltet und geadelt wurde. Der brave Sauhirt Eumäus 
wurde bei ihm zu »Eom^e, ministre d'Ithaque«, und die Sprache 
dieses treuen Beamten ist denn auch entsprechend abgemessen 
und würdevoll. Er empfinde alle ihre Sorge und Aufregung mit, 
sagt er zu P^nälope, sein Kummer mische sich mit ihren Thränen 
und er könne nichts weiter thun, als mit ihr weinen*). Denn die 

*) Penelope I, 3. 1-4: 

Ce z^le qni ressent vos funestes alarmes, 
Madame, vient m^ler mes regrets a vos larmes; 
Je ne pnis aajoard'hui que plearer avec yotis 
Et mon aog^te maitre et Totre digpie epoux. 



245 

theuren Pfänder, die Ulysse ihm einst anvertraut, sehe er unter 
ungerechtem Druck leiden*). Eurymaque, der König von Samos, 
spricht ganz im Stil der höfischen Ritter. Er weiss der von ihm 
nangebeteten« P^nälope das zierlichste Kompliment zu sagen: 

Nie sahen meine Angen Euch so schön. 
Es ist, als ob zum Lohn für meine Treue 
Gott Amor Euch, um meinen Wunsch zu krönen, 
Mit immer grösserer Schönheit segnete**). 

Da aber P6n61ope seiner Werbung kein Gehör schenkt, 
droht er ihr mit Gewalt, doch nur um bald darauf reuig zurück- 
zukehren und »zu ihren Füssen die Strafe für seine Heftigkeit zu 
erdulden« ***). Ulysse selbst erscheint erst im dritten Akt, wo er 
sich zunächst seinem ]\finister entdeckt. Er kommt gerade zur 
rechten Zeit, denn schon spricht P6n61ope von Selbstmord. Der 
Kampf mit den Freiern wird natürlich nur erzählt, und auch die 
Erkennungsscene sehr vorsichtig behandelt. Der Anstand, der 
im Theater gewahrt werden müsse, und der massvolle Charakter 
der Königin gestatteten nicht, dass die beiden Gatten sich auf 
offener Bühne umarmten. So erklärt wenigstens der brave Abb6 
in der Vorrede zu seinem Stück. Es muss übrigens bemerkt 
werden, dass die «P6n61ope« keineswegs vom Publikum freund- 
lich beurtheilt wurde. Erst als sie um die Mitte des 18. Jahr- 
hunderts wieder aufgenommen wurde, errang sie einigen Beifall, 
und man lobte besonders die Schauspielerin Clairon als P^nelope 
in der Erkennungsscene mit Ulysse. Sie steigerte ihr stummes 
Spiel von leichtem Anfang an, als sie zuerst von seiner Stimme 
getroffen wurde, zeigte dann alle Schattirungen der Erregung, der 



*) Ibid. V. 7 u. 8: 

Verrai-je ainsi gemir, sous une injuste loi, 
Ces gages ador^s qu^il commit ä ma foi? 

**) P^n^lope I, 4. 5—8: 

Jamais mes yeux charmds ne vous virent si belle, 
Et comme pour le prix de mon ardeur fidMe, 
On diroit que Tamour, pr^t a me couronner, 
De plus brillans attraits ait voulu yous omer. 

***) P^n^lope II, 2. 3 u. 4: 

Allez la pr^parer ä me voir, apr^s vous, 
Expier k ses pieds mon indigne courroux. 



246 

Angst, des Zweifels, bis sie endlich zur Gewissheit kam, ihren 
Gatten wieder vor sich zu sehen. 

Schon lange vor dieser Wiederholung hatte die Herzogin 
du Maine in ihrem Privattheater zu Clagny-les-Versailles die 
nPönölope«« aufiiihren lassen und selbst die Hauptrolle übernommen 
(1705). In Clagny und noch mehr in Sceaux spielte die Herzogin, 
eine Tochter Cond^'s, mit Leidenschaft Theater, und für sie 
schrieb auch Genest, der ein eifriger Diener ihrer Wünsche, ein 
beliebtes Glied ihres Kreises war, sein Schauspiel «Joseph" (1710), 
worin sie abermals auftrat*). 

Neben dem Abb6 Genest finden wir noch Jean de La Cha- 
pelle, seigneur de Saint-Port (1655 — 1723), der nicht mit Chapelle, 
dem heiteren Freund Moliere's und Boileau's zu verwechseln ist, 
Jean de La Chapelle war Generalsteuereinnehmer für La Rochelle, 
und suchte die Finanzkunst mit der Dichtkunst zu vereinigen. 
Von seinen Tragödien jiZaide", nCl^opatre", nT616phonte« und 
«Ajaxt^ gilt die zweite als die verhältnissmässig beste (1681). 

Zu diesen Dichtern gesellte sich noch Bernard le Bouvier de 
Fontenelle, der zu Ronen im Jahre 1657 geboren war und gerade 
ein Jahrhundert durchlebte, da er erst 1757 starb. Ein Schwester- 
sohn Corneille*s, glaubte er sich schon deshalb zum Theater 
berufen. Er trat als ein entschiedener Feind Racine's auf, erlebte 
aber an den dramatischen Werken, die er selbst verfasste (wAspar", 
jiBrutus«, jildalie«) wenig Freude. Er hatte nur Misserfolge zu ver- 
zeichnen und beschränkte sich lieber auf die Abfassung von 
Operntexten für LuUy und CoUasse, bis er später auf ein ganz 
andres Gebiet schriftstellerischer Thätigkeit überging, auf das 
wir ihm aber hier nicht zu folgen haben. 

Antoine de la Fosse d'Aubigny (1654 — 1708) gehörte zu 
den Dichtern, welche die Tage des Precieusenthums wieder 
heraufzuführen trachteten. Er war als Gesandtschaftssekretär 
nach Florenz gegangen, war dort in eine der zahlreichen Aka- 
demien aufgenommen worden und hatte derselben einen Vortrag 
über die Frage gehalten, ob die blauen oder die schwarzen 



*) lieber die Vorstellungen zu Sceaux und Clagny s. Adolphe Jullien, 
La com^die k la Cour. Paris, Firmin Didot & Cie 1883. in 4". S. 1—137. Auch 
G. Desnoiresterres, Les Cours galantes. 4 B. 1859 — 64. 



247 

Augen schöner wären. Der dramatischen Poesie wandte er sich 
erst später zu. Seine erste Tragödie, j^Polyxenet* wurde mit 
einem gewissen Erfolg im Jahre 1696 aufgeführt. Zwei Jahre 
später erwarb er sich mit einem andern Werk, nManlius Capi- 
tolinus«, abermals Anerkennung. Dieses letztere ist merkwürdig, 
weil es einem englischen Stück von Otway »Die Kettung von 
Venedig« nachgebildet ist. Doch wird diese Bearbeitung nicht 
zum Plagiat. La Fosse hat nur den Grundgedanken der eng- 
lischen Tragödie benutzt. Bei Otway hat Jaffier, ein venetiani- 
scher ßürger, Belvidera, eine Tochter aus dem vornehmen Haus 
der Priuli, gegen den Willen der Familie geheiratet und wird von 
dieser verfolgt. Gereizt darüber, lässt er sich von seinem Freund 
Pierre in eine Verschwörung ziehen, die gegen die Aristokratie 
von Venedig gerichtet ist. Belvidera entlockt ihm sein Geheim- 
niss, und überredet ihn die Verschwörung anzuzeigen. Er thut 
es, nachdem ihm der Doge und der Senat feierlich Amnestie für 
die Verschworenen gelobt haben. Trotzdem werden diese ver- 
haftet und zum Tod geführt. Jaffier ist ausser sich; er begleitet 
Pierre zum Schaffet und dort ersticht er ihn und sich selbst*). 

In der französischen Tragödie hat Manlius eine Verschwörung 
gegen die Herrschaft des Senats angezettelt. Einer der Ver- 
schworenen, Servilius, * verräth das Geheimniss seiner Frau, und 
diese, die Tochter des aristokratisch gesinnten Konsuls Vale- 
rius, theilt den Anschlag ihrem Vater mit, der sogleich seine 
Massregeln trifft. Manlius wird vor das Gericht geschleppt; 
sein Todesurtheil ist sicher. Da bittet er Servilius, der vom 
Senat nicht verfolgt wird, ihn gleich zu tödten. Servilius um- 
armt ihn und stürzt sich mit ihm vom tarpejischen Felsen in 
die Tiefe. Natürlich wird diese Katastrophe bei dem Franzosen 
erzählt, während man im englischen Stück die Helden bis auf 
das Schaffet begleitet. Nur bei dem Charakter, den die fran- 
zösische Tragödie mehr und mehr annahm, war es möglich, 
eine Venetianergeschichte kurzer Hand in die Zeit des alten Bom 
zu verpflanzen, wie La Fosse es that. Seine Tragödie ist schlecht 



*) Venice preserved, a tragedy bj Thomas Otway. Otway lebte von 
1651—1685. 



248 

komponirt und im Ganzen schwach. Wenn man den Verschwörer 
Manlius mit dem Cinna Corneille's, dem Acomat Racine's, oder 
gar dem Cassius Shakespeare's vergleicht, wird diese Schwäche 
erst recht einleuchtend*). 

Erwähnt sei noch La Grange - Chancel (1676 — 1758), der 
die verschiedensten Stoffe aus dem Alterthum behandelte, ohne 
nur ein halbwegs bedeutendes Stück zu schaffen. Von allen 
diesen tragischen Dichtem ist eigentlich nur der Baron Longe- 
pierre (1659 — 1721) von einer gewissen Bedeutung, da er mit 
seiner j)Mödee(< die Corneille' sehe Tragödie gleichen Namens ver- 
drängte. Das Stück, das 1694 erschien, hielt sich lang auf dem 
Repertoire des französischen Theaters, obwol oder vielleicht ge- 
rade weil die Furchtbarkeit der alten Sage in ihm wesentb'ch 
abgeschwächt war. Eine andre Tragödie von La Grange, nS&- 
sostristt (1795), wurde nicht gedruckt, und eine nEl^ctre« wollte 
er lange nicht auffuhren lassen. Als sie dann endlich 1719 zur 
Darstellung kam, missfiel sie. 

Die französische Tragödie war am Schluss des Jahrhun* 
derts entartet, kraftlos imd ohne Leben. Aehnlich erwuchs in 
Deutschland nach. Schiller s Tod eine Schule von dramatischen 
Dichtern^ welche des Meisters Sprache und Manier nachahmten, 
ohne ihm nahe zu kommen. So wenig man nun Schiller für die 
Schwäche seiner Nachahmer verantwortlich machen kann, so 



*) Wir theilen im Nachstehenden eine kurze Probe ans beiden Stücken 
mit, nm zn zeigen, wie sie sich in der Sprache zu einander verhalten. In 
„Yenice preserved" I. 1 bittet Jafiier den stolzen Prioli, ihn anzuhören: 

Priüli: No more! TU hear no more! Be gone and leave me. 
Jafiier: Not hear me! By my snfferings bat yon shall! 
My lord! my lord! Fm not that abject wretch 
Yon think me. Patience! where's the distance throws 
Me back so far, but I may boldly speak 
In right, thongh proud oppression will not hear me ? 
Dieser Scene entspricht etwa die 3. Scene des 1. Akts bei La Fosse. Dort 
heisst es: 

Valerins: Qne me veut ce perfide? 

Servilins: Seignenr, si votre aspect m^etonne et mUntimide, 

Je sais trop a quel point je toqs sois odienx; 

J*en fais tont mon malhenr, j'en atteste les dienx. 

Ponr en finir le conrs, je yiens ici me rendre: 

Sans colere nn moment vonlez-Yons bien m^entendre? 



249 

wenig trägt Racine die Schuld an dem raschen Verfall der fran- 
zösischen Tragödie. Die Zeit für dieselbe war vorüber, der Sinn 
für Poesie sank zusehends und das 18. Jahrhundert widmete 
sich andern Aufgaben. Der Realismus fand nun mehr und mehr 
Anhänger. Le Sage mit seinen Schelmenromanen zeigt den ver- 
änderten Charakter der neuen Epoche recht deutlich. Selbst 
gegen die Tragödie richteten sich schon entschiedene An- 
griffe. Sie gingen freilich von einem Mann aus, der sein 
poetisches Unvermögen zu deutlich zeigte, um als Censor in 
literarischen Fragen grosse Autorität zu finden. 

Antoine de La Motte Houdard (1672—1731) war zu Paris 
geboren, studirte Jurisprudenz, widmete sich aber bald ganz dem 
Theater, für das er Lustspiele und Opern schrieb. Sein Trauer- 
spiel rln^s de Castro« (1723) gefiel. Es war, so wie ein früheres, 
jjLes Macchaböes<< (1721), in Versen und in der korrekten Steif- 
heit der Tragödie verfasst. Um so revolutionärer trat La Motte 
in seiner Vorrede zu den j^Macchaböes« ^uf. Wie Victor Hugo 
ein Jahrhundert später in dem Vorwort zu wCromwell" das Mani- 
fest der Romantiker veröffentlichte, so kämpfte schon La Motte 
gegen den Ellassicismus an. Noch aber hatte sich der Geschmack 
nicht so sehr geändert^ dass man dem Kritiker Recht gegeben 
hätte. La Motte war in den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts 
in dem Salon der Marquise de Lambert ein eifriger und gern 
gesehener Gast Dort war die Antipathie gegen die Tragödie, 
überhaupt gegen den Vers heimisch, und La Motte lieh diesem 
Widerwillen Worte. In der erwähnten Vorrede erhob er sich 
gegen die Beobachtung der drei dramatischen Einheiten, betonte 
das Missliche, eine grosse Handlung in wenige Stunden zusam- 
menzudrängen und alle Begebenheiten an demselben Ort sich ab- 
spielen zu lassen. In einem nDiscours sur la trag^die" verlangte 
er femer mehr Handlung auf der Bühne. Die meisten französi- 
schen Schauspiele seien nur Dialoge oder Erzählungen, und er 
wies dabei auf die englische Bühne hin, die den entgegengesetzten 
Geschmack habe, dabei aber, wie man ihm sage, in das andre 
Extrem falle*). Aehnlich wie die Erzählungen tadelte er auch 

*) Discours sur la tragddie: „La plupart de nos pi^ces ne sont que des 
dialofi^es et des r^cits. Les Anglais ont un godt tont opposd; on dit qu*ils le 



250 

die Vertrauten , und seine Ausführungen sind soweit mit den 
Ideen unserer Zeit in Einklang. Zuletzt erhob er sich auch 
gegen die Anwendung der Verse. Eine poetische Prosa sei immer 
vorzuziehen, denn der Vers schade der Wahrheit des Eindrucks, 
um diese Behauptung zu rechtfertigen, verwies er auf den wT616- 
maque<< des Fänelon, der die Schönheit der prosaischen Rede 
beweise^ und übertrug eine Scene aus dem Racine'schen ^»Mithri- 
date(< in Prosa. In seinem Eifer hatte er sich auch früher schon 
(1713) gegen die Alten erklärt und nachweisen wollen, wie bei 
Homer einzelne Schönheiten in einer Flut von geschmacklosen 
Versen ertränkt würden, wie roh die Götter, wie grob und bar- 
barisch die Helden in den homerischen Epen seien, wie die 
Sprache schlaff werde u. s. w. La Motte verstand zwar kein 
Griechisch, aber er urtheilte nach der Uebersetzung, welche die 
gelehrte Mme Dacier veröffentlicht hatte ! Noch mehr, er übertrug 
diese Uebersetzung in Verse, und drängte die 24 Gesänge der 
Iliade in 12 zusammen. Es waren ja so viel schwache und lang- 
weilige Stellen im Original! 

Soviel war klar, ein Mann wie La Motte war nicht berufen, 
die Tragödie zu reformiren. Die einsichtigste Theorie hilft dem 
Dichter überhaupt nichts, wenn ihm die poetische Kraft mangelt, 
und La Motte schrieb zwar neben seinen Dramen auch noch 
Oden und Fabeln, bewies aber nirgends, dass er ein Dichter war. 
Voltaire begann um jene Zeit seine vielseitige Thätigkeit und 
ihm gelang es, auch die klassische Tragödie noch einmal zu 
beleben. Wenn er auch nicht zu Racine heranreichte, genügten 
doch seine Erfolge, von der realistischen Richtung abzulenken. 
Erst Diderot nahm wieder La Motte's Ideen auf, und seine 
bürgerlichen Schauspiele vermittelten den üebergang zu der 
modernen ySTeise des dramatischen Spiels*). 



portent a Texc^: cela pourrait bien Sixe.'' La Motte kannte die englische 
Literatur nicht, er wusste nichts von Shakespeare' s Dramen, und erst Voltaire 
führte die Literatur des Nachbarvolks in Frankreich ein. 

*) lieber La Motte vergl. Villemain, Tableau de la litt^rature fran^ aise 
au ISino si^cle. I. B. S. 60 £P. und Rigault, Histoire de la q^uerelle des anciens 
et des modernes. 



vn. 

Die Neige des Jahrhunderts. 
Mme de Maintenon und ihr Einfluss, 



Liudwig XIV» hatte eine Zeit der Erfolge und des Glanzes, 
das ist unbestreitbar. War er auch kein grosser Mann, so stieg 
doch unter seiner Regierung für Frankreich eine Epoche der 
Grösse herauf, wie sie sich in der Geschichte eines Landes nur 
selten und in langen Zwischenräumen findet. Diese Zeit viel- 
seitiger fruchtbarer Thätigkeit erstreckt sich von dem Abschluss 
des Pyrenäischen Friedens im Jahre 1650 bis zum Beginn des 
grossen Büeges gegen die Allianz, welche Kaiser Leopold, Hol- 
land, England, Spanien, Savoyen und Dänemark zur Abwehr der 
französischen üebergriffe abschlössen. König Ludwig erhob An- 
sprüche auf die Pfalz, als mit dem Kurftirsten Karl der Manns- 
stamm des Hauses Simmern ausstarb« Die Schwester des Kur- 
fürsten, Elisabeth Charlotte von der Pfalz, hatte den Herzog von 
Orleans geheiratet, und diese Ehe bot den Vorwand zu dem fri- 
volen Eroberungskrieg, der 1688 begann und erst mit dem Eys- 
wicker Frieden 1697 endigte. 

Auch die früheren Kriege hatte Ludwig zur Befestigung 
und Erweiterung seiner Macht unternommen« Allein sie bildeten 
gewissermassen den Abschluss einer ihm überlieferten Politik, 
welche die Macht Spaniens bekämpfte und die Kette zu zer- 
reissen trachtete, welche sich in den spanischen Ländern gefahr- 
drohend um Frankreich schlang. Was Richelieu begonnen hatte, 
war von Mazarin fortgesetzt worden« Der Pyrenäische Friede 
hatte Frankreich den definitiven Gewinn von Roussillon im 
Süden, von Artois im Norden gebracht, hatte ausserdem die 
französische Grenze nach Belgien und nach dem Rhein zu 
erweitert« Ludwig XIV. sicherte diese flandrische Grenze noch 
durch weitere Erwerbungen, die ihm der Aachener Friede 1768 
gewährte ; und er verdrängte Spanien völlig von seiner Ostflanke, 
als er 1674 die Franche-Comt6 eroberte. Nach dem Frieden von 
Nymwegen stand er mächtig und angesehen in Europa da; er 



254 

hatte den gefährlichen Gegner Frankreichs für immer unschädlich 
gemacht, sein Territorium zu einer festen Einheit abgerundet. 

Die Politik, die Ludwig in der ersten Hälfte seiner Re- 
gierung befolgte, fand sich in Uebereinstimmung mit den An- 
schauungen der Nation, und war durch eine einsichtige Beur- 
theilung der vorwaltenden Verhältnisse eingegeben. Der König 
hatte es verstanden, die richtigen Männer als Minister an seine 
Seite zu berufen. Colbert brachte die zerrütteten Finanzen wieder 
in Ordnung, begründete neue Industriezweige im Land, belebte 
den Handel, schuf eine Marine, erwarb Kolonien und förderte 
allenthalben die Thätigkeit der Nation. Für das Kriegswesen 
sorgte Louvois; die Verwaltung wurde gefestigt, die Justiz ge- 
sichert. In dieselbe Zeit fiel jene grosse Blüte der Literatur, die 
uns bisher eingehend beschäftigte. 

Unverkennbar aber war nach einem Menschenalter frucht- 
barer Thätigkeit die Abnahme der Kräfte. Dass auf Perioden 
raschen Aufschwungs Jahre verhältnissmässiger Ruhe folgen, ist 
naturgemäss. Dass auch die literarische Arbeit erlahmte, darf 
gleichfalls nicht Wunder nehmen. Allein der Niedergang zeigte 
sich gleichzeitig fast auf allen Gebieten des staatlichen wie des 
geistigen Lebens der Nation. Man bemerkt eine förmliche Er- 
schlaffung, und diese Erscheinung weist auf tiefgreifende Ur- 
sachen hin. 

Der ruhig abmessende Blick erkennt unschwer den ver- 
derblichen Geist, der in den letzten Jahren des Jahrhunderts in 
Frankreich zur Herrschaft gelangte. Die äussere Politik wandelte 
sich immer entschiedener zu einer Raub- und Eroberungspolitik 
um. Die schmachvolle barbarische Verwüstung der Pfalz im 
Jahre 1688 dient gewissermassen als Vorspiel zu dieser zweiten 
Phase der Regierung Ludwig XIV. Deutlich trat nun des Königs 
Streben nach der Herrschaft in Europa zu Tage; in blinder 
Selbstüberhebung achtete Ludwig nicht mehr der geschriebenen 
Verträge. Er bekämpfte und beraubte Nachbarn, die ihm unge- 
fährlich waren, das deutsche Reich und Holland. Die Reunions- 
kammern, die seinen Raub im Elsass beschönigten, der Ueber- 
fall von Strassburg mitten im Frieden kennzeichnen seine neue 
Politik. Es bildete sich eine Koalition der europäischen Mächte 



255 

gegen Frankreich, das auf die Dauer seinen Gegnern nicht ge- 
wachsen war. Mochten die französischen Heere auch viele ruhm- 
volle Kämpfe bestehen, das Land war doch schon nach dem 
Frieden von Eyswick 1697 erschöpft, und es war ein Verbrechen, 
es aufs neue in einen furchtbaren Krieg um die Erbfolge in 
Spanien zu stürzen. 

König Ludwig trägt somit die Hauptschuld an dem Nieder- 
gang des Landes, der bei solcher Politik unvermeidlich war. 
Mag man auch von dem Einfluss Louvois' und andrer ehrgeizigen 
Personen berichten, so bleibt die ungemessene Herrschsucht des 
Königs immer als letzter Grund der blutigen Ej'iege. Leider 
ging die unselige äussere Politik Hand in Hand mit einer ähn- 
lichen Politik im Innern, und diese letztere wirkte noch verderb- 
licher. Nicht das Ausland allein sollte dem Willen Ludwig's 
gehorchen, das französische Volk selbst musste auf seine letzte 
politische Selbständigkeit verzichten. Allerdings war die Stärkung 
der Königsgewalt eine Erscheinung, die gleichzeitig fast in allen 
Ländern des Kontinents zu Tage trat. Sie war vielleicht noth- 
wendig, ja unvermeidlich in der Epoche, in der sich der Feudal- 
staat in den modernen umzuwandeln begann. Das Volk hatte 
Anfangs freudig jeder Massregel zugestimmt, welche die Macht 
des Königs über die stolzen Vasallen stärkte. Die Kräftigung 
des Königthums hatte überall die Kräftigung des Bürgerthums 
nach sich gezogen. Nun liegt es aber in der Natur der Dinge, 
dass solche Tendenzen im Lauf der Zeit sich zu sehr geltend 
machen und in ihrer Einseitigkeit zuletzt ebenso viel schaden, 
wie sie Anfangs nützten. Die innere Politik Heinrich IV. war 
gesund und wohlthätig gewesen; Richelieu hatte mit Energie in 
derselben Bahn weiter gestrebt, und Ludwig XIV. regierte bereits 
als unbestrittener Herr des Landes. Die Versuchung lag nahe, 
diese Herrschaft auszubilden, und der König widerstand ihr nicht. 
Die schlimmsten Folgen dieses Streben s machten sich aber erst 
später geltend, als die rücksichtslose Herrschsucht jede Regung 
der Selbständigkeit niedergetreten hatte. 

Bei der Beurtheilung der letzten Regierungszeit Ludwig XIV. 
sieht man sich wie vor einem Räthsel, das sich nicht völlig 
lösen lässt. So lang der König jung gewesen war, hatte er den 



256 

Frauen gehuldigt, ohne Bücksicht auf die öffentliche Moral seine 
Maitressen zu Gebieterinnen des Hofs gemacht, aber politischen 
Einfluss hatte er ihnen niemals eingeräumt. Als er dagegen zu 
altem b^ann, gewann die Marquise de Maintenon eine über- 
raschende Gewalt über ihn, und man darf mit Grund fragen, 
welchen Antheil diese Frau an der verhftngnissvollen Richtung 
hatte, welche die Regierungspolitik Ludwig's g^en das Ende 
des Jahrhunderts einschlug. 

Wie eine Sphynx blickt die merkwürdige Frau aus ihrer 
Umgebung zu uns herüber. Sie selbst hat mit sorglicher Mühe 
die Schatten, die sie umgaben, zu verdichten gesucht und damit 
absichtlich das Ürtheil über sich erschwert. Wer vermag mit 
Bestimmtheit zu sagen, ob sie dazu durch fromme Bescheidenheit 
oder kluge Berechnung gebracht wurde? 

Frangoise d'Aubigne war die Enkelin Theodor Agrippa 
d'Aubign^'s^ jenes glühenden Hugenotten und leidenschaftlichen 
Dichters, dessen wir schon früher Erwähnung gethan haben. 
Dessen Sohn Constans war zum Katholicismus und zur könig- 
lichen Partei zurückgekehrt, dafär aber vom Vater enterbt wor- 
den *). Constans hatte ein abenteuerliches, schicksalvolles Leben 
gefuhrt, war unter der Anklage auf Hochverrath ins Geftngniss 
zu Niort gebracht worden, und dort war seine Frau, die ihn 
nicht hatte verlassen wollen, am 27. November 1635 einer Tochter 
genesen, die einst die Gemalin des Königs von Frankreich w&rAen 
sollte. Als Constans d'Aubigne aus dem GefiUigniss entlassen 
wurde, wanderte er mit seiner FamiHe nach der Insel Martinique 
aus und starb dort nach einiger Zeit. Die Witwe kehrte darauf 
mit den Kindern in die Heimat zurück, gerieth aber in bittere 
Noth. FranQoise, die als eifrige Protestantin aufgewachsen war, 
wurde nun in einem Pariser Kloster von ürsulinerinnen erzogen 
und bekehrte sich nach langem Widerstreben zum Katholicismus. 
Später lernte sie den Dichter Scarron kennen und entschloss sich, 
ihn zu heiraten, obwol derselbe krank und gelähmt war (1632). 
Schön, anziehend, geistesgewandt^ glänzte sie in Scarron's Haus, 
das sie durch ihre Enei^e in erträglichen Stand brachte und in 



') VergL Band I, S. 124. 



257 

dem sie die vornehmen Besucher zu einem anständigeren Ton 
nöthigte. Als Scarron 1660 starb, setzte ihr die Königin- Mutter 
eine Pension von 2700 Livres aus. Sie kam damals in die vor- 
nehmste Gesellschaft und war in den schöngeistigen Salons gern 
gesehen, aber der Tod der Königin Anna beraubte sie ihrer Pen- 
sion und noch einmal lernte sie drückende Armuth kennen. 

In dieser Lage wurde sie eines Tags der herrschenden Schön- 
heit, Mme de Montespan, vorgestellt, und ihr schilderte sie die 
Noth, in welche sie durch die Entziehung der Pension gerathen 
war. Ein empfehlendes Wort dei* Favoritin genügte, um ihr die 
Unterstützung wieder zu verschaffen. Niemand konnte damals 
voraussehen, dass zwischen der Bittstellerin und der Beschützerin 
ein Streit um die Macht entbrennen und die erstere siegreich 
daraus hevorgehen würde. Mme Scarron verlangte damals nicht 
viel. Ihr Leben war so reich an Wechselfällen gewesen, dass 
wir ihr gerne glauben, wenn sie ein stilles, beschaulicher Fröm- 
migkeit gewidmetes Leben jedem andern vorzuziehen erklärte *). 
üeberhaupt führte sie von jener Zeit an ein streng religiöses 
Leben, und ihr Beichtvater Gobelin bestärkte sie mehr und mehr 
in dieser Richtung. 

Gerade ihre strenge Richtung brachte sie aber mit dem 
König und der Montespan in engere Berührung. Sie wurde aus- 
ersehen, die Kinder der letzteren in aller Stille zu erziehen. Es 
waren dies zunächst eine Tochter, die schon im Alter von drei 
Jahren starb, und der im Jahr 1670 geborne Herzog du Maine. 
Das Geheimniss wurde übrigens nicht lange bewahrt, denn die 
Kinder wurden schon Ende 1673 legitimirt **). Mme Scarron 
war dem König in der ersten Zeit geradezu unangenehm. Allein 



*) Vergl. ihren Brief an Mme de Chanteloup vom 11. Juli 1666: „Enfin 
ma pension est retablie sur le möme pied que la feue reine me l'avoit accord^e. 
Deux mille livres, c*est plus qu'il n'en faut pour ma solitude et pour mon 
salut." — Das Dekret, das die fernere Zahlung der Pension anordnet^ spricht 
von 2700 Livres. 

**) Legitimirt wurden 1673: Louis Auguste duc du Maine, Louis Cdsar 
comte du Vexin, und Louise Fran^oise Mlle de Nantes. Später folgten noch 
MUe de Tours, Mlle de Blois (in der Folge die Gemalin des Herzogs von Orleans, 
des Regenten) und der Comte de Toulouse. Alle Kinder durften den Namen 
Bourbon tragen. 

Lotheiseen, Gesch. d. franz. Literatnr. lY. Bd* 17 



258 

sie widmete sich ihrer Aufgabe mit Ernst und Liebe und gewann 
allmälig durch ihren praktischen Sinn und klaren Verstand das 
Wohlwollen des Königs, während sich ihr Verhältniss zu Mme 
de Montespan immer schlechter gestaltete. Die beiden Frauen 
stritten oft über die Erziehung der Kinder, und auch bei andern 
Gelegenheiten trat ein Gegensatz zwischen ihnen zu Tage. Im 
Jahr 1675 erhielt Mme Scarron vom König ein Geschenk von 
200.000 Livres, das ihr ermöglichte, Schloss und Herrschaft 
Maintenon zu kaufen. Damals begann der König gegen Mme de 
Montespan kalt zu werden, nachdem schon verschiedne Stürme 
zwischen ihnen beiden einen Bruch hatten voraussehen lassen. 
Man arbeitete von verschiednen Seiten an einer ^Bekehrung'' des 
Monarchen; Predigten, Rathschläge, Warnungen machten es 
Ludwig leichter, die Favoritin, die er nicht mehr mochte^ aufzu- 
geben. Um so höher stieg das Ansehen der Erzieherin, die in ihrer 
gleichmässigen ruhigen Haltung, mit ihrem verständigen Wort 
dem König ganz anders entgegentrat als alle andern Damen des 
Hofs. Es ist möglich, dass ihr Benehmen fein berechnet war, 
aber es entsprach doch gewiss ihrem Charakter. Genug, die 
Stellung der Marquise de Maintenon wurde immer bedeutender und 
fester; der König gefiel sich in ihrer Gesellschaft, verweilte oft 
stundenlang bei ihr und nicht ganz zwei Jahre nach dem Tod 
der Königin Marie Th^rese (1683) liess er sich ins Geheim mit 
ihr trauen. Mme de Maintenon zählte etwa fünfzig Jahre *). 



*) Eine merkwürdige Stelle lindet sich in dem Bericht über einen Be- 
such, den Mme de Maintenon im Jahre 1700 in Saint-Cjr machte, und bei dem 
sie sieh über ihre Stellung äusserte : „Mme de Montespan et moi , nous avons 
et^ les plus grandes amies du monde; eile me goütoit fort, et moi^ simple 
comme j'^tois, je donnois dans cette amitie. C'etoit une femme de beaucoup 
d*esprit et pleine de charmes; eile me parloit avec une grande confiance et me 
disoit tout ce qu^elle pensoit. Nous voilä cependant brouillees sans que nous 
ayons eu dessein de rompre. II n'y a pas eu assur^ment de ma faute de mon 
cöt^, et si cependant quelqu'un a sujet de se plaindre, c^est eile; car eile peut 
dire avec verite: c^est moi qui suis cause de son el^vation; c'est moi qui Tai 
fait connoitre et goüter au Koi; puis eile devient la favorite et je suis chass^e. 
D*un autre c6t^, ai-je tort d'ayoir accepte l'amiti^ du Roi, aux conditions 
que je Tai acceptee? Ai-je tort de lui avoir donn^ de bons conseils et 
d'avoir täche, autant que je Tai pu, de rompre ses commerces?'' (Aux demoi- 



259 

Man berichtet, sie habe lange Zeit alle Mittel aufgeboten^ 
um zu erlangen, dass die Ehe öflfentlich bekannt gemacht werde, 
dass aber Louvois sich dagegen entschieden ausgesprochen und 
beim König gesiegt habe *). 

Nichts scheint natürlicher, als dass Mme de Maintenon den 
Wunsch hatte, ihre Stellung vor den Augen der Welt als voll- 
ständig legitim zu erweisen. War sie doch dem Geschwätz und 
den Verleumdungen schutzlos preisgegeben. Aber nachdem ihr 
Wunsch nicht erfüllt worden war, that sie alles, um ihre Ver- 
heiratung im Dunkel zu lassen. Man könnte hierin eine schlaue 
Politik erkennen, wenn sie nicht auch Sorge getragen hätte, dass 
das Geheimniss nach Ludwig's und ihrem Tod gewahrt blieb. 
Auch als Gemalin des Königs setzte sie ihre einfache Lebens- 
weise fort ; sie repräsentlrte nicht, empfing wenig Besuche, machte 
deren noch weniger, und bei officiellen Gelegenheiten fand sie 
eine gewisse Genugthuung Sarin, den Damen der hohen Ari- 
stokratie nachzustehen. In ihrer Stellung hätte sie sich Reich- 
thümer erwerben können, aber sie dachte nicht daran und lehnte 
alle dahin bezüglichen Anerbietungen des Königs ab. Ihre Nei- 
gung stimmte hier offenbar mit der Politik überein, denn diese 
letztere musste ihr eine solche Lebensweise empfehlen. Je weniger 
stolz und herrschsüchtig sie dem König erschien, um so sicherer 
herrschte sie. Ihr Geist nahm eine immer strengere Richtung; 
ihre grosse Sorge war es, ihren etwa aufkeimenden Hochmuth 
zu unterdrücken, wie dies aus vielen ihrer Briefe hervorgeht. 
»Ich bin heute nicht vornehmer als zur Zeit, da ich in der Rue 
des Tournelles wohnte, und Sie mir ernstlich ins Gewissen rede- 
ten«, schrieb sie ihrem Beichtvater. 7?Es ist nicht Ihre Aufgabe, 
mich stolz zu machen, sondern den Stolz in mir zu unterdrücken. . • 



selles de la classe bleue. — Lettres historiques et edifiantes adressees aux dames 
de Saint-Louis par Mme de Maintenon, publ. par M. Th. Lavallee. Paris 1856. 
2 Bde. — Bd. II, n" 349, S. 71). 

*) Saint -Simon, Mem. (ed. Cheruel) Bd. VIII, Kap. 7: „Louvois se 
Jette k ses genoux et l'arrSte, tire de gon cöte une petite epee de rien qu'il 
portoit, en presente la garde au roi et le prie de le tuer sur-le-champ s^il veut 
persister a declarer son mariage, lui manquer de parole ou plutOt ä soi-m§me 
et se couvrir aux yeux de toute l'Europe d*une infamle qu*il ne veut pas voir" etc. 

17* 



260 

Schreiben Sie mir ohne Umschweife^ ohne Ceremonie, vor allem, 
ohne Rücksicht.«« *). 

In solcher Stimmung aber galt es ihr geradezu als eine 
Pflicht, den König gleichfalls auf den Weg der Frömmigkeit zu 
fähren. Ihre geheime Herrschbegier verband sich vortreflflich 
mit diesem devoten Sinn und der Abneigung gegen jeden welt- 
lichen Glanz. Dass sie grossen EInfluss ausübte, ist sicher; aber 
es ist schwer zu sagen , wie weit sich derselbe erstreckte , und 
wie weit sie für die unseligen Regierungsmassregeln verantwort- 
lich ist, welche Frankreich in seiner Lebenskraft bedrohten. 
Unzweifelhaft ist es jedenfalls, dass der Niedergang des Landes 
mit dem Beginn ihrer Herrschaft zusammenfiel. 

Saint-Simon, der sie nicht mochte, und dessen Urtheil des- 
halb mit einiger Vorsicht aufzunehmen ist, beurtheilte sie sehr 
streng. »Sie war eine Frau von Geistt«, sagt er. wIn den vor- 

* 

nehmen E^reisen, in welchen sie zuerst geduldet worden war und 
deren Liebling sie bald wurde, hatte sie Gewandtheit und ge- 
sellschaftlichen Takt gewonnen. Ihre verschiednen Lebensstel- 
lungen hatten ihr ein einschmeichelndes Wesen gegeben, und sie 
war bemüht, jedem zu gefallen. Die Noth wendigkeit zu intri- 
guiren, die Kabalen, die sie alle erlebt hatte, und in welchen 
sie oft verwickelt gewesen war, hatten sie in dieser Kunst aus- 
gebildet, hatten ihr Geschmack daran, Uebung und Fertigkeit 
gegeben. Sie war unvergleichlich anmuthig bei allem was sie 
that, ungezwungen und doch zurückhaltend und bescheiden, was 
ihre Talente ausserordentlich unterstützte. Dabei war ihre Rede 
mild, ihr Ausdruck treffend und gewählt, kurz, aber von natür- 
licher Beredsamkeit .... Ihr precieuses und geziertes Wesen 
wuchs, je mehr sie sich den Anstrich von Frömmigkeit gab. 



*) Lettres de Mme de Maintenon ä Tabb^ Gobelin, n" 40, vom 27. Juli 
1686: „Vous connoissez ma sinc^rit^: je ne fais de complimens, ni ne les aime: 
je vous conjure donc de vous döfaire du stile que vous avez avec moi, qui ne 
m'est point agreable et qui peut m'^tre nuisible; je ne suis point plus grande 
dame que je ne T^tois ä la nie des Touraelles oü vous me disiez fort bien mes 
verit^s... Ce n'est point a vous a m'inspirer de Torgueil, ä vous qui devez le 
d^truire en moi. Oü trouverai-je la v^ritä, si je ne la trouve en vous?.... 
Parlez-moi, ^crivez-moi sans tour, sans ceremonie, sans insinuation, et surtout 
je vous prie, sans respect.* 



261 

Diese wurde zum Hauptzug ihres Charakters; durch ihre Fröm- 
migkeit hatte sie sich zu ihrer Stellung erhoben und nur durch 
sie konnte sie sich darin behaupten. Die Herrschaft galt ihr 
als das höchste, und ihr opferte sie alles andre rücksichtslos. Oe- 
radheit und Freimuth waren bei solchem Ziel und solchem Er- 
folg zu schwer zu bewahren, als dass man glauben könnte, Mme 
de Maintenon habe mehr davon behalten, als was zum äussern 
Schmuck gehört« *). 

An einer andern Stelle sagt Saint-Simon in seiner üblichen 
scharfen Weise, sie habe fortwährend alle Geschicklichkeit auf- 
bieten müssen, um den König hinters Licht zu führen, und er 
erzählt, wie sie es anstellte, um ihren Willen durchzusetzen**). Der 
König war so sehr an ihre Gesellschaft gewöhnt, dass er sogar 
die Minister zu ihr kommen Hess und dort mit ihnen arbeitete. 
Mme de Maintenon sass dabei ^ mit einem Buch oder einer 
Stickerei beschäftigt. Sie hörte alles, was der König mit seinen 
Ministem besprach, aber selten machte sie eine Bemerkung dazu. 
Wenn der König sie um ihre Meinung fragte^ antwortete sie 
gleichfalls mit grosser Vorsicht, und schien für die Geschäfte, 
und besonders für die Personenfragen ohne besonderes Interesse. 
Aber sie war im Einverständniss mit den Ministem, von welchen 
jeder vorher ihre Willensmeinung eingeholt hatte und deren 
keiner ihr entgegen zu sein wagte. Wenn sie sich nicht in sol- 
cher Weise lenken lassen wollten, war ihr Sturz gewiss, obgleich 
es manchmal geraume Zeit währte, bis Mme de Maintenon zu 
ihrem Ziel gelangte, da sie nie direkt auf dasselbe losging. Selbst 
die Generale mussten sich gewöhnlich bei ihr einfinden, um mit 
dem König und dem Kriegsminister zu arbeiten. Noch eifriger 
mischte sie sich in die kirchlichen Angelegenheiten, über welche 
Erzbischöfe und Bischöfe mit ihr verhandeln mussten. Auch die 
geheimen Polizeiberichte gingen durch ihre Hand, und gewährten 
ihr eine besondere Macht über viele Personen***). 



*) Saint-Simon, M^m. B. Vni, Kap. 11. 
**) Saint-Simon, Bd. VIII, Kap. 12: „Son r6gne ne fut qu'un continuel 
manage, et celui du roi une perp^tuelle düperie." 

***) Sie selbst sagte in einem Brief vom 9. Sept. 1698 an den Kardinal 
de Noailles: „ Je suis inaccessible: j'ai toujours dans ma chambre ou le 



262 

Männer von hervorragenden Gaben und Selbständigkeit des 
Charakters fanden nun keinen Platz mehr in dem Rath des 
Königs. Colbert war schon 1683 gestorben, Louvois folgte ihm 
im Jahre 1691 in den Tod, und die Minister, welche an deren 
Stelle traten, reichten mit ihren Kräften nicht aus, weder der 



Roi ou Mme la dachesse de Bourgogne .... Nul repos ici. Le Roi vient dans 
ma chambre trois fois par jour. Tout ce que je pourrois avoir a' faire est coup^. 
Je conviens que je suis insensible aux honneurs qui m'environnent et que je 
n'y vois qu'assujettissement et contrainte.** Die „Lettres histor. et edif.** B. 2, 
S. 153 theilen eine Privatunterhaltung mit, welche Mme de Maintenon mit einer 
Schwester von Saint -Cyr, Mme de Glapion, hatte, und welche diese alsbald 
aufzeichnete (1705). Mme de Maintenon klagte zuerst über den Zwang, dem 
sie sich bei Hof fügen müsse: „....c'est lä ce qui s'appelle le monde, c'en 
est le centre; c'est \k oü toutes les passions sont en mouvement, TinterSt, 
Tambition, Tenvie, le plaisir, etc.; c'est donc ce monde si souyent maudit de 
Dieu. Je vous avoue que ces reflexions me donnent un sentiment de tristesse 
et d'horreur pour ce Heu oü il faut pourtant que je demeure." „...On com- 
mence a entrer chez moi vers sept heures et demie : . . . . ensuite viennent les 
gens de plus grande cons^quence: un jour M. Chamillart, un autre M. Tarche- 
veque ; aujourd'hui c^est un gdn^ral d^arm^e qui va partir^ demain une audience 
qu'il faut donner et qui m^a et^ demand^e, avec cette circonstance que c'est 
presque toujours des personnes que je ne puis diflferer de voir, car il le faut 
bien, par exemple^ quand les officiers partent, et ainsi des autres. M. le duc 
du Maine attendoit Tautre jour dans mon antichambre que M. de Chamillart 
eüt fini. Quand il fut sorti, M. le duc du Maine entra et me tint jusque quand 
le Roi arriva. . . . Le Roi demeure avec moi jusqu'a ce qu'il aille k la messe. 
Je ne sais si vous prenez garde qu'au milieu de tout cela je ne suis pas encore 
habillee; si je T^tois, je n'aurois pas eu le temps de prier Dien. J^ai donc 
encore ma coifFure de nuit; cependant ma chambre est comme une ^glise; il 
s'y fait comme une procession; tout le monde y passe, et ce sont des allees et 
des venues perpetuelles.** Darauf schilderte sie die Rückkehr des Königs nach 
der Messe, den Besuch der Herzogin von Bourgogne, und wie sie in Gegen- 
wart vieler Damen eilig ihr Mittagsmahl einnehme. Nach Tisch finde sich 
häufig der Dauphin ein, den zu unterhalten besonders schwer sei, da er 
selbst kein Wort rede. Bald komme der König wieder und zwar in g^rosser 
Gesellschaft. Das Beschwerlichste sei dann, die Klagen und Bitten der Damen 
anzuhören, von welchen jede ganz privatim mit ihr reden wolle. «Tout ceU 
me fait quelquefois penser, quand j'y fais r^flexion, que mon ötat est bien 
singulier, car il faut bien que ce soit Dieu qui Tait fait. Je me vois Ik au 
milieu d^eux tous; cette personne, cette vieille personne, devienf l'objet de 
leur attention! C'est k moi qu^il faut s'adresser, par qui tout passe! Et 
Dieu me fait la g^äce de ne voir jamais ma condition par ce qu'elle a d^ecla- 
tant; je n^en sens que la peine, et il me semble que, Dieu merci! je n'en suis 
point ^blouie.... Quand le Roi est revenu de la chasse, il vient chez moi; 
on ferme la porte et personne n^entre plus. Me voila donc seüle avec Ini. 



263 

Marquis de Barbezieux, der T^grässliche« Sohn des Louvois, wie 
Saint-Simon ihn nennt, noch Chamlay, noch Pontchartrain. hetz- 
terer hatte die Finanzen und die Verwaltung der Marine, verstand 
aber nichts davon und die Zerrüttung wuchs auf allen Gebieten. 
Ludwig XIV. wollte von jener Zeit an alle Geschäfte selbst besorgen, 
die kleinsten Detailfragen sollten ihm zur Entscheidung vorgelegt 
werden. Aber wenn er noch so angestrengt arbeitete, er konnte 
nicht alles bewältigen, und noch weniger sich ein richtiges Ur- 
theil über alle Dinge bilden, die von seiner Entscheidung ab- 
hingen. Diese Schwäche, die zum Theil auf Herrschsucht, zum 
Theil auf kleinlichem Misstrauen beruhte, musste mit der Zeit 
tiberall schädigend einwirken*). Vergebens pries La Bruyfere bei 
seiner Aufnahme in die Akademie am 15. Juni 1693 diese Für- 
sorge des Herrschers für seine Unterthanen: wDer König ist, 
wenn ich das Wort gebrauchen darf, selbst sein erster Minister. 
Immer besorgt für das, was uns noth thut, kennt er keine Zeit 
der Erholung, keine Stunden der Ruhe. Die Nacht rückt vor, 
schon sind die Wachen vor seinem Palast abgelöst worden , die 
Gestirne glänzen am Himmel, die ganze Natur liegt in tiefer 
Ruhe, wir alle ruhen, während der König über uns und den 



II faut essuyer ses chagrins, s'il en a, ses tristesses, ses vapeurs; il lui prend 
I quelquefois des pleurs dont 11 n'est pas le maitre, on bien il se trouve incom> 

I mode. II n*a point de conversation. II vient quelque ministre qui porte souvent 

I de mauvaises nouvelles. Le Roi travaille." Selbst ihr Abendessen nehme sie 

j in Eile, denn der König sei ungeduldig; müde, lasse sie sich von ihren Kammer- 

frauen entkleiden und gehe zu Betr. Der König bleibe aber noch da, bis zu 
seinem Souper, während welcher Zeit sie nichts zu verlangen wage, obwol sie 
manchmal Hilfe nöthig habe. „Comme il (le roi) est toujours le maitre partout 
et qu'il fait tout ce qu'il veut, il n'imagine pas qu'on soit autrement que lui.** 

* *) Das „Journal** von Dangeau, von dem in einem späteren Abschnitt die 
Rede sein wird , gibt die beste Kunde von der Arbeitskraft des Königs and 
seiner Sorge um das Detail. Das tritt besonders seit den neunziger Jahren 
hervor« Dangeau konstatirt häufig, dass der König nicht mehr zu den Hof- 
gesellschaften kommt. Z. B. heisst es unter dem Datum des 6. Januar 1692: 
„Le soir il y eut appartement; mais le roi n*y vient plus. M. de Barbezieux 
est malade depuis quelques jours et le roi travaille encore plus qu'a son ordi- 
naire.** — Am 28. Jan. 1692 : „Le roi ne sortit point de tout le jour, non plus 
qu'hier. II donne beaucoup d^audiences et travaille tout le reste du jour; il 
s^est accoutum^ a dicter et fait ^crire ä M. de Barbezieux, sous lui, toutes les. 
lettres importantes qui regardent les affaires de la guerre** u. s. f. 



264 

ganzen Staat wacht.** Seine begeisterten Worte vermochten doch 
über das Missliche der königlichen Einmischung nicht zu täuschen. 

Im Jahr 1685 sah sich die Marquise de Maintenon dnrch ihre 
Heirat mit dem König in ihrer Machtstellmig definitiv gesichert. 
Kein Dokament ist über die Eheschliessnng erhalten, doch be* 
steht kein Zweifel über dieselbe. In demselben Jahr erfolgte 
auch die Aufhebong des Edikts von Nantes. Der Fanatismus 
feierte damit einen seiner grössten Triumphe. Auf die Gräuel, 
welche gegen die Protestanten verübt wurden, näher einzugehen, 
ist hier nicht der Platz. Man schätzt die Zahl derer, welchen 
es gelang ins Ausland zu entkommen, auf drei bis viermalhundert- 
tausend. Ebenso viel sollen im Kerker, auf den Galeeren, auf 
der Flucht umgekommen sein*). Wenn aber Frankreich auch 
nur eine halbe Million seiner Bewohner verlor, so war der Ver- 
lust schon ausserordentlich, da unter den Protestanten eine grosse 
Zahl trefflicher Arbeiter, viele Officiere und Gelehrte sich be- 
fanden. Von 40.000 Seidenarbeitem in Tours blieben nur 4000, 
von 12.000 in Lyon flohen etwa 9000 und die Bevölkerung von 
Nantes soll auf die Hälfte zusammengeschmolzen sein. Aehnliche 
Mittheilungen werden aber aus vielen Orten gemacht "**). 

Derselbe Fanatismus drückte einige Jahre später (1702) 
den Protestanten in den Cevennen die Waffen in die Hand. In 
den Bergen des Languedoc hatten sich doch viele erhalten, die 
mit der Zeit auch ihren Glauben wieder offen zeigten. Aber König 
Ludwig trat mit brutaler Gewalt gegen sie auf, und es kam zu 
dem Krieg der Camisarden, der wegen seiner Gräuelthaten mit 
den Albigenserkriegen des Mittelalters vei^lichen werden kann. 

Es ist unmöglich, hier den Einfluss der Marquise de Main- 
tenon zu übersehen. Aus ihren Briefen geht deutlich hervor, wie 
sehr sie sich mit allen kirchlichen Angel^enheiten befasste und 
wie sie gerade hier herrschte. rSie hielt sich für eine Kirchen- 



*) Vergl. Saint-Simon VIII, Kap. 11. 

**) TergL Samael Smiles, ^the Hugenots, their chorches and Settlements*', 
3. Aufl. 1869, und desselben Texfassers ,»the Hugeuots in France after the revo- 
cation of the edict of Nantes* 1874, nnd Ch. Weiss, „Histoire des Kefugies pro- 
testants en France depnis la revocation de Tedit de Nantes jasqa*a nos joors**, 
2 B. 1853. 



265 

mutterfi, sagt Saint-Simon *). Der König, der ein Apostel zu 
sein glaubte, weil er die Jansenisten verfolgt hatte, war gerade 
auf diesem Gebiet am leichtesten zu beherrschen. Er verstand 
nichts von den religiösen Streitigkeiten und war um so leichter 
aufzustacheln **). Dies war das Werk der Marquise^ und wenn 
sie ihn nicht gerade zu Gewaltthaten trieb, so verhinderte sie 
dieselben jedenfalls nicht. Wie lange sie schon vor der Auf- 
hebung des Edikts an eine Massregel solcher Art dachte, beweist 
die Stelle eines Briefs, den sie im Jahr 1681 an die Gräfin Saint- 
Geran schrieb: 9)Der König beginnt ernstlich an sein Seelenheil 
und an das seiner Unterthanen zu denken. Wenn Gott ihn uns 
erhält, wird es bald nur noch eine Religion in seinem Reich 
geben. Das ist auch Louvois' Ansicht" ***). , 

Die rohe Gewalt wandte sich aber nicht allein gegen die 
Protestanten, sondern auch gegen dissentirende Katholiken, und 
der Streit mit den Jansenisten lebte gegen den Schluss des Jahr- 
hunderts wieder mit der alten Schärfe auf. Nach einigen Jahren 
mehr literarischer Fehde suchte die Regierung auf Betreiben des 
P. La Chaise, des Beichtvaters des Königs, und ebenso der 
Maintenon die Widerstrebenden mit einem Hauptschlag zu ver- 
nichten. Das Kloster von Port-Royal wurde geschlossen, die Be- 
wohnerinnen in andre Klöster vertheilt, die gelehrten Einsiedler 
verjagt und alle Gebäude demolirt. Selbst die Gräber wurden 
nicht verschont. Dieselbe gewaltthätige Weise waltete in der 
Behandlung der andern theologischen Streitigkeiten, welche da- 
mals die Gemüther in Athem erhielten, wie z. B. des Quietismus, 
von dem wir in dem Abschnitt über PÄnelon noch weiter zu reden 
haben, oder der Lehren des P. Quesnel in seinen 9)R^flexions 
morales(< über das Neue Testament. Jedenfalls störte der Fana- 
tismus, der sich dabei geltend machte, den religiösen Frieden im 



*) Saint-Simon, B. VIII, Kap. 11: „Elle se figuroit Itre une m&re de 
rilglise.« 

**) Saint-Simon, a. a. O. 

***) Mme de Maintenon ä Mme de Saint- Geran, 24. August 1681. Be- 
zeichnend ist auch die lakonische Stelle in ihrem Brief an Mme de Glapion v. 
11. April 1704: „On a d^fait 1800 Camisards; je demanderai a notre m^re une 
procession pour remercier Dieu.** 



266 

Land. Die Regierung Ludwig XIV. vermachte den nachfolgenden 
Generationen heftige kirchliche Streitigkeiten, welche nicht wenig 
zur Vorbereitung der Revolution beitrugen. 

Der Niedergang trat nun mit einem Mal auf allen Gebieten 
mit erschreckender Deutlichkeit zu Tage. Die Bevölkerung sank 
rapide auch in rein katholischen Gebieten. Die Zahl der Ein- 
wohner verminderte sich in manchen Gegenden um die Hälfte, 
in andern um ein Drittel oder ein Viertel. Ein Bericht des In- 
tendanten von Alengon klagte^ dass in seinem Kreis die Hälfte 
der Häuser verfallen sei, weil sie nicht reparirt und in Stand 
erhalten würden. Andre Intendanten meldeten dieselben Beob- 
achtungen*). In den Bezirken von Nantes und Etampes, sowie 
in Flandern, fände sich nur die Hälfte der früheren Zahl, und 
im Steuerbezirk Tours sei die Bevölkerung um ein Viertel ge- 
sunken. Troyes zählte früher 50000 Einwohner, am Schluss 
des 17. Jahrhunderts nur noch 20000. Die Berichte aller Inten- 
danten sind mit solchen Klagen gefüllt. Es konnte ja auch nicht 
anders sein, da die fortwährenden Kriege unendliche Menschen- 
opfer forderten. Im Zusammenhang mit dieser Erscheinung stand 
die Abnahme des Handels, die Lähmung der Industrie. Hier war 
neben der Vertreibung der Hugenotten besonders der steigende 
Steuerdruck schuld. Die Controlquälereien der Steuerpächter 
machten das üebel noch schlimmer. Mit jedem Jahr stiegen die 
Anforderungen des Staats. Da das Volk nicht allen genügen konnte, 
so sehr man es auch presste, machte man Schulden, schuf neue, 
ganz unnöthige Aemter, die man für Millionen verkaufte, un- 
bekümmert darum, dass man die Zukunft belastete. Man ver- 
schlechterte die Münze und begann mit dem Verkauf der Domänen» 
Alles half nichts. Die Kriege verschlangen riesige Summen und 
der König verschenkte dabei noch alljährlich Millionen an seine 
Höflinge, die sich ruinirt hatten. Der Hofhalt selbst beanspruchte 
einen grossen Theil des jährlichen Einkommens der Staatskassen. 

Ist einmal ein Staatswesen auf abschüssigen Weg gerathen, 
so ist ein Halt schwer. Ueberall treten dann bis dahin verborgene 



*) Diese Berichte, die in der Nationalbibliothek zu Paris aufbewahrt 
werden, wurden auf Befehl des Köni^ für seinen Enkel, den Duc de Bourgogue 
verfasst, der sich mit dem Zustand des Landes vertraut machen sollte. 



267 

Schäden zu Tag. Das zeigte sieh auch damals in Frankreich. 
Selbst in der Armee offenbarten sich bedenkliche Symptome, 
welche auf ein Sinken des militärischen Geistes und der Disciplin 
hindeuteten. Da drohte ein Oberst, seine Soldaten zur Desertion 
zu verleiten, dort empörten sich zwei Kompagnien, überfielen ein 
festes Schloss bei Nizza, mordeten und raubten und gingen dann 
zum Feind über. Ludwig hielt es für nöthig, ein neues militäri- 
sches Amt, das der Inspektoren der Infanterie und der Kavallerie 
zu schaffen, um durch sie die Obersten zu beaufsichtigen *). Luxus 
und Verweichlichung drangen in die Armee ein. Man suchte 
Bequemlichkeit im Quartier, die Officiere Hessen sich die aus- 
erlesensten Speisen, die feinsten Weine nachsenden, und ruinirten 
sich, indem sie sich gegenseitig durch Aufwand zu tiberbieten 
suchten. Im Jahr 1707 musste der König verordnen, dass kein 
General mehr als vierzig, kein Oberst mehr als zwanzig Pferde 
mit ins Feld nehme. Saint-Simon, der das berichtet, fügt aber 
hinzu, das Gebot des Königs sei nicht beachtet worden **). Die 
französischen Niederlagen in dem spanischen Erbfolgekrieg waren 
nicht allein den untüchtigen Feldherren zuzuschreiben, welche 
an die Spitze der Armeen gestellt wurden, sondern auch der 
wachsenden Desorganisation des Heeres. 

IJüd hier ist wohl auch auf die Menge der feindlichen, oft 
gehässigen Pamphlete hinzuweisen, welche in Frankreich damals 
cirkulirten. Die meisten dieser Schriften kamen vom Ausland, 
fanden aber willige Abnahme in Frankreich. Weder der König 
noch seine Familie wurden verschont, die höchsten Würdenträger 
fanden ihre Ankläger, die Politik, der ganze Zustand des Landes 
erschien darin in grellster Beleuchtung. 

Es war kein blosser Zufall, dass König Ludwig nicht mehr, 
wie früher, bedeutende Männer an seiner Seite hatte; es war 
System darin, dass er alle Kräfte fem hielt. Nur wer sich den 
Anschein der Frömmigkeit zu geben wusste, fand Gnade vor 
den Augen der Marquise und Beachtung beim König. Auch wer 



*) Siehe Dangeau, Journal. Januar u. November 1694, Juni 1695. 
Saint-Simon, B. I, Kap. 14. Gaillardin V, 650 ff. 

**) Saint-Simon, Memoires, B. III, S. 416 (Jahr 1707). 



268 

Mme de Maintenon nicht für den Niedergang des Landes ver- 
antwortlich erklären will, kann doch nicht in Abrede stellen, 
dass sie den König in eine schwüle, dampfe Atmosphäre zog, 
in der er früher nicht hätte leben können. Hatte er vormals durch 
sein Leben vielfachen Anstoss erregt, so war doch in seiner 
Regierung ein grosser Zug gewesen. Nun hielt ihn die Marquise 
von jedem frischen Hauch des Lebens fem und beförderte in 
ihm den kleinlichen, stumpf fanatischen Geist. Der König hatte 
in der letzten Hälfte seiner Regierungszeit kein Interesse mehr 
für die Literatur^ f^ irgend welche höhere geistige Anregung. 
Keine wahrhaft grosse Idee beseelte mehr seine Thätigkeit, nichts 
verrieth einen umfassenden Blick, ein ernstliches Streben nach 
Reformen und wohlthätigen Verbesserungen im Staatsleben. 

Mme de Maintenon war eine überaus fleissig» Korrespon- 
dentin. Sie schrieb nach allen Richtungen hin, und ihre Briefe 
gestatten den besten Blick in ihr Wesen. Wenn sie auch jeden 
einzelnen Brief mit sorgfältiger üeberlegung geschrieben haben 
mag und sich in keinem so offen gab, wie Mme de S4vign6 in den 
ihrigen, .-so macht die Sammlung der Briefe doch einen Ein- 
druck, der nicht falsch sein kann*). 

Diese Briefe kann man ihrem Inhalt nach in Briefe über 
Erziehung, erbauliche Briefe und Briefe allgemeiner Art theilen. 
Zu diesen letzteren gehören alle jene, welche sie über Ange- 
legenheiten der Kirche und der Staatsverwaltung schrieb. Ausser- 
dem verfasste sie noch besondere Schriften über die Erziehung 
der Mädchen (nEntretiens sur T^ducation des filles«, »Conseils 
aux demoiselles pour leur conduite dans le monde«). Die Me- 
moiren, die unter ihrem Namen erschienen, hat sie jedenfalls in- 
spirirt, vielleicht auch selbst geschrieben. Ihre schriftstellerische 
Thätigkeit war wohl ein Nachklang aus der Zeit ihres Lebens 
im Kreis der Schöngeister. Auch in der Freude an den drama- 
tischen Aufführungen zu Saint-Cyr liess sie den früheren litera- 
rischen Geschmack noch erkennen, wenn derselbe auch von ihrer 



*) Ihre Briefe wurden saerst um die Mitte des Torigen Jahrhunderts 
▼on La Baumelle, in mehr als kühner Weise zurechtgestutzt und veröffentlicht. 
Eine authentische, nach den Manuskripten revidirte Ausgabe besorgte Theodore 
Layallee („Oeuvres de Mme de Maintenon*) 1854, 12 B. 



269 

ängstlichen Frömmigkeit immer mehr beeinträchtigt wurde. Sie 
schrieb sogar selbst eine Reihe dramatischer j^Proverbes« für 
ihre Schülerinnen in Saint-Cyr. Es waren dies kleine Scenen, 
welche die Wahrheit irgend ein^s moralischen Spruchs beweisen 
sollten *). 

Ihre Schriften zeigen ein merkwürdiges Gemisch von klarem 
Verstand und starrer engherziger Bigoterie. Sie urtheilt sicher, 
und zeigt sich liebevoll freundlich, sofern es sich nicht um Re- 
ligion und Kirche handelt. In diesem Punkt aber gibt sie nicht 
nach. Kommt sie darauf zu reden, dann nimmt sie, zumal in 
ihren Briefen an die Bewohnerinnen von Saint-Cyr, leicht einen 
Predigerton an, und wird hart und fast unmenschlich**). Ihr 
Stil ist klar, bestimmt und bewahrt einen Rest jener Anmuth, 
der sie früher auszeichnete. Schwung und Frische findet sich 
freilich nicht darin. Ihre Schicksale hatten sie doch zu ernst 
gestimmt, und in ihren Briefen und Schriften herrscht eine 
klösterliche Stimmung, ein Schulmeisterton, der keine warme 
Sympathie für die Schreiberin aufkommen lässt. 

Der Geist des ganzen Regierungssystems zeigt sich am 
deutlichsten in der konsequent durchgeführten Centralisation , 
welche darauf hinauslief, alle lebendigen Kräfte des Landes in 
der Hand des Königs zu vereinigen. Wir haben schon darauf 
hingewiesen, wie sich diese Politik seit den Tagen Heinrich IV. 
entwickelte und durch die in ihr liegende Kraft immer mehr ge- 



*) Dieselben wurden zum erstenmal 1859 veröffentlicht. — Vergl. auch 
Lavall^e, Histoire de la maison royale de Saint-Cyr 1853. 

**) Man sehe z. B. ihren Brief »aux dames de Saint-Louis**, 30 avril 1694: 
„Pnisqne vous voulez et que Dieu veut que je vous exhorte, mea trfes-ch^res filles, 
malgr^ le besoin que j^aurois que vous m^exhortassiez, il faut le faire simplement 
dans ce temps que vous allez donner ä la retraite.... Je commence par les 
actions de gräce que nous devons k Dieu de tout ce qu'il a fait en vous qui me 
donne une ferme confiance qu*il veut achever l'oeuvre de Säint-Cyr en sanctifiant 
Celles qui doivent Tetablir" etc. Ihrer geliebten Glapion schrieb sie (4 dec. 1704): 
„Les chretiens ne doivent rien aimer avec passion, ma ch^re fille, et encore 
moins les religieuses qui ont fait voeu de chastete, lequel exclut toute recherche 
des plaisirs; n'aimez donc point la musique avec passion, mais achevez de 
l'apprendre aux heures que vous marquez et avec intention d'ötre utile k la 
maison et aux demoiselles. . .** 



270 

fördert wurde. Je grössere Fortschritte die Centralisation machte, 
desto eifriger arbeitete man in ihrem Interesse, desto nachdrück- 
licher wurde der Impuls, der von dem Mittelpunkt ausging. In der 
Feudalmonarchie standen unter dem König die stolzen Herzoge, 
die als Gouverneure grosser Provinzen oft genug mit ihm riva- 
lisirten. Die Monarchie der Bourbonen liess diese Gouverneure 
bestehen, entriss ihnen aber die Macht. Denn sie stellte ihnen 
praktische Geschäftsleute, die Intendanten, zur Seite, welche die 
eigentliche Verwaltung der Provinzen in der Hand hatten und 
direkt mit den Ministern, d. h. mit dem König, korrespondirten. 
Welche Macht dieselben mit der Zeit erlangten^ beweist ein Wort 
des bekannten Schotten Law, der eine so unheilvolle Rolle in 
Frankreich während der Regentschaft spielte. Der Marquis d'Ar- 
genson erzählt in seinen Memoiren, dass ihm eines Tags Law 
sagte: »Was ich als Finanzminister gesehen habe, hätte ich nie 
vorher geglaubt. Frankreich wird von dreissig Intendanten regiert. 
Parlamente, Stände, Regierung gelten nichts; von jenen dreissig 
Männern hängt das Wohl und Wehe der Provinzen ab«^*). 

Die Intendanten bildeten ein mächtiges Glied in der Ma- 
schine, welche von Paris aus mit einem Druck der Hand in Be- 
wegung gesetzt werden konnte. Ohne äussere Pracht, ohne die 
Abzeichen der Macht, vereinigten sie die wichtigsten Geschäfte 
in ihrer Hand. Wer sich ihnen entgegenstellte und eignen Willen 
beanspruchte, wurde bei Seite geschoben oder gar vernichtet. 
Die Parlamente erwiesen sich widerspenstig gegen sie, man brach 
ihren Stolz. Die Landtage der wenigen Provinzen, welche noch 
eine ständige Verfassung bewahrt hatten, wurden zu unbedeu- 
tenden Körperschaften herabgedrückt, die nur die stets steigenden 
Geldforderungen der Regierung zu bewilligen hatten. Die Pro- 
vinzen verloren allmälig ihre Selbständigkeit und Eigenthüm- 
lichkeit. Wie nur eine einzige Religion, so sollte auch eine ein- 
heitliche Verwaltung herrschen, und Kirche und Staat die gehor- 
samen Diener des Königs sein. Zuletzt fielen auch die muni- 
cipalen Freiheiten und Gerechtsame. Die Städte hatten aus alter 



*) Tocqueville, L'ancien regime et la Involution, Kap. II, S. 74. 



271 

Zeit das Recht bewahrt, ihre Vorsteher unter dem Titel Konsuln 
oder Maires selbst zu wählen. Aber ein königliches Edikt ver- 
fügte im Jahr 1690, dass ein nconseiller procureur« jeder städti- 
schen Verwaltung zur Aufsicht beizugeben sei, und die Ernennung 
dieser controlirenden Beamten stand dem König zu. Zwei Jahre 
später erklärte König Ludwig, dass er sich die Ernennung der 
Maires überhaupt vorbehalte. Seitdem wurden diese wichtigen 
Stellen verkauft, d. h. einzelnen reichen Familien in jeder Stadt 
gegen eine beträchtliche Summe das Vorrecht ertheilt, für alle 
Zeiten die Angelegenheiten ihrer Mitbürger zu verwalten*). 

So sank ein Zweig nach dem andern ; es gab bald kein öffent- 
liches Leben mehr in Frankreich. Paris war schon lang die domi- 
nirende Hauptstadt, aber unter solchen Verhältnissen wurde sie 
bald zum einzigen Punkt des Landes, wo man noch wahrhaftes 
Leben, geistige Anregung traf. Und auch hier war zuletzt doch 
nur der Hof, d. h. der König, massgebend. Das Leben in der 
Provinz^ starb mehr und mehr ab. Der Adel verliess seine Güter, 
um in Versailles unter den Augen des Herrn zu dienen, und der 
kostspielige Aufenthalt zerrüttete das Vermögen der meisten Fa- 
milien. 

Auch in KunBt und in Literatur machte sich die Centrali- 
sation immer stärker geltend. Auf diesen Gebieten hatte Paris 
schon früher die Vorherrschaft besessen. Seit dem Beginn des 
17. Jahrhunderts war für Künstler und Schriftsteller nur in Parig 
Anerkennung und Ruhm zu erwerben. Neben dem Hof schien 
nur das Pariser Publikum noch mit einigem Urtheil begabt zu 
sein. Die Stiftung der Akademie hatte die literarische Centrali- 
sation wesentlich befördert, die Gründung des »Mercure de 
France<< schuf ein journalistisches Organ, das die Pariser An- 
schauungen durch ganz Frankreich verbreitete und ihnen so zu 
sagen Gesetzeskraft verlieh. Die Akademien zu Lyon und Bor- 
deaux, die in den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts gegründet 
wurden, hatten der Pariser gegenüber keine Bedeutung. Neben 
der literarischen Klasse der Akademie entstanden in der Haupt- 
stadt bald andere, so die 7>Acadämie des inscriptions«, wo sich 



*) Vergl. Tocqueville, clu III, S. 83. Gaillardin V, S. 646. 



272 

die philologische, und die nAcadämie des sciences^^, wo sich 
die mathematische und naturwissenschaftliche Gelehrsamkeit con- 
centrirte. 

Für die richtige Beurtheilung der literarischen Entwickelung 
in Frankreich ist die Beobachtung der steigenden Centralisation 
auf allen Gebieten von hoher Wichtigkeit. So nur konnte es 
kommen, dass die Verschiedenheit der Provinzen sich in der 
Literatur kaum fühlbar machte. Noch in der ersten Hälfte des 
Jahrhunderts galt die Normandie als die Wiege der dramatischen 
Dichter, erkannte man den Einäuss, den die Gascogne in der 
Poesie^ im Roman, in der Gesellschaft ausübte. Bald aber traten 
diese provinziellen Unterschiede gänzlich zurück, und es herrschte 
nur ein einziger Geschmack. Die Centralisation beförderte die 
Ausbildung eines einheitlichen Stils, und nur mit ihrer Hilfe 
war es dem streng klassischen Geist möglich, sich zur Herrschaft; 
im Lande aufzuschwingen. Die Provinz nahm diese Diktatur 
ohne Widerstreben hin, da sie schon zu lang an die Vorherrschaft 
der Hauptstadt gewöhnt war. Die Dichter und Schriftsteller 
selbst mochten aus den verschiedensten Gegenden des Landes 
stammen ; hatte sie der Ehrgeiz nur einmal nach Paris getrieben, 
so vergassen sie, was sie in ihrer Heimat Bewegendes und Er- 
hebendes gesehen hatten, um sich völlig dem Geschmack der 
herrschenden ELreise in der Hauptstadt zu unterwerfen. Es fiel 
ihnen das um so weniger schwer, als sie schon zuvor sehnsüch- 
tige und bewundernde Blicke nach Paris geworfen hatten. Wenn 
wir aber von Streitigkeiten und Gegensätzen innerhalb der Pa- 
riser literarischen Welt zu berichten hatten, waren diese immer 
mehr durch persönliche Antipathien erregt worden, und nur selten 
hört man von einem Kampf der Principien. Allerdings hatte die 
neue Schule Boileau- Meliere -Racine nach heftigem Kampf [die 
Herrschaft des romanesken und precieusen Geschmacks gestürzt. 
Mit ihrem Sieg aber war wieder für ein Jahrhundert die Haltung 
der Literatur entschieden. Die Centralisation, die um so mächtiger 
wurde, je grössere Leistungen sie aufweisen konnte, machte sich 
nach jener Glanzperiode fühlbarer als je. Die Dichter, die in 
der nachfolgenden Zeit auftraten, wandelten um so lieber auf 
der betretenen Bahn, als sie nicht Ejraft genug hatten, neue 



273 

Wege zu eröffnen, und das französische Publikum dies auch nicht 
verlangte. Niemals hatte die Volkspoesie in Frankreich weniger 
Beachtung gefunden^ als damals. Es war von ihr nicht die Rede^ 
sie blieb einfach unbekannt. Was wussten die Herren ^ die in 
den Salons und den Theatern der Hauptstadt lebten, von dem 
Schatz der Poesie, der sich im Volksleben findet? Immer tiefer 
wurde die Kluft, welche die Poesie von dem Leben trennte, und 
um so schneller trat die Verknöcherung der ersteren ein. Allein 
die Centralisation schützte doch deren Herrschaft noch für lange 
Zeit. Zudem war die Wirkung der Meisterwerke aus der glän- 
zenden Epoche des 17. Jahrhunderts noch lange so gewaltig, 
dass kaum jemand an ihrer Unfehlbarkeit zu zweifeln wagte. 

Ludwig XIV. hat auch in dieser Hinsicht seinen Einfluss 
geltend gemacht. Indem er an die verschiedensten Dichter und 
Schriftsteller mit freigebiger Hand Ehrengehalte verlieh, fesselte 
er sie um so enger an seinen Hof, sein System und seinen Ge- 
schmack. Er centralisirte auch die Schauspielkunst, indem er 
die zwei mit einander rivalisirenden Gesellschaften, die des Hotel 
de Bourgogne und die ehemals Moliere'sche Truppe im Jahr 1680 
zu einer einzigen verschmolz, derselben eine jährliche Subvention 
von 12.000 Livres bewilligte und sich die Bestätigung jeder wei- 
teren Aufnahme von Mitgliedern vorbehielt. Er begründete da- 
mit die erste Bühne Frankreichs, die «Comödie frangaise", welche 
eine wahrhafte Kunstanstalt und der Stolz und die Freude der 
Franzosen wurde. Dieses Verdienst soll ihm nicht geschmälert 
werden. Aber es muss doch auch auf die nachtheiligen Folgen 
seiner Massregel hingewiesen werden. Indem die Centralisation hier 
jede Konkurrenz beseitigte, machte sie auch den Fortschritt, der 
durch den Wettstreit entsteht, unmöglich, und führte zu einer ge- 
wissen Einseitigkeit. Wir wissen , wie energisch Molifere gegen 
das Hotel de Bourgogne ankämpfte, wie er den emphatischen, 
unnatürlichen Vortrag, der dort beliebt war, tadelte und auch 
bei der Darstellung der Tragödie eine natürliche einfache Rede- 
weise verlangte. Mit seinem Tod schwand der Widerstand^ und 
die Vereinigung der beiden Bühnen entschied den Sieg des H6tels 
de Bourgogne in dieser Hinsicht. Seitdem blieb der gespreizte 

Lotheissen, Oesch. d, franz. Literatur. lY. Bd. jo 



274 

Ton des Vortrags in der Tragödie herrschend, gewiss zum Nach- 
theil auch der Dichtungen, die mit dieser Art der Deklamation zu 
rechnen hatten. Es ist doch kaum denkbar, dass das ganze Land 
diese an sich falsche Manier widerstandslos ertragen hätte, wenn 
nicht von Paris aus das Beispiel gegeben worden wäre. Das 
Konservatorium, das in der Folgezeit gegründet wurde, erhöhte 
noch diese Einwirkung. Auch hier siegte die Centralisation, 
denn die jungen Schauspieler , die im Konservatorium gebildet 
wurden, trugen nun die hauptstädtische Kunst gewissenhaft in 
jedes Städtchen des Landes. Zu Moliere's Zeit hatten die Pro- 
vinztheater alle grossen Schauspiele aufgeführt; bald verbreitete 
sich die Ansicht, nur die 7?Comödie frauQaise« in Paris sei im 
Stand, ein klassisches Werk würdig vorzutragen. Heute ist dem 
wirklich so, denn in der Provinz hat man sich entwöhnt, eine 
Tragödie von Corneille oder Racine aufzuführen. Der Verlust ist 
gross, denn der Volksgeist findet in der lebendigen Vertrautheit 
mit der klassischen Tragödie eine Kräftigung, die durch kein 
andres Mittel ersetzt werden kann. Wenn Schiller in Deutsch- 
land so populär ist, verdankt man das zum nicht geringen Theil 
dem Umstand, dass jede deutsche Bühne, die Anspruch darauf 
macht, eine Kunstanstalt zu sein, alljährlich einige seiner Werke 
aufführt , sie somit lebendig erhält und sie besonders dem em- 
pfänglichen Gemüth der Jugend für immer einprägt. 

Die Vortheile der Centralisation sind in Frankreich klar zu 
Tage getreten ; aber nirgends haben sich die Nachtheile derselben 
auch so überzeugend herausgestellt, wie in Frankreich^ seitdem 
man daselbst das System bis zu seinen äussersten Konsequenzen 
verfolgt hat. Die übermässige Centralisation gefährdete am Schluss 
des !?♦ Jahrhunderts den Wolstand und die Macht Frankreichs ; 
sie trug auch ihren Theil der Schuld an dem Niedergang in der 
Literatur, der sich zu gleicher Zeit offenbarte. 

Wir haben schon gesehen, wie rasch die dramatische Poesie 
von ihrer Höhe herabstieg; wie die Komödie nicht das höhere 
Charakterlustspiel pflegte, sondern Sittenschilderungen und Bilder 
aus dem alltäglichen Leben brachte, wie die Tragödie jede innere 
Kraft einbüsste. In gleicher Weise verarmten die andern Gebiete. 



275. 

In der Lyrik galt Mme Deshouliferes als grosse Dichterin und 
man feierte sie als »die zehnte Muse". Auch der Abbö R^gnier- 
Desmarais (1632 — 1713) wurde wegen seiner unbedeutenden Ge- 
dichte geschätzt*), sowie auch die Leichtigkeit und Natürlichkeit 
der Sprache in den Dichtungen S^nec6's gerühmt wurde. Äntoine 
Bauderon de S6nec6 (1643 — 1737) stand lange Zeit als erster 
Kammerdiener im Dienst der Königin Marie-Thör^se. Von ihm 
existiren Poetische Erzählungen (»Nouvelles en vers«), Satiren, 
Epigramme, sowie eine Paraphrase der Psalmen. Seine gereimten 
Erzählungen — (»Filer le parfait amour«, „la Confiance perdue 
ou le serpent mangeur de kaimac et le turc son pourvoyeur" 
u. a« m.) sind zu lang ausgesponnen und matt. Sie eifern nicht 
La Fontaine's Erzählungen nach, wie man denken möchte, son- 
dern wollen diese im Gegentheil widerlegen und moralisch wir- 
ken**). Seine satirischen Gedichte fordern zur Vergleichung mit 
den Boileau'schen Satiren auf, und obwol diese letzteren die 
schwächsten Arbeiten de 3 Dichters waren, zeigt sich doch alsbald 
der grosse Abstand, der S6nec6 von Boileau trennt. S^nec6 be- 
klagt z. B. in der Satire nLes travaux d'ApoUon« die Leiden- 
schaft, die ihn zum Dichten treibe, ähnlich wie Boileau es in 
seiner zweiten Satire und an andern Stellen gethan hat. Aber 
die Satire S6necö's kommt den Boileau'schen Versen weder an 



*) Seine gesammelten Gedichte „Po^sies fran^oises, italiennes, espagnoles, 
latines" erschienen 1707 in 2 B. 

**) Die Erzählung „Filer le parfait amour** beginnt: 
Dieu fasse paix au gentil Arioste, 
Et daigne aussi mettre en lieu de repos 
Jean La Fontaine, auteur fait a la poste 
Du Ferrarois, adoptant ses bona mots. 
Ghr^tiens etoient; quoiqu^li tort dans le monde 
Leur badinage ait glissä le venin 
Qa*a rdpandu la fable de Joconde 
Sur le vermeil de l'honneur feminin. 



Essajer veux, si mes forces suffisent, 
A revStir la sainte honndtet^ 
De quelque gräce. 

Der Ausdruck „Fait k la poste**, der in dieser Stelle gebraucht wird, 
bedeutet so viel als „k la guise, sur le modMe**. 

18* 



276 

Kraft noch an Wohllaut nahe; in steifer Symmetrie redet sie 
eine arme^ unpoetische Sprache *). 

Noch wäre eine Reihe von Lyrikern zu erwähnen, deren 
Lebenszeit zum grossen Theil in das 17. Jahrhundert fällt , die 
aber doch mehr der folgenden Epoche zuzurechnen sind. Zu 
ihnen gehörten Guillaume Anfrye Abb^ de Chaulieu und sein 
Freund, der Marquis de La Fare. Der Abb6 de Chaulieu (1639 
bis 1720), dessen Familie aus England stammte, war in seiner 
Jugend mit dem Sohn des Herzogs de La Rochefoucauld, des 
Verfassers der nMaximes" , in engeren Verkehr getreten und 
diese Freundschaft hatte ihm viel genützt. Er war in die aristo- 
kratische Gesellschaft eingeführt worden , hatte als Abb^ eine 
Reihe fetter Pfründen erhascht und das Vertrauen der Prinzen 
Venddme erworben. Diese, die Enkel des ersten Vendöme^ eines 
natürlichen Sohns Heinrich IV., residirten im j^Temple" , dem 



*} Man vergl, die Stelle bei Boileau, eat. II, v. 53 fF.: 
Maudit soit le premier, dont la verve insensee 
Dans les bomes d^un vers renfeima la pensee, 
Et donnant k ses mots une ^troite prison, 
Yottlut avec la rime enchainer la raison. 
Sans ce mutier fatal au repos de ma vie, 
Mes jours pleins de loisir couleroient sans envie, 
Je n'aurois qu'ä chanter, rire, boire d^autant; 
Et comme un gras chanoine, ä mon aise et content, 
Passer tranquillement, sans souci, sans affaire, 
La nuit ä bien dormir et le jour a rien faire, 
mit dem Beginn der genannten Satire von S^nec^ („les travaux d*Apollon") 
Trompense volupt^, torture ing^nieuse, 
Ingrat amusement, peine capricieuse, 
Compag^e du m^pris et de la pauvret^, 
Muse, sors pour jamais de mon coeur rebut^. 
Maudit soit Tascendant qui for^a mon g^nie 
A trouver des douceurs dans la vaine harmonie; 
Maudite soit l'erreur du goüt pernicieuz 
Qui me fit m^diter ton langage des dieux! 



Par oü puis-je k la cour esperer du soutien? 

Qui n*y fait que des vers, n'y fera jamais rien. 

II est temps que mon äge k d'autres soins s*occupe; 

On est, en cheveux gris, inexcusable dupe. 

Laisse aux r^flexions le reste de mes ans; 

Ya, reprends pour jamais tes frivoles pr^sents. 



277 

alten Palast der TempelherreD^ und waren beide ihres sittenlosen 
Lebenswandels halber bekannt. Sie vereinigten im Temple eine 
Gesellschaft geistreicher Epikuräer, zu der auch eine Zeit lang 
der alternde La Fontaine sowie Voltaire in seiner Jugend ge- 
hörten. Der Abb^ Chaulieu war einer der tonangebenden Männer 
dieses Kreises. Er selbst sagt einmal, er gehe im Taumel der 
Vergnügungen unter, sei aber für die Geschäfte begabt *)♦ Frei 
von Künstelei und Affektation, war er der Sänger des Weins, 
der Galanterie, des Lebensgenusses. Aber seine Lieder sind 
ohne wirklich poetisches Gefühl, oft geradezu flach. 

Sein Skepticismus verrieth sich in sonderbarer Weise, in- 
dem er jede Philosophie und jeden Glauben abwechselnd in seinen 
Gedichten zu Wort kommen Hess. Nach einer schweren Krank- 
heit richtete er an La Fare ein „Gedicht über den Tod im Sinn 
des Christenthums«. Aber er dichtete auch eine vOie auf den 
Tod im Sinn des Deismus" und eine andre «im Sinn des Epi- 
kuräismusu **). 



*) Epitre au marquis de La Fare: 

Noye dans les plaisirs, mais capable d'affaires. 

**) In der „Ode snr la mort conform^ment aux principes du ebristia- 

iiisme" (1695) heisst es: 

En ce Dieu de piti^ j'ai mis ma confiance. 
Trop sür de ses bont^s, je vis en assurance, 
Qu'un Dieu qui par son cböix au jour m'a destin^ 
A des feux eternels ne m*a point condamne. 

In der „Ode sur la mort conform^ment aux principes du d^isme" (1708) sagt er: 

Exempt de pr^jug^s, j'affronte l'imposture 
Des yaines superstitions. 
und schliesst: 

Je mourrai dans la confiance 

De trouver, au sortir de ce funeste lieu, 

Un asile assure au sein de mon Dieu. 

Dagegen heisst es in der „Ode sur la mort, conformement aux principes des 
epicuriens" (1700), die der Herzogin von Bouillon gewidmet ist: 

La mort est simplement le terme de la vie; 
De peines ni de biens eile n^est point suivie. 

Darum solle man das Leben gemessen: 

Cependant jetons des roses, 
Je les vois avec des lys 



278 

Die Gesellschaft des Templo machte bewusste Opposition 
gegen die Frömmelei, welche vom Hofe ausging. Aber die 
Männer, welche sich in diesem Gegensatz gegen die herrschende 
Richtung gefielen, waren persönlich zu wenig charaktervoll und 
zu oberflächlich, um nachhaltig wirken zu können. Auch ge- 
hören sie mit ihrem ganzen Wesen viel mehr zu dem 18. Jahr- 
hundert. 

Ein weiteres Symptom der nahenden Wandelung im Sinn 
und Geschmack der Nation war der literarische Streit, der 
in den letzten Jahren des Jahrhunderts mit Erbitterung ge- 
führt wurde, — der Streit über den Werth der alten und der 
modernen Zeit. An und für sich wäre diese Fehde nicht weiter 
zu beachten, zu so viel galligen Schriften sie auch Veranlassung 
geboten hat. Aber als ein Merkzeichen der damaligen Stimmung 
ist sie uns auch heute noch von Interesse. Bis dahin hatte man 
mit fast unbegrenzter Verehrung auf die Literatur der Griechen 
und Römer geblickt, und in ihr das einzige Vorbild alles poetischen 
Schaflfens gefunden. Selbst Spötter, wie Scarron, hatten niemals 
ernstlicb gegen die Herrschaft der Antike gekämpft, und wenn 
fromme Epiker mit ihren christlich religiösen Heldengedichten 
die Werke eines Homer oder Virgil hatten in Schatten stellen 
wollen, so hatten sie im Gegentheil nur dazu beigetragen, die 
Grösse dieser letzteren recht klar zu machen. Schon lange lebte 
man der Ueberzeugung von der unerreichbaren Grösse der alten 
Welt, die als ein Ideal in jeder Hinsicht galt. 

Erst gegen das Ende des Jahrhunderts regte sich die Oppo- 
sition gegen diese blinde Verehrung. Man sah auf eine glänzende 
Zeit zurück, glänzend durch kriegerische Erfolge wie durch 
geistige Errungenschaften. Ein geordnetes Staatswesen bot dem 
Bürger Sicherheit, ein mächtiges Königthum theilte seinen Ruhm 
mit dem ganzen Land, und eine glänzende reiche Literatur war 



Briller, fraichement doloses, 
Sur le teint de ma Pbylis. 

Die Gedichte Chaulieu's findet man Öfters mit den Gedichten La Fare*8 zusammen- 
gedruckt. Eine Gesammtauifigabe seiner Gedichte wurde noch 1774 in 2 Bänden 
veranstaltet. Eine Auswahl geben die „Petits poStes fran(jais", herausgegeben | 

von Poitevin, IS 64, 2 Bde. i 



279 

dieser Epoche schönster Schmuck. Da war es nicht zu verwun- 
dern, dass man sich jedem andern Volk, auch den Griechen und 
Römern, gleich fühlte, und dass man gewissermassen die Erb- 
schaft dieser beiden Kulturvölker des Alterthums übernommen 
zu haben glaubte. Man fühlte seine Kräfte, erkannte ringsum 
den Fortschritt der Wissenschaften, der Civilisation überhaupt 
und freute sich dieses Gewinns. Die Frage lag nahe, ob man 
nicht auch in der Literatur den Alten gleich stehe, ob man sie 
nicht auch in der Poesie überwinden könne, vielleicht schon 
überwunden habe? Dieser letzteren Ansicht gab zuerst Charles 
Perrault öflfentlichen Ausdruck*). König Ludwig war im Jahr 
1686 von schwerer Krankheit befallen worden. Zur Feier seiner 
Genesung veranstaltete die Akademie eine Sitzung (27. Januar 
1687), in welcher Perrault sein Gedicht 7?Le sifecle de Lduis-le- 
Grandt^ vortrug, und König Ludwig mit dem Kaiser Augustus 
auf eine Linie stellte. Zugleich erlaubte er sich eine scharfe 
Kritik Plato's, den er für langweilig erklärte, und Homer's, der 
viele Fehler vermieden hätte, wenn er zu König Ludwig's Zeit 
gelebt hätte**). Den griechischen Dichtern stellte er die franzö- 



*) Ueber Perrault siehe Band III, S. 256 ff. 
**) Le siecle de Louis-le-Grand, v. 5 u. 6: 

Et Ton peilt comparer, sans crainte d'ötre injuste 
Le siecle de Louis avec celui d'Auguste. 



V. 113: 



Cependant si le Ciel favorable ä la France, 
Au siecle oü nous vivons eüt remis ta naissance, 
Cent defauts qu'on impute au sifecle oü tu naquis, 
Ne profaneroient pas tes ouvrages exquis. 
Tes süperbes guerriers, prodiges de vaillance, 
Prets de s'entrepercer du long fer de leur lance, 
N'auroient pas si longtemps tenu le bras lev^; 
Et lorsque le combat devroit ötre acheve, 
Ennuy^ les lecteurs d'une longue preface 
Sur les faits eclatants des heros de leur race. 
Ta verve auroit forme ces vaillans demi-dieux 
Moins brutaux, moins cruels et moins capricieux; 
D^une plus fine entente et d'un art plus habile 
Auroit ete forge le bouclier d'Achille. 

Ton genie abondant en ses descriptions, 
Ne t'auroit pas permis tant de digressions, 



280 

sischen gegenüber, Maynard, Gombauld, Sarrazin, Voiture 
und andre, deren Ruhm unsterblich sei. Unter den Dichtern, 
die er mit solchem Lob bedachte, nannte er allerdings auch 
Malherbe und Meliere, aber weder Boileau noch Racine. Wie 
Perrault selbst in seinen Memoiren erzählt, brach Boileau's Zorn 
noch während der Sitzung , aus und äusserte sich in heftigen 
Worten. Racine dagegen zeigte sich als wahrer Satiriker; er 
spendete Perrault sarkastisches Lob über den Scherz, den er sich 
erlaubt habe*). Dieser aber hatte die Mehrheit der Akademiker 
für sich, die er ja für so bedeutend erklärt hatte. Boileau selbst 
machte seinem Aerger in einigen Epigrammen gegen Perrault und 
die Akademie Luft, trat aber nicht weiter gegen den Verfasser 
des ??Siecle de Louis-le-Grandti auf, mit dem er ja in der Hoch- 
schätzung des Königs und der modernen Zeit übereinstimmte. 
Perrault schloss daraus, dass ihm Boileau nichts zu erwidern wisse ; 
andre Schriften aber, welche ihn bekämpften, waren so schwach, 
dass sie nur seinen Muth erhöhten**). Im Oktober 1688 liess er 
den ersten Theil seines Werks »Parallele des anciens et des mo- 
dernes" erscheinen, in welchen er die Alten noch viel entschiedner 
verurtheilte. Drei weitere Theile folgten in den nächsten Jahren. 
Perrault's Ausführungen sind darin in Form von Dialogen gegeben. 
Ein Präsident vertritt mit Eifer die Alten, ein gelehrter Abbi ver- 
theidigt die moderne Zeit, und ein Chevalier, ein leichtgesinnter 
junger Mann, der sich um die Streitfrage nicht viel kümmert, 
mischt seine witzigen Bemerkungen ein. Diese drei Freunde 
machen einen Ausflug nach Versailles, dessen Schloss ihnen den 
Anlass gibt, die schon öfters behandelte Streitfrage aufs neue 
durchzusprechen. 



Et moderant l'exc^s de tes allegories 
Eüt encor retranch^ cent doctes reveries, 
! Oü ton esprit s'egare et prend de tels essors, 

i Qu'Horace te fait gräce en disant que tu dors. 

*) Perrault, Memoires (1759), l. IV, S. 201. Ueber den Streit, der sich 
nun entspann, yergl. Hippel jte Kigault, Histoire de la querelle des anciens et 
des modernes. Paris, Hachette 1856. 

**) In der Vorrede zu seinem Buch „Parallele des anciens et des mo- 
dernes** sagt er von Boileau und Racine: „On esperoit que leur chagrin pro- 
duiroit quelque critique qui ddsabuseroit le public; mais ce chagrin s'est evapord 
4in. protestations contre mon attentat et cn paroles vaines et vagues.** 



281 

Hätte Perrault sich darauf beschränkt, zu zeigen, wie die 
moderne Zeit auf vielen Gebieten die Alten tibertrifft, wie der 
Fortschritt der Civilisation und Humanität sich vielfach geltend 
macht, hätte er nur vor einseitiger Bewunderung der alten 
Poesie gewarnt und die Ansicht ausgesprochen, dass auch spätere 
Jahrhunderte grossartige Dichtungen hervorbringen können, so 
würde er keine solche Entrüstung hervorgerufen haben, wie sie 
auf seine Schrift hin in vielen und gerade gebildeten Kreisen 
emporloderte. Aber Perrault ging viel weiter. Sein Buch wurde 
eine förmliche Schmähschrift gegen alles, was von Griechen und 
Römern stammte, zumal gegen deren Poesie und Kunst. Er be- 
wies dabei nur, dass ihm die alte Welt nicht bekannt war. Selbst 
die Sprachen der Alten waren ihm nicht vertraut, denn er liess 
sich bei seinen Urtheilen unzählige grobe Versehen zu Schulden 
kommen. Der Abb6 setzt in dem ersten Dialog Versailles über 
alles, was die römische Architektur hervorgebracht hat. Der Che- 
valier macht sich über den Galimathias des Pindar lustig, und 
citirt die erste Strophe der ersten Olympischen Ode in möglichst 
platter Uebersetzung *). Aehnlich wird dann Plato misshandelt 
und der Präsident findet nie ein treffendes Wort der Entgegnung. 



*) Der erste Olympische Siegesgesang beginnt — in der Uebersetzung 
von Schnitzer, Stuttgart 1860 — folgendermassen : 

Das Herrlichste das Wasser ist; 

Gleich der lodernden Flamme 

In der Nacht, strahlt das Gold 

Ueber den männererhebenden Keichthum. 

Willst du aber, liebes Herz, 

Edle Kämpfe besingen, 

Vor der Sonne nimmermehr 
Schau nach wärmenderem Gestirn, das hell am Tage 

Leuchtete durch öden Aetherraum. 

Pindar will sagen, dass Wasser und Gold in ihrer Art die köstlichsten Güter 
sind, dass aber unter den Wettkämpfen die Olympischen Spiele hervorragen, 
wie die Sonne unter allen Gestirnen. Perrault gab davon die folgende Ueber- 
setzung: „L^eau est trfes-bonne k Ja v^rit^, et Tor qui brille comme le feu durant 
la nult eclate merveilleusement parmi les richesses qui rendent l'homme süperbe 
Mais mon esprit, si tu desires chanter les combats, ne contemple point d'autre 
astre plus lumin eux que le soleil pendant le jour dans le vague de l'air, car 
nous ne saurions chanter de combats plus illustres que les combats Olympiques." 



282 

Der zweite Dialog dreht sich hauptsächlich um die Archi- 
tektur^ Skulptur und Malerei^ in welchen Künsten ebenfalls das 
Zeitalter Ludwig XIV. jedes andre (Ibertreflfen soll. Der Abb^ 
gibt zwar zu, dass ßafael in mancher Hinsicht über den Malern 
des 17, Jahrhunderts stehe^ behauptet aber dabei, dass derselbe 
wieder in andrer Beziehung sie nicht erreiche. 7)Die Malerei ist 
heute vollendeter als sie es jemals war" *). Die folgenden Theile 
beschäftigen sich wieder mit der Literatur, und je weiter Perrault 
seine Dialoge führt, um so strenger urtheilt er über die Armen, 
die bis dahin von so viel Ruhm umstrahlt waren, und die er nun 
in ihrem wahren Werth zeigen will. So gut wie die Physik und 
die Astronomie im Lauf der Jahrhunderte Fortschritte machen, 
so gut werden auch Beredsamkeit und Poesie immer höher 
steigen, denn das Herz der Menschen zu erkennen ist nicht 
leichter, als die Geheimnisse der Natur zu erforschen. In den 
Tragödien Comeille's finden sich mehr schöne und feine Gedan- 
ken über den Ehrgeiz, die Rache und die Eifersucht als in allen 
Büchern des Alterthums zusammen **). Der Chevalier behauptet 
kühnlich, dass Mözerai so gut erzähle wie Thukjdides, und der 
Abbö fordert seine Gegner auf, ihm doch unter den Werken der 
Griechen und Römer eins zu zeigen, das der »Astre6«, der 
TiCl^lie", dem wCyrus" oder der wClöopatre« gleiche***). Die Ent- 
gegnungen des Präsidenten auf solche Geschmacklosigkeiten sind 
jedesmal so nichtssagend wie möglich. Demosthenes und Cicero 
werden dann als erbärmliche Redner hingestellt, dagegen die 
französischen Redner des 17. Jahrhunderts, Le Maistre u. a. m., 
als Meister gepriesen f). Am tollsten geht es im vierten Theil 



*) Parallele, dialogue II (S. 160 der Amsterdamer Ausgabe 1693): 
„Ainsi ä regarder la peinture en eile mesme et en tant qD^elle est un amas de 
preceptes pour bien peindre, eile est aujourd'hni plus parfaite et plus accomplie 
qu'elle ne l'a Jamals est^ dans tous les autres si^cles.^ 

**) Parallele, 2de partie, 3me discours (S. 232 u. 233). 
***) Ibid. S. 299. Fran^ois Eudes Le Mözerai (1610—1683) schrieb eine 
„Histoire de France** (3 B. 1643 — 51) and ein „Abregt chronologique ou Extrait 
de l'histoire de France** 1668 etc. 

t) Ibid. S. 373. Antoine Le Maistre (1608 — 1658), Advokat, trat mit 
29 Jahren zu den Jansenisten über, und zog sich nach Port-Koyal zurück, wo 
er eine Keihe theologischer Schriften verfasste. 



283 

zu, in dem noch einmal die griechischen Dichter, besonders 
Homer und Pindar, vorgenommen werden. Der Abbö will, im 
Verein mit dem Chevalier, nachweisen, wie roh und geschmack- 
los Homer gewesen. Unter andern Unzukömmlichkeiten verletzt 
ihn die Erzählung, dass der keimkehrende Odysseus seinen 
alten Hund auf einem Misthaufen vor dem Haus gefunden habe. 
Denn die Hunde würden nach Plinius keine zwanzig Jahre 
alt, und der Chevalier entsetzt sich, dass man von einem Mist- 
haufen vor einem Königsschloss sprechen könne*). «Da wir 
nun Homer so behandelt haben, setzen wir ihm Plato zur Seite«, 
sagt der witzige Chevalier. nDie beiden Autoren erinnern mich an 
Tamerlan und Bajazet, die im Krieg so gross waren, wie jene 
beiden in der Literatur. Als Tamerlan Bajazet im eisernen Käfig 
sah, in dem er ihn gefangen hielt, sagte er zu ihm: Gott muss 
die Königreiche nicht sehr hoch schätzen, da er sie Menschen 
wie uns verleiht, und er dem Hinkenden gibt, was er dem Ein- 
äugigen nimmt. — So könnte man auch sagen, dass Gott den 
Ruf eines Schöngeistes und Genies nicht für gross erachtet, da 
er zulässt, dass man zwei Menschen wie Plato und Homer so 
nennt — einen Philosophen, der so bizarre Visionen hat, und einen 
Dichter, der so unsinniges Zeug redet«**). 

Man begreift leicht, welche Entrüstung durch solche Beweis- 
führung geweckt wurde. Nicht Boileau allein zürnte. Ihn hatte 
Perrault indirekt bekämpft, indem er Chapelain, Cassaigne, Qui- 
nault, Cotin und andere von dem Kritiker getadelte Schriftsteller 
lobte. Auch La Fontaine, Racine, La Bruyere, Philologen und Ge- 
lehrte, wie Dacier und Huet, standen auf Boileau's Seite. Aber 
man ging nun auch hier zu weit. Dacier erklärte in der Vorrede 
zu seiner Uebersetzung des Horaz, dass der grosse Dichter die 
höchste Bildung besessen, auch die Bücher Mosis und die Sprüche 
Salomonis gekannt habe. Huet, der Bischof von Soissons war 
und später nach Avranches versetzt wurde, sprach seine Ansicht 
aus, dass alles abwärts gehe, dass die Natur weniger kräftig, das 
Leben weniger fruchtbar sei , dass die Menschen kleiner würden 



*) Parallele, 4. Theil, 4. Dial. 8. 66. 
**) Ibid. S. 85 ff. 



284 

und allmälig die Eraft des Geistes einbüssten. Dagegen trat 
Fontenelle oflfen auf Perrault's Seite. Er war im Jahr 1691 in 
die Akademie berufen worden und sprach sich in seiner Auf- 
nahmsrede für die Modernen aus, benützte auch die Gelegenheit^ 
Racine zu ärgern, indem er Corneille pries, der in der edelsten 
Gattung der Poesie alle andern Dichter in den Schatten stelle. 

Boileau hatte lange gezögert offenen Streit mit Perrault zu 
beginnen. Im Jahr 1793 jedoch veröffentlichte er seine Ode auf 
die Einnahme von Namur, worin er Pindarischen Schwung und 
Pindarische Begeisterung zeigen wollte, um an einem Beispiel die 
Grösse des alten griechischen Dichters zu lehren *). Leider war 
diese Ode durchaus nicht von Pindarischem Feuer erfüllt, son- 
dern eine matte Komposition, mit der er keinen Ruhm erntete. 
Energischer aber trat er im folgenden Jahre 1694 auf, als er eine 
neue Ausgabe seiner Werke veröffentlichte. Er schaltete darin 
einen Abschnitt ein, rjRöflexions critiques sur quelques passages 
de Longin", die genau genommen sich nicht mit Longin be- 
schäftigen, sondern nur Perrault eine Reihe der stärksten Irr- 
thümer nachweisen. Wenn dieser den griechischen Dichtern, 
Homer besonders, die einfältigsten Vergleiche und sonderbarsten 
Bemerkungen in den Mund gelegt hatte, so zeigte jetzt Boileau, 
wie wenig Perrault die Sprache der Griechen und Römer ver- 
stand, und wie er sich von schlechten Uebersetzungen hatte 
leiten lassen. Seine Schrift wäre noch eindringlicher und schla- 
gender gewesen, wenn er sich von seiner Entrüstung nicht zu 
Grobheiten und Schimpfworten hätte hinreissen lassen. Damit 
begann ein literarischer Streit zwischen den beiden Männern, 
der erst nach längerer Zeit durch die Vermittelung von Arnauld 
zu einem Friedensschluss führte**). 



*) König Ludwig war im Jahr 1692 selbst ins Feld gezogen, und Namur 
hatte sich ihm nach wenigen Tagen der Belagerung, die Citadelle nach einigen 
Wochen ergeben. Racine, der den König begleitete, berichtete darüber in seinen 
Briefen an Boileau. 

**) In der 10. Epistel (v. 120—124) rühmt sich Boileau des Lobs, das 
ihm Arnauld gespendet, und sein Epigramm n° 29 besagt: 

Tont le trouble po^tique 
A Paris s'en va cesser: 



285 

Der Streit darüber, ob den Alten oder den Modernen der 
Vorzug gebühre, war übrigens auch ins Ausland getragen worden, 
nach Italien und England, und besonders in dem letzteren Land 
gab er Anlass zu literarischen Auseinandersetzungen *). 

Zwanzig Jahre später (1713) wurde der Streit noch einmal 
aufgenommen, als La Motte Houdard Homer rjverbessern" wollte, 
und Mme Dacier sich gegen seine Barbarei auflehnte. Allein diese 
Fehde zu verfolgen, ist hier nicht mehr nöthig. Wenn wir über- 
haupt diese an sich ziemlich müssigen Kämpfe etwas genauer 
besprochen haben, so war es, weil wir, wie schon gesagt, in 
ihnen ein Anzeichen mehr der Sinnes- und Geschmacksänderung 
sehen, die sich am Ende des Jahrhunderts vorbereitete. Boileau 
hatte im Streit mit Perrault in so fern gesiegt, als die grosse 
Mehrzahl der Gebildeten ihm in seinen Ansichten über die Lite- 
ratur der alten Griechen und Römer beipflichtete. Aber ebenso 
klar war es doch auch geworden, dass das grosse Publikum 
über die Verehrung, zu der es genöthigt werden sollte, und deren 
Grund es nicht verstand, ungeduldig zu werden begann. Die 
Regierungszeit Ludwig XIV. ging ihrem Ende entgegen, ein 
neues Jahrhundert rüstete sich auch neue Ideen geltend zu 
machen. In den Schriftstellern, die wir am Schluss des 17. Jahr- 
hunderts als Vertreter des klassischen Geistes finden, fühlt man 
doch schon unverkennbar den Pulsschlag einer andern, frisch 
beginnenden Zeit. La Bruyere, F^nelon, Bayle waren zwar in 
ihrem Charakter verschieden, aber jeder von ihnen trug in seiner 
Weise dazu bei, die Entwicklung des neuen Geistes zu befördern. 



Perrault rantipindarique 
Et Despr^aux Phomerique 
Consentent de s'embrasser. 

*) In England erklärte sich u. a. Swift für die Alten, auch Sir William 
Temple in einer Schrift über das Wissen der Alten und der Modernen, 1692. 
Gegen ihn sprach sich W. Wotton für die neuere Zeit aus (Reflexions upon 
ancient and modern learning, 1694). 



VIII. 



La ßruyöre. 



Wie Racine in seinen Dichtungen die glänzendste Epoche 
in der Regierungszeit Ludwig XIV. abspiegelt, so möchten wir 
sagen, dass die letzten Jahre des 17. Jahrhunderts in vieler 
Hinsicht am besten durch La Bruy^re vertreten werden. Man 
kann ihn noch zu den klassischen Schriftstellern rechnen, aber 
er unterscheidet sich doch wesentlich von ihnen. Sein Geist hat 
eine andre Richtung eingeschlagen, und seine Anschauungen 
sowie sein Stil lassen bereits die Weise des neuen Jahrhunderts 
voraussehen. 

Die Lebensumstände Jean de La Bruy^re's sind uns nur 
unvollkommen bekannt. Er stammte aus einer Beamtenfamilie, 
und war im August 1645 zu Paris geboren. Sein Urgrossvater 
Mathias war »Lieutenant civil« , d. h. Civilrichter im Chätelet 
gewesen, und hatte sich während der Religionskriege als eifriger 
Anhänger der Liga gezeigt. Der Vater des Schriftstellers, Louis 
de La Bruyfere, wird als Controleur in der Rentkammer der Stadt 
Paris (Controleur des rentes de la ville de Paris) genannt und 
als adlich bezeichnet*). Louis de La Bruy^re hatte sieben Kinder, 
von welchen ihn aber nur vier überlebten. Der älteste von ihnen 
war Jean, der mit einem jüngeren Bruder für die juristische Lauf- 
bahn bestimmt wurde. Jean schlug freilich später andre Bahnen 
ein, sein Bruder aber folgte der Tradition in der Familie« Man 
findet ihn als Huissier beim Parlament erwähnt. 

Seine Bildung erhielt La Bruyfere bei den Oratorianern, 
was in so fern bestimmend auf seine ganze Entwicklung ein- 
wirkte, als diese in ihren Schulen mehr Gewicht auf den Unter - 



*) Vergl. darüber und über das Leben La Bniy6re*8 überhaupt E. Foumier^ 
La com^die de J. de La Bruy^re. 2™« ^d. revue et augment^e. Paris, Dentu 
1872; auch die „Notice biographique** in der Ausgabe der „Oeuvres complöte» 
de La Bray^re** von A. Chassang. Paris, Garnier frferes, B. I, 1876. 
Lotheissen, Gesch. d. firanz. Literatnr. IV. Bd. iq 



290 

rieht in der grieehisehen Sprache legten, als dies in vielen andren 
Schulen, z. B. bei den Jesuiten, geschah. Auch beschäftigte sich 
La Bruyfere mit den modernen Sprachen*). Später studirte er 
die Rechte und Hess sich in die Liste der Advokaten in Paris 
eintragen. Vermögen besass er nic|;it und so lebte er in sehr 
bescheidnen Verhältnissen**). 

In seiner Armuth bewahrte er jedoch seine Unabhängigkeit 
und seinen philosophischen Gleichmuth. Die Erinnerung daran 
regte ihn vielleicht später zu dem bezeichnenden Ausspruch 
an: »Mann der dringenden Geschäfte, wenn du meiner Dienste 
bedarfst, komme zu mir in mein stilles Zimmer. Der Philosoph 
ist zugänglich; ich werde dich nicht auf einen andern Tag be- 
stellen. Du wirst mich mit den Schriften des Plato über die Un- 
sterblichkeit der Seele, oder mit Berechnungen über den Abstand 
des Jupiter vom Saturn beschäftigt finden: ich bewundere Gott 
iii seinen Werken, suche die Wahrheit zu ergründen, meinen 
Geist zu bilden und besser zu werden."***) 

Einige Jahre später trat La Bruyfere in Beziehung zu 
Bossuet. Als Lehrer des Dauphin begann derselbe grosse Ar- 
beiten und liess für seine Geschichtsvorträge die nöthigen Vor- 
arbeiten durch La Bruy&re machen. Man nimmt an, dass er 
ihn dafür mit seinem Einfluss unterstützte und ihm im Jahr 1673 
die Stelle eines Schatzmeisters (nTrisorier de France«) im Pinanz- 
bezirk Caen verschaffte. Doch brauchte La Bruy^re nicht dort- 
hin überzusiedeln. Ueberhaupt war die Stelle, die mit einem 
jährlichen Einkommen von 2400 Livres verbunden war, nur eine 
Sinekure. Auch Racine hatte einen solchen Posten, wie wir 
wissen. Wahrscheinlich in jener Zeit begann La Bruyfere seine 



*) Ein Brief La Bruy&re^s an den Prinsen Conde vom 3. April 1686 
bestätig^ dies. Die Verhältnisse in Ungarn, wo der Aufstand des Grafen Tökely 
und der Türkenkrieg die Aufmerksamkeit Europa's auf sich zogen ^ hatten den 
Prinzen veranlasst, sich eine deutsche Schrift übersetzen zu lassen. La Bruy^e 
schrieb darüber: „...Jai mis au net ce que j'ai traduit par yos ordres du petit 
livre allemand: c'est une suite des affaires des Hongrois, et la succession de 
leurs rois, que l'on voit rarement ailleurs avec tant d^ordre et d^ezactitude.'* 

**) Vigneul-Marville, M^langes d'histoire et de litt^rature, 1699, S. 336. 
Fonmier, S. 49. 

***) Les Caract^res, chap. des biens de fortune, n* 12. 



291 

Sammlung von Charakterbildern^ Beobachtungen wid moralphilo- 
sophischen Bemerkungen. Unabhängig, ohne Sorgen und ohne 
den Wunsch nach höheren Würden und Einkünften^ gab er sich 
seiner Vorliebe für das Studium des Menschen und der mensch- 
liehen Gesellschaft hin. Wenn man in den »Caract^res^i die Be- 
merkung liest, dass sich die Pariser jeden Abend auf dem Cours 
de la Beine oder im Tuileriengarten Rendezvous g^en, um sich 
einander zu mustern und zu kritisiren , oder wenn er an andrer 
Stelle sagt, dass man auf den Strassen die Vorübergehenden nur 
von Processen und Beschlagnahmen reden höre, so sehen wir im 
Geist ihn selbst das Rendezvous einhalten, um die Menschen in 
ihrem Thun und Treiben zu beobachten. nMan kann nicht ohne 
diese Menschen leben, obgleich man sie nicht mag und über sie 
spottet."*) 

Wieder war es nach einigen Jahren Bossuet, der La Bruy^re 
in das Haus der Prinzen Condö brachte. Auf seine Empfehlung 
wurde La Bruy^re Ende 1683 oder zu Anfang des folgenden 
Jahres Lehrer des jungen Herzogs von Bourbon, eines Enkels 
des bekannten Prinzen Condö. La Bruy^re hatte Geschichte, 
Geographie, Literatur und Philosophie zu unterrichten^ und nahm 
seine Aufgabe ernst. Wir haben noch eine Reihe von Briefen an 
Condö, in welchen er über die Studien des jungen Herzogs ein- 



*) Les Caractöres, chap. de la ville, n' 1 : «L^on se donne a Paris, sans 
se parier, comme un rendez-vous public, mais fort ezact, toas les soirs au Cours 
ou aux Tuileries, pour se regarder au visage et se desapprouver les uns les 
autres. L'on ne peut se passer de ce m6me monde que Pon n^aime point, et 
dont Ton se moque.** Dann chap. de l*homme n' 27: „h^on n*entend daos les 
places et dans les rues des grandes villes, et de la bouche de ceux qni passent, 
que les mots d'exploits^ de saisie, d'interrogatoir e, de promesse 
et de plaider contre sa promesse. £st-ce qu'il n'y auroit pas dans le 
monde la plus petite öquit^? Seroit-il au contraire rempli de gens qui deman- 
dent ce qui ne leur est pas du ou qui refusent nettement de rendre ce qu'ils 
doivent? 

Parchemins invent^s pour faire Souvenir ou pour conraincre les hommes 
de leur parole: honte de rhumanit^! 

Otez les passions, Tint^rdt, Tinjustice, quel ealme dans les plus grandes 
Tilles ! Les besoins et la subsistance n^y fönt pas le tiers de rembarras.** 

Diese Stelle aus dem Kapitel über den Menschen ist erst in den spä- 
teren Ausgaben zugefügt, doch waren die darin ausgesprochenen Ideen für La 
Bruyöre nicht neu« 

19* 



292 

gehen c^. berichtet. Schon im Jahr 1685 verkaufte er sein Amt als 
Schatzmeister. Er hielt wol seine Stellung im Haus der Condö 
für genügend gesichert , und bereitete zudem den Druck seiner 
»Caract&restf vor, wobei er durch keine RtLcksicht gehindert sein 
wollte. Im Dienst der Prinzen blieb er bis zu seinem Tod, ob- 
gleich seine Aufgabe als Lehrer früher beendigt war. Seine Stellung 
war in mancher Hinsicht angenehm, denn sie gewährte ihm eine 
sorgenfreie Müsse, aber sie wurde bei dem Charakter der Prinzen 
öfters auch recht schwierig*). Am angenehmsten und leichtesten 
erwies sich der Umgang mit dem Haupt der Familie, dem ngrossen^^ 
Cond6. Dieser liebte die Unterhaltung mit geistig anregenden 
Männern, zog Dichter und Schriftsteller in seine Gesellschafk, 
und La Bruy&re gewann sicherlich in solchem Kreis an Lebens- 
erfahrung, Gewandtheit und Geschmack. Auch hat er Condä in 
seinen ^Caract^resu unter dem Namen Aemile ein Denkmal ge- 
setzt**). Condi's Sohn, Henri Jules, war gleichfalls geistig begabt, 
allein sarkastisch und launenhaft im höchsten Grad, so dass er, 
wie Saint-Simon sagt, in seinem ganzen Leben keinen einzigen 
Freund erwerben konnte. Dieses unliebenswürdige Wesen ver- 
leitete den Prinzen und seine Freunde oft zu rücksichtsloser Be- 
handlung ihrer Umgebung, zu rohen Scherzen und Gewaltthateu. 
Auch La Bruy^re musste darunter leiden; doch hing es gewiss 
vom persönlichen Benehmen der Einzelnen ab, wie weit sich der 
Prinz an ihnen zu vergreifen wagte. Die Nachrichten in Bezug 
auf La Bruyire lauten ziemlich widersprechend. Während einige 
behaupten, dass er sich viel habe gefallen lassen, vertheidigen ihn 
andre und betonen seine Zurückhaltung, die auch die über- 
müthigen Aristokraten zu grösserer Reserve genöthigt habe***). 



*) Ueber die Cond^ und deren Charakter vergl. Band 11^ S. 29. 

*•) Les Caract^res, chap. du m^rite personnel n* 32. 

***) Valincour, ein Freund Bacine^s^ sagt in einem Brief, der in der Cor- 
respondance du pr^sident Bouhier, t. XII, S. 399 mitgetheilt ist, und auch von 
Foumier S. 256 citirt wird: „Pendant tout le temps qu^il a pass^ chez M. le 
duc, on 8*7 est toujours moqu^ de lui.** — Der Orientalist Galland schreibt in 
seinem „Journal** (12. Sept. 1714) : „M. Fougöres, officier de la maison de Cond^ 
depuis plus de 30 ans, disoit que M. de La Bruy&re n^^toit pas homme de con- 



293 

Immerhin muss La Bruy^re, der so scharf beobachtete, 
sich gar manchmal zurückgesetzt und gekränkt gefühlt haben. 
Das beweisen einzelne Aussprüche der wCaractires". »Wenn ich 
auf der einen Seite«, sagt er einmal, nan der Seite der Grossen, 
an ihrem Tisch, und manchmal sogar in ihrer engeren Gesellschaft 
Leute sehe, die beweglich^ eifrig, intrigant, abenteuernd, gefähr- 
lichen Geistes sind, und wenn ich auf der andern Seite sehe, 
wie viel Mühe es tüchtigen Männern kostet, sich den Grossen zu 
nähern, so kann ich nicht immer glauben, dass die Bösen aus 
Interesse geduldet, und die anständigen Menschen als unnütz 
betrachtet werden; ich finde mich vielmehr in der Ansicht bestärkt, 
dass vornehme Stellung und Urtheilskraft zwei verschiedne Dinge 
sind^ und dass die Liebe zur Tugend und zu den Tugendhaften 
wiederum eine ganz andre Sache ist«*). Deutlicher noch klingt 
die Bitterkeit über eine Beleidigung in der folgenden Bemerkung 
durch: w Wer gesellschaftlich \lber den Andern erhaben steht, so 
dass er vor jeder scharfen Antwort sicher ist, sollte niemals einen 
verletzenden Witz machen.«**) 

Der Gedanke kam ihm doch öfters, seine Stellung aufzu- 
geben, und wieder in seine frühere Armuth zurückzukehren. »Es 
ist oft besser, die Grossen zu verlassen, als sich über sie zu 
beklagen«, schreibt er***). Andre Rücksichten hielten ihn dann 
doch wieder zurück, allein ein geheimer Groll gegen die kalt- 
herzige stolze Aristokratie wuchs in seinem Herzen. Welch' ein 
Unterschied besteht denn zwischen dem Edelmann und dem 
Plebejer? y)Der eine betrinkt sich in Champagner, der andre in 



versation et qnUl lui prenoit des saillies de danser et de chanter, mais fort 
dösagr^ablement.'' Diese Notiz sagt schon viel weniger. Wenn La Bruy^re 
schlecht sang nnd ohne Anmnth tanzte, bot er vielleicht Anlass zur Heiterkeit, 
mag wol auch manchmal von dem spottlustigen Herzog gerade deshalb aufge- 
fordert worden sein, sich zu produciren. Aber das beweist noch nicht, dass 
man ihn unwürdig behandelte. Der Abb^ d'Olivet nennt ihn in seiner „Histoire 
de TAcadömie fran^oise*', ^d. Ch. Livet, t. II, p. 317: »sage dans ses discours, 
craignant toutes sortes d*ambition, m§me celle de montrer de Tesprit.'' Hätte 
La Bruyire selbst sagen können: ,,11 n*est pas ordinaire que celui qui fait rire 
se fasse estimer*^? (de la soci^td n* 3). 

*) Les Caractires, chap. des grands n® 13. 
•*) Chap. de la soci^t^ n* 64. 
***) Chap. des grands n* 9. 



294 

schlecbtem Landwein«, ruft er aus. »Das Volk hat keinen Geist, 
der Adel keine Seele« Jenes hat ein gates Herz, aber keine Ma- 
nieren; dieser hat nur Manieren nnd ist ganz äusserlich. Soll 
ich wählen? Ich schwanke nicht, und will zum Volk gehören. f^"^) 
Dann spricht er von dem Hang der Grossen, sich auf Kosten 
Andrer lustig zu machen, und lächerliche Seiten da zu finden, 
wo es keine gibt. Sie beraubten sich dadurch des Vergnügens, 
den ihnen der Umgang mit einem geistvollen Mann bereiten 
würde. So aber lege sich dieser eine grosse Zurückhaltung auf, 
um keine Veranlassung zu Spöttereien zu geben**). 

Da La Bruyfere seine Stellung wegen kleiner Kränkungen 
nicht aufgeben wollte, sich aber auch nicht durch ein Witzwort 
gegen den Spott schützen konnte, wehrte er sich auf andre 
Weise. Seine Aufzeichnungen wuchsen rasch an ; was er sah und 
hörte, empfand und bedachte, das legte er in seinen vertrauten 
Aufzeichnungen nieder. Abends in der Stille seines Zimmers 
schrieb er seine Beobachtungen, und erweiterte so die Gallerie 
merkwürdiger oder gewöhnlicher Charaktere, die er seit lange 
begonnen hatte. Einen Menschen in seiner verächtlichen Schwäche, 
seiner Dummheit, seinem Hochmuth zu zeichnen, ihn so zu 
zeichnen, dass man ihn erkennen musste, das war seine Rache. 
Demokratisch, oder gar ligistisch gesinnt, wie manche sagen, 
war er deshalb noch lange nicht. Ausbrüche des Unwillens über 
die Arroganz vieler Adeligen geben keinen Beweis dafQr. Wer 
den König als den Stellvertreter der Gottheit ansieht, und mit 
heiliger Scheu zu ihm aufzublicken anräth, wie dies La Bruyire 
thut, der ist weit von demokratischen Ueberzeugungen***). König 
Ludwig wird von ihm glücklich gepriesen, dass er auch ein stilles 
Familienglück geniessen könne. r^Nichts fehlt einem König, als 



*) Les Caractferes , chap. des grands n" 25 : ,,.... Le peuple n'a gfuere 
d'esprit, et les grands n'ont point d'äme: celui-lä a nn bon fond et n^a point 
de dehors; ceux-ci n^ont qtie des dehors et qu^une simple snperficie. Faut-il 
opter? Je ne balance pas: je veux ötre peuple.** Femer n" 28: „Un grand 
aime la Champagne, abhorre la Brie; il s^enirre de meilleur vin que Thomme 
du peuple; seule diff^rence que la crapule laisse entre les conditions les plus 
disproportionn^es, entre le seigneur et Testafier*** 
**) Ibid. n» 26. 
***) Ibid., chap. des esprits forts n® 28. 



295 

die Annehmlichkeit des Priyatlel)ens<<^ sagt er und betont damit, 
dass Mme de Maintenon dem König auch dieses Glück^ das den 
andern Monarchen fehle, verschaffe^). Die ängstliche Genauigkeit, 
mit der König Ludwig sich um die geringsten Verwaltungsmass- 
regeln kümmerte, und die mit Recht beklagt wurde, fand, wie wir 
schon erwähnt haben, einen lauten Lobredner an LaBruyfere**)^ 
Diese und andere Aeusserungen können nun allerdings als Aus- 
fluss der politischen Vorsicht angesehen werden, als eine Art 
Blitzableiter, obgleich kein Grund vorhanden ist, an La Bruyfere's 
aufrichtiger monarchischer Gesinnung zu zweifeln. Man weiss^ 
dass er bei dem König wie bei Mme de Maintenon gut ange- 
schrieben war. Auch dachte er nicht an den französischen Staat^ 
wenn er an einigen Stellen von Despotismus redete. Der Ver- 
sailler Hof erschien ihm doch als wahrhaft gross. «Wer den 
Hof gesehen hat, hat gesehen, was auf der Welt am schönsten 
ist; wer den Hof verachtet, wenn er ihn gesehen hat, verachtet 
die Welt.tt***) Ja er sieht in der vornehmen Abstammung schon 
eine gewisse Gewähr edler Gesinnung f). Freilich gefällt ihm 
nicht alles, was er bei Hof sieht. nWer kann gewisse schillernde 
Farben bezeichnen, die je nach den Tagen, an welchen man sie 
betrachtet, verschieden sind? Wer vermag den Hof zu defi- 
niren?« tt). Dazu kommen mehrfache Schilderungen der Höflinge, 
ihrer Verstellungakunst und Eitelkeit, ihrer Schmeicheleien und 
Niederträchtigkeiten ttt). La Bruy^re behauptet sogar, man 
brauche eine Anzahl Schurken bei Hof. »Schurken sind den 
Grossen und selbst den Ministern, welche die besten Absichten 
haben, unentbehrlich ; aber man muss sie mit Vorsicht gebrauchen. 
Zu gewissen Zeiten und bei gewissen Gelegenheilen können sie 
durch Niemanden ersetzt werden. Ehre, Tugend, Gewissen sind 
oft unnütz, so ehrenwerth sie immer sind; was kann man zu 
Zeiten mit einem ehrlichen Mann anfangen ?tt*f). Aber er warnt 

*) Les Caractöres, chap. du souverain n'' 16 \i. 16. 
**) Ibid., chap. du souverain n® 24. Man vergl. S. 263 dieses Bands. 
***) Ibid., chap. de la cour n° 100. 

f) Ibid., chap. des femmes n® 2. 
ff) Ibid., chap. de"^la cour n" 3. 
fff) Ibid. n« 2. 17. 18. 
*f) Ibid., chap. de la cour n" 53. 



296 

gleichzeitig vor der Uebertreibung ; man solle den Hof nicht zu 
streng beortheilen und ihm keine Fehler nachsagen, die er nicht 
habe. Sein grösster Fehler sei der, dass er das wahre Verdienst 
oft übersehe, oder, wenn er es erkannt habe, leicht vergesse"^). 
Der Mensch bleibt sich überall gleich, und in der ifStadt« erkennt 
La Bruy^re dieselben Schwächen. Noch grösseren Widerwillen 
empfindet er gegen die Kleinstädter und Provinzbewohner**). 
So erfüllt ihn zuletzt Uolust am ganzen Leben. nDie Stadt ver- 
leidet uns die Provinz; der Hof öffnet uns die Augen über die 
Stadt und heilt uns vom Hof. Ein gesunder Q^ist findet bei Hof 
den Geschmack an der Einsamkeit und Stille.«***) 

Von La Bruy^re's weiterem Leben ist wenig bekannt. Das 
Hauptereigniss seiner letzten Jahre war die Veröffentlichung der 
T^Caractferes« und einer denselben vorausgehenden Uebersetzung 
der r?Charaktere« des Theophrast im Jahr 1688. Er bot das 
griechische Werk gewissermassen als Einleitung und Vertheidigung 
seines eignen Buchs. Eine bekannte Anekdote erzählt, dass er 
den Ertrag der wCaractferes« der Tochter seines ihm befreun- 
deten Verlegers, des Buchhändlers Michallet, zum voraus be- 
stimmt habe, und dass diese wider Erwarten dadurch in den 
Besitz eines grossen Vermögens gelangt sei. Doch ist die Erzäh- 
lung keineswegs verbürgt, denn erst Maupertuis, der von Frie- 
drich dem Grossen als Präsident der Akademie nach Berlin be- 
rufen war, wusste von ihr. Er wollte die Tochter Michallet's 
gekannt haben, allein eine andre beglaubigte Nachricht liegt 
nicht vorf). 

Der Erfolg der TiCaracterest^ übertraf jede Erwartung, und 
La Bruy^re war mit einem mal bekannt. In den acht Jahren, 
die er noch zu leben hatte, erschienen in rascher Folge neun 



*) Les Caracteres, chap. de la cour n® 27. 

**) Ibid., chap. de la ville n' 15, de ]a societe n» 49—51. 

***) Ibid., chap. de la cour n* 101. 

t) Vergl. den Vortrag von Fonney in der öffentl. Sitzung der Berliner 
Akademie vom 23. August 1787 in ihren Memoiren. — Fournier S. 483 — 486. 
Was Fournier zur weiteren Bekräftigung der Geschichte beibringt, genügt 
doch nicht. 



297 

Ausgaben, jede in erweiterter Gestalt. In seinem nSifecle de 
Louis XIV" erzählt Voltaire, dass La Bruyfere sein Manuskript 
noch vor der Veröffentlichung dem witzigen Malezieu, dem Erzieher 
des jungen Herzogs Du Maine, mitgetheilt und dieser ihm gesagt 
habe: TjMein Freund, damit werden Sie sich viele Leser und viele 
Feinde erwerben". Diese Weissagung erfüllte sich, denn das 
Buch machte grosses Aufsehen; einige Charakterbilder Hessen 
erkennen, wer dem Verfasser als Modell gedient hatte, und andre 
reizten um so mehr zu kühner Auslegung. Der Erfolg war inso- 
fern anfangs weniger dem literarischen Verdienst zu verdanken, 
als vielmehr der Neugier und der Freude an einem kleinen 
Skandal. Bald gab es förmliche Schlüssel zu den TiCaract^res", 
in welchen oft aufs Gerathewohl Namen bekannter Zeitgenossen 
als die Urbilder der La Bruy^re'schen Skizzen genannt wurden. 
Man kann sich die Erbitterung denken, welche dadurch entstand. 
Vergebens protestirte La Bruyire gegen diese Sintflut von Er- 
klärungen, gegen die kein Damm helfe; vergebens erklärte er, 
keinen Theil an ihnen zu haben, und überhaupt seine Charakter- 
bilder nur musivisch zusammengesezt zu haben ; er konnte den 
Zorn so vieler Menschen, die sich dem Spott preisgegeben sahen, 
nicht so leicht beschwichtigen *). Sie glaubten seinen Betheue- 
rungen nicht und fanden selbst in der Wahl mancher Namen 
ein Epigramm. So las man z. B. Mme de Montespan statt 
nlr^ne«, weil dieser Name an die byzantinischen Kaiserinnen 
erinnert. La Bruy^re durfite sich darum auch nicht wundern, 
als eine Flut von Kritiken und Epigrammen gegen ihn losbrach. 
Es war ein Glück für ihn, dass die Cond^ ihn mit ihrer mäch- 
tigen Hand schützten, sonst hätte er leicht stärkere Beweise der 
Feindschaft erhalten. Als er sich nach einiger Zeit um die 



*) Man sehe die Einleitung zu den ^Caractöres". Darin heisst es: „Je 
crois pouvoir protester contre tout chagrin, toute plainte, toute maligne inter- 
prdtation, toute fausse application et toute censure, contre les froids plaisants 
et les lecteurs mal intentionn^s.** Und in der Vorrede zum ^Discours acade- 
mique** sagt er: „Quelle digue ^liverai-je contre ce dringe d'explications qui 
inonde la ville et qui bientöt va gagner la cour? Dirai-je s^rieusement , et 
protesterai-je avec d'horribles serments, que je ne suis ni auteur ni complice de 
ces clefs qui courent, que je n'en ai donn^ aucune...**. 



298 

Aufhahme in die Akademie bewarb, fand er auch dort viele 
Gegner und unterlag dreimal. Besonders kränkte es ihn, dass 
ihm die Akademie Fontenelle vorzog, und er schaltete dafür in 
der achten Auflage den Abschnitt über Gydias, den Schöngeist, 
ein, der eine literarische Werkstatt hat, Arbeiten auf Bestellung 
ausführt und sich über Plato, Virgil und Theokrit erhaben fühlt 
— eine Mischung von Pedanten und Precieusen, das Idol der 
Bourgeoisie und der Provinz*). Im Jahr 1693 traf ihn endlich 
die Wahl der erlauchten Gesellschaft, doch stiess er gleich mit 
seiner Aufnahmsrede bei vielen aufs neue an. Er pries eine An- 
zahl Mitglieder, La Fontaine, Racine, Boileau, Bossuet u. a. als 
die Zierden der Akademie und beleidigte damit andere, die er 
ungenannt Hess. Zudem war die Haltung seiner Rede gegen das 
Herkommen; weniger akademisch und feierlich, ging sie leich- 
teren Schritts einher und erlaubte somit wiederum über die Ober- 
flächlichkeit und Frivolität La Bruy^re's zu klagen. Um so 
stolzer war dieser darüber, dass sich der König die Rede bei 
seiner Mal zeit in Marly vorlesen liess und guthiess. 

Mit Bossuet hatte La Bruyere immer freundliche Bezie- 
hungen gehabt; in seinen letzten Jahren kam er öfters mit 
ihm zusammen, und dieser Verkehr mag ihn zu seiner Schrift 
über den Quietismus veranlasst haben. Diese Lehre machte 
damals ein« gewisses Aufsehen, und noch bevor Bossuet mit 
F6nelon über sie in Fehde gerieth, schrieb La Bruyfere seine 
7)Dialogues sur le quiätisme<<, um diese Theologenphilosophie zu 
widerlegen. Der Tod hinderte ihn, seine Schrift zu vollenden. 
Im Jahr 1698 wurde sie gedruckt, und der Herausgeber, ein 
Abb^ Ellies du Pin, erklärte in dem Vorwort, dass er die Dialoge 
trotz ihrer unvollendeten Form der Veröffentlichung für werth 
halte, aber zwei Dialoge hinzugefügt habe, um die Lücken zu 
ergänzen. Zwar wurden einige Zweifel an der Echtheit des 
Manuskripts laut, allein die neusten Herausgeber der wDia- 
logues« sind doch der Ansicht, dass es wirklich von La Bruyere 



*) Les Caract^res, chap. de la soci^t^ n** 75. Fontenelle arbeitete für 
Th. Corneille an dessen „Psyche" und „Bell^rophon**, für Donneau de Yiz^ an 
dessen Lustspiel „ha Comöte" , für Catherine Bernard den grössten Theil von 
deren Tragödie „Brutus", für Beauval die Lobrede auf Perrault u. s. w. 



299 

herstamme und nur von du Pin mehr oder weniger geändert 
worden sei *). 

La Bruyere war nach allem, was wir von ihm wissen, ein 
Ehrenmann; so viele Feinde er auch hatte, niemand konnte 
seinen persönlichen Werth bestreiten. Er blieb unvermält, denn 
7?ein freier Mann, der keine Frau hat, kann sich über seinen 
Stand erheben, wenn er etwas Geist besitzt. Die Heirat aber 
fesselt jeden an den ihm einmal zugewiesenen Platz« **). 

Auch Boileau sprach sich anerkennend über ihn aus, und 
bedauerte höchstens eine gewisse Künstelei in seinem Wesen. 
In einem Brief an Racine vom 19. Mai 1687 erzählt er von 
einem Besuch La Bruyfere's, den er Maximilian nennt, man weiss 
nicht recht warum: »Maximilian hat mich heute in Auteuil be- 
sucht und mir etwas von seinem Theophrast vorgelesen. Es ist 
ein braver Mann, der fehlerlos wäre, wenn ihn die Natur so 
angenehm geschaffen hätte, als er sich zu sein bemüht. Im 
Uebrigen ist er ein Mann von Geist, Wissen und Verdienst.« 

La Bruyfere wurde vom Tod ganz plötzlich ereilt, so dass 
man von Gift munkelte, ohne dass sich jedoch ein ernster An- 
halt für solchen Argwohn bot. Ein Schlagfluss rafifte ihn am 
9. Mai 1696 dahin. 

La Bruyöre gehört seinem schriftstellerischen Charakter 
nach zu der Klasse der Moralisten, und man gedenkt bei seinen 
Aussprüchen oft an die riMaximes« von La Rochefoucauld, die 
1665, und an die »PensÄes« von Pascal, die 1670 erschienen waren. 
Der Einfluss dieser Schriften, sowie der nEssais« von Montaigne 
ist unverkennbar, aber man thut La Bruyfere Unrecht, wenn man 
ihn mit seinen Vorgängern in eine Linie stellt. Er ist weder mit 
Pascal noch mit La Rochefoucauld zu vergleichen, und er verwahrt 
sich am ersten dagegen. In seinem nDiscours sur Thöophraste« 
beurtheilt er die Schriften seiner beiden Vorgänger sehr richtig. 
»Die eine«, sagt er, »macht die Metaphysik der Religion dienstbar, 
lehrt die Seele, deren Leidenschaften und Laster kennen, handelt 



*) Man vergl. die Ausgabe von G. Servois II, S. .'>27 (in der Sammlang 
der „Grands Ecrivains") und die Ausgabe von A, Chassang II, S. 273 (Garnier 
frferes). 

**) Les Caract^res, chap. du merite personnel u9 25. 



300 

von den grossen und ernsten Beweggründen , die zur Tugend 
leiten, und will den Menschen zum echten Christen machen. 
Die andre Schrift ist das Werk eines durch den Umgang mit 
den Menschen gebildeten Geistes, desaen Feinheit eben so gross 
ist, wie sein Scharfsinn. " Von sich aber sagt er: j? Weniger 
hochstrebend, als der erstere, weniger fein, als der zweite^ hat 
der Verfasser dieses Buchs nur die Absicht, die Menschen Ver- 
nunft zu lehren, und zwar auf einfache und gewöhnliche Weise, 
ohne viel Methode, wie ihn die verschiedenen Kapitel gerade 
führen«. Man sieht, er hatte sich das Ziel niedriger gesteckt, 
und darum hat er es auch erreicht. Ihm fehlte die Tiefe PascaFs, 
der umfassende Blick La Rochefoucauld's, aber er hatte das 
Talent eingehender Beobachtung. Sein Feld war die Sitten- 
schilderung, wie in niederer Gattung auch Dancourt sie versuchte, 
wie die Zeit überhaupt sie liebte. Wie Regnard auf Moli^re, so 
folgte er auf Pascal und La Rochefoucauld. 

Der Standpunkt, von dem aus er in der menschlichen Ge- 
sellschaft Umschau hielt, war so günstig wie möglich. Er gehörte 
durch seine Geburt zu dem ELreis des Bürgerthums, durch seine 
Bildung zu den Gelehrten und Schriftstellern; seine Stellung 
im Dienst der Cond^ erlaubte ihm die vornehme Welt kennen 
zu lernen und führte ihn selbst an den Hof. Frei von Ehrgeiz 
und ohne persönliche Zwecke, bewahrte er sich den freien Blick 
des Forschers. Er sah das Treiben der Menschen um sich her, 
wie ein Zuschauer dem Lustspiel im Theater zusieht, und oft 
genug hat man seine Skizzen mit Lustspielscenen verglichen. Ein 
Beobachter, der wie La Bruyere seine Blicke kritisch umher- 
schweifen lässt und sich nicht blenden lassen will, sieht mehr 
die Schwächen als die Tugenden der Menschen* Vielleicht sind 
die ersteren auch in Wahrheit zahlreicher. Seine Sammlung von 
Charakterbildern bekommt dadurch etwas Satirisches, Kampf- 
lustiges. Kein Stand wird verschont, jede Schwäche gegeisselt. 
Wir haben schon gesehen, wie er über den Hof und den Adel 
urtheilte. Doch noch mehr, als die selbstsüchtigen übermüthigen 
Aristokraten waren ihm die Parvenüs verhasst, die Finanz- 
spekulanten, die sich auf Kosten des armen Volks bereicherten. 
Sein Amt als Schatzmeister hatte ihm zwar keine grosse Arbeit 



301 

gegeben, aber es hatte ihm doch genügende Aufklärung über das 
Treiben dieser Leute verschafft* Er schildert ihre Eitelkeit, 
die sie antreibt , sich den Adel zu kaufen. »Es gibt Leute, 
die nicht die Mittel haben, adlig zu sein W ruft er aus, und sagt 
scherzhaft von sich selbst, dass er von dem berühmten QeoSroj 
de La Brnyire abstammen werde, sobald er reich geworden sei : 
T^Ich erkläre es laut, damit man sich darauf vorbereite und nie- 
mand eines Tags erstaunt sei: wenn es sich je fügen sollte, 
dass mich ein vornehmer Herr seiner Zuneigung würdigt, und 
ich ein schönes Vermögen erwerbe, so gibt es einen Geoffroy de 
La Bruy^re, der allen Chroniken zufolge als einer der vornehm- 
sten Herrn mit Gottfried von Bouillon zur Eroberung des heiligen 
Landes auszog. Von ihm stamme ich alsdann in gerader Linie 
ab.tt*) 

79 Wenn der Spekulant in seinen Operationen unglücklich 
ist, sagen die Höflinge von ihm: Er ist ein Bourgeois, ein ge- 
meiner Mensch, ein Tölpel; hat er Glück, so bitten sie ihn um 
die Hand seiner Tochter, a**) Und doch muss man nicht zu 
abweisend sein, man muss auch mit solchen Menschen leben 
können. tjEs ist kein Zeichen eines guten Charakters, wenn 
man Menschen mit schlechtem Charakter, deren es so viele in 
der Welt gibt, nicht ertragen kann. Man braucht im Verkehr 
Goldstücke und kleine Münze***). Noch entschiedner dringt 
La Bruy^re in einer andren Stelle auf Duldung und Nachsicht. 
^Ereifern wir uns nicht gegen die Menschen, wenn wir sehen, 
wie hart, undankbar, ungerecht und stolz sie sind, wie sie nur 
an sich denken und die andern vergessen: sie sind einmal so 
geschaffen, es ist ihre Natur. Ebenso gut könnte man unerträglich 
finden, dass der Stein fällt und das Feuer aufsteigt«^ f). 

La Bruy&re kannte die Menschen, und seine Zeichnungen 
sind oft vortrefflich. Doch waren es fast ausschliesslich die Be- 
wohner von Paris und Versailles, die Gebildeten, welche er 



*) Les Caractires, chap. de quelques usages n* 1 und 14. 
**) Ibid., chap. des biens de fortune u* 7. 
***) Ibid., chap. de la sociöt^ n« 37. 
f) Ibid., chap. de rhomme n® 1. 



302 

schilderte. Ffir das Landvolk hatte er wol einige bedauernde 
Bemerkungen, aber im Allgemeinen war ihm das Leben der 
Provinzbewohner ziemlich fremd. Aach sind seine Bemerkongen 
über die Frauen nnd die Frauennatnr weit entfernt von der 
Feinheit andrer Kapitel; seine Skizzen aas der Kinderwelt, die er 
geliebt za haben scheint, sind etwas reicher and belebter*). 

Neben gelungenen Porträts und treffenden Charakterbildern 
finden sich auch allgemeine Bemerkungen, die von feiner Men- 
scbenkenntniss zeugen. So sagt er z. B. von der Grabe der Unter- 
haltung: 7) Das Talent der Conversation offenbart sich weniger 
darin, dass man Geist zeigt, als dass man andre Geist zeigen 
lässt. Wer dich nach einer Unterhaltung zufrieden mit sich und 
seinem Geist verlässt, ist es auch mit dir. Die Menschen wollen 
nicht bewundem, sie wollen gefallen; sie wollen lieber Beifall 
ernten, als unterrichtet oder unterhalten werden, und das feinste 
Vergnügen besteht darin, andern Vergnügen zu bereiten«**). 

Wie wahr ist femer sein Wort, dass der Weg zur Freund- 
schaft näher ist vom Hass als von der Antipathie! und dass man 
lieber die Neigung derer erwerben soll, welchen man wol will 
als die Gunst der Leute, von welchen man etwas zu erhalten 
hofft***). Interessant sind femer die literarischen Urtheile, die er 
in dem Abschnitt »des ouvrages de Fesprit« fällt, wie z. B. seine 
bekannte, vielerwähnte Parallele zwischen Corneille und Racine, 
oder seine kurzen und treffenden Aussprüche über den Stil. 
7) Viel Epitheta, schlechtes Lob!« n Grosse Thaten müssen einfach 
erzählt werden« u. a. m. f). Er selbst gehörte zu den Schrift- 
stellern, welche, seinem Ausdruck nach, i^par humeur« schreiben, 
und die das Herz zum Reden bringt ff). Solche Autoren ändern 
viel an ihren Schriften, ihre Anschauungen sind nicht immer ganz 
gleich und so scheinen sich auch ihre Aussprüche manchmal zu 
widersprechen. Die innere Theilnahme, die La Bruyire den 



*) Les Caractöres, chap. de rhomme n* 53. 
**) Ibid., chap. de la societe n* 16. 
***) Ibid., chap. du coenr n* 24. 65. 58. 

f) Ibid., chap. des onvrages de Tesprit n* 13, de la soci^t^ n* 77. 
ff) Ibid., chap. des ouyrages de Fesprit n* 54. 17. 64. 



303 

Vorgängen des Lebens entgegenbrachte, gab seiner Sprache Leb- 
haftigkeit und Kraft^ sowie ein charakteristisches Kolorit. Er ist 
einem Maler zu vergleichen, so anschaulich weiss er seine Bilder 
zu gestalten; doch schreibt er nicht wie Fänelon, der mit den 
Worten bereits zu spielen und seine Sätze des Wolklangs halber 
und nicht mit Rücksicht auf den Gedanken zu formen beginnt. 
La Bruyere malt in andrer Weise. Er entwirft mit raschen 
Strichen eine Menge kleiner Skizzen, die sich wie von selbst 
zu einem lebensvollen Bild zusammenfügen. Man nehme z. B. 
die schon erwähnte Stelle über die Kinder*). La Bruyere spricht 
darin von der Einbildungskraft und dem Gedächtniss, welche die 
Kinder in ihren Spielen leiten: j^Mit ihrer Hilfe wiederholen sie, 
was sie gehört und gesehen haben. Sie betreiben alle Hand- 
werke und verrichten tausend kleine Arbeiten ; bald sitzen sie vor 
einer reichen Tafel und lassen sich's gut schmecken, bald ver- 
setzen sie sich in einen Palast oder ein verzaubertes Land. 
Sind sie auch allein, sehen sie sich doch in prächtigem Wagen 
und mit grossem Gefolge ; sie führen Armeen an, liefern Schlachten 
und freuen sich des Siegs; sie reden mit Königen und Fürsten, 
sind selbst Könige und gebieten über ünterthanen, haben einen 
wolgefttllten Schatz, der aus Blättern oder Sandkörnern gebildet 
wird, und als Herren ihres Glücks entscheiden sie über ihr Schick- 
sal, was sie in ihrem späteren Leben verlernen.« 

Mit derselben Frische schildert er andre Scenen des Lebens. 
Wie oft mag er in der vornehmen Gesellschaft, in der er ver- 
kehrte, leidenschaftlichen Spielern zugesehen haben, bevor er das 
folgende Miniaturbildchen entwarf: nEine Sitzung der Stände 
oder des Gerichtshofs, der sich zu einer schwierigen Entschei- 
dung versammelt, bietet dem Beobachter keinen so ernsten An- 
blick, als eine Gesellschaft eifiriger Spieler : eine düstre Strenge 
herrscht auf ihrem Antlitz ; unversöhnliche Feinde, so lange das 
Spiel dauert, kennen sie weder Verbindungen und Verwandt- 
schaften, noch Adel und Ehren. Ein blinder und barbarischer 
Gott, der Zufall, herrscht in diesem Kreis und entscheidet 



*) Les Caract^res, chap. de rhomme n® 63. 



304 

nach seinem Wohlgefallen. Ihn ehren sie alle in tiefem Schweigen 
und dnrch eine Aufincrksamkeit, za der sie sonst onfUiig sind ; 
alle andern Leidenschaften weichen dieser einzigen, und selbst 
der Höfling ist in solchen Aogenblicken weder höflich noch 
schmeichlerisch, ja nicht einmal fromm« *). 

Das Leben bei Hof, das er so oft zu beobachten Gelegen- 
heit fand, hat er in der mannigfaltigsten Weise and verschie- 
densten Stimmung beschrieben. Wir haben schon gesehen, wie 
er den Hof als das Schönste und Glanzvollste, was es auf der 
Welt gibt, hinstellte. Ein andermal aber erschien ihm das 
Leben an demselben Hof einem ernsten Treffen vei^leichbar. 
»Das Leben bei Hof ist ein melancholisches Spiel, das An- 
strengung erheischt. Man moss sein Geschütz, seine Batterien 
aufstellen, einen Schlachtplan entwerfen, ihn befolgen, die Züge 
des Gegners abwehren, manchmal etwas wagen und einer Elin* 
gebung gehorchen; aber alle Träume, alle Massregeln fthren 
doch nur zu einem Schach, manchmal sogar zu einem Matt! Wer 
seine Bauern schont, gelangt oft bis in die letzte Reihe und ge- 
winnt die Partie. Der Geschickteste siegt — oder der Glück- 
lichstef^ **). 

Ganz anders im Ton, aber gleich lebendig ist die anmuthige 
Schilderung der kleinen Stadt, die ihn freilich bald enttäuscht, 
nich nähere mich einem Städtchen und gelange auf eine An- 
höhe, von wo ich es entdecke. Es steigt an einem Hügel empor, 
ein Fluss bespült seine Mauern und durchströmt weiterhin eine 
schöne Ebene; ein grosser Wald schützt es g^en Fröste und 
Stürme. Es ist so schön beleuchtet, dass ich seine Thürme zählen 
kann, und es mir den Eindruck eines Bildes macht. Welch eine 
Lust, rufe ich, unter so schönem Himmel und in so reizender 
G^end zu leben! Ich steige zum Städtchen hinab, und habe 
noch nicht zweimal darin übernachtet, so gleiche ich schon seinen 
Bewohnern; ich möchte fort!« 

Wie schon der Titel des Buchs besagt, fiült das Haupt- 
gewicht auf die Schilderung der einzelnen Charaktere, die in 



*) Les Caract&res, duip. des biens de fortune n* 72. 
**) Ibid., cbap. de la cour n* 64. 



305 

reicher Auswahl auf einander folgen. Der Zerstreute, der Pe- 
dant, der Parasit, der Qeck^ der Neuigkeitskrämer, der Spötter, 
der Menschenfeind, der Freigeist und viele andre treten uns leben- 
dig darin entgegen. Die Frage , ob La Bruy&re seine Bilder 
nach bestimmten Originalen gezeichnet, mochte seine Zeitgenossen 
lebhaft beschäftigen; uns bleibt es gleich, ob er die einzelnen 
Zdge seiner Porträts von mehreren Menschen entlieh oder ob er 
sie an einem einzigen fand. Aber dass er so in das Detail ging, 
sicherte seinen Bildern die Dauer. Wie scharf behandelte er z. B. 
den Charakter des frommen Heuchlers! Wir haben schon bei 
Gelegenheit von Moli^re's nTartuffe<< darauf hingewiesen, dass es 
fast aussieht, als habe La Bruy&re dem Lustspieldichter Kon- 
kurrenz machen wollen '*'). Li der That nähert er sich oft der 
Komödie ; er wird stellenweise so lebhaft, dass er seine Personen 
anspricht, Rede und Gegenrede folgen lässt, als schriebe er eine 
Lustspiel scene. 

Schärfe der Beobachtung, klarer Verstand, Talent leben- 
<iiger Schilderung — das sind die Hauptvorzüge La Bruy^re's. 
Hoher Sinn oder Schwung des Geistes ist nicht in seinem Buch 
zu finden, und wenn man unter den Zusätzen, mit welchen er 
jede Ausgabe erweiterte, manche Bemerkung als eine wahrhafte 
Bereicherung betrachten muss, kann man nur bedauern, dass er 
sich nicht andrerseits zu kräftigen Strichen entschloss. Einzelne 
Bilder sind überladen^*), andre Bemerkungen sind trivial, wie z. B. 
die Sätze dass Gold und Putz nicht den Werth des Menschen er- 
höhen, dass der Weise manchmal die Gesellschaft meide, um 
nicht gelangweilt zu werden, dass der Reiche nicht immer zu- 
frieden lebe, dass unfähige Menschen oft durch Zufall ein hohes 
Amt erhalten, oder dass man ewigen Frieden hätte, wenn jeder mit 
seinem Besitz zufrieden wäre "**'**). Auch in diesen Sätzen findet 
sich freilich manche originelle Wendung, aber die Frische des 
Ausdrucks kann den Mangel an geistigem Gehalt nicht verdecken. 
Ueberhaupt tritt die Arbeit der Stilisirung manchmal zu deutlich 



*) Siehe S. 37 dieses Bands. 

**) Man siehe z. B. Les Caract^res, chap. de Phomme n® 161 (vom Essen). 
***) Les Caractires, chap. du m<Srite personnel n* 27, de la conversation 
n® 83, de biens de fortune n' 1 und 38, du souverain n® 9. 

Lotheissen, Gesch. d. franz. Literatur. lY. Bd. 20 



306 

hervor. Feilea und immer wieder feilen, war die weise Lehre, welche 
Boilean nach dem Vorgang des Horas den Schriftstellern nnd 
Dichtem empfohlen hatte, aber die bessernde Arbeit, das Streben 
nach originellem Ansdrack nnd geistreichen Wendoogen darf nicht 
sichtbar sein. Die Zeit der einfachen grossen Prosa war zn La 
Bmyere's Zeit fast Yorüber. Für gewöhnliche Dinge sucht dieser 
schon besondere Ausdrücke, und um zu blenden, liebt er die 
starken Worte. 

Welchen fanfluss La Bruyire ausgeübt hat, kann man schwer 
ermessen, doch war er jedenfalls bedeutend. Das neue Jahr- 
hundert, das bald begann, bewahrte die Vorliebe für die Sitten- 
malerei und musste mit einem Schriftsteller sympathisiren, der 
in leichter Opposition stand, ohne doch lästig zu werden, der 
den Weltenlauf aufinerksam beobachtete, die Menschen mit 
kühlem Verstand beurtheilte, immer interessant und anziehend 
blieb und doch keine zu grossen Anforderungen, weder an den 
Geist, noch an das Gemüth des Lesers stellte. Nimmt man den 
kleinen Roman von Le Sage, den nDiable boiteux^, der 1707 
erschien, und sieht darin nur die Aufschriften einzelner Kapitel : 
»von den Grefaugenen^ von den Narren, von den Gräbern, von 
dem Schatten und dem Tod, von der Macht der Freundschaft, 
von den Träumen^ u. s. w., so erkennt man den Zusammenhang 
mit den »Caract&res^. Noch deutlicher wird die Einwirkung La 
Bmyere's in der Zeichnung der einzelnen Charaktere, z. B. des 
Wucherers Sanguisela, des Polizeiministers, des Hagestolzen, der 
seine Wäscherin heiratet, um ibr eine Schuld von 30 Dukaten 
nicht bezahlen zu müssen, des tragischen und des komischen 
Dichters u. a. m. Gewiss, Le Sage fand das Vorbild seines 
Bomans in Spanien, aber La Bruyere belehrte ihn doch, wie er 
seine Landsleute noch besser beobachten und schildern konnte. 



IX. 



F e n e 1 n. 



20" 



In die Reihe der hervorragenden französischen Theologen 
des 17. Jahrhunderts gehört neben Bossuet, .Bourdaloue und 
F16chier gewiss auch F6nelon. In der Geschichte der französischen 
Kirche wird er in mehr als einer Beziehung genannt, zumal er 
in die theologischen Streitigkeiten seiner Zeit verwickelt war. Er 
beansprucht aber auch seinen Platz in der Literaturgeschichte, 
freilich nur eines einzigen Werks, des nTäl4maquet< halber, der 
wie wenig andre Schriften populär geworden ist. F4nelon war 
für die literarische Entwicklung seiner Zeit so charakteristisch, 
wie La Bruy^re, wenn die beiden Männer auch keine Äehnh'ch- 
keit mit einander aufzuweisen haben. 

Fran^ois de Salignac de La Mothe F^nelon stammte aus 
einem alten Geschlecht des P^rigord. Die Herrschaft Salignac 
oder Salagnac, die einige Meilen nordöstlich von der Stadt Sarlat 
liegt, war schon im Jahr 1460 zur Baronie erhoben worden. 
Föneion war seinem Vater , dem Grafen de La Mothe Föneion 
von dessen zweiter Gemalin am 6. August 1651 im Schloss 
Föneion geboren*). Von Jugend auf zum geistlichen Stand be- 
stimmt, wurde er mit zwölf Jahren nach Cahors, später in das 
Coll^.ge du Plessis zur Vollendung seiner Studien geschic*kt, und 
trat dann in das Seminar von Saint- Sulpice, das zur Ausbildung 
von Priestern bestimmt war. Im Jahr 1675 wurde er zum Priester 
geweiht, und seine lebhafte Einbildungskraft machte in ihm den 
Wunsch rege, als Missionär in die Fremde zu gehen. Er dachte 
zunächst an Kanada, wo Saint-Sulpice eine gleiche Anstalt ge- 
gründet hatte. Dann wandten sich seine Blicke nach der Levante. 
Für das klassische Alterthum begeistert, schwärmte er von dem 



*) Genauere Angaben über die Familie findet man in Bausset, Histoire 
de F^nelon, compos^e snr les manuscrits. 3 B. 1808 (Th. I „Pikees justifica* 
tiveB«* n* 1). 



310 

Glück, in dem Land zu predigen, das sich einer solchen Vergan- 
genheit erfreute, und wo der Apostel Paulus gewirkt hatte. Sein 
Wunsch wurde indessen nicht erfüllt, und er trat in Saint-Sulpice 
selbst ein. Mit 27 Jahren wurde er rjSup6rieur des Nouvelles 
Catholiques<<, einer Anstalt, die sich um die Neubekehrten beküm- 
merte und sie in ihrem Glauben zu befestigen trachtete. Als 
solcher schrieb er auch sein erstes Werk, eine Schrift über die 
Erziehung der Mädchen, in welcher er neben dem christlichen 
Unterricht auch die Bildung des Geschmacks durch Hinweisong 
auf die alte Kunst betonte. Er trat damals in nähere Verbindung 
mit Bossuet und verfasste auf dessen Anregung eine Widerlegung 
der Philosophie Malebranche's in dessen T^Traitä de la nature et 
de 1a gräcet« (1680). Da ihn sein Amt auf die Bekehrung der 
Protestanten hinwies, erklärt sich die Abfassung einer weiteren 
Schrift; über die Pastoren (ntrait^ du minist^re des pasteurs«), 
worin er den protestantischen Geistlichen jeden priesterlichen Cha- 
rakter und jede Autorität absprach. 

Man hat viel von dem milden Sinn Finelon's, seiner für 
jene Zeit seltenen Toleranz gesprochen. Mild und freundlich war 
er in der That in dem gewöhnlichen Verkehr, aber seine Duld- 
samkeit gegen Andersgläubige war nicht so gross, wie man 
gewöhnlich annimmt. Schon dass er sein Amt als Superior der 
Anstalt für neubekehrte Frauen und Mädchen lange fortführte, 
lässt ahnen, dass er die Anwendung von Strenge nicht tadelte. 
Denn wer möchte glauben, dass jene Neubekehrten ohne Zwang 
in einem Kloster sich zurückhalten Hessen? Auch die Schrift 
gegen die Pfarrer zeigt ihn conversionseifrig, und so schien er 
hinlänglich empfohlen^ als es sich nach der Aufhebung des 
Edikts von Nantes darum handelte, einen Missionär zur Be- 
kehrung der Ketzer in die Grafschaft Poitou zu entsenden (1685). 
Seine Biographen haben ihn gerade in dieser Thätigkeit • als 
liberal und mildherzig geschildert. Seine Korrespondenz mit dem 
Minister Seignelay beweist so ziemlich das Gegentheil *). Föneion 



*) Man ver^L O. Douen, Tlntolerance de F^nelon. Nouvelle edition. Paris, 
Sandoy & Fischbacher 1875, und einen Artikel von Douen „La legende de 
Fenelon** in der „Revue politique et litteraire«, 28 oct» 1876 (n« 18). 



r 



311 

hat nur den Anschein der Milde zu bewahren gewusst, in seinen 
Briefen aber die Regierung in ihrer Strenge ermuthigt. In einem 
Brief vom 21. April 1686 schrieb er dem Minister: »Es muss 
den Anschein haben, als gingen die strengen Massregeln nicht 
von uns aus; das hiesse die Lösung unserer Aufgabe unmöglich 
machen. Doch drängt es mich, Ihnen im Vertrauen zu sagen, 
dass man in jedem Ort gewisse giftige und gefährliche Menschen, 
welche die andern beherrschen, auswählen und sie in das Innere 
des Reichs verbannen sollte, um ein Ende zu machen.««*) Fönelon 
wollte sich also der Führer bemächtigen, um sie als Geiseln zu 
haben, und der Minister willfahrte umgehend seiner Bitte. Er 
schickte den Befehl, sechs der angesehensten Hugenotten in 
Marennes und La Tremblade, wo F^nelon sich gerade aufhielt, zu 
verhaften. So erleichterte sich der milde Geistliche seine Aufgabe. 
Auf sein weiteres Andringen erhielt der Intendant von Poitou, 
Arnoul, eine Anzahl von Lettres de cachet, in welchen die Namen 
nicht geschrieben waren, und die man nach Gutdünken verwen- 
den konnte. Da diese Massregeln noch nicht schnell genug zum 
Ziele führten, schlug Finelon in einem späteren Bericht vor, man 
solle die hartnäckigsten Hugenotten nach Kanada deportiren **). 
Natürlich predigte er öffentlich mit grosser Humanität, und suchte 
die widerstrebenden Protestanten durch Belehrung und guten 
Rath für die katholische Kirche zu gewinnen. Dank der nach- 
drücklichen Hilfe des weltlichen Arms konnte er sich denn auch 
einer schönen Anzahl von Bekehrungen rühmen. Starb ein Pro- 
testant, ohne sich bekehrt zu haben, so wurde seine Leiche zum 
Schindanger hinausgeschleift. F6nelon war mit solchen Gewalt- 
massregeln nicht ganz zufrieden, obgleich er sie auch nicht tadeln 
mochte. «Vor einigen Tagen hat man auf der Insel R6 ein 



*) Lettre de Fenelon ä Seignelay, 21 avril 1686: „...II ne faut pas que 
les avis de rigneur paraissent venir de nous; car ce seroit ruiner Toeuvre dont 
nous sommes charg^s. Mais je ne puis, Monsieur, m*emp§cher de vous dire en 
Beeret, que, pour finir, il faudroit choisir en chaque lieu cerlains esprits enve- 
nim^s et contagieux qui retiennent tout le reste, tantot par mauvaise honte, 
tantöt par s^duction, et les exiler dans le coeur du royaume, ou 11 n'y a eu 
gufere de huguenots . . . Dans cet exil ils serviroient d'ötages 

**) Memoire aus dem Jahr 1687. 



... ■ 



312 

Exempel statuirt, das die Bevölkerung zugleich bestürzt und 
gereizt bat. leb glaube, dass diese Strafe mit der Zeit gute 
Frücbte tragen wird. Man bat nämlich einen Mann, der ohne die' 
Sterbesakramente verschieden ist, hinaus geschleift, und solche 
Strenge wird helfen, die falsche Scham zu bezwingen. Aber der 
augenblickliche Eindruck ist schädlich und treibt die Leute an^ 
das Land zu verlassen . . . (^ Darum kam er wieder auf seinen 
Vorschlag zurück, die Widerstrebenden ins Gef^ngniss zu sperren. 
7)0hne zu stärkeren Mitteln zu greifen, wird man das Werk auf 
diese Art mit etwas Geduld zu gutem Ende führen « *) Kein 
Wort des Mitgefühls entschlüpft ihm, höchstens ein satirisches 
Lächeln über die Erfolge der Dragoner , die neben ihm und mit 
ihm an der Bekehrung der Unglücklichen arbeiteten. TiWenn man 
sie zwingen wollte, das Christenthum abzuschwören und Moha* 
medaner zu werden, brauchte man ihnen nur Dragoner zu zeigen<<, 
schrieb er witzelnd an Bossuet**). Dieselbe Intoleranz und die- 
selbe Sorge, seine Intoleranz zu verbergen, zeigte er später, als 
der Streit mit den Jansenisten aufs neue ausbrach. Fäneion er- 
wies sich als einer ihrer entschiedensten Gegner. In einer Denk- 
schrift, die er 1702 an den König und den Papst schickte, schlug 
er strenge Massregeln gegen die Jansenisten seiner Diöcese vor, 
setzte aber hinzu: »da ich in dieser Sache nicht betheiligt er- 
scheinen darf, und es mir wichtig ist, niemand gegen mich auf- 
zureizen, so beschwöre ich jene, welchen diese Schrift anvertraut 
wird, mir das strengste Geheimniss zu bewahren <****). Durch sein 
Verhalten in der Protestantenfrage lenkte er die Aufmerksamkeit 
der Hofkreise auf sich, und da er auch schon über Erziehung 



*) Brief an Seignelajr, 21 avril 1686: „On a fait depuis quelques jours 
dang nie de B^ un exemple qui a troubU et irrit^ les peuples, je crois que 
cette ex^cution produira avec le temps de bons r^sultats; car c*est un homrae 
mort Sans sacrements qu'on a tratn^ sur la claie et cette rigueur servira ä vaincre 
la mauvaise honte... II me paroitroit plus utile d'employer Tautorit^ ä ^Carter 
les gens indociles . . • Sans recourir ä des rem^des plus forts , Pouvrage s'ach^- 
Vera solidement avec un peu de patience." 

**) Brief aus La Tremblade vom 8. März 1686 : „Si on vouloit leur faire 
abjurer le christianisme et suivre TAlcoran, il n^ auroit qu^li leur montrer des 
dragons." 

***) Siehe Douen, a. a. O. 



313 

geschrieben hatte, ernannte ihn der König im Sommer 1689 
zum Lehrer des jungen Herzogs von Bourgogne, seines ältesten 
Enkels. Bossuet hatte seiner Zeit den Vater des Prinzen , den 
Dauphin ; zu erziehen gehabt, und seine übermässige Strenge 
hatte keine erfreulichen Resultate erzielt. F^nelon wandte nun 
die entgegengesetzte Methode an. Seine Aufgabe war schwer^ 
denn der junge Prinz war unberechenbar in seinem Benehmen. 
Saiut-Simon, der ihm später so sehr zugethan war, erzählt wie 
furchtbar derselbe als Knabe gewesen sei*). F^nelon suchte 
seinen Zögling zunächst durch Milde zu gewinnen, ersparte ihm 
aber dabei keinen Tadel. Neben andern Mitteln gebrauchte er 
auch Fabeln, die er selbst und zwar mit Bezugnahme auf das 
jeweilige Benehmen des Prinzen verfasste, so dass jeder Fehler des- 
selben darin gerügt wurde. Eine dieser Fabeln schildert z. B. einen 
Launischen. 79 Was für ein Unglück hat Mölantho betroffen? Nichts 
kam von Aussen, alles ging im Innern vor. Er legte sich gestern 
Abend aU die Freude der Menschen zu Bett^ und heute morgen 
schämt man sich seiner und muss ihn verborgen halten. Beim 
Aufstehen missfiel ihm eine Falte seines Strumpfes ; nun wird der 
ganze Tag stürmisch sein, und Jedermann wird darunter leiden ; 
er erweckt Furcht, und man bedauert ihn; er weint wie ein 
Kind und brüllt wie ein Löwe« Eine bösartige Laune verwirrt 
und schwärzt seine Phantasie^ sowie die Tinte seines Schreib- 
zeuges seine Finger beschmutzt. ... Er sucht zu widersprechen, 
sieh zu beklagen^ die andern zu ärgern, und es reizt ihn^ wenn 
er sieht, dass sie sich nicht ärgern lassen. Wenn ihm ein Vor- 
wand fehlt, die andern zu quälen, so wendet er sich gegen sieb 
selbst, tadelt sich, findet nichts Gutes an sich, verliert den Muth 
und wird böse, wenn man ihn trösten will; er will allein sein 
und kann die Einsamkeit nicht ertragen; er kommt zu seiner 
Gesellschaft zurück und wird böse über sie ; man schweigt, und 
dieses erzwungne Schweigen verletzt ihn; man spricht leise, und 
er glaubt, man spreche über ihn ; man spricht laut^ und er findet, 
dass man zuviel schwatzt und zu heiter ist, während er sich 
betrübt. . . . Was thun? Man muss dann ebenso fest und geduldig 



*) Saint-Simon, M^moires ^d. Ch^ruel. V, S. 196 (Jahr 1710). 



314 

sein, wie er unerträglich ist, und muss ruhig abwarten, bis er 
am nächsten Tag wieder so vernünftig ist, wie er es den Tag 
zuvor war. ... Er benimmt sich gerade so, wie man die Be- 
sessenen schildert. ... Er droht, er zittert, lächerlicher Stolz 
mischt sich bei ihm mit unwürdiger Gemeinheit; er weint, 
lacht, scherzt, tändelt, ist wüthend. • .<^*). Das Charakterbild, 
das F6nelon in dieser Fabel von dem jungen Herzog entwirft, 
würde in La Bruy^re's Galerie vortrefflich passen. Man beachte 
die Kunst, mit der er seinem Zögling sagt, dass er das Glück 
der Welt ausmachen kann, und nur seine Unbändigkeit ihn daran 
hindert. In ähnlicher Weise gehen alle Fabeln darauf aus, einen 
Fehler des Herzogs zu tadeln, ihm aber zugleich den Weg zur 
Besserung zu zeigen. In der Fabel von der Nachtigall und der 
Grasmücke (Nr. XII) preisen die beiden Vögel den göttlichen 
Jüngling, der ihren Hain betritt. TiEr freut sich unseres Gesangs, 
er liebt die Poesie, sie wird seinen Sinn mildern und ihn ebenso 
liebenswürdig machen, wie er stolz ist.u In einer andern zeigt 
F^nelon den jugendlichen Bacchus mit seinem Erzieher Silen. 
Bacchus missachtet die Lehren seines bejahrten Freundes, und 
wird von einem Spötter seiner fehlerhaften Sprache wegen ver- 
höhnt. nWie kannst du wagen, den Sohn Jupiter's zu verspotten ?tf 



*) Siehe „Le Fantasque« (n* XVIII der Fabeln. Paris 1718): „Qu'eat-il 
donc arriv^ de funeste a M^lanthe ? Rien au - dehors , tout au - dedans ; 11 se 
coucha hier les dölices du genre humain; ce matin on est honteux pour lui, 
il faut le cacher. En se levant, le pli du chausson lui a deplu; toute la journee 
sera orageuse, et tout le monde en souffrira; 11 fait peur^ 11 faitpitl^; il pleure 
comme un enfant, 11 rugit comme un llon. Une vapeur maligne et farouche 
trouble et noircit son Imagination, comme Tencre de son <^critoire barboulUe 
ses doigts.... 11 cherche a contredire, k se plaindre, k piquer les autres; il 
s'irrite de voir qvCils ne yeulent point so fächer. Quand il manque de pr^texte 
pour attaquer les autres^ 11 se toume contre lui>mdme, 11 se bläroe, 11 ne se 
trouve bon k rien, 11 se d^courage, 11 trouve fort mauvals qu'on veuille le con- 
soler; 11 veut 6tre seul, et 11 ne peut supporter la solltude; 11 revlent k la 
soci^te et s^aigrit contre eile; on se talt et ce silence affecte le choque; on 
parle tout bas, il sUmagine que c^est contre lui; on parle tont haut, 11 trouve 
qu'on parle trop et qu*ou est trop gai pendant qu*il est triste.... Que faire? 
^tre aussl ferme et aussl patlent qu*il est Insupportable , et attendre en paix 
qu'il revienne demain aussi sage qu'il IMtolt hier. . . II est comme on d^peint 
les possöd^s ... II menace , il tremble , 11 mSle des hauteurs ridicules aveo des 
bassesses Indignes; 11 pleure, 11 rit, 11 badine, 11 est furieux" etc. 



315 

ruft Bacchus aus. wWie kann der Sohn Jupiter's wagen einen 
Fehler zu machen?« entgegnet dieser. (Fabel XL) 

Gleichfalls in pädagogischer Absicht schrieb F^nelon seine 
nDialogues des mortsi^, eine Reihe, kurzer Gespräche zwischen 
historisch bekannten Männern der alten und neuen Zeit. Er 
lässt Romulus und Tatius^ Sokrates und Alkibiades, Ludwig XI. 
und Ludwig XII., den Connetable von Bourbon und Bayard, 
Karl V. und einen Mönch von San Yuste, Richelieu und Mazarin 
mit einander sprechen. Auch die Kunstgeschichte hatte ihre Ver- 
treter in diesen Dialogen. Wir finden Gespräche zwischen Par- 
rhasius und Le Poussin, zwischen diesem und Leonardo da Vinci 
u. s. f. Das berühmteste Werk aber^ das F6nelon für den Herzog 
von Bourgogne verfasste, war sein r^T^l^maquet^, die Geschichte 
der Reisen und Abenteuer dieses Prinzen, und hatte wie die andern 
Schriften F^nelons den Zweck, den Herzog von Bourgogne für 
die hohe Aufgabe, die ihn zu erwarten schien, nach Kräften aus- 
zubilden. 

Die Resultate der von F4nelon angewandten Erziehungs- 
methode waren zu gross, um übersehen zu werden. Aus dem 
heftigen, launenhaften Knaben entwickelte sich ein junger Mann, 
der freundlich und wohlwollend war und Interesse an geistiger 
Arbeit hatte. F6nelon stand darum als Erzieher hoch in An- 
sehen. Als freilich später der Herzog frömmelndes Wesen, Mangel 
an Entschlossenheit und festem Willen zeigte , schlug das Lob, 
das Fänelon geerntet hatte, in bitteren Tadel um; man warf ihm 
vor, dass er jede Spannkraft in seinem Zögling vernichtet habe. 
Man hat ihm damit wol Unrecht gethan. Die Erziehung ver- 
mag viel, aber die Natur noch mehr, und auch ohne Fänelon 
wäre der Herzog von Burgund kein Mann von Energie geworden* 
Gerade die kindischen Ausbrüche in seiner Jugend deuten auf 
einen krankhaften Körper. 

Die Akademie wählte Föneion im Jahr 1693 zu ihrem 
Mitglied; und wie Bossuet zum Bischof von Meaux ernannt 
worden war, als er die Erziehung des Dauphin vollendet hatte, 
so wurde auch F^nelon, der bis dahin Abb6 gewesen, auf den 
erzbischöflichen Stuhl von Cambray erhoben. Bevor er jedoch 
vom König, der ihn eigentlich nie recht mochte, so ausgezeichnet 



316 

wurde, hatte er sich za einem Akt der Unterwerfung verstanden* 
Die Lehre vom Qaietismns, die ans Spanien nach Frankreich 
gebracht worden war, machte damals Aufsehen. Der spanische 
Geistliche Molinos (1627 — 1696) hatte behauptet, der Mensch 
müsse seine Vollkommenheit im beständigen Anschauen der Gott- 
heit suchen, sich in Gott versenken und vertiefen. Die Lehren 
des Glaubens seien wie die Ausübung guter Werke Nebensache ; 
man solle seine Kräfte ertödten, denn das Heil li^e nur in der 
widerstandlosen Hingebung an Gott. Papst Innocenz XI. hatte 
diese Lehre 1687 verurtheilt und Molinos zur lebenslänglichen 
Busse ins Gefängniss setzen lassen. Aber der Quietismus war 
damit nicht unterdrückt, und in Frankreich gewann er durch die 
Schriften der Mme Gnyon de La Motte zahlreiche Anhänger*). 
Auch Ftoelon war ihr geneigt and gewann sogar Mme de Main- 
tenon eine Zeit lang ftir sie. Die Bewegung konnte nicht unbe- 
merkt bleiben, und eine geistliche Kommission, in der auch Bossuet 
sass^ vemrtheilte die Gnyon'schen Schriften wegen der in ihnen 
enthaltenen Irrlehren (1694). Die Verfasserin unterwarf sich^ und 
auch F^nelon unterzeichnete die Erklärung der Kommission. Ge- 
rade damals wurde der letztere für Cambray designirt, ein Be- 
weis, dass man ihm seine Neigung zum Quietismus nicht nach- 
trug, und im Jahr 1695 wurde er von Bossuet in der Kapelle 
von Saint-Cyr geweiht Allein bald sollte zwischen diesen zwei 
Männern ein heftiger Streit ausbrechen. Mme Guyon war wegen 
Rückfalls verhaftet und nach Vincennes gebracht worden, und 
Föneion verwandte sich für sie. Darüber schrieb Bossuet seine 
9) Instruction sur las ^tats d'oraisoni< (über die verschiedenen 
Stimmungen zum Gebet und während des Gebets)^ und trat darin 
mit Entschiedenheit gegen den Quietismus auf F^nelon dagegen 
veröffentlichte seine nMaximes des saints sur la vie intörieure« 
(1697), um seine Hinneigung zum Mystieismus zu vertheidigen. 



*) Jeanne Marie Bonvier de La Motte (1648 — 1717) zog sich nach dem 
Tod ihres Gatten Jacqnefl Guyon in ein Kloster zu Thonon znrück, wo sie yon 
ihrem Beichtvater in die Lehre des Qaietismus eingeweiht wurde. Vom Bischof 
mit der Censur belegt, ging sie nach Italien und kam 1686 nach Paris, wo sie 
besonders unter den Damen der hohen Aristokratie viele Anhängerinnen fand. 
8ie veröffentlichte zahlreiche mystische Schriften. 



317 

Wir haben die heftige theologische Fehde^ die darüber begann, 
hier nicht weiter zu verfolgen. Fänelon unterbreitete sein Buch 
dem Papst zur Beurtheilung, aber lange bevor Kom sein Urtheil 
sprach, erklärte sich der König gegen den Erzbischof* Wenige 
Monate nach dem Erscheinen der nMaximes« erhielt F6neIon den 
Befehl, Versailles zu verlassen und sich in seine Diöcese zu 
begeben; später verlor er auch den Titel und Gehalt eines Er- 
ziehers der Prinzen. Bis dahin hatte er nämlich auch den Unter- 
richt des Herzogs von Anjou, des zweiten Enkels des Königs, zu 
leiten gehabt. Im März 1699 erfolgte der Spruch des Papstes. 
Die TiMaximes des saintsi< wurden wegen der darin enthaltenen 
Irrlehren verdammt, und F^nelon unterwarf sich in aller Form. 
In einem besondern Hirtenbrief verkündete er selbst das gegen 
ihn gefällte Urtheil und erkannte die Richtigkeit desselben rück- 
haltlos an. 

Wenige Wochen darauf erschien in Amsterdam eine vom 
Verfasser nicht autorisirte Ausgabe des wTölemaque« (April 
1699). Ein Diener F^nelon's hatte eine Abschrift des Original- 
manuskripts verkauft. Das Buch erschien ohne den Namen des 
Verfassers und machte ausserordentliches Glück. Ein Theil des 
Publikums freute sich des Romans und der darin enthaltenen 
Poesie; ein noch grösserer Theil suchte mit Vorliebe in dem 
Buch Anspielungen auf französische Verhältnisse und eine scharfe 
Kritik der Regierung Ludwig XIV. Der Herausgeber hatte in 
dieser Absicht manche Stelle satirisch schärfer gefasst. Es währte 
nicht lange, so kannte man den Namen des Verfassers, und 
dieser Umstand bewirkte, dass Fänelon bei dem König in völlige 
Ungnade fiel. Wie? der Mann hatte gewagt, den König bei seinem 
Enkel, wenn auch indirekt, zu kritisircn und herabzusetzen? 
Fenelon protestirte nicht gegen die Veröflfentlichung seines Werks, 
bekannte sich aber auch nicht als Verfasser, sondern schien den 
ganzen Vorgang nicht zu beachten. Unterdessen folgten Ausgaben 
auf Ausgaben und Uebersetzungen in alle Sprachen. Eine authen- 
tische, nach dem Originalmanuskript durchgesehene Ausgabe er- 
schien erst 1717, nach F^nelon's Tod, und wurde von dem Mar- 
quis de F4nelon, einem Grossneffen des Erzbischofs, besorgt. 



318 

Trotz der ausgesprochenen Ungnade des Königs blieb 
Fenelon in reger Verbindung mit dem Herzog von Bourgogne, 
der ihm fortwährend das grösste Vertrauen schenkte. Ein eifriger 
Briefwechsel wurde insgeheim zwischen ihnen geführt, und als 
der Dauphin unerwartet im Jahr 1711 starb, und der Herzog 
von Bourgogne nun dem Thron am nächsten stand, gewann 
Fenelon noch höheren Einfluss. König Ludwig XIV. war hoch- 
bejahrt und ein Thronwechsel in naher Aussicht. Neben dem 
mit dem Herzog befreundeten Saint-Simon galt Fänelon als der 
zukflnftige Minister. Er selbst mochte an diese Möglichkeit den- 
ken; jedenfalls entwickelte er eine grosse politische Thätigkeit 
im Verkehr mit dem neuen Dauphin. tyEs ist Zeit; dass Sie sich 
beliebt und gefürchtet machen, dass Sie Achtung erwecken . . • 
Sie müssen der Vater, nicht der Herr sein wollen. Es ist nicht 
recht, dass alle einem einzigen gehören, sondern ein einziger 
soll allen gehören, um deren Glück zu begründen.«« Er verfasste 
für den Herzog eine Schrift T^Examen de la eonscience d'un 
roi«, worin er sich mit grossem Freimuth über die bestehende 
Regierungsweise aussprach. Er entwarf einen Plan, wie man 
Frankreich neu ordnen und wieder kräftigen könnte. (nEsquisse 
d'un plan dress^ pour le gouvemement d'un royaume.«) In dieser 
Schrift, die noch im Manuskript erhalten ist, rieth Fenelon dem 
Herzog, er möge nach seiner Thronbesteigung sobald als möglich 
Frieden schliessen, und besonders mit England künftig jeden 
Streit vermeiden. Er schlug eine Reduktion der Armee und eine 
Reform des Steuerwesens vor. Die Salzsteuer, die Kopfsteuer, 
die Zehnten sollten abgeschafft, und die Abgaben nach festen 
Normen wie im Languedoc erhoben werden. In allen Provinzen 
müssten Provinzialstände eingeführt werden, welche die Verwal- 
tung des Landes besorgten und das Amt der Intendanten über- 
flüssig machten. Alle drei Jahre sollten sich die Reichsstände 
versammeln, aber nur konsultative Stimmen haben. Für den 
Adel, auf den sich der König, wie auf die Kirche, hauptsächlich 
zu stützen hätte, beanspruchte Fenelon besondere Begünstigun- 
gen. Das eigentliche Volk dagegen hatte in seinem Verfassungs- 
entwurf noch kein anderes Recht, als das des Gehorsams. 



319 

Ein andres für die Zeitgeschichte wichtiges t)okument 
muss hier auch erwähnt werden. Finelon schrieb dem König 
einen ausführlichen Brief, in welchem er ihm seine persönlichen 
Fehler vorhielt, sowie die unbeschreiblichen Leiden des Volks 
schilderte. Er warf Ludwig vor, dass er misstrauisch und eifer- 
süchtig sei, kein Verdienst anerkenne, im Gegentheil jeden tüch- 
tigen Mann fürchte^ und nur von blinder Ruhmliebe getrieben 
werde. Seine Minister seien seit dreissig Jahren gewaltthätig und 
ungerecht. Die Kriege, die er unternommen habe, seien frevelhaft 
und hätten Frankreich die Feindschaft Europa's zugezogen, nihr 
Volk stirbt vor Hunger. Der Landbäu hat fast aufgehört. Städte 
und Dörfer veröden, die Gewerbe stehen still, der Handel ist 
vernichtet . . . Ganz Frankreich ist nur noch ein Hospital . . .^ 
Es gebe nur noch ein einziges Mittel der Rettung. Ludwig solle 
sich vor Gott demüthigen, Frieden schliessen, alle Eroberungen 
zurückgeben. 7)Man glaube nicht, dass sie zum Schutz unserer 
Grenzen nöthig sind; fremdes Gut ist uns niemals nothwendig.^ 

Das Datum dieses merkwürdigen Briefs, wie Ludwig XIV. 
wol keinen mehr erhalten hat, ist unbekannt. Da F^nelon davon 
spricht, dass die Minister seit dreissig Jahren gewaltthätig seien, 
so irrt man vielleicht nicht, wenn man den Brief in die neunziger 
Jahre, in die letzte Zeit des grossen Koalitionskriegs setzt, da 
Ludwig^s selbständige Regierung 1661 begonnen hatte. Man hat 
lange an der Echtheit dieses Schreibens gezweifelt, allein seitdem 
man im Jahr 1825 den Entwurf desselben von F^nelon's Hand 
geschrieben gefunden hat, ist jede Ungewissheit gebannt. Ob der 
Brief an seine Adresse gelangte, ist nicht sicher, ob wol der 
Marquis de Ft5nelon es behauptet *). Man müsste in dieser Schrift 
eine That grossen Muths anerkennen, wenn Fenelon sich nicht 
durch die Anonymität geschützt hätte. Aber vielleicht erfuhr der 
König doch später den Namen des Verwegenen, und die Ungnade, 
mit der er ihn verfolgte, hatte ihren Grund zum Theil in dieser 



*) Der Buchhändler ßeiiouard fand das Manuskript bei einer Versteige- 
rung. Auf der ersten Seite steht als Ueberschrift von dem Neffen F^nelon's 
geschrieben: „Minute d*une lettre de M. l'abb^ Fenelon au roi, k qui eile fut 
remise dans le temps par M. le D. de B.** Der Brief ist jetzt in den Werken 
Fenelon*s aufgenommen. 



320 

EntdeckuDg. Doch das ist nur eine Konjektur. Eins aber ist 
klar, die Stimmung musste in weiten Kreisen verzweifelt sein, 
wenn eine solche Sprache dem König gegenüber möglich war. 
Fänelon Hess sich jedenfalls von seinem Eifer zu weit hinreissen, 
wenn er Minister wie Colbert ohne weiteres verurtheilt und dem 
König vorwirft, er fürchte jedes Verdienst. Das war in den spä- 
teren Jahren der Fäll, aber in den ersten dreissig Jahren seiner 
Regierung hat Ludwig eine Reihe bedeutender, ja grosser Männer 
um sich versammelt* Und so mag man den Brief F^nelon's 
als ein wichtiges historisches Zeugniss betrachten, aber aus dem- 
selben doch auch den verhaltenen unbefriedigten Ehrgeiz des 
Verfassers ersehen, den nicht Patriotismus allein zu seinem 
Schreib^i trieb. 

Alle Träume und Hoffnungen, die sich auf den Herzog von 
fiourgogne gründeten, brachen zusammen, als dieser seinem 
Vater nach kurzer Zeit ins Grab folgte und von seinen Kindern 
nur ein kleiner Knabe zurückblieb. Nach seinem Tode wurden 
die Papiere, die sich bei ihm vorfanden, mit Beschlag belegt 
und dem König übergeben. Der Herzog hatte jedoch viele ver- 
trauliche Briefe kurz vor seinem Ende verbrannt, andre wichtige 
Papiere dem Herzog von BeauviUier zu sicherer Bewahrung 
übergeben. Unter den letzteren befand sich auch die Schrift 
Fänelon's, T^Examen de la conscience d'un roi«, die der König 
somit nicht zu Gesicht bekam. 

Fänelon bewahrte bis in seine letzten Jahre eine ausser- 
ordentliche Thätigkeit. Auf den Wunsch des Herzogs von Orleans 
schrieb er seinen 7)Trait^ de Pexistence de Dieu<<y dessen erster 
in blühender Sprache geschriebener Theil seine Beweise haupt- 
sächlich in dem Schauspiel der Natur, deren zweckmässigen und 
weisen Ordnung sucht, während der zweite sich vorzugsweise 
mit den metaphysischen Beweisen für die Existenz Gottes be- 
schäftigt. Der erste Theil erschien noch zu Lebzeiten Fänelon's, 
der zweite, der sich zum Theil in lyrisch-mystischen Phantasien 
bewegt, erst nach seinem Tod. 

In aller Kürze erwähnen wir noch seines Briefes an die 
Akademie (1714). Dacier, der lebenslängliche Sekretär derselben, 



321 

hatte sich im Namen seiner Kollegen an ihn gewandt, um ihn 
zu einer Aeusserung über etwa wünschenswerthe Arbeiten der 
Gesellschaft zu veranlassen. Fänelon schlug in seinem ausführ- 
lichen Antwortschreiben, das die verschiedensten literarischen 
Fragen, auch den Streit zwischen den Anhängern der Alten und 
der Modernen berührte, eine ganze Reihe von Arbeiten vor, die 
Abfassung einer Grammatik, einer Rhetorik und einer Poetik; 
die Akademie sollte in besonderen Schriften Regeln über die 
dramatische Poesie und die Geschichtschreibung aufstellen, kurz 
F6nelon kam auf die Pläne zurück, die schon die Gründer der 
Akademie gehegt hatten. 

Andre, für uns unwichtige Schriften, übergehen wir. F^nelon 
starb im Januar 1715 an den Folgen eines Sturzes aus dem 
Wagen. So intolerant er sich auch zu verschiednen Zeiten gegen 
Andersgläubige gezeigt hatte, so human war seine sonstige Amts- 
führung gewesen« Als Verfasser des wT616maque«, der in seinen 
Augen freilich nur einen geringen Theil seines Rufs begründete, 
ihn aber doch allein wirklich berühmt gemacht hat, gehört er in 
die Geschichte der Literatur, und darum müssen wir diesem 
Buch unsere Aufmerksamkeit noch einmal besonders zuwenden*). 

Zunächst könnte man freilich die Frage aufwerfen, ob der 
nT616maquet^ wirklich ein literarisches Werk sei, da es doch 
einen pädagogischen Zweck verfolgte? Doch es gibt viele be- 
rühmte Schriften, die, streng genommen, keinen Platz in der 
Literatur beanspruchen können, und welchen man doch eine her- 
vorragende Stelle in derselben anweist ! Wir erinnern an PascaFs 
nProvinciales*^, an die Briefe der S6vign6, die Memoiren von Saint- 
Simon. Wenn man den T)T616maque" liest, wird man allerdings 
auf jeder Seite erinnert, dass man es mit einem Erziehungsbuch 
zu thun hat. Die Lehren, die sich darin finden, richten sich 
nicht einmal an die Jünglinge aller Stände — wie dies z. B. 
Robinson thut — sondern sie zielen speciell auf die Ausbildung 



*) lieber F^nelon vergl. man ausser dem schon erwähnten Werk von 
Bausset noch des Abbe Gosselin „flistoire litt^raire de Fenelon**, 1843. Auch 
Sainte-Beure in „Port-Royal" an verschiedenen Stellen und in den ,,CaaBeries 
du lundi", t. II u. X. 

Lotheiggen, Gesch. d. franz. Literatar. IV. Bd. 21 



322 

eines Prinzen hin^ der Aussicht auf einen Thron hat. Diese Ten- 
denz tritt uns überall störend entgegen, so sehr sie auch der 
Aufgabe des Buchs entsprach. Der Inhalt der Erzählung ist be- 
kannt. T^l^maque zieht aus, seinen Vater Odysseus zu suchen ; er 
wird auf vielen Irrfahrten umhei^etriebeU) und erlebt verschiedne, 
zum Theil gefährliche Abenteuer. Ihm zur Seite steht aber Mi- 
nerva, die ihn unter der Gestalt des weisen Mentor begleitet^ um 
ihn zu beschützen und zu belehren. So wächst T^16maque's Men- 
schenkenntniss und stählt sich sein Charakter. Leider erscheint 
uns Mentor's Weisheit oft zu aufdringlich und gar nicht göttlich. 
Freut sich Tälämaque eines schönen neuen Gewandes, so hält 
ihm Mentor eine grosse Rede. nSind das die Gedanken, die den 
Sohn des Odysseus beschäftigen sollen? Ein Jüngling, der eiteln 
Schmuck liebt, wie eine Frau, ist der Weisheit und des Ruhms 
unwerth.« *) T^l^maque beginnt seine Reise gegen Mentor 's 
Rath und geräth mit seinem Schiff mitten in die feindliche 
Flotte. Alsbald predigt ihm jener von dem Nutzen der Mässi- 
gung**). Immer hört man in diesen Reden F6neIon, der zum 
Herzog von Bourgogne spricht. Wer von der ursprünglichen 
Bestimmung des nT61ömaque<< nichts weiss, wird von dem pedan- 
tischen Ton, der das ganze Buch durchzieht, abgeschreckt. So 
wird z. B. gleich Anfangs erzählt, dass der Sohn des Odysseus 
eine Nymphe der Kalypso liebt und seinen Aufenthalt auf der 
zaubervoll schönen Insel verlängern möchte. Mentor sieht das 
nicht gern. Statt ihn aber einfach an den Zweck seiner Reise 
zu erinnern, warnt er ihn mit pathetischen Worten vor der 
Liebe: nDas grobe Laster erschreckt uns; die brutale Frechheit 
erfüllt uns mit Unwillen; aber die bescheidne Schönheit ist weit 
gefährlicher. Man liebt sie, glaubt nur die Tugend zu lieben, 



*) T^l^maque I : „Sont-ce donc la, 6 Tel^maque, les pens^es qui doivent 
occuper le coeur du fils d'Ulysse ? . . ün jeune homme qui aime ä se parer 
vainement comme une femme, est indigne de la sagesse et de la gloire.** 

**) Tel^maque I : „Je n'ai garde de vous reprocher la faute que vous avez 
faite; il suffit que vous la sentiez et qu'elle vous serve a ^tre une autre fois 
plus modert dans yos desirs. Mais quand le peril sera passe, la pr^somption 
reviendra peut-ötre.** 



323 

und unmerklich lässt man sich von den trügerischen Reizen einer 
Leidenschaft gewinnen, die man erst erkennt; wenn man sie nicht 
mehr ersticken kann<<*). Da diese und andre Ermahnungen 
nichts helfen; greift Mentor zu einem heroisch-komischen Mittel. 
Er sieht, dass kein Augenblick mehr zu verlieren ist, und da 
er auf hoher See ein Schiff gewahrt, stösst er TölÄmaque unver- 
sehens ins Meer und springt ihm nach. »Ueberrascht durch den 
plötzlichen Sturz, trank Tölömaque von der salzigen Flut und 
wurde das Spiel der Wogen. Als er aber zu sich kam, und 
Mentor erblickte, der ihm die Hand zur Hilfe reichte, hatte er 
keinen andern Gedanken mehr, als die verhängnissvolle Insel zu 
fliehen.« Mentor's Vorgehen war jedenfalls brutal, auch wenn er 
in Kalypso und deren Nymphen nur die Priesterinnen der sinn- 
lichen Liebe erblickte**). 

Ueberhaupt wird im 7?T616maque« die Liebe als eine grosse 
Gefahr geschildert. Wie anders waren die Lehren der nAstrÄe«, 
des 77Grand Cyrus« gewesen! Dort galt die Liebe als Pflicht 
jedes edlen Jünglings, als eine Stärkung zu jeder grossen That, 
ja als die Hauptvorbedingung derselben. Und nun diese ängst- 
liche Warnung vor den Regungen des Herzens? War die fran- 
zösische Gesellschaft so scheu geworden; so klösterlich gesinnt, 
dass sie hier ihre wahren Ansichten ausgesprochen fand? Gewiss 
nicht. Der wT616maqueu war ja zur Erziehung eines, wie es 
schien, feurigen Prinzen geschrieben, und dieser sollte vor der 
Galanterie des Versailler Hofs und den Lockungen der Hof- 
damen bewahrt werden. 77Hebe dich weg!« rief Minerva zu 
Cupido, Tjhebe dich weg, verwegner Knabe ! Du wirst immer nur 
schwache Seelen besiegen, die deine schimpflichen Vergnügungen 
der Weisheit, der Tugend und dem Ruhm vorziehen!« Die Ab- 



*) Tel^maque 1. VII. 
**) Schon Boileau urtheilte über den „l"^lemaque** in ähnlichem Sinne. 
Er schrieb an Brossette 10. nov. 1699: „Je souhaiterois que M. de Cambrai 
eüt rendu son Mentor un peu moins pr^dicateur, et que la morale föt repandue 
dans son ouvrage un peu plus imperceptiblement et avec plus d'art. Homfere 
est plus instructif que lui; mais ses instructions ne paraissent point preceptes, 
et r^sultent de l'action QU roman, plut6t que des discours qu'on y ^tale. — 
Boileau vergleicht F^nelon dann mit Heliodor, dem Verfasser von „Theagenes 
und Chariklea". 

21* 



324 

Bicht des Verfassers war gewiss gut, aber der Qouvernantengeist, 
der sich dabei bemerkbar macht, wirkt erkältend auf die Stimmung. 
Der Held des Buchs wird durch seine nüchterne allzu gelehrige 
Haltung fad und langweilig. In Cythere, wohin er ohne Mentor 
gelangt, geräth er in schwere Versuchung. »Eine geheime Sehn- 
sucht bemächtigte sich meiner. Schon liebte ich das süsse Gift, das 
mir durch die Adern strömte und bis zum Mark meiner Knochen 
drang. Nichts desto weniger stiess ich tiefe Seufzer aus und ver- 
goss bittere Thränen. In meiner Aufregung tönte mein Wort 
wie das Brüllen des Lö^ven: nOh unselige Jugend! Wie grausam 
spottet ihr der Menschen^ oh Götter! Warum lasst Ihr sie dieses 
Alter, eine Zeit der Thorheit und des Fiebers, durchleben?«*) 
Ob wol in Wahrheit je ein junger, geistig und körperlich gesunder 
Mann schon so gesprochen hat? 

In der ganzen Erzählung findet sich kein Aufschrei wahrer 
Leidenschaft, kein echtes aus dem Herzen stammendes Wort. 
Alle Gefühle erscheinen abgeschwächt, das ganze Bild des Lebens 
gefälscht, der Ton selbst ist gedämpft, wie im Vorzimmer eines 
königlichen Schlosses. Nirgends mehr, wie hier, gedenkt man der 
Stelle in Boileau's »Poetik«^, wo der Dichter sagt, dass ihm ein 
sanft durch blumige Auen dahinströmender Bach besser als ein 
trüber Bergstrom gefalle, -*- aber niemals auch findet man dieses 
Wort weniger richtig**). 

Die Sprache selbst ist allerdings meisterhaft behandelt. 
Leicht und anmuthig fliesst sie dahin, in harmonischem Fall der 
Sätze und Perioden. FÄnelon versteht schon mit den Worten zu 
malen, einen besondern Reiz in seine Beschreibungen zu legen, 
indem er Licht und Schatten in kunstvoller Weise vertheilt. Er 
freut sich an dem Rhythmus und der pittoresken Schönheit seiner 
Prosa, und ist der erste in der französischen Literatur, der 
die harmonische Sprache um ihrer selbst willen, und nicht als 
Mittel zum Ausdruck des Gedankens pflegt. Diese Richtung sollte 



*) Telemaqne 1. lY: „Je mgissois comme un lion dans ma fureor. O 
malheoreuse jeunesse I disois-je; 6 dienx, qui yous jouez cmellement des bommeH, 
pourqnoi les faites - yous passer par cet äge qui est un temps de folie et de 
fiÖYre ardente?** 

*♦) Boileau, Art Po^tique I, 167—169. 



325 

in der Folgezeit Nachahmung finden und übertrieben werden. 
Föneion hielt sich noch innerhalb der Grenzen des Geschmacks 
und verlor sich nicht in überladenen Beschreibungen. Sein wTölA- 
maqueii reiht sich nicht an die Novellen der Gräfin La Fayette, 
mit deren Kunst er nichts gemein hat; er trägt vielmehr den 
Charakter eines Epos in Prosa, das nicht einfach die antike 
Welt schildern, sondern auch moderne politische Arbeit thun 
will. Wiederum dürfen wir nicht vergessen, dass Föneion sein 
Buch zur Belehrung des Thronerben von Frankreich schrieb, und 
um so mehr müssen wir anerkennen, dass er sich nicht scheute, 
das damals herrschende System entschieden zu tadeln. Wir 
haben gesagt, dass der Ton der Erzählung gedämpft sei, wie in 
dem Vorzimmer eines königlichen Schlosses. Aber man kann 
auch in gedämpftem Ton freimüthig reden. Wollen wir wissen, 
warum König Ludwig den ?)Töl6maquet^ so ungnädig beurtheilte, 
so brauchen wir nur die politischen Erörterungen darin zu lesen. 
Es war doch seltsam, dass Föneion dem Enkel des kriegs- und 
eroberungslustigen Königs von der Thorheit der Kriege und 
besonders der Eroberungskriege sprach. «Ein Eroberer ist ein 
Mann, den die Götter in ihrem Zorn auf die Erde gesandt 
haben, um überall Schrecken, Elend, Verzweiflung zu verbreiten 
und aus freien Männern ebensoviel Sklaven zu machen.«. . . «Die 
grossen Eroberer, welche man uns so ruhmvoll schildert, gleichen 
den Strömen, die aus ihren Ufern getreten sind. Sie scheinen 
voll Majestät, aber verwüsten die fruchtbaren Thäler, die sie 
doch nur bewässern sollten. t^*) In derselben Schilderung heisst 
es, das bätische Volk spotte über die Könige, welche wegen der 
Grenzen ihrer Staaten in Streit geriethen. Ein andermal spricht 
der König von Salente die Befürchtung aus, sein Volk könne 
sich gegen ihn wenden, wenn es wolhabend und des Friedens 
sicher sei. Mentor aber beruhigt ihn. Das sei ein Vorwand, mit 
dem man verschwenderischen Fürsten schmeichle, wenn es gelte, 
die Völker mit Steuern zu belasten**). Noch mehr. Tölömaque 
kommt nach Tyrus, wo der König Pygmalion herrscht, der seine 



*) T^I^maque 1. VIII. 
**) T^l^maque 1. XII. 



326 

Gemalin Topha schnöde vernachlässigt, weil er die ehrgeizige 

Astarbä liebt, n Diese Frau war schön wie eine Göttin, und 

vereinigte alle Vorzüge des Körpers und des Geistes. Dabei 

hatte sie ein grausames und boshaftes Herz, aber sie wusste 

ihre Verderbtheit mit vollendeter Kunst zu verbergen« *). Die 

Episode der Montespan war zwar schon lange ausgespielt, aber 

um so weniger mochte der König daran erinnert werden; und 

um so heftiger mochte er zürnen, dass sich F6nelon erkühnte, 

bei dem jungen Herzog solche Anspielungen zu machen. Denn 

dieser musste schon von dem Verhältniss wissen, waren doch 

die Kinder der Montespan legitimirt und gingen im Rang dem 

höchsten Adel voraus! 

» 

Auch die andern Ideen über Staatsverfassung, gesellschaft- 
liche Ordnung und Handelspolitik waren nicht darnach angethan, 
König Ludwig zu gefallen. Er soll schon früher F^nelon einen 
Ideologen genannt haben. Was brauchte dieser Abb6 überhaupt 
von Politik zu reden, da doch Frankreich so vortrefflich ge- 
ordnet war, wie man es nur wünschen konnte? 

An sich waren die politischen Ideen Fänelon's freilich 
schwach und unbedeutend. Was hätte er auch einem jungen un- 
erfahrenen Prinzen anders sagen können, selbst wenn er höhere 
Ideen gehabt hätte? In den Bewohnern des Landes Bätika 
schildert er ein glückliches Volk, das frei von Leidenschaften, 
in paradiesischem Zustand lebt. Doch hält er sich dabei nur an 
Allgemeinheiten, die zudem eine genauere Prüfung nicht ver- 
tragen. Die guten Leute führen nie Krieg; wenn ihre Nachbarn 
Land von ihnen beanspruchen sollten, würden sie es ihnen ohne 
Zaudern einräumen und ihre Wohnsitze in andren Gegenden 
aufschlagen. Doch sie haben eigentlich keine Wohnsitze, sie 
sind Nomaden und haben weder Vaterlandsgefühl noch Ver- 
ständniss für staatliche Gemeinsamkeit. Auch Montesquieu hat 
später in seinen nLettres Persanes« das Bild eines ähnlichen 
Volkes, der Troglodyten in Arabien, entworfen. Diese sind 
gleichfalls ein arbeitsames frommes Volk, das wie eine Familie 



*) T^l^maque 1. III. 



327 

lebt und strenge Sitten bewahrt. Doch wenn es von den Nach- 
barn angegriffen wird, wehrt es sieb. Zuletzt wird es der stren- 
gen Zucht, die es sich selbst auferlegt hat, müde und wählt 
einen König, der es nach bestimmten Gesetzen regieren soll. 
Montesquieu versteht, dass die Idee eines solchen unschuldigen 
Zusammenlebens der Menschen ein Traumbild ist, und er be- 
gründet auf der Ueberzeugung von dessen unmöglicher Reali- 
sirung sein System von dem Ursprung der Gesetze*). Er war zu 
politisch gebildet, um an Utopien zu glauben. Erst J. J. Rousseau 
empfahl wieder die Rückkehr des Menschen zum Naturzustand, 
aber seine Sprache klang gewaltsam und revolutionär, ganz 
anders als das milde Wort Fönelon's. Denn dieser glaubte doch 
nicht ernstlich daran, dass man die Menschen zu idyllisch-ein- 
fachen Zuständen zurückführen könnte, und gab darum in der 
Verfassung von Salente das Muster einer andern Staatseinrich- 
tung. Sie ist Mentor's eignes Werk, und in ihrer Erklärung hat 
Fänelon gewiss einige seiner ernst gemeinten Reformideen nieder- 
gelegt. Das Schwankende seines Charakters verleugnet sich 
auch dabei nicht. Salente ist eine Handelsstadt, und Mentor 
führt das System des Freihandels ein. Aber er hat zugleich ein 
strenges Prohibitivsystem, indem er alle Luxus waaren, allen 
Schmuck und allen Putz aus dem Staat ausschliesst, jede In- 
dustrie, die sich damit beschäftigt, unterdrückt. Er gewährt 
volle Freiheit und begründet einen drückenden Polizeistaat. Die 
Bürgerschaft wird in sieben Klassen eingetheilt, die sich durch 
die Farbe ihrer Kleidung unterscheiden müssen, und wer nicht 
fleissig arbeitet, verfallt strenger Strafe. Die Verfassung von Sa- 
lente war doch auch nur zur Erbauung eines unmündigen Prinzen 
entworfen. 

Diese kurzen Andeutungen werden genügen, um zu beweisen, 
dass der nTil6ma,qvieii seinem ganzen Charakter nach mehr zum 
18. Jahrhundert gehört, wenn er auch schon früher — wann, 
ist nicht genau bekannt — entstanden ist. Saint-Simon hat von 
dem Erzbischof von Cambray ein Bild gezeichnet, das zwar 
nicht auf seine literarische Thätigkeit Bezug nimmt, aber ihn so 



*) Montesquieu, Lettres Persanes 11 — 14. 



328 

fein charakterisirt, dass es auch diiese letztere erklären kann. 
77Er war gross, mager, wohlgebaut, bleich, mit grosser Nase, Aus 
seinen Augen sprühte Feuer und Geist, und sein Gesicht konnte 
man nicht vergessen, wenn man es einmal gesehen hatte. Es 
verrieth Wttrde und Artigkeit, Ernst und Heiterkeit; man er- 
kannte in ihm zugleich den Gelehrten, den Bischof und den 
Edelmann; der Haupteindruck seiner Person war aber Feinheit, 
Geist, Anmuth, Zurückhaltung und Adel. . . Er hatte eine natür- 
liche, leichte, poetisch angehauchte Beredsamkeit, — seine Sprache 
war gewandt und angenehm, selbst sehr verwickelte Fälle wusste 
er mit Klarheit und Bestimmtheit zu erklären« Dabei wollte er 
nie mehr Geist haben als die, mit welchen er sprach; errichtete 
sich nach der Fassungskraft eines jeden, ohne es denselben 
empfinden zu lassen, so dass man ihn ungern verliess und immer 
wieder zu ihm zurückkehrte. Dieses seltene Talent sicherte ihm, 
auch nach seinem Sturz, die Freunde . . . Aber wenn er an den 
Hof zurückgekommen und in den Geheimen Rath eingetreten 
wäre, hätte er vielleicht niemand an seiner Seite geduldet, und 
sobald er sich einmal fest gefühlt und die andern nicht mehr 
gebraucht hätte, wäre es gefährlich gewesen, ihm zu widerstehen, 
oder nicht gefügig genug zu sein und ihn nicht zu bewundern" *) . 



*) Memoires, Band VII, S. 274. Jahr 1715. 



X. 



Die Memoirenliteratur. 



Jüie Uebersicht der literarischen Arbeit des 17. Jahrhunderts 
wäre nicht vollständig, wenn wir die Memoiren aus jener Zeit 
unbeachtet liessen. Allerdings gehören geschichtliche Aufzeich- 
nungen dieser Art nicht eigentlich in die Reihe der Literatur- 
werke. Doch gibt es einige Memoiren, welche nicht allein be- 
sondres kulturgeschichtliches Interesse, sondern auch wirklichen 
literarischen Werth haben^ und diese müssen wir in den Bereich 
unserer Betrachtung ziehen. 

Die lange Regierungszeit Ludwig XIV. umfasste mehrere 
Generationen, die sich ihrem Charakter nach wesentlich von ein- 
ander unterschieden. Das tritt, wie in den Dichtungen, so auch 
in den Memoiren, zu Tage. 

Die erste Zeit Ludwig's fiel noch in die unruhige Epoche 
der Regentschaft und der Fronde. Das Geschlecht, das damals 
den Ton angab, war kräftig, stürmisch, nach Kampf und Aben- 
teuern dürstend. Von ihm erzählen sowohl die Memoiren der Prin- 
zessin von Montpensier, als auch die Aufzeichnungen La Roche- 
foucauld's, von welchen wir schon bei andrer Gelegenheit zu 
reden hatten *). 

Neben ihnen sind die Memoiren der Mme de Motteville zu 
erwähnen, die eine wichtige Quelle für die Kenntniss jener Zeit 
bilden. Fran^oise Bertaut (1621 — 1689) war die Tochter eines 
Edelmanns im Gefolge des Königs Ludwig XIII. Ihre Mutter, 
die von einer Spanierin abstammte, war der jungen Königin 
Anna wegen ihrer Kenntniss der spanischen Sprache besonders 
angenehm und wurde von ihr mit Vorliebe für ihre Korrespon- 
denz benützt. Auch Frangoise wwar seit ihrer Jugend in der 
Umgebung der Königin. Als sich aber die Gegensätze zwischen 
dieser und Richelieu schärften, und der Kardinal jeden geheimen 



*) Siehe Band III, S. 48 u. 222. 



332 

Verkehr mit Spanien hindern wollte, setzte er es durch, dass Mme 
Bertaut mit ihrer Tochter vom Hof verbannt wurde. Achtzehn 
Jahre alt, wurde Frangoise mit dem achtzigjährigen Präsidenten 
der Rechnungskammer in der Normandie, M. de Motteville, ver- 
heiratet, und war mit 20 Jahren bereits Witwe. Als dann bald 
darauf Richelieu und König Ludwig starben, erinnerte sich die 
Regentin ihrer jungen Dienerin und rief sie zu sich zurück (1643). 
Mme de Motteville blieb seitdem als erste Kammerfrau an der 
Seite der Königin und erwarb sich durch zuverlässige Treue 
deren festes Vertrauen. Sie stand inmitten der politischen Be- 
gebenheiten, mischte sich niemals selbstthätig in dieselben ein, 
aber sah viel, hörte noch mehr und war eine aufmerksame 
Beobachterin, die in aller Stille ihre Aufzeichnungen machte. 
Königin Anna starb 1666, und Mme de Motteville lebte seitdem 
zurückgezogen. In dieser letzten Zeit arbeitete sie ihre Memoiren 
aus, die aber erst nach ihrem Tod, und zwar anfangs anonym, 
erschienen*). Schon der Titel derselben, nMemoiren zur Ge- 
schichte Anna*s von Oesterreich«« beweist, dass die Verfasserin 
alle Begebenheiten nur so weit berücksichtigt, als sie sich auf 
ihre Königin beziehen. Sie stand ganz auf deren Seite, und ihre 
geschichtliche Auffassung erhebt sich nirgends über die engen 
persönlichen Interessen ihrer ITerrin. Doch stört dies gerade 
hier weniger, da alle Kämpfe während der Regentschaft aus 
kleinlichen egoistischen Beweggründen begonnen wurden. Dass 
auch die Fronde eine wichtige Entwicklung in der Geschichte des 
Landes bildete, konnte sie freilich nicht sehen, wie die Zeitge- 
nossen sich dessen überhaupt erst später bewusst wurden. Aber 
Mme de Motteville bewahrte durch alle aufregenden Begeben- 
heiten hindurch ihr einfaches verständiges Urtheil, und diese ver- 
hältnissmässige Unbefangenheit sichert ihr die Beachtung der 
Historiker. Sie will immer nur die Wahrheit sagen; aber da 
sie hauptsächlich für den Ruhm der Königin Anna schreibt, 
sagt sie nur, was für diese günstig erscheint, und vergisst andres. 



*) M^moires ponr servir ä Thistoire d^Anne d^Autriche. Amsterdam 1723, 
in 5 Bänden. Eine neue Ausgabe von F. Rieux erschien in 4 Bänden zu 
Paris 1856. 



333 

was schaden könnte. Ihre Memoiren erzählen zuerst von der 
Zeit Ludwig XIII. Doch war sie damals zu jung, um selbst viel zu 
beobachten, und so ist dieser erste Theil ihrer Aufzeichnungen 
nur von geringem Interesse. Dagegen werden die Memoiren 
wichtig, sobald sie die Zeit der Regentschaft berühren. Der 
letzte Abschnitt verliert wieder, wie begreiflich. Denn nach dem 
Ende der Regentschaft trat die Königin in den Hintergrund, und 
bemerkenswerth ist in diesem dritten Theil der Memoiren nur 
die Episode der Königin Christine von Schweden, die sich be- 
kanntlich eine Zeit lang in Frankreich aufhielt. 

Andern Charakter tragen die Memoiren des Grafen Roger 
de Bussy-Rabutin (1618 — 1693). Ein ehrgeiziger und begabter 
Mann, hatte sich Bussy für seine Soldatenlaufbahn das höchste 
Ziel gesteckt, versperrte sich aber durch seine unbezwingliche 
Spottlust den Weg dazu. Einmal wegen seiner bösen Zunge auf 
seine Güter in Burgund verwiesen, schrieb er dort das berüch- 
tigte Buch, nHistoire amoureuse des Gaules^^, in dem er, Wahr- 
heit und Dichtung mischend, von den Liebesabenteuern der vor- 
nehmen Damen des Hofs erzählte, um sich und seine Freunde 
in cynischer Weise zu belustigen. Das Buch cirkulirte als Ma- 
nuskript, wurde aber 1665 in Holland gedruckt und gab nun 
den Vorwand für eine abermalige Verbannung. Die wahre Ursache 
der königlichen Ungnade soll ein Epigramm Bussy's auf MUe de 
La Valliere und deren grossen Mund gewesen sein. Der König 
verzieh ihm nicht so bald. Siebzehn Jahre lang hielt er ihn fern 
vom Hof und verweigerte ihm jede Stellung in der Armee. Damit 
waren Bussy's Hoffnungen auf Ruhm und Reichthum dahin. Er 
verzehrte sich in seinem Schloss in Burgund und nur ausnahms- 
weise durfte er sich auf kurze Zeit in der Hauptstadt zeigen. 
In seiner Provinz beschäftigte er sich viel mit Literatur und 
schrieb seine Memoiren, die bald nach seinem Tod veröffent- 
licht wurden *). Auch stand er in Briefwechsel mit den bedeu- 
tendsten Persönlichkeiten seiner Zeit, und sammelte die Briefe, 



*) Eine neue Ausgabe erschien vor Kurzem: „M^moires, suivis de THistoire 
anu>ureu8e des Gaules. Pr^faces notes et tables par Lud. Laianne. 2 vols. 
Paris 1882. 



334 

die er erhielt, sowie er auch eine Abschrift seiner Antworten 
bewahrte. Diese letzteren schrieb er also mit stetem Hinblick 
auf eine spätere Veröffentlichung. Sind sie darum auch etwas 
absichtlich und gekünstelt, so erwecken sie doch ein lebhaftes 
Interesse. Dass er die Sammlung später selbst dem König vor- 
legte, wissen wir aus einem seiner Briefe an Mme de S^vignä, 
seine Verwandte *). Die gesammelte Korrespondenz wurde, wie 
Bussy es beabsichtigt hatte, ebenfalls gedruckt. Ein erster Theil 
erschien schon 1697, ein zweiter 1709 **). 

Auch der Memoiren Gourville's sei noch gedacht, jenes 
merkwürdigen Menschen, der aus niederstem Stand zu Ansehen 
und Einfluss aufstieg. Er begann als Bedienter und starb als 
ein reicher Mann und QeschäftsfOhrer des Prinzen Condä. Sein 
Leben (1625 — 1703) führte durch die verschiedensten Schicksale; 
in den Zeiten des Bürgerkriegs ein echter Abenteurer und um 
die Wahl der Mittel nie verlegen, erwies er sich zugleich als ein 
kluger Politiker, scharfsichtig und zuverlässig in der Freund- 
schaft. Die geordneten Zustände, die Ludwig XIV. wieder her- 
stellte, führten auch ihn auf ruhigere Bahnen. Er diktirte seine 
Memoiren kurz vor seinem Tode und gab in ihnen einen 
schätzenswerthen Beitrag zur Kulturgeschichte des 17. Jahr- 
hunderts. 

Ganz absonderlicher Art sind die wHistoriettes« von G^d^on 
Tallemant, der sich nach einem Gut, das er in der Touraine 
kaufte, den Namen Des Reaux beilegte (1619 — 1692). Tallemant 
war ein Lebemann, der seine Freude am Klatsch hatte, und 
alles, was er von Anekdoten, Skandalgeschichten und Scherzen 
über die Gesellschaft seiner Zeit wusste, zur Erheiterung seiner 
Freunde und zur eignen Erbauung nieder schrieb* X)hne jede 
Rücksicht zeichnete er auf, was man ihm zutrug, jede Bosheit 
der Salons, jede Verleumdung der Neuigkeitskrämer, jedes Ge- 
rücht der Strasse. Seine Entschuldigung ist, dass er bei seiner 
Sammlung nicht an die Oeffentlichkeit dachte. Da sich neben 



*) Siehe Bussy^s Brief an Mme de S^vign^ ans Anton v. 17. Jan. 1681. 
**) Neuerdings ist anch die Sammlung der Briefe in einer neuen Ausgabe 
Ton Laianne erschienen (Paris 1858). 



336 

vielem Lug auch viel Wahres in seinen »Historiettes«^ findet, darf 
man sie doch nicht ganz übersehen, wenn man ein richtiges Bild 
der Zeit entwerfen will *). 

An Interesse imd zumal an literarischer Bedentang werden 
die genannten Memoirenwerke von den Denkwürdigkeiten des 
Kardinals Retz weit übertroffen. 

Wir haben diesen Hauptführer der Frondeurs schon als 
Kanzelredner gewürdigt **) und haben ihn jetzt als Historiker 
zu betrachten. Die Familie der Gondi stammte aus Florenz, war 
mit der Königin Katharina von Medici nach Frankreich gekom- 
men und hatte sich rasch zu einer bedeutenden Stellung empor- 
geschwungen. Drei Gondi hatten hinter einander den Bischofs- 
stuhl von Paris inne, und einer von ihnen wurde der erste Erz- 
bischof der Stadt. Auch Paul de Gondi, der im Oktober 1614 zu 
Schloss Montmirail in der Landschaft Brie das Licht der Welt 
erblickte, wurde fUr die kirchliche Laufbahn bestimmt. Der junge 
Mann zeigte aber nicht den mindesten Beruf dafür, und stürzte 
sich absichtlich in ein ausschweifendes Leben, am sich der prie- 
sterlichen Wtlrde unwerth zu erweisen. Die Familie beharrte 
jedoch auf ihrer Meinung , und so wurde Paul de Gondi wider 
seinen Willen zum Priester geweiht. Er hatte treffliche Studien 
gemacht und versuchte sich frühe mit einer literarischen Arbeit. 
Im Jahr 1629 war des Italieners Agostino Mascardi Werk über 
die Verschwörung des Fiesco von Genua erschienen, und Gondi 
unternahm es im Alter von 18 Jahren , dasselbe zu bearbeiten 
(1632). Er übersetzte es nicht, sondern erweiterte und veränderte 
es. Schon die Wahl des Werks sowie der Geist der Aenderungen, 
die er sich erlaubte, geben deutliche Fingerzeige über seinen 
Charakter und seine Richtung. Mascardi schloss seine Geschichte 
mit der Bemerkung, dass Fiesco wahrscheinlich auch im Fall 
des Siegs sich nicht lange der Herrschaft erfreut haben würde. 
Gondi aber, der für den Verschwörer eine besondere Sympathie 
hatte, kam zu dem entgegengesetzten Schluss^ und sagte, dass 



*) Eine neue Ausgabe wurde von Monmerque und P. Paris besorgt. 
Paris 1854—1860. 10 Bände. 

**) Siehe B. Ur, S. 814. 



336 

Fiesco gewiss einer der mächtigsten Fürsten Italiens geworden 
wäre; wenn das Glück sein Wagniss begünstigt hätte. Von En- 
thusiasmus für die Freiheit, der die jugendlichen Herzen doch 
zunächst erfüllt; findet sich bei Gondi keine Spur, und er setzt 
philosophisch hinzu: nSo zeigt es sich, dass ausserordentliche 
Thaten Lob oder Tadel ernten, je nachdem sie glücken oder 
scheitern. i< 

Bald sollte er aus einem Lobredner der Verschwörer selbst 
ein Verschwörer werden. Er liess sich in ein Komplet ein, 
das die Ermordung Richelieu's bezweckte. Er schrack vor der 
Theilnahme an einer Blutthat nicht zurück, wol aber hegte er 
Anfangs, wie er in seinen Memoiren erzählt, einige Skrupel^ das 
Blut eines Priesters zu vergiessen. Doch er hatte sich nicht 
umsonst klassische Bildung angeeignet, und die Erinnerung an 
Harmodios und Brutus stärkte ihn. nich schämte mich meines 
Bedenkens und ging auf das Verbrechen ein, das mir durch grosse 
Vorbilder geweiht und durch seine Gefahren gerechtfertigt und 
geadelt schienet '^). Man sieht, dass der Erzähler sich nicht scheute 
offen zu reden. Zum Glück für ihn kam der Anschlag nicht zur 
Ausführung. Aber Richelieu wusste von Gondi's Intriguen und 
behielt ihn scharf im Auge« Ein Prinz des königlichen Hauses, 
Graf Soissons, erhob im Jahr 1641 die Fahne des Aufstands. 
Sich vorher eine Partei in der Pariser Bevölkerung zu gewinnen, 
hatte er Geld an den Abbä Gondi geschickt, und dieser ging mit 
der Schlauheit eines erfahrnen Verschwörers zu Werk. Monate 
lang besuchte er tmter dem Vorwand der Wolthätigkeit die be- 
dtlrftigen Familien der Stadt, und wurde durch seine Spenden 
und sein Benehmen in hohem Grad volksthümlich. Die Bemer- 
kung über die Leute, die er mit Unterstützung bedachte^ ist wie- 
derum charakteristisch. nMan denke sich, welches Ansehen ich 
bei dem Theil der Bevölkerung erwarb, der bei Unruhen weitaus 
der wichtigste ist. Die Reichen nehmen . daran nur gezwungen 
Theil; die Bettler schaden mehr als sie helfen, da man ihre 



*) »TeuB honte de ma reflexion, j^embrassai le crime qoi parut consacrd 
par de grands exemples, justifi^ et honor^ par de grands perils.*^ Memoires 
B. I, S. 111 (Ausgabe der Memoiren-Sammlung von Petitot, Band 44). 



337 

PlünderuBgsIust fürchtet. Am besten sind jene Leute zu brauchen, 
deren Geschäfte schlecht gehen und die darum einen Wechsel im 
Staatsleben wünschen, die arm, aber noch nicht am Bettelstab 
sind. Ich verwandte demnach während drei oder vier Monaten 
einen besonderen Eifer darauf, mich diesen Leuten bekannt zu 
machen, und es gab kein Kind, dem ich nicht kleine Geschenke 
ins Haus gebracht hätte *).tf 

Wiederum war seine Mühe vergebens. Graf Soissons be- 
siegte zwar die königlichen Truppen in dem Treffen bei Marf^e, 
fiel aber selbst auf unerklärliche Weise inmitten der Seinen. Die 
Aufständischen und deren Freunde waren nun in grosser Gefahr^ 
allein Gondi hatte sich so vorsichtig gehalten, dass er nicht mit 
in den Sturz des Grafen verwickelt werden konnte. Doch galt 
er als ein entschiedener Feind Richelieu's und wurde darum nach 
dessen und Ludwig XIIL Tod alsbald von der Regentin als 
Koadjutor von Paris seinem Oheim, dem Erzbischof, zur Seite 
gestellt. 

Die Empfindungen und Gedanken, welche diese Ernen- 
nung in ihm wachriefen, waren höchst eigenthümlicher Natur, 
und mit seiner gewöhnlichen Offenheit, die mit Gewissenlosigkeit 
nahe verwandt ist, spricht er in seinen Memoiren darüber. Die 
Stelle ist so merkwürdig für Gondi's Selbsterkenntniss und seine 
moralische Haltung, dass wir sie mittheilen wollen. Er gesteht 
zunächst ein, dass sein Oheim die erzbischöfliche Würde in 
Misskredit gebracht hatte, und dass Reformen nöthig gewesen 
seien. Gegen diese habe er aber, so erzählt er, Widerstand 
voraus gesehen, und zwar zumeist in sich selbst, denn er habe 
sich unfähig gefühlt, ein strenges zurückhaltendes Leben zu 
führen. Um nun sein künftiges Verhalten zu bestimmen , habe 
er sich auf einige Tage in klösterliche Stille zurückgezogen, da 
ihm eine fromme Vorbereitung zu seinem neuen Amt passend 
erschienen sei. ?)Die grosse Kunst der Männer«, sagt er, «die 
eine solche Würde übernehmen, besteht darin, dass sie vor allem 
durch eine auffallende Handlung auf die Phantasie der Menschen 



*) Memoires, B. I, S. 124. 
Lotheissen, Gesch. d. frans. Literatar. lY. Bd. 22 



338 

einwirken.« Dann fährt er fort: nNach sechstägiger Ueberlegung 
entschloss ich mich zum bewussten sündhaften Leben (de faire 
le mal par dessein) ; das ist ohne Zweifel verbrecherischer vor 
Gott, aber ebenso gewiss vwnünftiger vor der Welt; denn wenn 
man so vorgeht, ergreift man immer einige Massregeln, die 
wenigstens einen Theil der Fehler verbergen, und man vermischt 
nicht zur Unzeit Frömmigkeit und Sünde mit einander, eine 
Lächerlichkeit, die in unserm Stand eine grosse Gefahr ist^ *). 

Die Regentin glaubte Gondi für immer gewonnen zu haben, 
sollte aber bald erkennen, dass sie sich getäuscht hatte. Der 
Koadjutor ging vor allem darauf aus, das Volk auf seine Seite 
zu ziehen. Wiederum besuchte er die Armen nach seiner früheren 
Weise, vertheilte Geld und predigte mit überraschender Kühnheit. 
Bald stand er an der Spitze einer ergebenen Partei. Als dann 
im Jahr 1648 die ersten Unruhen der Fronde ausbrachen und 
Paris sich mit Barrikaden bedeckte, bot sich Gondi der Begentin 
als Vermittler an. Diese wies ihn höhnisch ab; sie wollte nichts 
von Vermittelang hören und glaubte des jungen Koadjutors Hilfe 
entbehren zu können. Gereizt über diese Behandlung, gab Gondi 
das Losungswort gegen die Regierung aus, und am nächsten Tag 
stand ganz Paris unter Waffen und Gondi an der Spitze der 
Unzufriedenen. Seitdem blieb er ein Hauptführer der Fronde, 
oft die Saele der ganzen Bewegung , wobei er sich jedoch nur 
durch die Rücksicht auf den eignen Vortheil leiten liess. Man 
ist deshalb nicht überrascht, wenn man ihn mit einemmal im 
geheimen Bund mit der Regentin findet. Diese sicherte ihm den 
Kardinalshut zu, wenn er sie gegen Cond^ unterstütze, und 
wirklich ernannte ihn Papst Innocenz X. kurze Zeit darauf zum 
Kardinal. Seitdem führte Gondi den Titel eines Kardinals von 
Retz, und vielleicht gab er sich noch stolzeren Hoffnungen hin. 
Doch das Ende der Fronde war nahe und damit auch sein Sturz. 

Als König Ludwig XIV. endlich als Herr in Paris einzog, 
war jeder fernere Widerstand unmöglich. Retz wurde verhaftet 
und nach Vincennes gebracht. Als dann (1654) sein Onkel, der 



*) M^moires, B. II, S. 149. 



339 

Erzbischof von Paris, starb und Retz ihm hätte folgen müssen, 
bot man diesem die Freiheit und beträchtliche Einkünfte an, 
wenn er auf seine Stelle verzichte. Retz willigte ein, wurde aber 
nicht freigelassen, sondern bis auf Weiteres nach Nantes gebracht. 
Dort gelang es ihm zu entfliehen, und er wiederrief nun auch 
:8eine Demission. Er eilte nach Rom und hielt sich später in 
verschiedenen Städten Europa*s auf, bis Mazarin's Tod ihm die 
Grenzen Frankreichs wieder öffnete. Zuvor aber verzichtete er 
noch einmal auf sein Erzbisthum, wofür er reichlich entschädigt 
wurde. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in Paris, 
wo er sich den Jansenisten zuneigte. Er konnte doch nicht ganz 
von jeder Opposition lassen. In dieser Zeit schrieb er auch, nach 
<lem Rath der Freunde, seine Memoiren, die aber erst lange 
nach seinem Tod erschienen. Er starb 1679, und die erste Aus- 
gabe der DenkwfLrdigkeiten erschien zu Nancy im Jahr 1717. 

Diese Memoiren sind vor allem durch den Geist merk- 
würdig, der sich in ihnen ausspricht. Sie sind an eine Dame 
gerichtet, und wie später J. J. Rousseau in seinen ^^Confessionsu, 
€0 scheute auch Retz nicht, über sich und seine Gesinnungen 
mit grösster Offenheit zu reden. Weniger wahrhaftig blieb er viel- 
leicht hier und da bei der Erzählung der Thatsachen, wenn es 
ihm galt, seine Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen. 
^Ich finde eine solche Genugthuung dabei, Ihnen alle Falten 
meines Herzens zu offenbaren, dass meine Wahrheitsliebe weniger 
der Vernunft als dem Vergnügen zu verdanken ist«, sagt er*)', 
und in der That, er scheut sich durchaus nicht, seine Fehler 
einzugestehen, zumal er sich ganz gut in ihnen gefüllt. Sein 
Werk gibt, wie man mit Recht bemerkt hat^ eine wahre An- 
leitung für Verschwörer und solche, die es werden wollen. 
Dabei aber offenbart er alle Talente eines Schriftstellers ; er er- 
zählt mit Lebhaftigkeit, und seine Sprache ist kräftige kühn und 
malerisch. Er liebt es in seiner Darstellung Sentenzen ein- 
zuschalten, die seine Menschenkenntniss zeigen. T^Bis zu den 
Niedersten herabzusteigen, ist das sicherste Mittel, den Grossen 
gleich zu werden«, sagt er einmal, und wir wissen, wie sich diese 



♦) M^moires, B. I, S. 136, 

22* 



340 

Wahrheit an ihm selbst bewährt hatte ^). Auch die beatigen 
Politiker werden Retz wol beistimmen, wenn sie bei ihm das 
folgende Wort finden: nEs ist schwerer, sich mit den Leuten 
seiner eigenen Partei zu vertragen, als gegen seine Widersacher 
anzukämpfen« **). Eine durch ihren Inhalt wie ihre Form be- 
rühmte Stelle bespricht die Umwandlung der feudalen Monarchie 
in eine Autokratie. 7?Frankreich wird seit mehr als zwölfhundert 
Jahren von Königen regiert; aber diese Könige waren nicht 
immer so absolute Herrscher, wie heute.(< Dann folgt eine heftige 
Anklage gegen Richelieu, n^r bildete, so zu sagen, einen Schatz 
von allen bösen Absichten und allen Irrthtlmern der letzten zwei 
Jahrhunderte, um sich ihrer zu seinem Vortheil zu bedienen. Er 
gab ihnen den Schein nützlicher Grundsätze, die nöthig seien, 
um die königliche Macht zu begründen; und da das Glück ihn 
begünstigte, schuf er die gesetzlichste aller Monarchien zur ab- 
scheulichsten und gefährlichsten Tyrannei um , die vielleicht je 
einen Staat bedrückt hat ^*'^).tf Daran schliesst sich eine Charak- 
teristik der Kardinäle Richelieu und Mazarin, die eine eigenthüm- 
liche Kunst verrathen. Retz zeichnet sich überhaupt durch die 
scharfen Urtheile über die Personen aus, die in seiner Geschichte 
handelnd auftreten. Seine Manier der Porträtmalerei ist der 
Kunst Saint-Simon's gerade entgegengesetzt. Der letztere entwarf 
greifbar lebendige Bilder, wie wir gleich sehen werden, Retz 
dagegen besprach die Menschen nur als Psychologe. Ihm galt es 
nur darum, die geistigen Eigenschaften eines Mannes darzulegen 
und er kümmerte sich nicht um seine körperliche Erscheinung^ 
während Saint-Simon schon in den Gesichtszügen, der Haltung, 
dem Benehmen der Leute ein wichtiges Merkmal sah, das er nicht 
vernachlässigen wollte f). 



*) M^moires, B. II, S. 151: „Descendre jusqu^aux petits est le plus sür 
moyen pour s'^galer aux grands.** 

**) M^moires, B. II, S. 243 : „On a plus de peine dans les partis ä vivre 
avec ceux qui en sont qu'ä agir contre ceux qui j sont oppos^s." 
♦*«) M^moires, B. U, S. 179. 
f) lieber Retz siehe u. a. Sainte-Beuve, Caaseries du lundi, B. Y, und 
Marius Topin, le Cardinal de Retz, son g^nie et ses Berits. 3me ^d. Paris 1872. 
Eine neue Ausgabe erscheint in der Sammlung der „Grands j^crivains*'. 



341 

Die Aufzeichnungen, welche die Epoche nach der Fronde 
behandeln, tragen nothwendigerweise ein andres Gepräge, als die 
Memoiren über die frühere Zeit. Das Königthum hatte seinen 
Charakter geändert, auch die Menschen waren anders geworden. 
Auf die stürmische Generation der Fronde folgte ein ruhigeres, 
feineres, unterwürfiges Geschlecht. Aus der Reihe der Memoiren- 
werke über diesen Abschnitt der Geschichte müssen wir wol die 
Memoiren des Königs Ludwig XIV. zuerst erwähnen. In der 
That, der stolze König griff auch zur Feder und huldigte damit 
dem literarischen Geist des Jahrhunderts. 

Kurz vor seinem Tod übergab Ludwig seinem Vertrauten, 
dem Herzog von Noailles, einen Stoss Papiere mit dem Auftrag, 
sie zu vernichten. Es waren Memoiren, welche er vor langer 
Zeit geschrieben hatte. Der Herzog bewog den greisen Monarchen 
durch seine Vorstellungen, ihm die Papiere zu überlassen, und 
er vertraute sie später der königlichen Bibliothek (der heutigen 
Kationalbibliothek) an, wo sie sich noch befinden '*'). 

Diese Memoiren enthalten Aufzeichnungen von zweierlei 
Art. Eine Hälfte ist von des Königs eigner Hand geschrieben. 
Sie umfasst in drei Bänden zusammenhängende Darstellungen 
aus der Geschichte der Jahre 1672, 1673 und 1678 bis zum 
Frieden von Nymwegen. Daneben finden sich Noten unter der 
Aufschrift: 7?Manifere de me conduire^, Anordnungen für die ver- 
schiedenen Feldzüge, eine Liste der eroberten Plätze, Feldzugs- 
pläne, sowie Bathschläge für Philipp V. von Spanien (Memoire 
donn^ au roi d'Espagne en partant), Ausführungen über die 
Eigenschaften^ die ein König haben soll u. s. w. Die zweite Hälfte 
der Manuskripte, ebenfalls in drei Bänden, zeigt eine andre Hand. 
Sie enthält die Entwürfe, die der König seinem Sekretär diktirte, 
und die mit vielfachen Korrekturen versehen sind. Ausserdem sind 
einige Theile umgearbeitet, stilisirt, und aufs neue ausgebessert. 
Diese letzteren enthalten den Text der Memoiren, wie sie ver- 
öffentlicht wurden und welche die Geschichte der Jahre 1661 — 1668 
mit Ausschluss der Jahre 1663 — 1665 behandeln. Die Memoiren 
über diese drei Jahre sind offenbar verloren. 



*) Siehe Noailles, Histoire de Mme de Maintenon, B. II, S. 227. Appendice» 



342 

König Ludwig begann seine Aufzeichnungen schon im Jahr 
1661. Er schrieb von Zeit zu Zeit seine Erfahrungen, Ideen und 
Vorsätze nieder, und diese Noten gaben ihm später Anhalts- 
punkte für die weitere Ausführung. Wenn er nun auch seinen 
Sekretären — Pörigny, ein Lehrer des Dauphin, und später 
Pellisson, wie man glaubt — die Redaktion der Memoiren tiber- 
trug, ist doch in ihrer ganzen Haltung der Charakter des Königs 
deutlich ausgeprägt. Auch wenn man nicht wüsste, wie viel 
Ludwig in den Entwürfen und ausgearbeiteten Abschnitten zu 
verbessern fand, käme man doch zu der Ueberzeugung, dass die 
Memoiren seinen Geist wiederspiegeln *). 

Schon der Beginn ist [bedeutsam. Ludwig schreibt seine 
Memoiren, um seinen Sohn zu belehren und dadurch indirekt 
seinem Volk zu nützen, aber auch um sich gegen etwaigen Tadel 
der Nachwelt zu .schützen. wMein Sohn", sagt er, »viele wichtige 
Gründe haben mich zu dem Entschluss gebracht, Ihnen die fol- 
genden Denkwürdigkeiten über meine Regierung zu hinterlassen, 
obgleich sie mir bei meiner angestrengten Beschäftigung viele' 
Mühe machen . . . Zuletzt dachte ich auch daran, dass die Könige 
der ganzen Welt und den kommenden Jahrhunderten so zu sagen 
öffentlich Rechenschaft von ihren Thaten schulden, und dieselbe 
doch vor keinem lebenden Menschen ablegen können, ohne da» 
Geheimniss ihrer Politik und ihre verborgenen Pläne zu ver- 
rathen . . . Und da ich nicht daran zweifle , dass die bedeuten- 
den Ereignisse, an welchen ich Theil genommen habe, eines 
Tages den Geist und die Leidenschaft der Schriftsteller in ver- 
schiedener Weise anregen werden, so biete ich Ihnen gern hier 
die Mittel, die Geschichtschreibung zu berichtigen, wenn sie sich 
von der Wahrheit entfernen und sich in der Auffassung meiner 
Absichten und Beweggründe irren sollte.«« 



*) Siehe darüber Sainte-Beuve in seinem Artikel über die Memoiren 
Ludwig XIY. in dem 5. Band der „Causeries du lundi^' , in dem er auch an 
die Anekdote erinnert , dass der König einst die Stilisirung einer Verordnung 
wegen Reliquienübertragung beanstandete: „Man lasse mich als König, nicht 
als Jansenisten sprechen.** Man weiss auch, dass Ludwig ein guter Erzähler war. 



343 

Die Memoiren sind einfach gehalten, verständig und über- 
legend; sie lassen schliessen, dass der Herrscher, von dem sie 
ausgingen, zwar kein gewaltiger, aber doch auch kein gewöhn- 
licher Geist war, und dass er wenigstens in der ersten Zeit seiner 
Regierung in höherem Flug aufstrebte. König Ludwig gewinnt, 
wenn man seine Memoiren liest*). 

Einer der ergebensten Bewunderer seines Königs war Phi- 
lippe de Courcelles, Marquis de Dangeau (1638 — 1720), der durch 
den Hofdienst in der nächsten Nähe des Königs gehalten wurde, 
und Tag für Tag niederschrieb , was er in dem bewegten und 
doch so einförmigen Treiben erlebte. Dangeau war ein vollen- 
deter Höfling, und Boileau, der ihm seine Satire über den Adel 
widmete, setzte ihn damit, ohne es zu wollen, selbst dem Spott 
aus. Dangeau machte keinen Unterschied zwischen den Be- 
gebenheiten. Alles was sich auf den König und den Hof bezog, 
war ihm von gleichem Werth, und er schrieb es in seinem Tage- 
buch nieder, lakonisch und stillos, aber genau. Er kannte das 
Hofceremoniell , die Rangordnung and die Etikette aufs beste, 
und der unbedeutendste Vorfall, der sich auf diesem geheiligten 
Gebiet begab, wurde sorgfältig von ihm notirt. Nichts brachte 
ihn dabei aus seinem Gleichmuth; berichtete er den einen Tag 
von dem guten Erfolg der Dragonaden, so schrieb er am nächsten 
mit demselben Ernst von der Fasanenjagd des Königs **). Blick 
und Urtheil gingen ihm völlig ab ; in seinem langen Höflingsleben 
hatte er gelernt, auf diese zwei Luxusartikel zu verzichten. Sein 
7? Journal« ist darum ermüdend zu lesen, aber es wird oft werth- 
voll durch seine bestimmten Angaben, die zur Aufklärung der 
Zeitverhältnisse beitragen. Und merkwürdig ist es, dass die Macht 



*) Theil weise erschienen die Memoiren schon 1767 zu Amsterdam unter 
dem Titel „Recueil d'Opuscules litt^raires tires d*un cabinet d'Orleans." Mög- 
licherweise hatten sie den bekannten Abb^ d^Olivet zum Herausgeber. Im Jahr 
1806 erschienen zwei Ausgaben^ die eine: „Memoires de Louis XIY^ dcrits par 
lui-mSme, publies par S. L. N. de Montagnac", die andere: „Oeuvres de 
Louis XIV", publikes par Treuttel et Würtz, libraires k Paris. — Neuerdings 
hat Ch. Dreyss eine Ausgabe mit kritischer Behandlung des Textes veröffent- 
licht: „Memoires de Louis XIV.« 2 B. Paris 1860. 

**) Man vergl. das Journal vom 11. und 12. August 1685. 



1 



344 

der Verhältnisse selbst einen Dangeau unwillkürlich zum Ankläger 
stempelte. Er führte sein Journal vom Jahre 1684 bis zu seinem 
Tod. Aber schon in den letzten Jahren des Jahrhunderts ver- 
rathen seine Aufzeichnungen das steigende Elend des Landes. 
Er sagt es nicht, aber seine Notizen verrathen es^ so optimistisch 
sie auch gehalten sein mögen ^). 

Eine interessante Publikation, die seit kurzem im Gang ist, 
bringt die Memoiren des Marquis de Sourches , die bisher nur 
zum kleinsten Theile bekannt waren. Sourches besass eines der 
ersten Ho&mter und führte ebenfalls ein genaues Tagebuch vom 
Jahr 1681 an. Allein er schrieb im grössten Geheimnisse ein Be- 
weis, dass er nicht wie Dangeau^ zu den glücklichen Zufriedenen 
gehörte. Doch ist noch zu wenig erschienen, um ein Urtheil über 
ihn abzugeben**). 

Je jünger die Memoiren über Ludwig XIV. sind, desto 
trauriger sind sie zu lesen. Die letzten zwanzig Jahre dieser 
Regierung entsprachen nicht im mindesten dem Beginn, und 
immer deutlicher trat das materielle Elend im Volk und die 
wachsende moralische Verkommenheit der höheren Kreise zu 
Tage. Als Geschichtschreiber dieser trüben Zeit erscheint ein 
Mann merkwürdigen Geistes und seltenen Talentes der Darstel- 
lung, der Herzog von Saint-Simon. Wenn seine Memoiren auch 
nur wenige Jahre des ablaufenden 17. Jahrhunderts behandeln 
und er hauptsächlich die spätere Zeit Ludwig's und die Regent- 
schaft schildert, so gehört er doch gewiss in die Reihe der Histo- 
riker, die wir jetzt zu betrachten haben; ja er ist in vieler Hin- 
sicht der bedeutendste unter ihnen. 

Saint - Simon. 

Der Vater des Herzogs war in bescheidenen Verhältnissen 
an den Hof Ludwig XIII. gekommen. Als zweiter Sohn eines 



*) Das „Journal" von Dangeau erschien in neuer sorgfältig vorbereiteter 
Ausgabe von Soulie, Dussieux, de Chenneviferes , Mantz, de Montaiglon und 
Feuillet de Conches bei Didot, Paris 1854 ff. in 19 Bänden. 

**) M^moires du marquis de Sourches, publids par le comte de Cosnac 
et Arth. Bertrand. Erster Band. Paris 1882. Hachette. Ein zweiter ist gerade 
jetzt gefolgt. 



345 

wenig begüterten Marquis war er in den Dienst des Königs ge- 
treten. Eine Laune des Glücks hatte ihn rasch emporgehoben, 
da er als Page die Gunst des Monarchen durch sein anstelliges 
Wesen und seine Aufmerksamkeit erworben hatte. Ludwig zog 
ihn in seine Nähe, ernannte ihn zum ersten Kammerherrn und 
übertrug ihm das Gouvernement von Blaye. 

Das Städtchen Blaye war allerdings an sich unbedeutend, 
erhielt aber durch seine Lage besondere Wichtigkeit. Auf dem 
rechten Ufer der Garonne gelegen, mit einer Citadelle auf hohem 
Felsen , beherrschte es die Verbindung zwischen der Guyenne 
und Saintonge. 

Der junge Saint - Simon erwies sich der königlichen Gunst 
würdig ; er blieb einfach und bescheiden , rechtlich und sitten- 
rein. Der König erhob ihn aus eigenem Antrieb ^m Herzog 
und Pair von Frankreich, und wenn er sich auf Richelieu's drin- 
genden Wunsch von ihm trennte (1637), blieb er doch in ge- 
heimem Briefwechsel mit ihm, und berief ihn nach des Kardinals 
Tod augenblicklich wieder zu sich. Während der Fronde blieb 
der Herzog trotz aller Versprechungen von Seiten der Aufstän- 
dischen dem jungen König treu und sicherte demselben durch die 
hartnäckige Vertheidigung von Blaye die wichtige Strasse nach 
Bordeaux. 

Saint-Simon war zweimal verheiratet. Seine erste Ehe war 
kinderlos geblieben; seine zweite Gemahlin, die er als ein hoher 
Sechziger heimführte, gebar ihm zu Versailles am 16. Januar 
1675 einen Sohn Louis, der den Titel eines Vidame de Chartres 
erhielt. Der König und die Königin waren die Taufpathen des 
Knaben y der bereits mit fünfzehn Jahren an den Hof gebracht 
wurde. Versailles mit seinem Glanz und seinen eleganten Lastern 
war ein gefährlicher Boden für einen lebhaften Jüngling. Aber 
der junge Vidame de Chartres unterlag nicht. Er hatte den sitt- 
lichen Geist seines Vaters geerbt, und sein Charakter war schon 
ausgeprägt, als er zum erstenmal bei Hof vorgestellt wurde. 
Stolz und sittenrein kam er, und stolz und sittenrein blieb er 
auch. Später flüchtete er alljährlich in aller Stille auf einige Zeit 
nach La Trappe, um sich religiösen üebungen zu widmen. 



346 

Als fünfzehnjähriger Junker trat er in die erste Kompagnie 
der königlichen wMousquetaires" und ging 1692 als Freiwilliger 
zur Armee nach' Flandern, Später trat er zur Kavallerie über, 
wurde Hauptmann, zeichnete sich in der Schlacht bei Neerwin- 
den und am Rhein aus, und kaufte 1693 ein Regiment, an dessen 
Spitze er als jugendlicher Mestre de camp (Oberst) ins Feld zog. 
In demselben Jahre erbte er durch den Tod seines Vaters die 
Herzogswürde , so wie er auch vom König in dem Gouverne- 
ment von ßlaye bestätigt wurde. Seine kriegerische Laufbahn 
endigte indessen früher als er dachte. König Ludwig überging 
ihn im Jahre 1702, als er einige Generale ernannte, und hier- 
über gekränkt, gab Saint-Simon den Dienst auf. Diese Demon- 
stration verzieh ihm Ludwig nie ganz, denn er duldete nicht, dass 
man mit ihm schmollte. Saint-Simon musste bei Hof erscheinen, 
in der Gesellschaft des Monarchen jeden Augenblick seines Winks 
gewärtig sein, aber er erhielt kein Amt, keine öffentliche Stel- 
lung mehr, so lange Ludwig XIV. lebte. Der stolze Herzog em- 
pfand diese Kränkung tief, und er blickte mit unfreundlichem 
Auge auf das glänzende Schauspiel , das sich ihm täglich bot, 
und das ihn doch nicht zu täuschen vermochte. 

Zudem machte er sich bei dem König und vielen seiner 
Standesgenossen durch seine heftige Opposition missliebig, wenn 
man von Opposition zu jener Zeit überhaupt reden kann. Saint- 
Simon's Widerstand war nicht politischer Natur, scheinbar we- 
nigstens nicht. Er bezog sich vielmehr auf sehr äusserliche Dinge, 
Fragen der Etikette und Ehrenrechte des hohen Adels. Bald war 
es ein Streit mit dem Herzog von Luxembourg, wem von ihnen 
der Vortritt gebührte ; bald eine Fehde über die Ansprüche, 
welche die natürlichen Söhne des Königs machten. Ludwig erhob 
dieselben bekanntlich zu königlichen Prinzen, eine Stellung, die 
sie unter der Regentschaft wieder verloren. Für nicht minder 
wichtig hielt Saint-Simon die Frage, ob der Präsident des Par- 
laments während der Sitzung seine Mütze auf dem Kopf be- 
halten dürfe oder nicht. Aehnliche Streitigkeiten gab es viele, 
und Saint-Simon war immer mit Protesten und Demonstrationen 
zur Hand, um die Vorrechte des Adels selbst bei den gering- 
fügigsten Veranlassungen zu wahren. Wenn er diese Punkte in 



347 

seinen Memoiren behandelt, wird er von ermüdender Weitschwei- 
figkeit und macht uns den Eindruck eines kleinlichen , be- 
schränkten Geistes. Und doch war er nichts wenij*er als das, wenn 
er sich auch mit seiner Werthschätzung vieler Aeusserlichkeiten 
gründh'ch irrte. Es war doch keine gewöhnliche Eitelkeit, die 
ihr zu Grunde lag, sondern sie war ihm von einem politischen 
Gedanken eingegeben. Er kämpfte für die gestürzte Aristokratie 
gegen das übermächtige Königthum wie gegen das aufstrebende 
Bürgerthum. Seiner Ansicht nach sollte sich die französische 
Monarchie wesentlich auf den Adel stützen, und dieser die Lei- 
tung der Geschäfte in Händen haben. Er dachte dabei an die 
englische Pairie und deren Einfluss ; allein er irrte , wenn er 
glaubte , der französische hohe Adel könne eine ähnliche Stel- 
lung wieder erlangen. Er hatte sie einmal besessen, aber un- 
wiederbringlich verloren. Mit seinem scharfen Blick sah Saint- 
Simon in König Ludwig XIV. den grössten Revolutionär seines 
Landes, der die Hauptstützen der Monarchie, den Adel und di^ 
Parlamente., schwächte, um allein zu herrschen, damit aber den 
Sturz seines Thrones vorbereitete. 

Der König ahnte nicht , welch unerbittlichen Richter er 
täglich an seiner Seite hatte. Memoiren schreibt man gewöhnlich 
erst am Abend seines Lebens , wenn man viel gesehen und er- 
fahren hat. Nicht so Saint-Simon. Die Natur hatte ihn mit einer 
seltenen Gabe der Beobachtung ausgerüstet, und es war ihm eine 
Freude, den Menschen ins Herz zu schauen. Sein Hauptwunsch 
ging weniger darauf hinaus , grosse Thaten zu vollbringen , als 
nrecht viel zu erleben und die Geschichte seiner Zeit so gut wie 
möglich zu erkennen^*). Er hatte die Leidenschaft des Natur- 
forschers; wie dieser in die Geheimnisse des Werdens und Seins 
einzudringen strebt, so wollte er die Geheimnisse der Geschichte 
ergründen. 

Der Gedanke , seine Erlebnisse aufzuzeichnen , kam ihm 
sehr früh; er begann seine Memoiren, als er im Juli 1694 im 
Feldlager zu Gimsheim in Rheinhessen stand. Später, als er am 



*) SaintrSimoD, Memoires, publ. par M. Ch^ruel. Paris 1856. B. I. S. 2 
(Jahr 1691). 



348 

Hofe lobte, schrieb er mit noch grösserem Eifer* Er hörte, sah, 
beobachtete. Er kannte alle Höflinge , stand mit den einfluss- 
reichsten Männern in Verkehr, und was er selbst nicht hatte 
sehen können, Hess er sich von den Freunden erzählen. Aber 
niemand ahnte, welcher Arbeit er sich gewidmet hatte, und ge- 
rade diese Vorsicht sicherte ihm oft die richtige Erkenntniss. 
Hätte man gewusst, dass er Denkwtlrdigkeiten schrieb, man hätte 
ihm oft nicht so frei gesprochen, ihn auch wohl als Zeugen ge- 
scheut. Jahre lang zeichnete er sorgsam auf, was er erlebte, und 
gab seinen Denkwürdigkeiten später, als er sich in die Stille 
zurückgezogen hatte, die Form, in der wir sie heute besitzen. 
Seine Erzählung ist oft verworren und nachlässig , erhebt sich 
aber auch oft zu grösster Lebhaftigkeit und dramatischer Kraft. 
Er gibt nur eine Geschichte des französischen Hofs, aber unter 
seiner Feder wird dieselbe zu einer Geschichte Frankreichs. 

Saint-Simon will immer die Wahrheit berichten. Dass er 
doch nicht selten irrte , und seine Erzählung Ungenauigkeiten 
enthält, ist nicht zu verwundern. Zudem machte ihn sein Hass 
manchmal blind, und er konnte aus tiefstem Herzen hassen. Wehe 
dem, den er brandmarken wollte; er fand Worte für ihn, die sich 
nicht mehr von ihm lösen Hessen und sich wie ein Nessushemd 
in den Körper einbrannten. Aber er hasste nur , was er für 
schlecht hielt. T^Ich rühme mich nicht der Unparteilichkeit«, sagt 
er einmal, ??es wäre auch vergebens«. 

Gleich im Beginn der Memoiren befindet sich eine jener 
drastischen Schilderungen , in welchen Saint-Simon unüber- 
troffen ist. 

Im Jahre 1692 musste der junge Herzog von Chartres, der 
später als Herzog von Orleans die Regentschaft führte, eine na- 
türliche Tochter des Königs heiraten. Der ganze HofJ war in 
Aufregung, als sich die erste Kunde davon verbreitete. Der 
junge Saint-Simon sah, dass ein Sturm im Anzug war und ver- 
doppelte seine Aufmerksamkeit. Obwol er die Vorgänge dieses 
Jahres erst später aus dem Gedächtniss niederschrieb, ist seine 
Erzählung doch lebendig und scharf charakterisirt bis ins kleinste 
Detail. Die Mutter des Prinzen , Elisabeth Charlotte von der 
» Pfalz, verlangte, dass ihr Sohn sich entschieden weigere, aber 



349 



dieser wagte dem Könige gegenüber nicht nein zu sagen , und 
das Verlöbniss wurde in Versailles verkündigt. 

»Am folgenden Tag", erzählt Saint -Simon weiter, »machte 
der gesammte Hof dem Herzog und der Herzogin von Orleans, so- 
wie dem Herzog von Chartres seine Aufwartung. Aber man sprach 
kein Wort; man begnügte sich mit einer Verbeugung und alles 
ging in tiefster Stille vor sich. Dann ging man in die grosse 
Galerie, um den König auf seinem Weg zur Messe zu erwarten. 

Auch Madame (die Herzogin von Orleans) erschien. Ihr 
Sohn^ der Prinz, schritt auf sie zu, um ihr die Hand zu küssen, 
wie er jeden Tag that. Da versetzte ihm die Herzogin eine so 
kräftige Ohrfeige, dass man es weithin klatschen hörte, und der 
arme Prinz vor Scham verging. Die vielen Zeugen^ deren ich 
einer war, blieben starr vor Erstaunen.«« 

Diese deutsche Ohrfeige ist durch Saint-Simon's Erzählung 
berühmt geworden. Es ist ein kleines, aber wenig erfreuliches 
Genrebild, das die Memoiren da entwerfen. Man sieht die ener- 
gische Tochter des Pfälzer Hauses, die sich am französischen 
Hof nie heimisch fühlte, inmitten der erschrockenen Gesellschaft, 
eine gereizte Löwin , jede Rücksicht verachtend , jedenfalls ein 
Gräuel für die glatten und schmiegsamen Höflinge. 

Mit der Heirat, zu der König Ludwig seinen Neffen zwang, 
wurde dieser auf eine falsche Bahn gedrängt, und Ludwig that 
alles, ihn darauf zu erhalten. Eifersüchtig verschloss er ihm jede 
ernstere Thätigkeit, jedes Amt, jede militärische Stelle, und trug 
so wesentlich dazu bei, den Prinzen an das ausschweifende Leben 
zu gewöhnen, durch das er später die Welt empörte. Saint-Simon 
weiss von einem heftigen Zank zwischen dem König und seinem 
Bruder Orleans zu berichten, welch letzterer Ludwig XIV. ge- 
radezu für die Verirrungen des Prinzen verantwortlich erklärte*). 

Historisch besonders wichtig werden die Memoiren, wenn 
sie von König Ludwig selbst reden. Sie erkennen seine Vorzüge 
an, seine Ritterlichkeit im Benehmen, seine Begabung, seine Leich- 
tigkeit der Rede**), aber sie betonen doch vor allem seinen Egois- 



*) M^moires, B. II, S. 212 (Jahr 1701). 
**) Vergl. B. III, S. 113 dieses Werks. — M^m. VIII. S. 75 ff. (Jahr 1715). 



350 

mus , seinen masslosen Ehrgeiz , seine Herrschsucht und Ver- 
schwendung. Für Saint-Simon steht Ludwig XIII. als Monarch 
weit höher. Der vierzehnte Ludwig regiert wimmer nur im kleinen^ 
nie im grossen« *). 

Ein andermal zeigt Saint-Simon, wie tief er dem König ins 
Herz zu blicken verstand. Louvois, der bekannte Kriegsminister, 
war 1691 einem Schlaganfall erlegen. Er war dem König wegen 
seiner rechthaberischen Art unangenehm gewesen, hatte sich aber 
durch sein organisatorisches Talent immer zu halten gewusst. 
Bei dem plötzlichen Todesfall trat Ludwig's Abneigung deutlich 
zu Tage. Saint-Simon erzählt darüber: »Obwol ich kaum mehr 
als fünfzehn Jahre alt war, wollte ich doch bei einem so wich- 
tigen Vorfall das Benehmen des Königs sehen. Ich wartete auf 
ihn und folgte ihm auf den Spaziergang. Er hatte seine gewöhn- 
liche majestätische Haltung, dabei aber etwas Leichtes, ja Er- 
leichtertes, was mich um so mehr überraschte, als ich damals 
die Verhältnisse noch nicht kannte. Anstatt zu den Wasser- 
künsten zu gehen und verschiedene Wege einzuschlagen, wie er 
es sonst liebte , ging er immer vor der Orangerie auf und ab, 
von wo er das Gebäude sehen konnte, in dem Louvois gerade 
gestorben war, und auf das er fortwährend sein Amge gerichtet 
hielt **). 

Es ist selten; dass ein Fünfzehnjähriger das Benehmen der 
Andern so aufmerksam beobachtet. Später schärfte sich Saint- 
Simon's Blick auch- für die Beurtheilung der allgemeinen Ver- 
hältnisse, und er hat Stellen, die keiner Schilderung des Tacitus 
nachstehen. So heisst es vom Adel: 7)Er war durch die langen 
inneren Unruhen ermüdet, zu Grunde gerichtet, zur Unterwer- 
fung gezwungen. Die Söhne dieser Männer waren uneinig, un- 
wissend^ frivol, genusssüchtig und verschwenderisch. Auch die 
besten unter ihnen dachten nur daran, sich eine Stellung zu er- 
obern. So waren sie alle der Knechtschaft und dem höfischen 



*) M^moires, B. VIII, S. 77. „D vouloit regner par lui-mgme. Sa Ja- 
lousie la - dessus alla sans cesse jusqu*4 la foiblesse. II r^gna en effet dans le 
petit; dans le grand il ne put y atteindre.'' 

•*) Memoires, B. VIII, S. 97- (Jahr 1716). 



351 

Ehrgeiz verfallen. Die Gerichte wurden in Abhängigkeit gebracht, 
ihr Ansehen geschmälert, und mit dem Wissen und der Sitten- 
strenge des alten Richterstands schwand dieser selbst; an seine 
Stelle traten Söhne von Spekulanten ^ dumme Schöngeister oder 
unwissende Pedanten, Geizhälse und Wucherer, die nur zu oft 
die Gerechtigkeit verkauften . . . Alle Pflichten wurden zuletzt 
durch die eine Pflicht verdrängt, zu welcher die Noth wendigkeit 
führte: die Pflicht zu fürchten und zugefallen«. 

7)Daher denn jene Macht ohne Grenzen, die alles konnte 
was sie wollte, und die nur zu oft alles wollte, was sie konnte, 
und niemals auch nur den geringsten Widerstand fand. Das 
heisst leben und herrschen. Doch muss man zugeben, dass nie- 
mand so sehr die Kunst des Herrschen^ besass, wie Ludwig. Er 
hatte die feinste Höflichkeit und wusste seine Majestät während 
seines ganzen Lebens zu bewahren *).« 

Eine andre Seite der Memoiren enthüllt den Egoismus des 
Königs, und die einfache Hofgeschichte, die Saint-Simon erzählt, 
wird dadurch zu einem wichtigen historischen Dokument. Der 
König wollte im Jahr 1708 von Versailles nach Fontainebleau 
übersiedeln, und die Herzogin von Bourgogne, die Gemalin seines 
Enkels, sollte ihn begleiten. Er hatte die junge, gescheite, lebens- 
lustige Frau gern um sich, und war daher verstimmt, als die 
Aerzte erklärten, die Herzogin, die guter Hoffnung war, dürfe 
nicht reisen. 7)Am folgenden Samstag machte der König nach 
der Messe seinen Spaziergang, und als er gerade am Karpfen- 
teich stand, sahen wir die Herzogin du Lude herbeieilen**). Der 
König begriff, dass sie ihm etwas Wichtiges mitzutheilen hatte, 
und ging ihr entgegen. Wir blieben zurück. Die Unterhaltung 
währte nicht lange; die Herzogin eilte fort, der König kam zu 
uns zurück und ging bis zum Teich, ohne ein Wort zu sagen. 
Jeder verstand, um was es sich handelte, aber niemand wollte 
reden. Endlich musterte der König seine Begleitung und sagte, 
ohne sich an eine bestimmte Person zu wenden, mit ärgerlichem 
Ton 'J die Herzogin von Burgund hat eine Fehlgeburt gemacht. 



*) M^moires, Band Vin, S. 107 (Jahr 1716). 
**) Die Herzogin Du Lude war Ehrendäme der Prinzessin. 



352 

Da stiess La Rochefaucauld einen Schreckensraf aus, Mar- 
schall Bouffiers , die Herzoge von Tresme und Bouillon schlössen 
sich an, und La Kochefoucauld fuhr fort und beklagte das £r- 
eigniss als ein grosses Unglück. Die Herzogin werde nun keine 
Kinder mehr bekommen. Plötzlich unterbrach ihn der König 
voll Zorn: nUnd wenn dem so wäre, was liegt mir daran? Hat 
sie nicht schon einen Sohn ? und wenn auch dieser sterben sollte» 
kann sich Berry nicht verheiraten? Was liegt mir überhaupt 
daran^ ob der eine oder der andere mein Nachfolger wird! Sie 
sind alle meine Enkel. — Eine Fehlgeburt! Gott sei Dank! es 
sollte so sein , und nun werde ich nicht mehr durch die Vor- 
stellungen der Aerzte und das Gerede der Weiber in meinen 
Reisen gestört. Jetzt wiyd man mich in Buhe lassen!« — Auf 
diesen Ausbruch folgte eine Stille^ dass man eine Ameise hätte 
laufen hören können. Man schlug die Augen nieder und wagte 
kaum zu athmen. Jeder stand starr, selbst die Dienerschaft und 
die Gärtner rührten sich nicht. Das dauerte über eine Viertel- 
stunde. Der König brach endlich das Schweigen. Er lehnte sich 
über die Balustrade und sprach von einem Karpfen. Niemand 
antwortete. Er wandte sich an die Diener, und auch sie ant- 
worteten nicht wie gewöhnlich, — es war nur von Karpfen die 
Bede. Alles stockte, und der König ging nach einiger Zeit fort. 
Als wir uns dann anzusehen wagten, sagten unsere Blicke alles. 
In diesem Augenblick war jeder des andern Vertrauter. Man 
staunte, man wunderte sich, betrübte sich, zuckte die Achseln. 
So lang es schon her ist seit dieser Scene, steht sie mir noch 
immer vor Augen ! Was ich schon lange geglaubt hatte, sah ich 
nun ganz deutlich, der König liebte nur sich selbst und dachte 
nur an sich*).« 

' König Ludwig hatte sich von seinem Aerger zu einem bösen 
Wort hinreissen lassen. nWas liegt mir überhaupt an meinen 
Nachfolgern!« Wenige Jahre später sah er sein ganzes Geschlecht 
dem Aussterben nah. Der Dauphin starb zuerst 1711 an den 
Blattern. Die Scenen ; die sich damals in Versailles abspielten, 
fanden in Saint -Simon einen ebenso aufmerksamen Beobachter, 



*) Mdmoires, B. IV, S. 116 (Jahr 170S). 



353 

wie dramatischen Erzähler. Der Abschnitt gehört zu den besten 
der Memoiren, so psychologisch fein und greifbar anschaolich 
sind die handelnden Personen geschildert*). Der Dauphin war 
ein Mann schwachen Geistes gewesen , aber von seinem Sohn, 
dem Herzog von Bourgogne, dem Zögling Fönelon's, erwartete 
man viel, wie wir schon früher gesagt haben **). Eng befreundet 
mit Saint'Simon, widmete sich der Prinz mit Eifer den Staats- 
geschäften , und Saint - Simon hatte selbst die Hoffnung , über 
kurz oder lang als Minister des jungen Königs die Geschicke 
Frankreichs zu leiten. 

Allein diese Erwartungen wurden bald grausam zerstört. 

Ein Jahr nach dem Tod seines Vaters erkrankte der Herzog 
von Bourgogne mit seiner ganzen Familie, und binnen wenigen 
Tagen starben alle bis auf einen zweijährigen Knaben, den spä- 
teren Ludwig XV. So überlebte der greise König Ludwig, der 
seinen Sohn hatte sterben sehen, nun auch Enkel und Urenkel. 
Die raschen Todesfälle erweckten den Argwohn. Bald schwirrten 
Gerüchte durch die Stadt, welche von Vergiftung sprachen, und 
man beschuldigte offen den Herzog von Orleans als Mörder der 
königlichen Familie. Zwischen ihm und dem Thron stand nur 
noch ein Kind. Der Herzog wurde in den Strassen von Paris 
insultirt, und verlangte vom König eine strenge Untersuchung. 
Dieser lehnte zwar ab, aber erwies sich kalt gegen ihn, und der 
Hof mied ihn völlig. Saint - Simon war der einzige , der dem 
Herzog in dieser Noth treu blieb. So verschieden auch der Cha- 
rakter und die Lebensweise der beiden Männer waren, sie blieben 
in Freundschaft mit einander verbunden. 

»Ich war, buchstäblich genommen, der einzige, der wie 
früher mit dem Herzog umging, in seinem Hause, wie bei Hof. 
Ich allein redete ihn an, setzte mich zu ihm in eine Ecke des 
Salons, wobei wir sicher waren, von keinem Dritten gestört zu 
werden; ich allein ging mit ihm in dem Park vor den Fenstern 
des Königs und der Marquise de Maintenon spazieren« ***), 



*) Memoires, B. V, S. 429 ff. (Jahr 1711). 
**) Siehe oben S. 313. 
••*) Mtooire», B. VI, S. 272 ff. 
Latheissen, Gesch. d. franz. Literatur. 17. Bd. 23 



354 

Vergebens warnte man Saint-Simon, dass er sich die Un- 
gnade des Königs zuziehe. Er blieb fest und Orleans vergass 
ihm diese Treue nicht. Als dieser im Jahr 1715 die Regent- 
schai); übernahm, berief er seinen Freund als Mitglied in den Ge- 
heimen Rath. 

Wiederum schien für Saint-Simon die Gelegenheit geboten, 
seine Ideen praktisch durchzuführen. Er dachte an die Berufung 
der Reichsstände, um mit ihrer Hilfe die geplanten Reformen 
durchzuführen. Dass seine Ideen auf eine Stärkung des Adels 
und der Kirche ausgingen ^ und er das Bürgerthum in engen 
Schranken halten wollte, wissen wir. Ob aber die Reichsstände 
ihm zu Willen gewesen wären, ist sehr fraglich. Wer vermag zu 
beurtheilen, wie sich die Geschicke Frankreichs gestaltet hätten, 
wenn die Reformfrage damals aufgeworfen worden wäre, zu einer 
Zeit, als die Gemüther noch nicht so verbittert waren? 

Die beiden Männer, der Regent und Saint-Simon, stimmten 
nicht immer überein. Der Regent wollte vermitteln, während 
Saint-Simon hartnäckig an seinen Ideen festhielt, und manchmal 
ein unbequemer Freimd war. Da er nie praktisch dem Staat 
gedient hatte, war er wol auch oft im Irrthum. Im Jahr 1721 
ging er für kurze Zeit als Gesandter nach Madrid, und zog sich 
dann von den Staatsgeschäften zurück. Nach dem Regierungs- 
antritt Ludwig XV. kehrte er dem Hof ganz den Rücken und 
lebte in der Stille, oft auf seinen Gütern. In jenen Jahren redi- 
girte er seine Memoiren, wobei er sich vielfach der Aufzeich- 
nungen Dangeau's als Anhaltspunkt bediente, dessen Angaben 
erweiterte oder verbesserte. 

Ais er hochbejahrt, 1755, starb, hinterliess er i^eine ganze 
Bibliothek von Aktenstücken, Dokumenten und Memoiren, im 
Ganzen nicht weniger als 277 Foliobände. Was ihm von poli- 
tischen Berichten und Mittheilungen aller Art in die Hand ge- 
kommen und wichtig erschienen war, hatte er gesammelt, zum 
TheU mit eigner Hand abgeschrieben. In seinem Testament ver- 
fügte er, dass seine Memoiren erst fünfzig Jahre nach seinem 
Tod veröffentlicht werden sollten. Kaum hatte er die Augen 
geschlossen , so legte die Regierung Beschlag auf alle Papiere 
und barg sie in dem Archiv des Ministeriums der auswärtigen 



355 

Angelegenheiten. Die erste noch sehr unvollständige Ausgabe 
erschien während der Revolutionszeit zu Strassburg 1791. Eine 
zweite Ausgabe im Jahr 1829 war auch noch verstümmelt, denn 
noch immer fürchtete man das Wort des todten Herzogs. Ohne 
Kürzung durften sie erst 1856 erscheinen, als das zweite Kaiser- 
thum auf der Höhe seiner Macht stand, und einen strengen Be- 
urtheiler der früheren Königsherrschaft gern reden liess. In 
neuester Zeit hat man eine Ausgabe begonnen, die wahrhaft 
mustergiltig zu werden verspricht*). 

Das ganze Memoirenwerk umfasst die Zeit von 1694 bis 
1723. Was es bietet, ist fast nur Hofgeschichte, wie wir schon 
gesagt haben, und ist mit Details gefüllt, die heute kaum noch 
Interesse erwecken. Trotzdem aber ist es von höchster histori- 
scher Wichtigkeit , und enthält Abschnitte von unübertroffener 
Kraft, Lebendigkeit und Wahrheit. Durch die unerbittliche Schärfe 
seines Urtheils, wie durch die treffenden Worte, die packenden male- 
rischen Erzählungen erinnert Saint-Simon an Tacitus. Wie dieser, 
ein Anhänger der alten durch die Cäsaren ihrer Macht beraubten 
Aristokratie , die Zeiten des ersten römischen Kaiserthums viel- 
leicht noch düsterer schilderte, als sie in der That schon waren, 
so tibersah auch Saint-Simon die wenigen Lichtseiten in der Ge- 
schichte der letzten Regierungsjahre Ludwig XIV. Verbittert 
durch die Herrschsucht des Königs, der dem Adel den letzten 
Funken von politischem Selbstgefühl geraubt hatte, liebte er es, 
grau in grau zu malen. Seine Aufzeichnungen zeugen deutlicher 
als alle andern Dokumente die innere Zerrüttung des französi- 
schen Staats, das Nahen einer furchtbaren Katastrophe. 

Rein literarisch betrachtet, gehört Saint-Simon nicht zu den 
klassischen Prosaikern, denn sein Stil ist oft verwickelt und 
seine Sätze unklar. Aber er gehört deshalb doch zu den grössten 
Schriftstellern Frankreichs. Die Unregelmässigkeit wird bei ihm 
oft zur überraschenden Kraft. Er findet Ausdrücke von ebenso 



*) Die yerdienstliche Aasgabe von Oh^ruel ist schon oben erwähnt 
worden. Die neueste erscheint in der Sammlung der ^Grands J&criyains'* : 
„Mömoires de Saint-Simon", Nouvelle Edition par M. A. de Boislisle. Von 1878 
bis jetzt sind drei Bände erschienen. 

23» 



356 

erstaunlicher Kühnheit, wie treffender Wahrheit*). Meisterhaft 
sind die Porträts ausgeführt, die er in seinen Memoiren in 
grosser Menge angebracht hat. Er hat eine ganz eigne Kunst, 
durch die Schilderung der äusseren Erscheinung auch den inneren 
Menschen begreiflich zu machen, und den Charakter dann 
durch ein paar Striche für immer zu fixiren. Seine Porträts 
von König Ludwig, Cond6, F^nelon u. a. haben wir schon 
gelegentlich erwähnt. Doch möchten wir noch auf einige Bei- 
spiele aufmerksam machen, die seine Kunst besonders er- 
kennen lassen. Unter anderem schildert er den Abb6 Dubois, 
den Erzieher des jungen Königs und dessen spätem Minister, 
wie folgt: nDer Abbä Dubois war ein kleiner magerer Mann 
mit einem Fuchsgesicht und blonder Perrücke, und einem Aus- 
druck in seinen Zügen, der sich nicht anders als schuftig nennen 
lässt (ä physionomie d'esprit qui ötoit en plein ce qu'un mauvais 
frangois appelle un sacre , mais qui ne se peut gu^re exprimer 
autrement). Alle Laster kämpften in ihm um die Oberhand. Die 
Habsucht, die Ausschweifung, der Ehrgeiz waren seine Götter; 
Treulosigkeit, Schmeichelei, kriechendes Wesen seine Waffen* Die 
Gottlosigkeit gab ihm die Ruhe, und sein Princip war die üeber- 
zeugung, dass die Ehrlichkeit ein Trugbild sei, mit dem sich jeder- 
mann schmücke, das aber keiner besitze. Folglich galten ihm alle 
Mittel für gleich gut ... Er war nicht ohne Geist, hatte etwas 
gelernt^ viel gelesen, war gewandt im Umgang und strebte sich 
überall einzuschmeicheln; aber alles das wurde durch die Falsch- 
heit verdorben, die aus allen seinen Poren drang" u. s. w.**). 
Später kommt er noch einmal auf ihn zurück, und sagt an dieser 
zweiten Stelle noch entschiedener: nMan hat viel Beispiele von 
wunderbarem Glück, manche Beispiele sogar^ dass unbedeutende 



*) Man könnte nicht so bald enden, wollte man sich ausführlicher über 
die Sprache Saint-Simon's verbreiten. Wir führen nur einige, aufs Gerathewohl 
aus den Memoiren genommene, Ausdrücke an. Bei dem Tod des Dauphin sagt 
er, dass die Höflinge ihre Seufzer aus den Absätzen heraufholten („ils tiroient 
des soupirs de leurs talons"); ein andermal, als er über den Präsidenten des 
Parlaments gesiegt hat, sagt er: Je me baignoi» dans »& rage, et je me de- 
lectois k le lui faire sentir. — ' ^Ils le bombardörent precepteur^, sagt er von 
Dubois, um dessen überraschende Ernennung zu schildern u. s. w. 
**) M^moires, B. VII, S. 346 (Jahr 1716). 



357 

Menschen sich aufschwangen, aber man kann keins anführen, dass 
ein andrer, ebenso talentloser Mann wie Kardinal Dubois, vom 
Glück so emporgetragen und gehalten worden sei. Er hatte einen 
ganz gewöhnlichen Geist und mittelmässiges Wissen. Im Aeua- 
sern glich er einem Frettchen; dabei war er bäurisch, seine 
Sprache unangenehm, seine Falschheit stand ihm auf der Stirn 
geschrieben .... Bei solchen Fehlem ist es schwer begreiflich, 
dass der einzige Mann, den er zu gewinnen verstand, der Herzog 
von Orleans war, der so viel Geist, so sicheres ürtheil und solche 
Menschenkenntniss besass. Allein Dubpis hatte ihn als Kind 
gewonnen, während er sein Lehrer war; er bemächtigte sich 
seiner in den Jünglingsjahren dadurch, dass er seinen Hang zur 
Freiheit, sein schöngeistiges Wesen, seine Ausschweifungen und 
seine Verachtung jedes Gesetzes begünstigte« u. s. w. *). 

Noch kräftiger ist das Porträt des Jesuitenpaters Tellier: 
9) Am Kand eines Waldes hätte er Furcht eingeflösst; sein Gesicht 
war finster, falsch, furchtbar; er hatte feurige, boshafte Augen, 
die immer scheel blickten: man erschrack, wenn man ihn saht^*^). 

Von Harlay, dem Sohn des bekannten Präsidenten, sagt 
er, er sei würdig gewesen, seines Vaters Qual zu sein, so wie 
dieser wiederum ihn gequält habe. Den Vater schildert er als 
einen kleinen, dürren Mann mit schiefem Gesicht, grosser 
Adlernase und Geieraugen, welche alles zu verschlingen und 
die Wände zu durchbohren schienen. 7?Sein Auftreten war 
gezwungen, affektirt; er verbreitete einen Duft von Heuchelei 
um sich, seine Haltung war falsch und cynisch, seine Verbeu- 
gungen langsam und tief; er glitt immer mit ehrerbietigem Ge- 
sicht an den Wänden entlang, und sprach für gewöhnlich nur 
in Sentenzen«. . . . Der Sohn dagegen wies wdas sonderbarste 
Gemisch der alten Strenge des Richterstandes und des moder- 
nen Geckenthums auf^ mit allen widerwärtigen Eigenschaften 
des einen und allen Lächerlichkeiten des andern. Seine Stimme, 
sein Gang und seine Haltung erinnerten an einen schlechten 
Schauspieler; dabei spielte er hoch, um sich ein Ansehen zu 



*) M^moires, B. XIII, S. 48 (Jahr 1723). 
*♦) M^moires, B. IV, S. 290 (Jahr 1709). 



358 

geben , sowie er aus Eitelkeit jagte und prachtliebend war, um 
den Grossen nachzuäflfen *).« 

Zum Schluss sei noch als ein Eabinetsstück der Porträt* 
kunst das Bild angeführt, das Saint-Simon von der Herzogin 
von Bourgogne entwirft. Sie war eine piemontesische Prinzessin, 
aber schon als Kind an den französischen Hof gebracht und 
ganz französisch erzogen worden. 

nHässlich nach allen Regeln, mit hängenden Wangen, stark 
hervortretender Stirn, nichtssagender Nase, grossen Lippen, aber 
mit schönem braunen Haar, wunderbar sprechenden Augen, wenig 
und noch dazu sehr schlechten Zähnen, worüber sie selbst 
spottete. .Ihr Teint war herrlich; sie hatte einen Anflug von 
Kropf, der ihr gar nicht übel stand, eine schöne Haltung des 
Kopfs. Sie war majestätisch und doch anmuthig, ihr Lächeln 
ausdrucksvoll; sie gefiel ausserordentlich. In allem, was sie that, 
selbst in ihren einfachsten Bewegungen, herrschte die Grazie^ 
Mit ihrem natürlichen, oft naiven, immer geistvollen Wesen be- 
zauberte sie alle, und liess bei niemand, der ihr nahte, Verlegen- 
heit oder Zwang aufkommen" **). 



*) Memoires, B. III, S. 401 (Jahr 1707) und B. IX, S. 266 (Jahr 1717). 
**) Memoires, B. VI, S. 231 (Jahr 1712). Man vergleiche die Erzählung 
von der Scene, wie sie ihren Neiderinnen entgegentrat: B. VI, 233 ff. 



XL 



Der üebergang zum neuen Jahrhundert. 
Bayle und das Erwachen des kritischen Geistes 



r 



Jjei dem Uebergang aus dem 17. in das 18. Jahrhundert 
scheint sich eine merkwürdige Wandlung in dem Charakter der 
Franzosen zu vollziehen. Man bemerkt nicht allein in ihrem 
Geschmack, sondern auch in ihrer ganzen Denkweise einen 
erstaunlichen Gegensatz, so dass man sich zu einem andern 
Volk versetzt glauben könnte. Doch ist diese Wandlung nur 
scheinbar so plötzlich und tiefgreifend. Die Franzosen des 
18. Jahrhunderts sind die nämlichen, welche sie in der vorher- 
gehenden Epoche waren, aber ihre Thätigkeit hat sich auf ein 
andres Ziel gerichtet. Sie besitzen dieselben Kräfte, aber sie 
verwenden sie in andrer Richtung. Und selbst das Ziel, das sie 
nun hauptsächlich ins Auge fassen, ist nicht so neu für sie. 
Das 18. Jahrhundert trägt den Charakter eines ausgesprochenen 
Rationalismus , und die gemessene Haltung der klassischen Zeit 
macht einem lebendigeren Wesen und leichterer Rede Platz. 
Das 18. Jahrhundert kämpfte um grosse Güter, aber es führte 
den grossen Kampf oft mit leichter Waflfe. Aehnliche Tendenzen 
zeigten sich aber auch schon früher, nur konnten sie sich nicht 
so offen und entschieden geltend machen. Manche Spur der- 
selben fanden wir in den Werken von La Bruyere und Fene- 
lon. Aber schon lange vor diesen hatte man von den Frei- 
geistern, den 7)Libertins" gesprochen, und wir haben schon bei 
andrer Gelegenheit konstatirt, wie auch unter Ludwig XIV. 
Herrschaft die Zahl der unkirchlich Gesinnten wuchs *). Nun 
findet man allerdings gedankenlose und leichtfertige Negation 
zu jeder Zeit, aber auch die ernste Philosophie begann schon 
im 17. Jahrhundert den Kampf gegen die Herrschaft der Theo- 
logie. Gassendi sowohl wie Descartes hatten zwar nicht direkt 



*) Siehe oben S. 175 die Klage in Savary's ^Parfait n^gocianf*. 



362 

gegen die Dogmen der Kirche angekämpft, aber ihre Lehre war 
doch von skeptischem Geist durchdrungen. Schon Descartes 
hatte als wesentlichen Grundsatz aufgestellt, dass man nichts 
für wahr halten dürfe, was sich nicht klar erkennen lasse*). 

Am Ende des 17. Jahrhunderts erhob sich nun, nicht als 
Schüler der genannten Philosophen und nicht, um ihr Werk 
fortzuführen, aber doch in nothwendiger Folge, Pierre Bayle 
(1647 — 1706), der sich weniger mit rein philosophischen, sondern 
mehr mit theologischen Fragen beschäftigte, und diesen kritisch 
näher trat. Dadurch wurde er der Bahnbrecher des neuen kriti- 
schen Geistes und erscheint als der eigentliche Vorläufer des 
18. Jahrhunderts. 

Pierre Bayle war als der Sohn eines protestantischen Geist- 
lichen zu Carlat de Roquefort in der Grafschaft Foix am Ab- 
hang der Pyrenäen geboren. Zu seiner Ausbildung kam er in 
eine Jesuitenanstalt zu Toulouse, und wurde dort von seinen 
Lehrern für den Katholicismus gewonnen. Sie gaben ihm Streit- 
schriften gegen die reformirte Lehre in die Hand, und da er die 
subtilen Erklärungen und Beweise seiner Lehrer nicht widerlegen 
konnte, hielt er sich in seiner Wahrheitsliebe für verpflichtet, 
überzutreten. Aber dasselbe Gefühl führte ihn auch nach kurzer 
Zeit wieder zum Glauben seiner Aeltern zurück. 

Da jedoch ein solcher TjRückfall« mit schwerer Strafe bedroht 
war, begab sich Bayle nach Genf zu weiteren Studien (1670) und 
trat dort als Erzieher in das Haus des Grafen Dohna, der Gutsherr 
von Coppet war. Von da kam er in gleicher Eigenschaft, in eine 
andre Familie zu Genf, später nach Ronen, zuletzt nach Paris 
(1675). Die Stellung als Hauslehrer missfiel ihm aber, und war auch 
seiner Natur nicht angemessen. In einem Brief aus jener Zeit 
an seinen Freund Basnage in Sedan klagt er über die allgemeine 
Geringschätzung, die den ganzen Stand treffe**). Basnage hatte 
ihn auf eine Vakanz an der protestantischen Akademie zu Sedan 



*) Vergl. Band II dieses Werks S. 417. 
♦*) Lettre k M. Basnage: „...Le caractere de precepteur est devenu si 
vil presque partout qu'il n'est point de merite personnel qui puisse sauver un 
homme de cette mesestime generale.'' 



363 

aufmerksam gemacht. Aber Bayle scheute sich als Bewerber 
aufzutreten, sein Hofmeisterleben habe ihm alles Wissen geraubt. 
Von seinem Freund ermuthigt, entschloss er sich endlich doch 
dazu, und trug bei der öffentlichen Konkurrenz über die andern 
Bewerber den Sieg davon. So wurde er im Jahr 1675 Professor 
der Philosophie in Sedan. Auch diese Lehrthätigkeit behagte 
ihm nicht. Nur eingehende philosophische Arbeit, Studien in der 
Stille seines Arbeitszimmers brachten ihm Befriedigung. In Sedan 
blieb er übrigens nur wenige Jahre, denn die französische Re- 
gierung hob die Akademie daselbst durch einen Gewaltakt auf, 
und Bayle folgte einem Ruf nach Rotterdam (1681), wo er eben- 
falls als Professor der Philosophie zu lehren hatte. Noch während 
seines Aufenthalts in Sedan hatte er eine wichtige Schrift ver- 
fasst, die er anfangs für den T^Mercure galant« bestimmte. Ein 
grosser Komet erschreckte im Jahr 1680 das Volk, das in ihm 
eine Vorbedeutung kommenden Unglücks sah. Bayle wollte diese 
Befürchtungen zerstreuen, und da der' j^Mercuretf seine Artikel 
nicht annahm, der Polizeiminister La Reynie auch den Druck 
der Schrift erst dann gestatten wollte, wenn sie einer Kom- 
mission von Theologen zur Begutachtung vorgelegt worden sei, 
liess Bayle sie in Holland drucken, ohne sich jedoch als Autor 
zu nennen. Der Titel der Schrift , die so viel Bedenken erregte, 
klang harmlos genug : wLettre ä M. L. A. C. D., docteur de Sor- 
bonne , oü il est prouv6 . . . que les cometes ne sont point le 
pr6sage d'aucun malheur.« Im Jahr 1682 erschien sie in zweiter 
Auflage und erweiterter Form unter dem Titel: wPens6es diverses 
öcrites k un docteur de Sorbonne ä Toccasion de la comfete qui 
parut au mois de dÄcembre 1680*)." 

Das Werk über die Kometen enthielt, wie wir weiter unten 
ausführen werden, kühne Gedanken über Christenthum und 
Atheismus, und diente später als Grundlage für eine Anklage, 
die seine Feinde gegen ihn richteten. Damals kannte man den 



*) Cülogne 1682. In Wahrheit war das Buch in Holland gedruckt. In 
der 4. Auflage (Rotterdam 1704, 4 Bände), die mir vorliegt, nennt sich Bayle 
zwar nicht als Verfasser, aber er sagt in der Vorrede, dass er Professor in 
Sedan gewesen sei, und verbirgt sich also nicht mehr. 



364 

Verfasser wenigstens noch nicht mit Sicherheit , und die politi- 
schen Verhältnisse in Holland waren ohnehin für Bayle und die 
freie Forschung günstiger, als sie sich nach einigen Jahren ge- 
stalteten. 

Fast gleichzeitig mit der Schrift über die Kometen ver- 
öffentlichte Bayle eine eingehende Kritik der T^Geschichte des 
Kalvinismus«, die der Jesuitenpater Maimbourg geschrieben 
hatte. Maimbourg's Werk war eine heftige Anklage- und Ver- 
dammungsschrift) und Bayle übernahm die Vertheidigung seiner 
Glaubensgenossen. Dabei hielt er sich nicht auf der Defensive, 
sondern ging zum Angriff über. Er behandelte die Frage voa 
der Unfehlbarkeit, über welche selbst die Katholiken nicht einig 
werden könnten. Die katholische Religion sei nicht mehr die 
Religion der ersten Christen; alles andre sich in der Welt, auch 
die Religionen. Sein Buch erregte so sehr den Zorn der Gegner, 
dass es in Paris öffentlich verbrannt wurde. 

Die beiden Schriften' beweisen schon, dass Bayle seine Thä- 
tigkeit nicht auf ein einziges Ziel richtete. Vielseitigen Geistes, 
interessirte er sich für die verschiedensten Zweige des Wissens, 
und erinnert damit manchmal an Lessing. Vom Jahr 1684 an 
begann er die Herausgabe seiner »Nouvelles de la Ripublique 
des Lettres«, einer kritisch-literarischen Zeitschrift, welche Mit- 
tbeilungen über neu erschienene Werke, Beurtheilungen derselben 
und Auszüge brachte und eine Fülle von Anregung und beleh- 
renden Winken gab. Diese Thätigkeit verwickelte ihn freilich 
auch in eine Reihe literarischer Streitigkeiten, u. a. mit Amauld, 
dem Haupt der Jansenisten, gegen den er die Lehre Malebranche's 
von der Berechtigung des Genusses, als eines Gutes, vertheidigte. 

Unterdessen wuchsen in Frankreich die Bedrückungen der 
Reformirten. Bayle's Bruder, der in seiner Heimat Prediger 
war, gehörte zu den Opfern dieser Politik; er erlag einem 
Uebel, das ihm die harte Behandlung im Kerker gebracht 
hatte. Im Oktober 1685 erfolgte endlich die förmliche Auf- 
hebung des Edikts von Nantes. Wir wissen, wie man sich 
in Frankreich beeilte, diese That Ludwig XIV. zu preisen. 
Unter andern Jubelhymnen erschien auch eine Schrift unter dem 
Titel: T^La France toute catholique sous le r^gne de Louis le 



r 



365 

Grand.« War Bayle schon von den früheren Vorgängen tief er- 
regt, so reizte ihn dieses Buch zu einer heftigen Entgegnung. 
Unter dem Titel nCe que c*est que la France toute catholique 
sous le rfegne de Louis le Grand" veröflfentlichte er drei Briefe voll 
der schwersten Anklagen gegen die Zustände in Frankreich. 
Noch mehr als die Aufhebung des Edikts, auf die er gefasst 
war, empörte ihn die Heuchelei, mit der die gewaltsame Bekeh- 
rung der Reformirten in's Werk gesetzt wurde. Man läugnete 
kurzer Hand den grausamen Zwang, den man anwandte. Aber 
Bayle protestirte gegen diese gleissnerische Art; er wollte den 
Siegesjubel durch ein grobes Wort stören und zeigen, wie das 
wganz katholische« Frankreich beschaffen wäre. Solche Thaten, 
sagte er bitter, könnten nur ungläubig stimmen ; denn es Hesse 
sich schwer annehmen, dass eine so gewaltthätige Religion von 
Gott gegeben sei. Er habe Lust, in den Ruf des Averroös ein- 
zustimmen, der sich wünschte, nach seinem Tod mit den Seelen 
der Philosophen vereint zu werden, und nicht mit denen der 
Christen, die da anbeteten, was sie ässen. Bayle aber möchte 
noch hinzusetzen: 71 und die einander auffressen, wie der Wolf 
die Lämmer«. 

Wichtiger als diese Streitschrift war das Werk , das er 
bald darauf ebenfalls anonym veröffentlichte: «Commentaire phi- 
losophique sur ces paroles de J^sus-Christ: Contrains-les d'entrer, 
— oü Ton prouve par plusieurs raisons demonstratives qu'il n y 
a rien de plus abominable que de faire des conversions par con- 
trainte« *). 

Bayle gab seinem Buch wieder die Form einer üebersetzung 
aus dem Englischen, um freier schreiben zu können. Er behan- 
delte darin die Frage der Toleranz, die er mit allen Gründen 
vertheidigte. Aber der Name des Verfassers blieb diesmal nicht 
verborgen, und selbst Reformirte erhoben sich nun gegen ihn. 
Auch sie wollten auf das Recht, andre Ansichten zu unter- 
drücken, nicht verzichten. Ein Hauptgegner erstand ihm in 



*) Der Titel besagt noch^ dass es aus dem Englischen des Jean Fox 
de Bruggs von M. J. F. übersetzt sei, und gibt Canterbuiy als Druckort an 
(1686 — 1688). Der letzte Band nennt Hamburg als Druckort. 



366 

einem seiner Rotterdamer Kollegen, dem Professor der Theologie, 
Jurieu, der die Lehre von der Toleranz als die abscheulichste 
Irrlehre behandelte*). Bayle sah sich den heftigsten Angriffen 
ausgesetzt und dachte einen Äugenblick daran, Rotterdam zu 
verlassen. Im Jahr 1690 erschien eine Schrift, die man ihm 
wiederum zuschrieb. Diese spottete der Hoffnung der protestan- 
tischen Flüchtlinge, demnächst siegreich nach Frankreich zurtlck- 
zukehren und die Herrschaft der Bourbonen ebenso zu stürzen, 
wie die Engländer die der Stuarts. Die Schrift ermahnte viel- 
mehr zur Geduld, und sprach dem Volk überhaupt das Recht 
des Aufstands ab, denn das Verhältniss zwischen Fürst und Volk 
beruhe nicht auf einem Kontrakt, wie manche behaupteten. 

Bayle protestirte gegen die Idee, dass er diese Schrift ver- 
fasst habe, und es liegt kein Grund vor, ihm nicht zu glauben. 
Aber die Gegner benutzten die Gelegenheit, und griffen ihn in 
einer Menge kleiner anonymer Schriften an. Jurieu erklärte ihn 
für das Haupt einer Verschwörung, die gegen Holland gerichtet 
sei. Er suchte nun aueh die Schrift über die Kometen hervor und 
verklagte ihn bei dem Konsistorium wegen der darin enthal 
tenen antichristlichen Ansichten. Bayle vertheidigte sich in meh 
reren Schriften, u. a. in dem Buch „La Cabale chim&ique** 
allein es war vergeblich. Die holländische Regierung war miss 
trauisch gegen ihn geworden und entsetzte ihn seines Amtes 
ohne ihn nur gehört zu haben. Bayle liess sich dadurch nicht 
beugen. Er stand allein, lebte in einfachster Weise und der 
Verlust seines Einkommens als Professor schmerzte ihn nicht sehr. 
Ohnehin befriedigte ihn seine Lehrthätigkeit nicht. Das Beste 
durfte er ja seinen Zuhörern nicht sagen, und der gewöhnliche 
akademische Vortrag genügte ihm nicht. Er sagt in einem 
Brief (vom 26. Nov. 1683, n" 59), seine Zuhörer beklagten sich, 
dass er alles zu abstrakt behandle, und doch sei es auf andre 
Weise nicht möglich, sich einer Sache zu versichern. Von seinem 
Lehramt befreit, widmete er sich um so eifriger einer Unterneh- 



*) Jarieu^s Buch war betitelt: ^^Des droits des deux souveraina en ma- 
ti^re de religion, la Conscience et le Prince. Pour dc^truire le dogme de riudlf- 
ference des religions et de la tolerance universelle.'* 



367 

mungy die er kurz zuvor begonnen hatte ; der Abfassung einer 
kritisch - historischen Encyklopädie. Nach angestrengter Arbeit 
erschienen im Jahr 1697 zu Botterdam die beiden ersten Bände 
seines nDictionnaire historique et critique«, und fanden in ganz 
Europa Verbreitung und günstige Aufnahme. Später wurde das 
Werk noch erweitert, und neben dieser Arbeit beschäftigte sich 
Bayle noch mit einer andern Aufgabe. Unter dem Titel 77B6- 
ponse aiix questions d'un provincial«, veröffentlichte er eine 
Sammlung historischer , philosophischer und literarischer Auf- 
sätze, deren Zahl allmälig so anwuchs, dass sie fünf Bände 
füllten. Andre Schriften , vielfach polemischen Inhalts , über- 
gehen wir. 

Während aber die Feinde in Holland, besonders die auf- 
gebrachten Theologen in ihren Angriffen nicht nachliessen, und 
das Konsistorium Bayle aufforderte, in seinem Dictionnaire jede 
unanständige Aeusserung zu streichen, besonders den Artikel 
über David zu ändern, die Lehre der Manichäer und des Pyrr- 
honismus besser zu widerlegen, die Atheisten und Epikuräer 
nicht zu loben, auch den Pastor Jurieu mit mehr Rücksicht zu 
behandeln, — erhielt der bescheidne Philosoph von andern Seiten 
Beweise aufrichtiger Sympathie. Unter andern lud ihn Graf 
Albemarle ein, nach England zu kommen, und als sein Gast bei 
ihm zu wohnen ; Graf Huntington bot ihm eine jährliche Rente 
von zweihundert Pfund an, aber Bayle lehnte alle diese Anerbie- 
tungen dankend ab. Im Jahr 1700 erhielt er den Besuch der 
Kurfürstin -Witwe Sophie von Hannover mit ihrer Tochter, der 
Kurfürstin von Brandenburg, späteren Königin von Preussen. 
Als einfacher Privatgelehrter blieb er in Rotterdam, bis zu seinem 
Todestag unablässig mit seinen Arbeiten beschäftigt. Er starb 
den 28. December 1706 im Alter von etwas über 59 Jahren*). 

Von den Werken Bayle's ist das «Dictionnaire" weitaus 
am bekanntesten. Die andern Schriften sind wenig gewürdigt, 



*) lieber Bayle's Leben vergleiche man Des Maiseaux, Vie de P. Bayle 
Amsterdam 1712, und öfters abgedruckt, und die „Analyse raisonne de Bayle" 
(von Abbe Marsy), London 1753 und 1773. Letztere Ausgabe in 5 Bänden 8" 
liegt mir vor. Sie enthält im fünften Band als Vorrede eine Biographie Bayle's 
(CXXX Seiten). 



368 

obwol sie für die Kenntniss des Philosophen und seiner Ideen 
von hohem Werth sind. Denn Bayle beschränkte sieh nie auf 
die BehandluDg einer einfachen Frage; sein reger Geist fährte 
ihn jedesmal weiter und zog andre wichtige Probleme in die 
Diskussion herein. Das zeigt sich schon in den T^Pens^es diverseste 
über die Kometen. Allerdings spricht er darin viel von diesen 
Himmelskörpern und handelt in 58 Paragraphen von dem Aber- 
glauben der Menschen^ um ihnen begreiflich zu machen, dass die 
Kometen gar keinen Einfluss auf die £rde ausüben können. In 
kometenlosen Jahren habe es ebensoviel Unglück gegeben^ wie 
in den Jahren, in welchen sich Kometen am Himmel zeigten, 
oder die auf ein Kometenjahr folgten. Nachdem er seine mehr 
philosophischen und historischen Gründe gegen diese allgemein 
herrschende Annahme vorgebracht hat, kommt er auch mit einem 
theologischen Beweis, von dem er sich in jener Zeit theologischer 
Dispute besondere Wirkung versprechen durfte. Wären die Ko- 
meten wirklich von Gott gesandt, um den Menschen Unglück zu 
verkünden, so müssten sie jedesmal erst durch ein Wunder ge- 
schaffen werden (§. 59). Aber als Consequenz ergäbe sich 
daraus, dass Gott viele Wunder thue, um den Eifer der Heiden 
und Götzendiener anzufeuern. Denn diese würden durch die Er- 
scheinung eines Kometen zu Opfern und andern Beweisen ihrer 
Frömmigkeit gebracht. Wie aber sollte Gott, der keine andern 
Götter neben sich dulde, die Götzen dienerei bestärken? Der 
Glaube an diese Bedeutung der Kometen sei einfach aus dem 
Heidenthum in die christliche Lehre übergegangen, denn die zahl- 
reichen Heiden, die sich ohne innere Ueberzeugung hätten taufen 
lassen, hätten eine Menge Irrlehren beibehalten und verbreitet 
(§. 86). Mit dieser Ausführung betritt Bayle ein neues Feld. 
Wenn er bewiesen hat, dass die Menschen sich gern der herr- 
schenden Religion anschliessen, und dass auch die reine christliche 
Lehre dadurch gelitten habe, geht er auf die neuesten Bekehrun- 
gen der Hugenotten über und gelangt zu einem Hauptpunkt seines 
Werks, einer Vergleichung der Götzen dienerei und des Atheis- 
mus. Diese läuft auf eine Vertheidigung des Atheismus gegenüber 
den Angriffen der Theologen hinaus. Der Atheismus sei nicht 
schlimmer als die Vielgötterei. Man müsse eine Religion nach 



369 

dem öffentlichen Kultus beurtheilen, nicht nach den Lehren der 
Dichter und Philosophen (§. 128). Die schlimmsten unter den 
Heiden, Tarquinius, Catilina; Caligula u. a. seien keine Atheisten 
gewesen. Der Atheismus führe nicht nothwendig zur Sittenver- 
derbniss. Ueberhaupt werde der Mensch zu seinen Handlungen 
nicht durch seinen Glauben bewogen, sondern durch sein Urtheil 
über Vortheil und Kachtheil, und dieses Urtheil sei ein Ergebniss 
der Leidenschaft, des Temperaments*). Der Wandel der Men- 
schen werde nicht durch den religiösen Glauben geregelt (§. 134). 
Wäre der französische Hof atheistisch gesinnt gewesen, dann 
hätte er keine Bartholomäusnacht gefeiert, und neuerdings die 
Kalvinistcn nicht verfolgt (§. 155). Bayle führt die Idee noch 
weitläufig aus, dass eine falsche Religiosität, der Fanatismus, 
viel mehr Unglück in der Welt aorichte, als der Atheismus. Er 
spricht nicht gegen das Christenthum und die christliche Lehre, 
aber er weist darauf hin, dass Menschen, die sich Christen 
nennen und die christlichen Gebräuche getreu beobachten, recht 
schlecht und verdorben sein können. 

Die Idee der Toleranz, die in den riPens^es diverses« 
schon mächtig hervortritt, wird in der andern bedeutsamen 
Schrift, in dem TjCommentaire philosophique« noch nachdrück- 
licher hervorgehoben. Im 14. Kapitel des Evangeliums Lucae 
findet sich ein Gleichniss von dem Menschen, der ein grosses 
Mahl veranstaltete und viele Freunde dazu einlud. Diese aber 
entschuldigten sich mit allerlei Geschäften. nDa ward der Haus- 
herr zornig und sprach zu seinem Kne^shte: Gehe aus auf die 
Strassen und Gassen der Stadt, und führe die Armen und 
Krüppel und Lahmen und Blinden herein. Und der Knecht 
sprach : Herr, es ist geschehen, wie du befohlen hast; es ist aber 
noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knechte: Gehe 
aus auf die Landstrassen und an die Zäune, und nöthige sie 
hereinzukommen, auf dass mein Haus voll werde.»* 



♦) Pensees diverses, §. 135: „...c'est qne l'homme ne se d^termine pas 
ä une certaine action plutöt qu'& une autre par les connaissances gen^rales qu'il 
a de ce qu'il doit faire, mais par lejugement particulier qu'il porte de chaque 
chose lorsqu'il est sur le point d'agir... (Le jugement) s'accorde presque tou- 
jours ä la passion dominante du coeur, ä la pente du temperament.* 
Lolheissen, Gesch. d. frani. Literatur. lY. Bd. 24 



370 

Auf diese Stelle des neuen Testaments beriefen sich die 
lanatischen Bekehrer, wenn sie ihre Gewaltthaten vertheidigten^ 
und Bayle*s Werk ist gegen die gezwungne Auslegung jenes 
Worts gerichtet. Im ersten Band stellt er zunächst den Satz 
auf; dass nur die allgemein giltigen Gesetze unseres Denkens 
bei der Erklärung der Heiligen Schrift massgebend sein dürfen. 
Zwang aber könne nie zum Glauben führen, und die Milde sei 
ein Hauptcharakterzug Jesu gewesen. Er definirt die Religion 
als einen geistigen Akt, der Liebe und Ehrfurcht hervorrufen 
soUe^ und es widerspreche daher der Natur der Sache ^ Religion 
auf gewaltsame Weise zu verbreiten. 

Ein solcher Zwang hebe die Grundlage jeder Moral, die 
Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht auf, und fahre zum 
Verderben der Staaten. Eine Reihe weiterer Gründe, die für die 
damalige Zeit gut berechnet waren , heute aber wenig beachtet 
würden, können wir übergehen. Im zweiten Theil seines Werks 
beleuchtet Bayle die Gründe, welche die Anhänger des religiösen 
Zwangs zu ihrer Vertheidigung vorbringen. Wenn man sage, 
der Zwang solle nur dazu dienen, die Menschen aufzurütteln, 
auf dass sie sich prüfen, so sei dies ein gänzliches Verkennen 
der Natur. 

Die Leidenschaft hindere die Erkenntniss der Wahrheit 
(Band II, Kap. 1). Jesus konnte nicht gebieten, Schaffote und 
Galgen zu errichten^ die Menschen zu verfolgen, zu quälen, zu 
verbannen. Dann wäre die Inquisition mit ihren Scheiterhaufen 
gerechtfertigt und heilig! (Kap. 3). So gelangt Bayle zum 
Fundamentalsatz, dass jede Religion, welche die öffentliche Ord- 
nung nicht gefährde, gleiches Recht auf Duldung hat. Tilch 
sage es offen und freimüthig, dass jene^ die solchen Religionen 
keine Gewissensfreiheit gewähren, schlecht handeln.«« . . «Man 
muss mit allen Kräften sich bemühen, die Irrenden durch 
triftige Gründe zu überzeugen, aber man muss ihnen die Freiheit 
lassen, bei ihrer Meinung zu beharren und Gott nach ihrer 
Art zu dienen. Dabei aber soll man sie weder durch An- 
drohung von Strafen schrecken , noch durch Aussicht auf Be- 
lohnung gewinnen. Das ist die feste Grundlage aller Gewis- 



r 



371 

sensfreiheit *).ic Ein Staat könne sehr wohl bestehen, wenn 
auch seine Btlrger verschiedenen Glaubens seien. Bayle erhebt 
seine Stimme fOr die volle Toleranz. Allerdings wollten einige 
eine beschränkte Toleranz gelten lassen, Juden und Türken 
dulden, aber zum wenigsten Gotteslästerer wie Servet mit dem 
Tode bestrafen. Auch das lässt er nicht gelten. Er missbilfigt 
allzu grobe Ausdrücke, zumal in Gegenwart der Menschen, die 
sich darüber entsetzt fühlen. Aber wo sei die Grenze? Was die 
Protestanten von dem Gott im Messopfer sagten, gelte bei den 
Katholiken für eine Lästerung. Auch Servet habe sich nur gegen 
die Dreieinigkeit ausgesprochen. Sollten die Calvinisten wiederum 
^s Lästerung ansehen, wenn man sich gegen die Lehre der Prä- 
destination verwahre? Man dürfe nur jene Sekten dulden, sagen 
die Anhänger der beschränkten Toleranz, welche den Staat nicht 
gefährden. Aber Bayle fragt nun, woran man diese Staatsgeflähr- 
lichkeit erkenne, und wer darüber entscheide? Dann hätten die 
heidnischen Römer recht gehabt, die christlichen Prediger 2H1 
verfolgen, und die Katholiken hätten recht, gegen die Protestanten 
aufzutreten, und umgekehrt (Kap. 7). Der dritte Band, der erst 
1687, ein Jahr nach ^em zweiten, erschien, beschäftigt sich 
hauptsächlich mit einzelnen sophistischen Aussprüchen des heil. 
Augustinus, der gleichfalls zur Anwendung von Zwang gegen 
Andersgläubige rieth. Doch sind die Ausführungen dieses Ban- 
des weniger wichtig als die des vorhergehenden, und auch 
der letzte Theil (1688) hat nicht die gleiche Bedeutung. Der- 
selbe sucht einzelne Einwendungen zu widerlegen, vertheidigt 
auch in der Vorrede den Verfasser gegen die Angriffe des 
Theologen Jurieu, von welchen schon oben die Rede war. Be- 
merkenswerth ist nur die traurige Beobachtung, die Bayle am 



*) Commentaire philosophique B. II, 5. Kap., S. 353 : „Je dis nettement 
et franchement que ceux qui ne donnent pas libert^ de conscience ä de telles 
religions, fönt mal .... Que Pon doit bien travailler de toutes ses forces k in- 
straire par de vlves et bonnes raisons ceux qui errent, mais leur laisser la 
llberte de d^clarer qu^ils persdvörent dans leurs sentiments et de setvir Diea 
Selon leur conscience, si Ton n*a pas le bonheur de les d^tromper, et quant an 
reste ne proposer aucune tentation de mal temporel ou de r^compense en argent 
ou honneur comptant ä leur conscience. Yoilk le point fixe oii git la vraie 
libert^ de conscience. '^ 

24* 



372 

Schluss macht, dass die Intoleranz immer mehr Boden gewinne^ 
so dass man fast glauben möchte, Gott habe sich wieder von 
den Menschen abgewandt. Man könnte schliesslich zweifeln, ob 
die christliche Kirche noch von einem Haupt, einem unendlich 
mächtigen, gütigen und weisen Wesen, das zur Rechten Gottes 
sitze, regiert werde*). 

Den nachhaltigsten Einfluss übte Bajie jedenfalls mit seinem 
jiDictionnaire historique et critique», da es in die weitesten Kreise 
drang und überall den kritisch skeptischen Geist befestigte oder 
einführte. 

Er bot damit seineu Lesern eine historische Encyklopädie 
und begleitete den Text mit einer Menge eingehender Noten, die um 
vieles ausführlicher sind als dieser selbst, und in welchen er einen 
erstaunlichen Reichthum von Wissen, besonders theologischem ^ 
und eine ausserordentliche Belesenheit an den Tag legte. Ein 
grosser Theil seiner Artikel ist heute veraltet, was bei dem 
Fortschritt der Wissenschaft seit zweihundert Jahren nur natür- 
lich ist; auch sind seine Untersuchungen, besonders die historisch- 
theologischen, für uns manchmal komisch. So untersucht er z. B., 
wie viel älter Cain als Abel war, und ob der Streit der Brüder 
nicht wegen einer Frau geführt wurde?**) Aber wichtig bleibt 
immer der allgemeine Geist, der das ganze Werk durchzieht. 
Im Text spricht Bayle gewöhnlich vorsichtig und den überliefer- 
ten Ansichten gemäss. Aber in den begleitenden Noten enthüllt 
er seine kühneren Ideen. Oft auch scheint er verwegne theolo- 
gische und philosophische Lehren zu missbilligen, theilt sie aber 
dabei ausführlich mit, und widerlegt sie nur schwach. Auch hier 
tritt er überall, wo es möglich ist, für eine freiere Auffassung 
ein und vertheidigt die unbedingte Toleranz. Die Lehre Epikur's 
z. B. fand an ihm einen warmen Fürsprecher***) und mit einem 
Seitenblick*auf den Ellerus sagt er von Mahomet, derselbe habe 
es verschmäht, das schöne Geschlecht für sich zu gewinnen. In 
den Noten aber bemerkt er, es wäre nicht vorsichtig, das Ur- 



•) Band IV, Seite 369 ff. 
*♦) Siehe Artikel „Abel". 
***) Siehe Artikel «Epicure«. 



373 

theil über den Werth der christlichen Kirche von dem Urtheil 
über die Sittlichkeit der verschiedenen Völker abhängen zu 
lassen*). In einer Anmerkung zum Artikel über Margarethe von 
Navarra lässt er einfliessen, dass die Königin, »wie heute noch 
alle Theologen und Philosophen, mit Ausnahme der Cartesianert^, 
der Ansicht war, die menschliche Seele sei von dem Körper 
ganz geschieden, wohne nur in ihm und trenne sich von ihm im 
Tode. Kurz die ganze Haltung des Dictionnaire ist von polemi- 
schem Geist durchdrungen; es bot die Waflfen gegen die ortho- 
doxe Theologie, wie es später die Encyklopädie Diderot's in noch 
«ntschiednerer Weise thun sollte**). 

Ein zusammenfassendes Urtheil über Bayle ist nicht schwer 
zu fWen, denn er zeigt eine entschiedene Physiognomie, war aus 
Einem Quss und stets sich gleich. Selbstlos, liess er sich bei 
seinen Schriften niemals von persönlichem Interesse leiten, und 
liebte es überhaupt nicht hervorzutreten. Diese Scheu vor der 
Oeffentlichkeit machte ihm selbst Lobeserhebungen seiner Freunde 
unangenehm. Er weigerte sich, einem Maler zu sitzen und sein 
Porträt einer Ausgabe des ti Dictionnaire« beizugeben***). Dass 
«r so oft anonym auftrat, war ein Gebot der Vorsicht, aber auch 
nicht selten ein Ausfluss seiner Bescheidenheit. Ihm galt es vor 
allem um die Wahrheit, und ihr allein war sein Streben gewidmet. 
Einen Irrthum zu bekennen, hielt ihm darum nicht schwer, und 
in seiner Polemik zeichnete er sich durch Gewissenhaftigkeit aus. 
Diese ausschliessliche Rücksicht auf den inneren Werth seiner 
Schriften liess ihn jede Sorge für die Form vergessen , und er 



*) Art. „Mahomet'': „II n^a nullement mis le beau sexe dans ses int^rSts.'* 
^ote: ^...j*ai dit qu'il ne seroit pas trop sür de laisser juger par les moeurs 
«i le christianisme est la vraie ^glise." 

**) Die „Oeuvres diverses** von Bayle erschienen im Haag in 4 Bfinden 
1725—1731. lieber Bayl& vergl. man noch Damiron, „M^moires sur Bayle et 
«68 doctrines** in den „Möm. de TAcad. des sciences mor." t. XI. — Saint-Beuve, 
«Du g^nie critique de B.** in der „Revue des Deux Mondes", Dec. 1835, und 
iJesonders Feuerbach „P. Bayle, ein Beitrag z. Gesch. d. Philos. u. d. Mensch- 
heit«, 2. Aufl. Leipzig 1848 (GeS. Werke Bd. VI). 

•*») Siehe Briefe an Des Maizeaux vom* 3. April und 3. Juli 1705. Nur 
«einer Mutter sandte er ein Bild von sich, aber mit der Bestimmung, dass es 
in der Familie bleibe. Von diesem Porträt existiren einige Kopien. 



374 

schadete sich dadurch selbst. Seine Ausführungen sind schwer- 
fällig ^ planlos und oft geradezu langweilig. Er springt von 
einem Punkt zum andern, wie es ihm gerade behagt. In den 
ffPens^esa sagt er selbst, dass er oft abschweife und sonder- 
bare Wege einschlage ; die einen methodischen Gelehrten zur 
Verzweiflung bringen könnten. Er könne nicht vorher den 
Plan eines Werks feststellen, und seinen Stoff nach Büchern 
und Kapiteln ordnen. Dafür mache er auch keinen Anspruch 
darauf, als Schriftsteller zu gelten*). Ebenso wenig war Bayle 
ein strenger Philosoph, der sich ein System gebildet hatte. 
Selbst die Systeme der andern Philosophen waren ihm zum 
mindesten gleichgiltig , da er in ihnen nicht viel mehr als ein 
Spiel des Geistes sah**). Er brauchte deshalb auch niemals 
philosophische Schulausdrticke , sondern schrieb in der gewöhn- 
lichen, jedem Laien verständlichen Sprache. Sollen wir seine Rich- 
tung und philosophische Thätigkeit charakterisiren^ so könnten 
wir sie als einen Kampf für die Humanität gegen die dogmatische 
Theologie bezeichnen. In der That liegt sein Verdienst in diesem 
Eintreten für den Fortschritt der menschlichen Gesittung und der 
reinen Moralideen. Aber er entwickelte seine Ansichten nicht in 
selbständigem System, sondern knüpfte immer an besondere Fälle 
an, wobei er im Verlauf seiner Abhandlungen weit ausgriff, um 
seine Anschauungen vorzutragen. Er betonte die Unabhängigkeit 
des moralischen Handelns von der religiösen Ueberzeugung, und 
löste somit die Ethik von der Religion, deren Dogmen ihm ein 
Gräuel waren, sobald sie sich mit der Vernunft in Widerspruch 
zeigten. Darüber gerieth er in Zwiespalt mit der rationalisti- 
schen Schule der Theologen, welche die menschliche Vernunft 
in Einklang mit allen Traditionen und Lehren der Kirche bringen 
wollten. In solchem Fall gab Bayle den Strenggläubigen Recht, 
welche sagten, der Glaube habe mit der menschlichen Vernunft 



*) Pens^es diverses, §. 1: ^Je m^ecarte tr^ souvent de mon sujet; je 
saute dans des lienx dont on auroit bien de la peine k deviner les chemins^ 
et je suis fort propre k faire perdre patience k un docteur qui veut de la m^- 
thode et de la r^gularit^ partout.** §. 2: „Mais pour moi qui ne prötends paa 
k la qualit^ d'auteur, je ne m^assujetirai point, s'il vous plait, k cette seryitude.*^ 
**) La Cabale chimörique, S. 676. 



37&. 

nichts zu thun. Freilich verwarf Bayle darum den Glauben^ 
während diese auf die Vernunft verzichteten. Wenn in früherer 
Zeit die Philosophie aller Theologie gegenüber fqemd und zu^ 
rückhaltend geblieben war, so führte sie Bayle in die erste 
Reihe der Feinde derselben, indem er auf die unversöhnlichen 
Gegensätze hinwies, die sich z. B. zwischen der natürlichen 
Einsicht und der Offenbarung, zwischen der Lehre vom Sünden- 
fall und dem Wesen Gottes zeigen. Aber er ging kaum weiter. 
Er konstatirte die Unverträglichkeit gewisser Lehren, versuchte 
aber keine andre Ueberzeugung an die Stelle des kirchlichen 
Glaubens zu setzen. In dem j^Dictionnaire« (Art. Pyrrhoniens) 
scheint er den Zweifel überhaupt als die naturgemässe Stimmung 
des menschlichen Geistes zu halten. 7)Dieser unselige Zustand der 
Ungewissheitt« , sagt er dort, »ist am meisten geeignet, uns zu 
überzeugen, dass uosere Vernunft nur irren kann." Doch trat 
Bayle nicht offen und direkt gegen jeden Kirchenglauben auf. 
Er konnte es nicht, wenn er nicht jede Autorität verscherzen, 
sich selbst in Gefahr bringen wollte. So kommt er denn von 
Zeit zu Zeit mit Ausdrücken, die ihn wieder als religiös gesinnt 
ansehen lassen. Am gründlichsten, erhob er sich, wie wir schon 
gezeigt haben, für die Toleranz, und durch diesen Kampf erwarb 
er sich einen Ehrenplatz unter den Verfechtern der Humanität, 
welche das 18. Jahrhundert hervorbrachte. Er war der erste 
der sogenannten Aufklärer, und bahnte den späteren die Wege. 
Wie sie, war er mehr durch seine Negation wichtig und konnte 
nicht viel positive Resultate aufweisen. Aber wie viel war auch 
aufzuräumen! Als das 17. Jahrhundert zur Neige ging, herrschte 
der Gewissenszwang und die Inquisition, galt die Tortur als ein 
treffliches Mittel der Justiz, klebte der Bauer an der Scholle als 
Leibeigner oder war zu hartem Frohndienst verpflichtet. Aber 
ein neuer Geist ging durch die Welt. Bayle eröffnete den Kampf, 
der bald allgemein werden sollte. Ein Jahr nachdem er seinen 
7)Commentaire philosophique(< geschrieben hatte, kam Montesquieu 
zur Welt; als er sein TiDictionnaire historique et philosophique» 
begann, wurde Voltaire geboren. So sah das scheidende 17. Jahr- 
hundert noch die Männer erstehen, welche in grösserem Kampf 
errangen, was es selbst nur vorahnend ersehnte. Mag man den 



376 

französischen Philosophen des vorigen Jahrhunderts seichte Auf- 
klärerei vorwerfen, so viel man will ; man wird ihnen den Ruhm 
nicht streitig machen können, dass sie für die höchsten Güter der 
Menschheit, für persönliche Freiheit und humane Entwicklung im 
Völkerleben mit Kraft und Begeisterung eingetreten sind. Wenn 
man sie aber nennt, darf man Bayle nicht vergessen. So schloss 
in Frankreich das Jahrhundert allerdings in trüben Verhältoissen; 
aber zugleich mit einer frohen Hoffnung auf bessere Gestaltung. 



Register. 

(Die lateinischen Ziffern bezeichnen den Band, die arabischen die Seite.) 



Aheille, Abbe, Dramatiker IV. 237 f. 

Ahlancourt 11. 35. — üebersetzt Thu- 
kydides II. 370. 

Ah'aham a Santa Clara 111. 369. 

Abstemius (Bevilaqua), italien. Fabel- 
dichter III. 198. 

Academie frangaise, Gründung 1. 32. 
I. 237 ff. Einrichtung und Aufgabe. 
I. 262 ff. Das Wörterbuch I. 259 Anm. 
Ueber den Cid II. 212 ff. Aufnahms- 
reden III. 810. 

Academie des femmeSf Lustspiel 1656. 
IV. 24. 

Academie des inscriptions et helleslettres 

III. 267. IV. 271. 
Academie des Orateurs III. 327. 
Academie des sciences IV. 272. 
Adam^ Maitre, s. Billaut. 

Adeh Der, zur Zeit der Fronde II. 18. 77. 

• Einfluss -auf die Literatur II. 20. Sein 
Leben in der ersten Hälfte des 17. 
Jahrb. IL 26 ff. Seine Ideale IL 63 ff. 

Aerzte zur Zeit Moliere's IV. 69. 

Akademie^ Kriegsschule IL 28. 

Alarcon, Don Juan ßuiz de. Lustspiel 
„La verdad sospechosa**, Vorbild für 
Corneille's „Menteur«* IL 269 f. Cor- 
neille darüber IL 260 ff. 

Alte und Moderne, Streit über deren 
Vorzuor IV.. 278. 

Ancre d', Marschall I. 41. 

Andrieux, "bearbeitet Corneille's „La 
suite du Menteur« IL 269. 

Angelique, s. Arnauld. 

Anna von Oesterreich, ihre Regentschaft 
IL 9 ff. Ihr glänzender Hofhalt IL 32. 

Appius Alexandrinus y syrische Kriege, 
Stoff zu Corneille's „Rodogune« IL 270. 

Arcmsia, Charles sieur d'Esparre, episch- 
didaktisches Gedicht „die Falkenjagd" 
I. 226. 

Aretino'P.f dessen Lustspiel „L^Ipocrito** 

IV. 36. 



Ariosto I. 136. 

AristoteleSf dessen Poetik IL 335 u.Note. 
IV. 208 Note und öfters. 

Armagnac, comtesse d', lässt Racine^s 
„Alexandre** bei sich aufführen IV. 130. 

Armee, Desorganisation derselben am 
Schkiss des Jahrhunderts- IV. 267. 

Arnauld Angelique , Oberin von Port- 
Royal III. 12. 24. 

Arnauld Antoine^ Jansenist IIL 12. 
Offene Briefe IIL 14. 24. 64. 

Aubignac, Abbe d', über Corneille*s „Ho- 
race** IL 236. 

Aubigne, Tht^odore Agrippa d', I. 83, 60, 
100. Sein Leben 1. 113 ff. Seine Werke 
L 119 ff. Autobiographie I. 120, 123. 
Geschichte seiner Zeit I. 121. Tra- 
giques L 122. 126 ff. IL 65. Aben-. 
teuer des Baron Faeneste L 124. 129. 
Beichte des Herrn von Saucj I. 129. 
Sein Nachlas« I. 124. 

Aufstand in der Bretagne 1675 IIL 
298 ff. 

Aulnoy, Mme d', IIL 243. Ihre Novellen 
IIL 254. Memoiren IIL 255 Anm. 

Bachaumont, s. Chapelle (Lhuillier). 

Bacon, Francis I. 16. I. 68 Neue At- 
lantis IL 401. 

Ballet bei Hof IL 37. 

Balzac, sein Leben 1. 169 ff. Seine Briefe 
I. 170. Sein Stil L 170 u. 183. „Le 
Prinee'* I. 172. 174. Sein Verhältniss 
zu Richelieu I. 174, zum Hotel de 
Rambouillet I. 175. Sein Einfluss auf 
Corneille L 176. Discours I. 176 ff. 
Sein Testament I. 179. Sein Nachlass 
1. 179. Les Entretiens 1.179. Aristippe 
L 179. Sein Charakter I. 180.. Ueber 
Ponsard, Montaigne und Malherbe I. 
180. Sein Einfluss I. 181. Seine Gegner 
1. 183. Ueber Corneille's Cinna IL 244. 
Karrikirt von Sorel IL 472. Seine lite- 
rarischen Kritiken III: 121. 



378 



BarhezieuXy der Sohn LouYois', IV. 263 

u. Note. 
Barbieri, Nicolo , dessen „Inavvertito" 

Vorbild des ^Efcourdi« IV. 19. 
Barclay f sein Schäferroman „Argenis" 

von du Ryer dramatisirt II. 365. 
Baro, Balthasar I. 323. Vollendet die 

„Asträa". Dramen u. Schäferspiele II. 

96 ff. Sein Märtyrer - Drama „Saint- 

Eustache** II. 248 Note. 
Baron, Michel, Schauspieler, Adoptiv- 
sohn Moliere's IV. 35. 
Barre, Schauspieler in Moliere*s Truppe 

n. 311. 
Barthelemyy E., dessen Ausgabe der 

Oeuvres, inedits de La Rochefoucauld 

III. 24. 
Basnage, Bayle's Freund IV. 362. 
Basselin, Olivier II. 128. 
Bausset, dessen Histoire de Bossuet III. 

348 Note. Histoire de Fenelon IV. 

309 Note. 
Bayle P., sein Leben und s. Werke IV. 

359 -- 376. üeber Gassendi IL 406; 

III. 380. 
Beauchäieau, Schauspielerin IL 2 IL 
Beaufort, Herzog v., sein Attentat gegen 

Mazarin U. 44. Seine Kauflust II. 47 

Note IIL 225. 
Beaumarchais I. 280. 
Beck, General III. 68. 
i^e^(m,Antoinette,Pascars Mutter III. 16. 
Bejart, Armande IV. 28, 
Bejart, Madeleine IV. 18, 28. 
Bemerade I. 198. U. 40, 184. Fabeln 

III. 198. 
Beranger I. 265. 
Beredsamkeit III. 305 ff, 
Bernard, Catheriue III. 243. 256. 
Bernier, Fran^ois, Schüler Gassendi's, 

Reisender IL 409. III. 187. 
Berquier, Jules de, dessen Aufsatz j,Une 

reforme au Palais^ III. 310. 
Bertaut I. 103. IL 128. 
Butier, Pierre de, Bischof von Montau- 

ban IIL 314. 
BertUle, Kardinal, stiftet 1613 den Orden 

de lK)ratoire IL 7. 
Besse, de, Kanzelredner IIL. 311. 
Bevilaqua, s. Abstemius. 
Beys, Lustspieldichter IV. 9. 
Beza, Th. de, in Genf L 117. 
Büpay, indischer Fabeldichter. III. 198. 
Billard, Claude I. 295. 
BiÜaut, Adam, Volksdichter I. 227. 
Bl(mdel, Architectnre frangaise IL 887 

Note. 
Blutrache IL 75. 
Boccaccio L 137. 
Bodin I. 9. 



BoileaU'Despreaux, über Malherbe L 91. 
üeber d'ürfe L 149. üeber Voiture I. 
200. Üeber Racan I. 217 Note, üeber 
Godeau L 220. üeber Gombauld I. 221. 
üeber Corneille u. Racine IL 243, 311 
Note, 322. üeber Mlle de Scudery 
III. 71. Les h^ros de roman IIL 72, 
79, 137. üeber Chapelain III. 90. 
Sein Leben III. 126—144. Seine Ju- 
genddichtungen IIL 129. Sein Dis- 
cours au Roy IIL 132. Seine Satiren 
IIL 132, 144—148. Sein Verhältniss 
zu La Fontaine, Meliere und Racine 
IIL 133. Seine Parodie „Chapelain 
decoiffe" IIL 137. Sein Verhältnis zum 
König IIL 139 ff. Sein „Artpoetique" 
IIL 139 ff., 154—166. Sein „Lutrin*^ 
IIL 189 ff., 166 ff. Seine Episteln IIL 
140, 148—154. Uc hersetzt Longinus* 
Schrift „üeber das Erhabene" IIL 14U 
Zum Historiographen ernannt IIL 141. 
Sein Charakter IIL 167. Seine Natur- 
schilderungen lll. 374. üeber den „Te- 
lemaque« IV. 323. 

Boüeau, Crüles, Vater d. Dichters III. 126. 

Boileau, Güles, Bruder des Dichters 
III. 126. Sein „Leben Epiktet's« IIL 
127. Üebersetzt die „Gemälde" des 
Kebes III. 127. 

Boüeau, Jacques, Bruder des Dichters 
IIL 128. 

Boileau, Jeröme, Bruder des Dichters 
III. 130. 

Boileau, Pierre, Bruder des Dichters 
IIL 127. 

Boislisle, A. de, dessen Ausgabe der Me- 
moiren von Saint- Simon IV. 355 Note^ 

Boisrohert, Fran9ois le Metel de, Aka- 
demiker, Günstling des Kardinals 
Richelieu, Dramatiker und Roman- 
schriftsteller I. 222 ff. Sein Roman 
„Anaxandre" I. 224. Gründung der 
Akademie L 252. Einer der fünf Au- 
toren Richelieu's I. 339. Seine Parodie 
des Cid IL 206. unterhandelt mit 
Corneille wegen dessen Cid IL 213. 
Seine „Nouvelles heroiques et amou- 
reuses" IIL 80. 

Boissat, sein Epos „Martel** III. 86. 

Bonarelli, von Pichou nachgeahmt 11. 96. 

Bonnecorse, Lyriker III. 82. 

Boree, seine Pafitoraltras^ödie „La justice 
d'amour" L 328. 

Bossuet Abb^, Neffe des Kanzelredner» 
III. 343« 

Bossuet, Jacques Binigne, Kanzelred* 
ner IIL 113, 833 ff. Kommentar zu 
„jQvenal<* III. 386. Sein „Traitö de 
la connaissance de Dien et de soi- 
mdme", „La Politique tir^e $le TEcri- 



37» 



ture sainte", „Discours snr Thistoire 
universelle«" IIL 836 ff. Sein Einflnss 
auf den Dauphin III. 338 ff. Seine 
„Defense de FEglise ^allicane** III. 342. 
Seine Fehde mit Fäuelon III. 343. 
Seine „Oraisons funehres«* III. 335 u. 
344 ff. Seine Osterpredigten III. 345. 
Seine „Instruction sur les etats d'o- 
raison«* IV. 316. 

Bouillonf Herzog von, Gouverneur der 
^uvergne III. 178, 329. Die Herzogin, 
Freundin La Fontaine's IIL 84. Gegen 
Eacine's „Phödre** IV. 178. 

Boulanger de ChaHussayy Elomire bjpo- 
condre III. 129 Note. 

BouqueSy Charles de, scigneur du Pons. 
Sein ^.PoSme snr les merveilles de 
J^sus-Christ« IIL 84: 

Bourbon, Anne Geneviöve de IL 13, 

Bourdäloue, Louis de, Eanzelredner. 
Ueber La Rochefoucauld III. 237. Sein 
Leben u. s. Predigten III. 349 ff. Seine 
„Pensees detachees", „Exhortations et 
Instructions** , ȧetraite spirituelle" 
IIL 352. Ueber Moliere's „Tartuffe« 
IIL 356. Sein Verhältniss zu Bossuet 
IIL 359. 

Bourgogne, Herzog von, III. 191. Seine 
Freundschaft mit Feuelon, s. Tod IV. 
318—320, 353. 

Bourgogne, Herzogin von, Egoismus 
Ludwig XIV. ihr gegenüber IV. 351. 
Ihr Porträt IV. 358. 

Bourgogne, Hotel de, Theater I. 272. 
IL 227. 303. 877. 380. IV. 21. 

BoursauU, III. 113. 122. Dramatlsiit 
die „Princesse de Cleves" III. 251. 
Seine „Gereimte Zeitung" IIL 267, 
IV. 32, IV. 102 ff. La Satire des sa- 
tires IV. 103. Les Cadenats; LesFr^res 
jumeaux; Les Yeux de Philis; Le Mer- 
cure galant oder La com^ie sans titre 
IV. 104. ;^8ope k la ville ; Esope a la 
cour IV. 105. Andre Schriften IV. 
106 f. 

Bourzey, in der akadem. Kommission 
zur Beurtheilung des Cid IL 214. 

Bouthülierf Mme de, ihr Landhaus in 
Pont III. 366. 

Boyer, Claude, schrieb mit Le Clerc zu- 
sammen eine Tragödie Oreste IV. 177 
Note. 243. Seine Judith IV. 243 u. 244. 

Brecaurt, Dichter und Schauspieler IV. 
108. L*ombre de Moliäre IV. 109. 
Timon IV. 109. 

Brety dessen Ausgabe der Werke Cyrano's 
n. 446 Note. 

Bretonneau veröffentlichte Bourdaloue*8 
Werke IIL 861. 

Briefpost III, 266. 



Brinvüliers, Marquise de, III. 247. 300. 

Brossette, Claude, Sein Kommentar za 
Boileau IIL 142 ff. 

Broussel, Parlamentsrath und Eedner 
IIL 306. 

Brunetieref F;, s. Schrift: Etudes cri- 
tiques sur Thistoire de la litt. fr. 
IV. 176. 

Bruno, Giordano, Philosoph IL 304. 

Buchstabenrechnen I. 58. 

Bühne, die, L 263, 290 ff. Im 17. Jahr-- 
hundert IL 232. 875. Ihr Verhältnis 
zur Politik IL 238. Inscenirung \l. 
380 ff. 393. Einfluss auf die Kompo- 
sition der Stücke IL 386. Zuschauer 
auf der Buhne IL 386. Eintrittsgeld 
IL 387. 

Burleske, die, IL 479. 

Burleske Vers, der, IL 479. 

Bussy - Bäbutin , Graf Roger. Ueber 
Cond^ ; seine Memoiren IL 29 ; IV» 
359 — 376. Seine Histoire Amoureuse 
des Gaules IIL 74. 185. S. Korrespon- 
denz IV. 333. 

Caffieri, verfertigte Corneille's Büste 
IL 323. 

Calderon, sein Stück „En esta vida todo< 
es verdad y todo mentira", Stoff zu 
Corneille's H^raclius IL 277. 

Callot, Jacques, Kupferstecher, seine Blät- 
ter „Misere de la guerre" II, 27. 

Calvin, seine Institution chretienne I. 29» 

Cambon, A., Vorwort zu G. de Boulan's 
„Le secret d'Alceste" IV. 14. 

Camisarden, die. Ihr Aufstand IV. 264,. 
265 Note. 

Campas, M«, Professor, fand ein Manu- 
skript der Briefe von Mme de Sevign4 
m. 288. 

Campistron, Jean Galbert de, IV. 23^ 
—242. 

Camus, Pierre, seine Romane I. 140 ff. 

Casaübonus, I. 59. 

Castro, Guillen de, dessen „Mocedadea 
del Cid" IL 185-192. 

Caulety Bischof von Pamiers III. 340. 

CayluSp Mme, ihre Souvenirs IV. 194 
Note. 

Cellini, Benvenuto, in Frankreich IL 25» 

Centralisation und ihre Folgen IV. 270 
—274. 

Cervantes I. 139. 

Chalon, de, Sekretär der Königin Anna,, 
macht Corneille auf Guillen de Castro 
aufmerksam JL 184 ff. 

Champmesle. Schauspieler und Dichter 
IV. 110. Kleine Stücke ans dem Pa- 
riser Leben IV. 110. 

ChampmesU, Frau des Vorigen, Schau- 
spielerin IIL 29X. IV. 110. 



380 



VhcmtiUy, Landsitz der Ck)ndd; das Leben 
daselbst IL 34 ff. 

ChaniU, Diplomat, Descartes* Freund 
IL 425 ff. 

Chapdain, sein Verhältnis zu Bicheliea 
L 338. Sein Leben n. seine Werke I. 
241 ff. Sein Porträt im Grand Cjrus 
IIL 68. Sein Epos: La Pucelle IIL 
86 ff. 

ChapeJle (LhuilUer)t Gassendi's Schüler 
IL 409, 446. Eeise in das südliche 
Frankreich j IL 104, IIL 69, IIL 81, 
136. 

Chapelle de Saint-Port, Dramatiker IV. 
246. 

Chapuzeau, dessen „Acadämio des fem. 
mes*' IV. 67. Dessen Buch über das 
französische Theater IV. 87. Seine 
Lustspiele IV. 109. 

Charpentier, Hellenist IIL 267. 

Charron, Pierre, Philosoph. Sein Buch 
▼on der Weisheit I. 60 ff. Sein Leben 
1.61. Discours chretiens 1.62 ff., 11.402. 

Chartres, Herzog von, s. Orleans. 

Chateaubriand, dessen „G^nle du chri- 
stianisme" III. 46. 

Chätillon, siehe Coligny. 

Chaulieu, IV. 276. 

ChatUneSf Herzog v., IIL 299. 

Cheminais, Timoleon de, I. 64. 

ChenieVj Andre, 1. 91. 

Chiruel, seine Ausgabe der Memoiren 
von Flechier IIL 329 Note. Seine Aus- 
gabe der Memoiren von Saint-Simon 

• IV. 347 Note. 

Chokolade, IIL 288. 

Christine von Schweden^ IL 426, 429 ff., 
IIL 68. 

Cicogniniy IV. 26, 

Cinq-MarSf II, 9. 

Claque, die, I. 342. 

Claude Lorrain, IL 27. 

Claveret, Corneille's Gegner, IL 209. 

Clervülef s. Roman „le Gascon extra- 
vagant" IL 476. 

Coignee du Bourron, dessen Pastoral- 
tragödie Iris I. 323. ^ 

CoUany IIL 68. 

College de France I. 68. 

Colletet, Fran^ois I. 343. 

Colletet, Guillaume, Akademiker. Sein 
Leben I. 343. Art po^tique ibid. Ver- 
hältnlss zu Richelieu I. 338, IL 466, 
IIL 82. 

Comhalet^ Mrae de, IL 34. Ihr Landhaus 
bei Ruel IL 36. 

Comeäie frangaise IV. 62. 

Commedia delV arte I. 266, IL 174, 
IL 261. 

Commedia er udüa I. 274. 



Comici gelosi, die, I. 266, 373. 

Condi, Charlotte de, I. 48. . 

Conde, Prinzessin, Gemalin des Feld- 
herrn, Prinzen Cond^ IL 46. 

Conde, Hotel de, IL 34. 

Conde, Prinz („der grosse Cond^"), seine 
Erziehung u. s. Charakter IL 29 ff., 
IIL 68. 

Conde, Jesuit, Prediger III. 311. 

Confrerie de la Passion I. 264, 272. 

Conrart, Valentin I. 179, 216, 241. III. 
64, 67, 69. 

Conti, Prinz, s. -Erziehung IL 28. Seine 
Schrift über das Theater IV. 176. 

Coppet, Schloss am Genfer See III. 367. 

Corneille, Antoine IL 136. 

Corneille, Pierre, der Vater des Dichters 
IL 129 ff. 

Comeüle, Pierre, sein Leben und 
seine Familie IL 134 ff., 219,246, 
280, 292 ff , 317, 319 ff., 326. Sein 
Aeusseres IL 323. Sein Charakter 
208, 220, 236, 292, 324. Sein Patrio- 
tismus IL 67. Verhältniss zu Richelieu 
I. 338, 340. IL 164 ff, 226. Im Hotel 
de Rambouillet IL 248. In d. Aka- 
demie IL 279. ~ Seine Dichtun- 
gen: Ode an d. Lehrer IL 186 Note. 
Excuse ä Aristo IL 138. Latein. Ge- 
dicht an Richelieu IL 167 Note. An 
Ludwig XIII. IL 166 ff. Sonnet au 
Roy II. 206 Note. Auf Richelieu's 
Tod IL 246. Auf Ludwig XIII. Tod 
ibid. La podsie ä la peinture IL 279 
Note. An Mlle du Parc IL 298 ff. 
An Mlle de Scnd^rj II. 300. An den 
König IL 300, 320. Auf die Vermä- 
lung des Dauphins IL 321. Prolog 
zur „Toison d'Or" IL 324. — Erste 
dramatische Werke: Seine Lust- 
spiele IL 168 ff. Von der italienischen 
Posse beeinflusst II. 162. Er selbst über 
d. Lustspiel IL 163 Note. Melite 1. 307 ; 
IL 8(5, 189 ff , 146. Die drei Einheiten 
beobachtet IL 194. La Veuve IL 73, 
160 ff. Verschiedene Redaktionen IL 
160 Note. La Galerie du Palais IL 
166. La Suivante IL 73, 166, La Place 
Royale IL 167 f. L'Illusion comique 
IL 174 ff. Le Monteur I. 280; IL 260. 
Dae erste wahrhafte Lustspiel IL 180. 

• Begründet die Charakterkomödie II. 
269, 262. Sprache IL 263 ff. La 
Suite du Monteur II. 146, 267 ff. ^ 
Clitandre, Tragikomödie 11. 147 ff. 
Medea, Tragödie IL 72, 169 ff., mit 
Grillparzer*s Medea verglichen II. 173 
Note. Der Cid L 280; IL 78, 183 
— 202. Mit Schiller's Dramen vergli- 
chen IL 202. Der Streit über den Cid 



381 



IL 205-221. Voltaire über den Cid II. 
214. Boileau über die Gegner des Cid IL 
217. — Römerdramen: Horace IL 
205, 219, 221, 227-236. Die Kritik 
darüber IL 236. Erscheint im Druck 
IL 23r. Note. Cinna IL 77, 219,237, 
244. Erfolg IL 242. Der Stoff IL 238. 
Mängel IL 243 f. Gewinn für den 
Dichter IL 244. La mort de Pomp^e 
IL 69, 75, 221, 242, 254-259. Titas 
et Berenice IL 78, 303, 309 ff. — 
Spätere Dramen: IL 303. Andro- 
meda, Schauspiel mit Musik und Ge- 
sang IL 279 f. Ag^silas IL 303, 308. 
Attila IL 303, 30^ f. Oedipe IL 70, 
77, 301, 308, 306, 311; IIL 91. Othon 
« IL 303, 307 f. Pulch^rie IL 303, 310. 
Suräna IL 317. Sophonisbe I. 1.33; 
IL 317. Sertorius IL 303 ff. Voltaire 
., darüber IL 306. Polyeucte IL 221, 343, 
247 f., 254. Lessing darüber IL 248 f. 
Nachahmungen IL 254. Bodogune IL 
270 ff. Plagiat v. Gilbert IL 274 Note. 
Thdodora IL 275. Heraclius IL 69, 
276 f. Don Sanche d'Aragon IL 7ü, 
75, 280 ff. Nicomede IL 282 f. Per- 
tharite IL 72, 284. Umgearbeitet IL 
285. Anregung zu Eacine's Andro- 
maque ibid. IL 292, 295. La Toison 
d'or IL 75, 312 f. Psycho IL 314 f. 
— Dramaturgische Schriften 
IL 332—343. Die drei Einheiten IL 
149 Note., 194, 195, 201, 339 ff. 
Seine religiösen Anschauungen IL 295. 
üebersetzung der Nachfolge Christi 
IL 294 ff. Geistliche Poesie IL 316. 
Seine Heldengestalten IL 339, 344 ff. 
Seine Frauengestalten IL 351. Seine 
Sprache I. 159 ff., IL 159 f., 259, 
268, 311, 349 f. Naturschilderung IL 
373. Sein Verhältniss zu Hardy I. 307, 
Fehde mit Scudery I. 257. Seine Ki- 
Talen I. 87—125. lieber Voiture und 
Benserade I. 199. Ausgaben IL 220, 
32 1 f. Schilderung d. Eifersucht IV. 2 1 7. 

Corneille, Thonias II. 219, 298, 371. 
Lustspiele III. 92 ff. Schauspiele und 
Tragödien 111.94 ff., IV. 93, 233—236. 
Seine Ariane IV. 234 ff. Sein Essex 236. 
Bearbeitung d. Moliere*schen Don Juan 
IV. 42. 

CoraSf Epiker III. 84. Verfasst mit Le 
Clerc eineTragödie „Iphigenie" I V. 177. 

Corday, Charlotte IL 326. 

CostOTy Pierre I. 247. 

Cotifiy Charles, Abb^ IIL 122; IV. 57. 

Coulanges, Christophe de, IIL 272. 

Cours de la Beinen der, IL 33. 

Cousin Victor, dessen Werk „La soci^t^ 
fran^aise au 17n>e si6cle" IIL 69, 73. 



Crebülon, Lettre sur les spectacles IL 
387 Note. 

Croisy, Schauspieler 11. 298. Erster Dar- 
steller des Tartüffe, ibid. Note, 

Cujacitis, Rechtslehrer I. 5. 

Cyrano Bergerac IL 409. Leben und 
Werke 446-461, 49Q. 

Dacier IV. 283. Brief Fduelon's an ihn 
IV. 320. 

Dacier, Mme, IV. 285. 

Bailly, Abb^ III. 55. 

Damen, die. Ihr Antheil am Krieg der 
Fronde IL 14. Ihre Bildung in der 
ersten Hälfte des 17. Jahrh. IL 30. 

Damiron, Memoire sur Bajle IV. 373 
Note. 

Dancourt, Schauspieler u. Dichter IV. 
111 ff. 

Dangeau, marquis de, seine Memoiren 
IV. 343. 

Dassoucy IL 53 u. 54; IL 279,491—493. 

Dauphin, der, IIL 338. Sein Tod IV. 
352. 

Defrois, Herausgeber von Bossuet's Pre- 
digten IIL 344. 

Deltouf, dessen Werk „les eunemis de 
Racine« 17. 176 Note. 

Demokratie, die, im 15. Jahrh. L 7 u. 8. 

Des Barreaux IL 445. 

Descartes I. 18, 256. Leben und Werke 
IL 410—440. 

Desfontaines IL 361 ; IIL 80. 

Deshoulieres, Mme, IIL 332; IV. 179 
und Note." IV. 275. 

Des Maizeaux, Biographie Bayle's IV. 
367. 

Desmarets, Jean I. 222, 241, 342. II. 
184, 214, 295, 462, 465; IIL 85. 

Desperiers IIL 198. 

Desportes, Philippe I. 103, 20.5; U. 225. 

Des Yveteaux, Vauquelin I. 224. 

Diamante, spanischer Dramatiker U. 202. 

Dichter, Ihre sociale Stellung IL 46, 
142, 225, 236 Note. Gegenseitige Hul- 
digungen H. 164, 165 Note. 

Diderot über das 17. Jahrhundert I. 19. 

Dohna, Graf IIL 367, 380. 

Dongois, Boileau's Schwager III. 129. 

Donneau, s. Vize. 

Dorimond, dessen Bearbeitung des „Don 
Juan« IV. 40. 

Doudan, dessen Correspondenz. ürtheil 
über Schiller's Wallenslein IV. 229. 

Douen, dessen Schrift über Fenelon IV. 
31Ö. 

Drama, das. EunstbüEne, ital. u. span. 
Einflüsse I. 261 ff. Volksthümliches 
Drama I. 297 ff. Das galante Schau- 
spiel I. 308. Das regelmässige Schau- 
spiel L 326 ff.; IL 89; IIL 91 ff. 



382 



Dreydorff, dessen Werke über Pascal 

III. 46 Note. 

Dreyss, Cb.» krit. Ausgabe der Memoiren 

Ludwig XIV. IV. 348. 
Du BartaSy dessen Epos ^La Semaine** 

I. 33; III. 870. 
Du Bellayy Joacb., „Illustration de la 

langue fran^aise" I. 30, 60; III. 167. 
DuhoiSy Abbe IV. 366 ff. 
Du BotS'Beymondy dessen Scbrift über 

eine deutsche Akademie I. 266 Note. 
Du Boulariy G., dessen Schrift „Le secret 

d'Alceste« IV. 14. 
Du Cerceau, dessen Werk „les plus ex- 

cellents bastiments de France** II. 36. 
Du Gros I. 323, dessen Pastoraltragödie. 
Duellsucht I. 60. 
Dufresne, Schauspieler, leitet eine Truppe 

in der Prorinz IV. 16. 
Du Hantel, Dramatiker I. 297. 
Du Maine, Herzog, IV. 267. 
Du Maine, Herzogin IV. 246. 
Dumas, Alex., der ältere, II. 81 ff. 
Du Pa/rc, MUe, Schauspielerin II. 298; 

IV. 180. 

Du Perrin besorgt die Ausgabe der Se- 

vignd'schen Briefe III. 282. 
Du Byer, Isaac II. 366. 
Du Kyer, Pierre IL 88. Leben und 

Werke IL 366 — 372. Seine Sprache 

IL 94 Note. Huldigt Corneille IL 164. 

Lustspiele IV. 7. 
Du Vair, Philosoph I. 72. üebersetzt 

Demosthenes und Cicero I. 69. 
Du Verdier, sein Roman „le Chevalier 

hypocondriaque" IL 476. 
£inJieiten, dramatische IL 194, 196, 201, 

210, 216, 221, 339. 
Misaheth von der Pfalz, Schülerin und 

Freundin des Descartes IL 424. 
Entragues, Henriette d', I. 48. 
EpoH III. 80 ff. 
Erzählungsliieratur III. 241 ff. 
Oscars, Miled*, Freundin Scarron's 11.478. 
Escobar, Jesuit III. 27. 
Escuyer, Vorsteher der Academie des 

orateurs III. 327. 
Esprit, Jacques, dessen Maximes poli- 

tiques III. 66. 
Este, Leonore von, I. 164. 
Estree, Gabrielle d*, I. 16, 48. 
Euripides, dessen Phönicierinnen IV. 

133. Andromache IV. 141 ff. Troerin- 
• nen ibid. Iphigenie IV. 171, 174, 214. 

Hippolytos IV. 182. 
Eäbre, d'Eglantine, Lustspieldichter IV. 

46. 
'Farel, Nicolas, I. 226. Sein „L'honneste 

homme ou Tart de plaire ä la cour** 

L 226; II. 43 Note. 



Faure, Beichtvater der Königin Anna 

III. 313. 

Fcnelon, gegen Gassendi IL 410. Sein 
T^lemaque III. 260. Les Maximes des 
saints III 348. Seine Naturschilde- 
rungen IIL 379. Kritik Racine's IV. 
184. Leben u. Werke IV. 307—328 . 
Widerlegt Malebranche 810. Gegen 
die Protestanten 310 ff. S. Intoleranz 
ibid. 

FenoiUet, Kanzelredner I. 63; UI. 811. 

Ferrier, Louis, Dramatiker IV. 238. 

Feuerhcu^, L., dessen Werk über Bajle 

IV. 273 Note. 

Fengere, dessen Schrift über Bourdaloue 
HI. 360 Note. 

Ficquet, Kupferstecher, Portrat Cor- 
neille's IL 828. 

Füite, La, Epos III. 84. 

Fischer, Kuno, dessen Werke über Des- 
cartes IL 411. 

Flechier, Esprit III. 67, 110. Leben u. 
Werke, Beredsamkeit III. 326 ff. 

Foerster, Wendelin, dessen Ausgabe von 
Garnier's Tragödien IV. 142 Note. 

FonteneUe, Bernard Le Bovier de, 11. 
134 ff. u. Note; II. 146, 326. Als Dra- 
matiker IV. 246. 

Forget, Pierre, Lyriker I. 226. 

Foucqitet, Minister IL 301 ff. Verhält- 
nis zu Corneille IL 301 , zu La Fon- 
taine III. 180 ff. 

Fournel, Victor, dessen Werk ^les Con- 
temporains de Molifere** IV. 99 Note 
u. öfters. 

Fournier, Ed., dessen „Notes sur la vie 
de Corneille** u. j, Corneille a la butte 
Saint -Eoch" 11. 237 Note. Dessen 
Werk „La comedie de LdeLaBrny^re** 
rV. 289 u. öfters. 

Fra/nce, Anatole, dessen Ausgabe der 
„Histoire de Mrae Henriette d'Angle- 
terre« von Mme de La Fayette IIL 
244 Note. 

Fromentieres, Kanzelredner III. 312 ff. 

Furetiere, Antoine IL 409, 476; IIL 68, 
136, 198, 260 ff. 

Gaülardin, dessen „Histoire de Louis 
XIV.« IIL 111 Note u. öfters. 

Galland, Uebersetzer der ,, Tausend und 
eine Nacht** III. 259. 

Gallikanische Kirche IIL 341. 

Garnier, Robert I. 247; IV. 142, 182. 

Gartenkunst IIL 366. 

Gassendi, Leben u. Werke IL 406 ff. 

Gassion, Marschall IIL 68. 

Gautier, Theophile, über Saint -Amant 
L 232. 

Gazette de France, s. Benaudot. 

Geldwerth im 17. Jahrh. IL 136 Note. 



383 



Genest, Charles Claude IV. 244—246. 
Gerond, Marc-AntoiDe, s. Saint-Amant. 
GeseUschaft, die vornehme im 17. Jahrh. 

II. 23 ff. 
Gidel, dessen Buch „les Fran9ai8 du 17. 

siecle« III. 810. 
Gübert, Gahriel, dessen Plagiat der Ro- 

dogune von Corneille II. 274 Note. 
'Güiherti, dessen Bearbeitung des „Don 

Juan«« IV. 40. 
Gilliy dessen Circe, Vorbild der Betes 

raisonnables von Montfleurjr IV. 99. 
Giraud, Ch., dessen Ausgabe von Saiot- 

Evremond II. 469. 
Giry, Akademiker I. 247. 
Gobelin, Beichtvater der Marquise de 

Maintenon IV. 257, 260 Note. 
Godeauy Antoine, Bischof I. 220, 247; 

IL 466; III. 67, 84. 
Goethe, über Moliere's »»Ävare* IV. 62. 

Ueber Moliere überhaupt IV. 82. Zau- 
ber seiner Sprache IV. -223. 
Gomhervüle, Martin le Roy de, Lyriker 

u. Romanschriftsteller 1.224; 1X1.62. 
Gondi, 8. Retz. 
Gomhauld, Jean Olivier de, Lyriker I. 

220 f. 
Gonzague, Pfalzgräfin Anna, IL 16, 31, 40. 
Gosselin, dessen Hist. litter. deF^nelon 

IV. 321. 
Gourvüle, dessen Memoiren IV. 384. 
Grammont, Marschall II L 68. 
Grands- Jours, les, III. 328: 
Grignan, Fran^ois Adh^mar, Graf IIL 

204, 276. 
Grignan, Gräfin III. 274 f. 
Grülparzer IL 173 Note, 174 Note. 
Grois, Guillaume, Hofnarr Heinrich IV. 

L 61. 
Grotius, Hugo I. 42. 
Guarini, sein „Pastor fido** I. 139, 164. 
Guenegaiid, Theätre de la -rue, IV. 62. 
Guicciardini III. 198. 
Guiche, Graf III. 246, 
GuiUeragues, Boileau's Freund IIL 1 38, 

149. 
Guise, Henri de, Erzbischof v. Reims 

II. 40 f. 
Guise, Hotel de, IL 34. 
Ouise, Mlle, deren Roman I. 149. 
Guizot über die französ. Lyrik des 17. 

Jahrh. I. 205. 
Gwy-Jöly, dessen Memoiren IIL 315. 
Guyon, Mme, vertritt die Lehre des Quie- 

tismns IV. 816. 
Habert, Germain, Lyriker I. 226. 
Habert, Philippe, Lyriker L 226. 
Hals, Maler IIL 49. 
Hamilton, seine Mämoires de Grammont 

IIL 249. 



Hardy, Alex. L 298 ff.; IL 184, 194. 

Harlayi Achille de, Präsident des Pa- 
riser Parlaments IIL 180: IV. 367. 

JSiiurannß, Duvergier de, IIL 10; IV.119. 

Haussonvillep Graf Othenio d', dessen 
Buch „le SSalon de Mme Necker*^ IIL 
368 Note. 

Hauteroche, Schauspieler und Dichter 
IV. 108, 110. 

Heine, Heinrich II* 488. lieber Racine 
IV. 229 u. 230. 

Heinrich IV,, politisches, sociales und 
geistiges Leben zu s. Zeit I. 38—78. 

Henriette v. England IL 309 ; IIL 246 ff. 

Hericart, Marie, La Fontaine's Frau 
IIL 178. 

Hesnaült, J., IL 409. 

Hervart, d', Parlamentsrath III. 191. 

Heudon, Dramatiker L 297. 

Hillebrand, K., dessen Werk „Frank- 
reich u. d. Franzosen" I. 260. 

Hobbes, Thom., Philosoph III. 408 ff. 

Hotmann, Fran^., dessen Franco-Gallia 
L 8. 

Houssaye, Arsene, dessen Histoire de4ln^« 

fauteuil I, 266. 
Huet, Bischof IV. 283. 
Hugenotische Dichter I. 33. 
Hugo, Victor, dessen Hernani 11. 81. 
Humbert, C, dessen Geschichte des 

Tartuffe IV. 48. Dessen „Moliere in 

Deutschland'' ibid. 
Hurely dessen Werk „Les Oratenrs sa- 

crds" IIL 316, 360. 
Huyghens von Zuy liebem, dessen latein. 

Gedicht an Corneille IL 207 Note. 
Huxclles, marquise d*, IIL 267. 

Jansen, Bischof v. Ypern IIL 10 f. 
Jatisenisten IL 20; III. 9 ff. 
Jannart, Onkel La Fontaine^s III. 179 f. 
Jannin über Charron Ii 71. 
Jesuiten^ die, übernehmen den höheren 

Unterricht IL 7. 
Jodelet, Lnstspielfigur IL 481. 
Jodelle, Etienne, Dramatiker I. 32. 
Joyeuse, Kardinal I. 104. 
Jurieu, Theologe IV. 366. 

Kaffee, der, IIL 288. 
Kanzelberedsamkeit IIL 303 ff. 
Kindererziehung in der 1. Hälfte des 

17. Jahrh, IL 27 f. 
Kirche, ihr Bündniss mit dem König- 

thum IL 6. 
Kleidertracht, IL 38 f. 
Klopstock III. 161. 
Klosterreform IL 7. 
Knörich, W., dessen Ausgabe von Vil- 

liers' „Festin de Pierre" IV. 40 Note. 
Konservatorium IV. 274. 



3äl 



König, W., dessen Buch «Zur fransöe. 
Literatorgeech.'' i. 260 Note. 

Köthenj der Hof zu, IL 31. 

Kostüme der Schauspieler 11. 389 ff. 

Krantz, Emil, dessen Schrift «Essai sor 
les rapports de hi doctrine cart^ienne 
aTec la litt. fran9. an 17. siecle** lY. 
221 Note. 

Krieg, der dreissigjährige I. 11. 

Krieg der Fronde ü. 11 ff. 

La Baue, Stammschlpss d'Urfe*6 1. 142. 

La Boetie I. 7, 34. 

La Bruyere über Corneille IL 244 Note; 
lY. 216, 343 f.; IIL 61, 60, 119, 300, 
310 f., 317 f., 320 f. üeber den Tar- 
tnffe lY. 37. üeber des Königs Arbeit- 
samkeit IV. 263. Leben n. Werke lY. 
.287—306. S. Einflass aaf Le Sage 306. 

La Calprenede, Leben n. Werke IL 97 ff. 
Sein ßoman HCleopatre' IL 70; IIL 
62, 289. 

La Chambre, Abbe de IIL 189. 

Laehat, Heransgeber y. BossaeVs Wer- 
ken III. 344. 

Lacordaire Ul. 360. 

La Fare, marqnis de, lY. 277. 

La Fayette, Gräfin III. 313. Leben nnd 
Werke IIJ. 243 ff. Ihr Yerbältniss zu 
La Bochefoncanid III. 228, 248. 

Iai Feuillade, Marschall, über seine Zeit 
n. 10. Ueber Comeille's Cinna 11. 241. 

La Fleche, adlige Erziehungsanstalt 
IL 28. 

La Fontaine, Jean de, III. 61 f. Leben 
u. Werke III. 171-215. Ueber Astree 
L 149. üeber die Jansenisten III. 26 
Note. Episteln an den Prinzen Conti 
lU. 116, an Maucroix 133, an den 
Herzog v. Bouillon 176. Discours ä 
Mme de I^ Sabliere III. 115, 190. Le 
Florentin III. 188. Le Songe de Vaux, 
aux Njmphes de Yaux III. 163. Be- 
arbeitung des Eunuchus von Terenz 
180. CljmeDe 182. Daphne 187. Andre 
dramat. Werke 188. Soeur Jeanne IIL 
177. Adonis 180. Psycho IL 313; III. 
134 ff., 177. Contes et Nouvelles 185 f. 
Fabeln III. 196— 215. Natursinn 877 ff. 

La Force, Mlle de, IIL 243, 266. 

La Fasse d'Auhigny, Dramatiker lY. 
246 f. 

La Fresnaye, Yauquelin de, dessen „Art 
Poetique* IIL 155. 

La Grange, Schauspieler lY. 18. 

Im Grange Chancel, Dramatiker lY. 
187, 248. 

La Harpe über das Yorbild des Cid 11. 
202. üeber den Misanthrope lY. 44. 

LaJanne, LndoTic, dessen Biographie 
Malherbe's I. 79, 



JUamartine, Alpbonse de^ über Mme j 
Särignd m. 302. Sein Natnrsinn I) 
380. 

Latnbinus I. 6. 

Lamennais III. 46. 

La Motte Houdard, Kritik Bacini 
lY. 184. Seine Werke lY. 249. Opp 
.sition gegen die Tragödie 249 f. 

Latnoignon, Parlamentspräsident H 
166; lY. 47. 

Lamperiere, Marie de, Comeille's Fn 

II. 245. 

La Mousse, Gewissensrath der Mme d 

S^vigne III. 291. 
Lancelot, Claude IIL 12; lY. 120. 
Landadel II. 61 ff. 
Landschaftsmalerei III. 368. 
Lannel, Jean de, I. 149; III. 475. 
La Pineliere, sienr de, IL 127 Note 

U. 165 Note. 
La Pommeraye ge^en Yeuillot nnd fü 

Meliere lY. 48 Note. 
La Beynie, Polizei minister Ton Pari 

lY. 42, 363. 
Larivey, Pierre de, I. 274 ff.; lY. 27. 
La Bodhefoucauld, Herzog yon, I. 256 

IIL 35, 55, 376. Leben und Werk« 

IIL 219 ff. 
La Sabliere, marquise de, IL 31; IJI 

187, 190, 192. 
La Serre IIL 82. 
Zrosne,* Kupferstecher IL 323. 
Laur, dessen Buch „Zur Gesch. d. franz 

Literatur" III. 240 Note. 
Lauras y dessen Werk über Bourdaloue 

III. 360. 

jMuzun, Herzog you. UL 51 ff. 
Lenclos, Ninon de, IL 31, 466. 
Lavallee, s. Buch über Mme de Main- 

tenon lY. 191 Note; 194 Note. Seine 

Ausgabe der Oeuvres de Mme de Maia> 

tenon lY. 268 Note. 
La Valliere, Mlle de, IL 307; III. 245. 
Le Boux, Bischof III. 314 Note. 
: Le Brun, Maler IL 27. 323. 
Le Camus, Etienne, Kanzelredner IIL 316. 
Le ClerCy Michel, Advokat u* Dramatiker 

lY. 177 u. Note. 
Le Febvre, Tanneguy, Philolog IIL 322. 
Legendre, Abb^, Comeille's Freund IL 

137. 
Legouve, Ernest II. 174 Note. 
Le Houx, Jean IL 128. 
Leibnitz IL 431. 

Le Maistre, Antoine lY. 282 u. Note. 
Le Maistre de Sacy IIL 12, 23; IV. 120. 
Le Moyne, dessen Epos St. Louis III. 85. 
Lenet, dessen Memoiren II. 28 f. 
Lenient, dess. Werk „la Satire en France*^ 

IL 138 Note. 



885 



überlbi 
N'atorsim H' 



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V. 249. i^ 
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niideiit l 

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IV. 120. 

S. 

1475. 
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Note. 

II. 8ö- 
asce" 



ic ^ö<re II. 367. 

Leopold von Oesterreich 111. 68. 

Le Petitj Claude, verbrannt II. 154 Note. 

Le Sage I. 256. 280; IV. 243 Note. 
IV. 306. 

Lescheraine, Sekretär der Herzogin von 
Savoyen III, 251. 258. 

Lescurey dessen Ausgabe der „Princesse 
de Cleves« III. 264 Note. 

Les Fargues, sein Epos David IIL 84. 

Lessing über Polyeucte 11. 248 f. ; über 
Rodogune II. 271 u. 273. üeber Cor- 
neille II. 332, 337. 

L'Estoile, Pramatiker I. 338, 343. 

Le SueuTy Maler IL 27. 

Le Tellier, Erzbischof von Reims III. 340. 

Le Tellier j Kanzler III.. 340. 

Le Tellier y Beichtvater Ludwig XIV. 
IIL 144. 

Le Vcisseurf Freund Racine's IV, 123. 

Le Vayer, La Motte, Fran^ois, Philosoph 
IV. 167. Dessen Sohn ibid. Note. 

Liancourty Herzog von IIL 14, 21. 

Libertins, die IL 444; IV. 361. 

Lignon, Fluss I. 149 Note. 

Lindau, P., dessen „Moliere in Deutsch- 
land** IV, 48. 

Lingendes, Claude de, Kanzelredner III. 
312. 

Lingendes, Jean de, Kanzelredner I. 63 ; 
IIL 312. 

Littre, Ena., dessen Werk „Medecine et 
Medecins« IIL 247. 

Lokman, arabischer Fabeldichter III. 198. 

Longuevüle, Herzog von IL 143; III. 85. 

Longuevilley Herzogin v. III. 9, 68, 221 f. 

Longueville, Hotel de IL 34. 

Lope de Vega IL 268 f. 

Lorety J.y dessen „Muse historique** IIL 
267. 

Lorrainy Claude IIL 368. 

Lotheissen, F., dessen Werk „Moliere, sein 
Leben und seine Werke" IV. 33 u. öfters. 

LoTivois, Kriegsminister, s. Tod IV. 360. 

Lucan IL 259 Note. 

Ludwig XIIL L 62, 172, 174. Lieder- 
componist IL 37. j 

Ludvng XIV., Einflnss auf die Literatur ' 
IL 317; IIL 110 ff. S. Ehrgeiz und s. " 
Herrschsucht IV. 2öö. s. Kinder IV. 
267 Note. IV. 363. S. Memoiren IV. 
341 £f. Charakterisirt von Saint-Simon 
IV. 349. 

Lfdliy Komponist IIL 104, 113, 136,187; 
n. 314; IV. 68. 

Lustpsiel IV. 7. 

Lwynes, Herzog von III. 21. 

Lyrik I. 201 ff. IIL 80 ff. 

Madame (Henriette von England, Her- 
zogin von Orleans) IV. 159. 161. 

Lotheissen, Gesch. d. frans. Literatur. IV. Bd. 



Madame (Elisabeth Charlotte von der 

Pfalz, Herzogin v. Orleans) IV. 348. 
Marfee, Schlacht bei IV. 337. 
Märtyrerdramen IL 248. 254. 
Mdhelot et Laurent, deren Memoire de 

plusieijirs decorations II 380 Note. 
Mahrenkoltz, R., dessen Werk „Moliere*s 

Leben und Werke« IV. 33 u. öfters. 
Maimbourg, KauzelrednerIILt316. Histo- 
riker IV. .S64. 
Maintenon, Marquise de IL 486 f.; IV. 

251—269. 
Mairet, Jean L 327 ff. IL 164, 169, 209. 

s. Sophonisbe 11. 87 f., 310. Sein Duc 

d'Ossonne. IL 169, 
Maistre, Joseph de, über Bossuet IIL 346. 
Malebranche, Nie, Philosoph IL 430. 
Malerei in der 1. Hälfte des 17. Jahrh. 

IL 27. 
Malevüle, Akademiker I. 247. 
Malherbe, Fran^ois de, Leben und Werke 

L 78—95. 
Malherbe , Marc - Antoine , Sohn des 

Vorigen I. 85. 
Mancini, Hortense, Mazarin^s Nichte 

IL 468. 
Mangold, dessen Schrift „Moliäre^s Streit 

mit dem Hotel de Bourgogne" IV. 33, 

dessen „Moli^re's Wanderungen in der 

Provinz IV. 19. „Moliöre's Tartuffe« 

IV. 48. 
Mar ais' Theater IL 303; IIL 94; IV. 21. 
Marechal, Antoine, seine Dichtungen 

IL 88, 87. Spottet über das Lustspiel 

IL 164 Note. Sein „Railleur« II. 174, 

184. 
Margarethe von Navarra I. 26, 47. 
Marie Therese, Gemalin Ludwig XIV. 

IV. 268. 
Marinismus 1. 308. 
Mark Aurel III, 234. 
Marmontel, ändert Rotrou's Venceslas 

IL 364. 
Marolles, Villeloin, Abbd de, übersetzt 

Virgil und Martial IL 371. 
Maron, Eng., dessen Artikel „le Roman 

de moeurs" 11. 470. 
Marot, Clement I. 25 f. IL 225. 
Marsy, dessen Analyse de Bayle IV. 

367 Note. 
Mascardiy dessen Geschichte Fiesco's 

IV. 335. 
Mascaron, Jules, Kanzelredner III. 319, 

322 ff. 
Massillon III. 359. 
Mauer oix, La Fontaine's Freund IIL 

133, 188. 
Maynard, l^riker L 208, 219. 
Mazarin, Kardinal IL 10, 37, 467 f. 

Von Retz charakterisirt IV. 340. 

25 



886 



Medici, Katharina von I, 27. 

Mediciy Lorenzino I. 277 f. IV. 27. 

Medicif Marie toq I. 41, 53. 

Memoiren aus der Zeit Ludwig XIV. 
IV. 829 ff 

MSnage IL 246: IIL 198, 272; IV. 67. 

Menagiana I. 141. 

Menard, Aug. III. 385. 

Mercure galant s. Vize. 

Mersenne, Descartes' Freund II. 415, 
421. PaecaVs Freund IIL 15. 

Mesnardy F., dessen Histoire de TAcad. 
fran?. I. 260 ]Note. 

Meii^Qy Jean de I. 111; lY. 36. 

Mezeray IL 128; IV 282 u. Note. 

Michaud, dessen Sammlung yon Me- 
moiren III. 315 u. öfter. 

Mignard IL 27; IV. 42. 

Milton IIL 161. 

MinckmtZi Job., üebersetzung des Euri- 
pides IV. 144 Note; IV. 214. 

Mole, Mathieu, Präsident des Parlaments 
IIL 306. 

Moliere (MoUier) Louis IV. 14. 

Möllere Fran^ois IV. 14. 

Malier e, Jean Baptiste Poquelin I. 280; 
IL 2d8, 814, 367, 409 f., 458, 492; 
IIL 113, 115, 164. 8. Jugendzeit IV. 
11 — 16. Wanderungen in der Provinz 
IV. 16—21. Rückkehr nach Paris IV. 
21 ff. Theatre du Petit-Bourbon 22, 26. 
Die Pr^ieuses 24. Sganarelle 25. Don 
Gareie 26. L*Ecole aes maris 26. Les 
Fächeui 27. Seine Heirat 28, L'Ecole 
des femmes 29 ff. Gritique de TEcole 
31. L'Inpromptu 32. Tartuffe 33—39, 
46 u. 48, 52. La Gloire du Val de 
Gräce 42. Le Misanthrope 43—45. Le 
Medecin malgre lui 46. Melicerte 46. 
Le Sicilien 46. La Princesse d'Elide 33. 
L^Amour medecin 42. Letzte Lebens- 
jahre 48 ff. Amphitrjon 49. George 
bandin 50. L'Avare 61. M. de Pour- 
ceaugnac 52. Les Amants raagnifiques 
62. Le Bourgeois gentilhomme 53. 
Psycho 54. Les Fourberies de Scapin 
56. La Comtesse d'Escarbagnas 56, 108. 
Les Femmes sayantes 56. Le Malade 
imaginaire 58. Sein Tod 60. Seine 
Tochter 61. Seine Manuskripte 62. 
Seine Bedeutung in der Geschichte 
des Lustspiels 65 ff. Seine Frauen- 
bilder 74. S. Sprache 80 ff. 

Moliere, Armande IV. 35, 62. 

Molina, Jesuit IIL 10, 27. 

Monchrdtien, Dramatiker I, 297. 

Mondory, Schauspielern. 122, 145, 166, 
169, 199 Note, 389. 

Monmerqui, Gh., Ausgabe der S^yign^- 
schen Briefe III. 282. 



MontagnaCy dessen Ausg. der Memoiren 
Ludwig XIV. IV. 348. 

Montaigne, Michel I. 34, 64. 203. 238; 
IL 402 ; III. 35. 

Montälte, Louis de, PascaFs Pseudonym 
IIL 26. 

Montausier, Herzog y. IIL 195. 

Montausier, Mme de III. 69. 

Montemayor, Georg, dessen Boman Diana 
I. 138 f. 

Montesquieu I. 16; IV. 326. 

Monteverte, dessen Oper Orfeo IL 87. 

Montfleury, Dramatiker IV. 32, 97, 98 ff. 

Montmorency, Herzog t. IL 9, 28. 

Montoron, Gönner Gorneille's IL 244. 

Montpensier, Anne Marie Louise, Prin- 
zessin von IL 17, 45, 66; IIL 47 ff., 
113, 266. Ihre Werke IIL 48. Porträts 
IL 78. Selbstporträt IIL 49. 

Motteville. Mme de, ihre Memoiren IL 
14, 71; IIL 53; IV. 329—333. 

Morand, dessen Tragödie Ghilderic IL 
387 Note. 

Münzfuss III. 273 Note. 

Murat, Mme de III. 243, 255. 

Muretus I. 5, 

Mysterienspiele IL 381. 

Nassau, Juliane von 11. 81. 

Nantes, Edikt von III. 30f ; IV. 264 f. 364. 

Napoleon, s. Vorliebe f&r Gomeille IL 
201, 351. 

Neufgermain, Louis, Lyriker I. 226; 

III. 82. 

Nevers, Herzog von IV. 181. 
Nicole, Pierre III. 12. s. Essais de mo- 
rale III. 54. s. Briefe „les Visionnaires" 

IV. 140. 

Noailles, Herzog v., Vertrauter Ludwig 
XIV. IV. 341. 

Normandie, ihr Antheil an der Literatur 
IL 128. Sociale Zustände daselbst IL 
129 ff. 

Normannen, ihr Charakter IL 127. 

Olivet, d\ dessen Fortsetzung der „Hist. 
de TAcad. frauQ.« I. 260 Note. Wahr- 
scheinlich Herausgeber der Memoiren 
Ludwig XIV. IV. 343 Note. 

Oper, die, von Mazarin eingeführt IL 
37. Erste Oper in Paris „Le Mariage 
d'Orphee« IL 279. 

Orleans, Gaston, Herzog, als Redner 
III, 306. 

Orleans, Herzogin von, s. Madame. 

Orleans, Philippe, Herzog IV. 348—354. 

Otway, Thomas, englischer Dmmatiker. 
S. Tragödie „Venice preserved** IV. 247. 

Palais Cardinal, das IL 34. 

Pamphlete IV. 267. 

Parfaict, die Brüder, ihre Histoire du 
theatre fran^ois I. 275 u. oftmals sonst. 



387 



Parlament, das Pariser, zur Zeit der 

Fronde II. 12 ff. 
Pascal, Blaise. Leben und Werke III. 

15—46. Lettres ä un provincial III. 

25. Pensees III. HS. Im Salon der Mar- 

quise de Sable III. 54. 
Pascaly Etienne III. 15 ff. 
Pascal, Gilberte, siehe Perier., 
Pascal, Jacqueline III. 15, 18. 
Passerat, Professor der Beredsamkeit zu 

Paris. Dessen Trink- und Liebeslieder 

IL 471. 
Passion, la, en vers burlesques II. 479. 
Pastoraldichtung 1. 137; IL 91 ff. 
Patin, Guy, Rektor der mediciniscben 

Fakultät zu Paris III. 350. Seine Briefe 

IL 13 Note, üeber Mazarin IL 16. 
Patru, Olivier, Advokat und Gramma- 
tiker IIL 167, 309. üeber die Fabel 

III. 197. Als Redner IIL 310 u. Note. 
Paulet, Ang^lique L 187. 
Pavülan, Bischof von AI et III 340. 
Peiresc, Nicolas-Claude Fabri de, Freund 

Malherbe's L 86, 
Pelagivs IIL 10. 
Pelletier, Lyriker III. 82. 
Pellissont Fontanier Paul, Akademiker I. 

247. Gesch. d. Akad. L 260 Note, üeber 

den Cid IL 199 Note. Scarron's Brief 

an ihn 11. 478. Fabeln IIL 198. Redi- 

girt Ludwig XIV. Memoiren IV. 342. 
Perefixe, Hardouin de, Anathema gegen 

den „Tartuffe" IV. 47. 
Perez, Alonso, seine Fortsetzung von 

Montemayor's Diana I. 139 Note. 
Perier, Mme, PascaVs Schwester III. 

15 ff. Ihre „Vie de Pascal" IIL 17. 
Perier, Pascal's Schwager III. 19 f. 
Perigny, Sekretär Ludwig XIV., redigirt 

dessen Memoiren IV. 342. 
PerrauU, Charles, Leben und Werke III. 

256—259. Seine Memoiren III. 129. 

Fabeln III. 198. üeber Racine's Andro- 

maque IV. 148. üeber die Alten IV. 

279 ff. 
Perrault, Pierre, dessen „Critique des 

deux tragddies d^Euripide et de M. 

Racine« IV. 178. 
Perrin, Lyriker III. 82. 
Perrücke, die, auf der Bühne II. 389. 
Petit ' Couranne , Corneille*s Landhans 

daselbst IL 134, 292 n. 293 Note. 
Petitot, dessen Sammlung v. Memoiren 

III. 48. 
Fichou, Dramatiker I. 320. Sein Stück 

„Les Folies de Cardenio" IL 88, 96, 

384; IIL 373. 
Pius F., Papst I. 14. 
Platdus, Nachbildung seiner Aulularia 

L 277. 



Plejade, die L 30 ff. 

Poisson, Raimond IV. 107. Dessen „Ba- 
ron de Crasse*, „Le Poete Gascon**, 
„Les faux Moscovites" IV. 107 u. 108. 

Pomme de Pin, la, die Schenke I. 103. 

Poquelin, der Vater IV. 11. 

Poquelin, Jean Baptiste, siehe Moli^re. 

Port-Boyal III. 12 ff. 

Posse, die italienische, ihr Einfluss auf 
Corneille IL 162. 

Poussin, Nicolas IL .27; III. 368. 

Pradon von Boileau als Dichter beur- 
theilt IIL 82. Streit mit Racine L 257; 
IV. 179 ff. S. Tragödien „Pyrame et 
Thisbe", „Tamerlan", ibid. Seine 
„Phedre« IV. 180i IV. 236. 

Precieusen, die I. 161 ff.; III. 66 ff. 

Prefontaine, Satiriker IIL 132 Note. 

Prevost-Paradol, dessen Werk „Les Mora- 
listes fran^ais" III. 46 u. öfters. 

Primaticcio in Frankreich II, 26. 

Prosa, ihre Ausbildung I. 165 ff. 

Prywne, dessen Histriomastii II. 379. 

Psalmen, übersetzt IL 295. 316. 

Pure, Abbö de, dessen Roman „La Pre- 
cieuse" IV. 24. 

Puristen IL 467. 

Quichote, Don, auf der Bühne IL 96; 
IIL 174 

Quietismus, der IV. 316. 

QuinauU, Philippe, Leben und Werke 
III. 100—104. Dessen Stratonice IL 
77 Note. Antheil an Corneille's Psyche 
IL 314. Als Lustspieldichter IV. 89. 

Bdbelais I. 25, 103. Fabeln IIL 198. 

BabiUin - Chantal , Celse Benigne de, 
Vater der Frau von Sövignö HL 270. 

Bahutin - Chantal , Jeanne de, Gross- 
mutter der Frau von Sevignö IIL 270. 
Gründet den Orden der Salesianerinnen 
IL 70. 

Bacan, dessen Biographie Malherbe's I. 
79. Leben u. Werke I. 213—217. Die 
„Bergeries" I. 321 ff. Paraphrase der 
Psalmen IL 295, 316. 

Bacine, Agn^s, Oberin des Klosters zu 
Port-Royal IV. 119. 

Bacine, Jean, Streit mit Pradon I. 257. 
Andromaque in der Provinz IL 69. 
Seine B6renice IL 809. Bei Hof III. 
113. Seine PhMre HI. 150. Seine 
Plaideurs IIL 308. Natursinn 111.376. 
Sein Leben u. s. Werke IV. 115—203. 
Seine Nachkommen 203 u. 204. Seine 
Darstellung der Eifersucht IV. 217 ff. 
Einfluss der Cartesianischen Lehre 221. 
Sein Liebhaber 221. Seine Sprache 
223 ff. 

Bacine, Louis, seine Memoiren IV. 120. 
Seine Gedicht „La Religion" und seine 

23* 



388 



„Bemarques sur les tragMies de J. 
Racine« IV. 204. 

Bambouillet, marquise de 1.155; III. 68. 

Bambouület, Hotel de I. 18, 159; II. 
33, 238, 267; IIL 366, 

Band de Bouthillier gründet den Trap- 
pistenorden ni. 8. 

Banconnet, dessen Wörterbuch I. 69. 

Bapin, Ren^, Memoiren III. 316 Note 

BayssigmeTy dessen Pastoralschauspiele 
I. 823; II. 89 ff. 

Begale, die, Streit um dieselbe IIL 339 ff. 

Begnard, Fran5ois I. 256; IV. 113. 

Begnier-Desmarais IV. 275. 

Äeflfmcr, Mathurin, Leben und Werke 
1. 99—113; n. 226; IIL 138, 148. 
Macette LV. 36. 

Beisen im 17. Jahrh. III. 291. 

Beligionskriege I. 13, 16. 

Benaissance unter Franz L, IL 23. 

Benandot gibt die erste französische 
Zeitung heraus IIL 121. 

BetZf Kardinal IL 10, 17. Memoiren 
111.224; IV. 335 ff. Kanzelredner IIL 
314. Bearbeitung y. Mascardi's Fiesco 
IV. 335. 

Beuchlin, dessen Buch „Pascal's Leben u. 
der Geist seiner Schriften IIL 46 Note. 

BichelieUy Kardinal, Begründer der Aka- 
demie I. 237 ff. Als Staatsmann I. 
249. Sein Palais I. 250. Die fünf Au- 
toren I. 338 ff. ; IL 206. Seine Schau- 
spiele L 341 ff. ; IL 206. Gönner des 
Theaters IL 389. Freund satirischer 
Kritik IL 462, 465. Verhältniss zu 
Corneille IL 217, 245, 246 Note. Ge- 
gen den „Cid** IL 206 ff., 213 ff. De- 
müthigt den Adel TL 8. Von Retz 
charakterisirt IV. 340. 

Bicher du Belleval, gründet den bota- 
nischen Garten I. 68. 

Bichesource, s. Escuyer. 

Bicot, dessen Wörterbuch I. 69. 

Bigaultj Hippolyte, dessen Buch „Hi- 
stoire de la quereile des anciens et 
des modernes" IV. 280 Note. 

Bigaultf Maler IIL 344. 

Binuccinij dessen Opern L 63. 

Biölafiy Anatom I. 58. 

BiouXj Ausg. d. Memoiren der Mme de 
Motteville IV. 332 Note. 

Bitterdichtung IL 91 ff. 

BoanneSf Herzog v., Jansenist IIL 21. 

Bohan-Chahotj Herzog v., IIL 68. 

Born, s. Einfluss auf Frankreich im 17. 
Jahrh. IL 5. 

Bomariy der, L 133 ff.; IL 469 ff.; IIL 
61 ff. 

Bomanetj Catherine, Racine's Frau IV. 
188. 



Bonsard L 30-32; 11. 226; HL 82; 

156, 370. 
Bosimond, Schauspieler und Dichter 

IV. 110. 
Botrou, Jean I. 307, 338; IL 49, 96; 

355 ff. Seine dramatischen Werke 

IL 88, 93, 185, 356 ff. Seine Antigene 

IV. 134. Seine Iphigenie IV. 171. 

Seine Schilderung der Eifersucht IV. 

217. 
BoulUj P., Pfarrer zu St. Barthölemy, 

dessen Pamphlet „le Roi glorieux" 

IV. 39. 
BotisseaUj J. J. I. 149, 266. Gegen La 

Fontaine III. 210. Sein Natursinn III. 

363. Heber den „Misanthrope" IV. 44. 
Butebeuf, Dichter des 13. Jahrhunderts, 

gegen die Heuchler IV. 36. 
Sahle, marquise de, 11. 438; IIL 21, 

52 ff. 68. 
Sacy, siehe Le Maistre de Sacy. 
Saint- Amant f dessen lyrische Gedichte 

I. 229 ff., dessen „Moise sauve" I. 230; 

III. 83, 162. La Metamorphose de Ly- 
rian et de Sylvie" IL 71 Note. 

Saint-Cyr IV. 191 und Note. 

Saint-Cyran, Abbe de, siehe Hauranne. 

Saint- Evremond IL 41 ff., 445. Leben 
und Werke IL 466 ff. Sein Urtheil 
über Corneille und Racine IL 634. 
Kritik des Racine'schen „Alexandre** 

IV. 137, 211. 

Saint- GelaiSy Mellin I. 28. 
Saint-GelaiSj Octavien I. 28. 
Saint-Pavin 11. 445 und Note. 
Saint-Simon, Herzog v., III. 113, 119, 

321, 338. Ueber Frau von Sevignä 

IIL 302. Leben u. Werke I. 344—358. 
Sainte-Beuve über Corneille's Rodogune 

IL 273 Note. Port-Royal III 46 Note. 

Causeries du lundi ibid. üeber Frau 

V. SävigneIII.302. Pörtraits de femmes 
IIL 264 Note. Ueber Mme Deshouli^res 
IV. 179 Note. Du genie critique de 
Bayle IV. 373. 

Sainte-Marthe , Gaucher (ScaeYola) de, 

lat. Gedichte 11. 119. 
Saliez, Mme de IIL 243,-256. 
SaleSy Francjois de, L 53; III. 270, 811, 

317 f. 
Salignac, Besitz der Fenelon IV. 809. 
SalignaCf marquis de , Neffe F^nelon's. 

Herausgeber des „Telemaque* IIL 260, 
Sallehray, dessen „Troade" IV. 142. 
Sälmasius I. 69. 

Sannazaro, dessen Arcadia I. 137. 
Santeul, Jean de IL 48. 
Sarrazin^ Jean Fran9ois I. 226; IL 48; 

IL 128. 
Satire, die IL 441 ff. 



389 



Satire Menippie I. 34, 107. 

Scaliger, I. 69. 

Scarrofif Leben und Werke II. 475—491. 

Cyrano gegen ihn II. 450. 
Schäferspiele I. 323. 
Schauspieler; wamdernde I. 291 ; II. 56. 

Scarron über sie II. 57. Ihre Gönner 

II. 122, 280, 377. 
Schüler j seine Dramen II. 202, Seine 

jugendlichen Helden IV. 222. • 
Schmidt, dessen Ausgabe Ton Aristoteles 

Foetik II. 335 Note. 
Sconin, General vicar in Uzes IV. 126. 
Scudery, Georges de I. 257, 307; II. 

91, 93. Leben u. Werke II. 101—118. 

Verhältniss zu Corneille II. 154, 165,' 

210, 212, 217. 
Scudery, Madeleine de I. 149, 158; II. 

161, 163, 184. Leben und Werke III 

63-79. Ihr Kreis III. 56. 
Secchi, Nicolo, dessen Lustspiel „l'Inter- 

esse" IV. 20. 
Seignelay, Minister, dessen Korrespon- 
denz mit F^nelon IV. 311 f. 
Segrais III. 48, 51. 
Senaultj Kanzelredner III. 311, 316. 
Seneca II. 238; IV. 134, 182. 
Senece IV. 275. 
Septembriseurs I. 14. 
Seraphin j Kanzelredner III. 318. 
Sericourt, Jansenist IV. 120. 
Serisy, Akademiker I. 247. 
SerreSy Olivier, dessen „Th^atre d'agri- 

culture" I. 58. 
Sevigne, Charles de III. 274 ff. 
Sevigncy Henri de III. 273 ff. 
SSvigne, Marguerite Fran^oise IIL 274 ff. 

s. Grignan. 
Sevigne, Marie, marquise de I. 149. Er- 
ziehung II. 30. Leben III. 268—281. 

Ihre Briefe III. 281—302. Abschriften 

und Ausgaben III. 282. Ueber den 

Cid II. 200. Ueber Bourdaloue III. 350. 

Ihr Natursinn III. 378. 
Shakespeare in Frankreich I. 267; III. 

373. Sein Timon IV. 96. Othello IV 

219, 220. 
Simiane, marquise de, veröffentlicht die 

S^vignö'schen Briefe IIL 61. 281. 369. 
Skepsis in der ersten Hälfte des 17. 

Jahrhunderts IL 92. 
SoissonSy Graf, dessen Aufstand IV. 336 f. 
Smiles Samuel, Schriften über die Hu- 
genotten IV. 264 Note 
Somaize, Dictionnaire d. Prdcieuses 11.60. 
Sophokles IV. 212 ff. 
Sorel I. 228 Note; IL 463, 877, 469, 

471 ff. 476. 
Sourches, marquis de, dessen Memoiren 

IV. 344. 



Sourdeac, marquis de IL 312. 
Spanien, s. Einfluss auf Frankreich IL 

6, 184 ff., 260 ff., 277. 
Spinoza, Baruch II. 430. 
Stände in der Bretagne III. 296 ff. 
Stegreifpoesie, ital. IL 91. 
Stephanu>s, flenricus I. 59. 
Streit über die Alten und die Modernen 

IV. 278 ff. 
SubUgny, dessen „Folie Quer-elle** IV. 

110 u. 150. 
Sully I. 45. 
Sully - Prudhomme , Naturschilderang 

III. 382. 

Swift, dessen Gulliver IL 462. 

Taillefer IL 127. 

Taine, H. über La Fontaine III. 174. 

Talbot führt die Chinarinde ein III. 187. 

Tallemant des Beaux, dessen „Histo- 
riettes« 1. 52.Note; IV. 3:^4 f. u. öfters. 

Talon, Denis III. 307. 

Talon, Oraer 111.306. Memoiren III. 316. 

Tänze IL 38s 

Täphanel, Achille, dessen Buch „le 
Theätre de Saint-Cyr IV. 194 Note. 

Tasso I. 137, 164; IL 68; III. 166. 

TelesiOy Philosoph IL 403. 

Tellez, Pra Gabriel, siehe Tirso de Mo- 
lina. 

Tellierf Jesuitenpater IV. 367. 

Terenz I. 277. 

Testu, Abbd Jacques III. 816. 

Theater I. 261 ff. Die Bischöfe und die 
Sorbonne darüber II. 33 Note. 

Theophile, s. Viau. 

Thierry, Ed., dessen „Quatre mois du 
theätre de Moliöre« IV. 42 Note. Ueber 
das Verhältnis zwischen Racine und 
Moliere IV 129 Note. 

Thomas a Kempis „Nachfolge Christi", 
tibersetzt von Corneille IL 294 ff., von 
Tixier und Desniarets, ibid. Note. 

Thou, de, L 60. 

Tirso de Molina (Fra Gabriel Tellez) 

IV. 40. 

Titreville, Lyriker III. 82. 

Tixier, Antoine, übersetzt die „Nach- 
folge Christi" IL 295 Note. 

Topin, Marius, dessen Schrift über Retz 
IV. 340 Note. 

Torelli leitet die Inscenirung von Cor- 
neille's Andromede IL 279. 

Tragiker, neben und nach Racine IV. 
231 ff. 

Tragikomödie IL 91 ff 320. 

Tragödie f allgemeine Würdigung IV. 
3 f. Der Charakter der französischen 
Tragödie IV. 205—216, 226—230. 

Treuttel u. WUrtz, Herausgeber der 
Mem. Ludwig XIV. IV. 343.